Körperzeug

Alle Körper [Sünden-] fallen mit derselben Geschwindigkeit. Nach den Newtonschen Gesetzen ist Masse der Widerstand, den das Objekt der Beschleunigung entgegensetzt. In der visuellen Umsetzung aber wird dieser Widerstand zum Mittelpunkt der Betrachtung […] Unter all den zufälligen Neuverteilungen des Körpers in all seinen möglichen Manifestationen und Erscheinungen wird der Widerstand somit zu jenem Ort, wo er wiedererkennbar ist. vgl. A. Renton in „Critical Mass“ –Antony Gormley 

Wie erfährt man (s)einen Körper. Woher ‚weiß‘ man, was das alles ist. Was weiß man, wer fragt, wer sucht, wer findet (was).

Aufschneiden, Ansehen

Hans von Gersdorff: Feldbuch der Wundartzney

Die „Zergliederung menschlicher Leichen“, was scheinbar ein Tabubruch war. Weil es die Oberfläche zerstört? Die (fast) durchgehende, den Körper bedeckende? Was da drinn ist im Körper wollte man wissen. Eine Unterteilung unserseins in benennbare Teile. Den Körper zugänglich machen. Ihn zerstückeln, sozusagen. In Benanntes, in Einzelteile. Leber, Schienbein, Daumen, Parietallappen, Herz, der durchschnittliche menschliche Augapfel wiegt ca 7,5 Gramm und unsere Riechschleimhaut misst etwa 2x5m².

Ein Prozess, der einem Körper einerseits über ihn „hinausweisenden Sinn“ verleiht, Sinn, also was gerade passabel ist, eine Antwort, damit wir wissen, wie groß wir riechen oder so..in Etwa.. . Diese Verhackstückelung  mache die „Rede vom Körper an sich“ unmöglich [da könnte man jetzt Nancy – Corpus weiterlesen]. Und, dieser Prozess, der sich ja schon seit geraumer Zeit hinzieht, kann auch gedacht werden als „Bemächtigungsstrategie über Raum und Zeit“. So ähnlich wie das „fort-da“.

Abwesenheit – Spiel/Werkzeug – Anwesenheit in phantasmastischer Wiederholung und somit verarbeitbar. Passabel gemacht. Erträglich. „Wieder-holbar, ins Hier transferierbar“. Das alles laß ich bei Stefanie Wenner, 2001. Es geht dann weiter mit Prothesen. Der Prothetisierung des Körpers und was es für ein Raumverhältnis bedeute, vielleicht ein Näherrücken des „Dort“, ein Verschieben von „Hier“ und „Dort“, der Werkzeuggebrauch „variiert den Gegensatz hier-dort und regelt den Spielraum des agierenden Leibes“ (Elisabeth Ströker). Ein Prozess, ein Teilungsprozess, der eine Beherrschung erst „virtuell möglich macht“ ?!

Vielleicht: Bemächtigung über Körper. Dann ist da noch das Agieren damit. Also mit dem Körper. Und jetzt ist da das Internet, ein Werk- oder Spielzeug zum Beispiel. Virtuelle Unmittelbarkeit. Alles abrufbar, Vorträge online zu sehen, hören, lesen, sofort und für immer (manchmal), Körper(menschen), sich reproduzierend, virtuell, abrufbar quasi unmittelbar, virtuelle Präsenz – Macht, Ermächtigung eines Sich, ein Leib, virtuell in der Welt-überall gleichzeitig, zerstückelt in Text, Links, Ton? Informationen zugänglich, Informationen über mich – Körper – dessen Einzelteile. Ich hier sitzend, lese etwas über meine Riechschleimhaut und weiß dann darüber … Bescheid.

Dem zerstückelten sitzt der ganze Körper gegenüber, die Erfahrung eines zerstückelten Körpers sei eine frühe Erfahrung und diese wird durch die Erfahrung der „Bildhaftigkeit des Körpers“ erst zu einer einheitlichen Körperwahrnehmung. Stade – Raum – Zeit, “ jenes bei sich ankommende Subjekt, das etwas ist, was es dabei ist zu werden“.

Körper ◊ Wahrnehmung

Und dennoch, im Spiegel sind wir nicht, ob am „Anfang“ Teile sind oder quasi ‚Nichts‘, wir sehen etwas und sagen, das bin ich, nachdem wir lernen, das wir da(s) sind. Es spricht, wir sprechen, wir denken, „dadurch, daß eine Struktur den Körper zerschneidet, eine Struktur, die nichts mit der Anatomie zu tun hat“ [vgl Lacan, television].

Ich ist ein Anderer, „Ich ist bestenfalls ein Statthalter eines imaginären Herrschers, Stellvertreter des Protagonisten in einem Drama des Körpers“ (Rimbaud, zitiert v Wenner).

R. Magritte, Der magische Spiegel/Le Miroir Magique, 1929

R. Magritte, Der magische Spiegel/Le Miroir Magique, 1929

Werk- und Spielzeug

Bei Zizek, da sind scheinbar Spiegel und Phallus Prothesen, beide ‚agieren‘ im Vorgang des Versagens des Subjekts, für dessen Mangel an Koordination und Einheit, im Spiegel finden oder sehen wir eine imaginäre Illusion und im Phallus eine symbolische, der „Phallus als reiner Anschein“.

Was wir sagen bezeichnet, nie wirklich das was wir bezeichnen wollen, Sprache hinkt und tut irgendwie nur so, als ob sie was sagt. Verzerrt, verrutscht. Oder zumindest tun wir, oder manche, so, als ob da was in ihr ‚drin‘ wäre. Wahrheit, Geradheit, Gewissheit. Gewissheit findet sich vielleicht im Brüllen. Ja, da ist jemand echt sauer.

Irgendwas fehlt immer. Ungewissheit macht sich breit und wir reden. Stiften Sinn, um zu reden? Bedeuten, um zu wissen? Bei Magritte bleibt der Körper vor dem Spiegel abwesend.

Oberfläche – Anziehen

Kleidung als Sinnstiftendes? Was ist das eigentlich,..das sich anziehen. Was ’steht‘ einem, womit oder worin fühlt man sich wohl? Kleidung..schützt und stützt? Gefunden bei Barbara Vinken „Stoff, Haut, Figur“, .. da fand ich Hegel, der da meinte, das Bekleidung u.a. als ein „Vorteil anzusehen ist, insofern sie uns den unmittelbaren Anblick dessen entzieht, was bloß sinnlich bedeutungslos ist“. Also das Fleisch an sich. Fleisch+Kleidung=Sinn. „Kleider machen aus bloßer Sinnlichkeit Sinn“. Sie verleiht Bedeutung, „indem sie ihm [dem Körper] eine Figur geben, die bloß sinnliches vergeistigt“.

Mode, Kleider … idealisieren – „Sublimation des bloß sinnlich-Fleischlichen, des in sich Nicht-Bedeutenden. Erst das macht den Körper schön“.  Das kann man tatsächlich sehen wie man will. Interessant dennoch. Hier schneidet man niemanden auf, um etwas sichtbar zu machen, man verbleibt auf der Oberfläche. „Schöne organische Wellen“

„Überformung des Körpers durch Kleider, das Erfinden einer anderen Silhouette“. Der Körper als Träger eines Erscheinens einer Form, die wiederum andeuten soll. Zeigen soll? Was darunter ist, was wir zerteilen, wieder zusammensetzen, verschieben, in Form bringen, visualisieren oder realisieren? Und wie war das am Anfang mit dem Widerstand und dem Wiedererkennen..

 Stefanie Wenner: Ganzer oder zerstückelter Körper, in Körperbilder, Rowohlt Verlag, 2001 (der Auszug von Zizek hier oder dort: „die Pest der Phantasmen“) / Barbara Vinken: Stoff, Haut, Figur in: Oberflächen, Schriftenreihe der Kunsthalle Wien, Band 5 / Jacques Lacan: radiophonie, television, Quadriga Verlag 1988
[Antony Gormley, APERTURE XVIII, 2011]

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