KörperGeister

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

„…um den Menschen zu vollenden, riet man ihm an, nach der Art der Schildkröte die Sinne in sich hineinzuziehen, den Verkehr mit dem irdischen einzustellen, die sterbliche Hülle abzutun: dann blieb die Hauptsache von ihm zurück, der ‚reine Geist‘. […]“
Aber, gerade der Geist, das Bewußtwerden als Symptom relativer Unvollkommenheit des Organismus, als ein Versuchen, Tasten, ein Fehlgreifen. „Der ‚reine Geist‘ ist reine Dummheit: rechnen wir das Nervensystem und die Sinne ab, die sterbliche Hülle, so verrechnen wir uns – weiter nichts“ [Nietzsche, UaW, 203f]

Warum eigentlich verläuft ‚die‘ europäische Denktradition weg vom Körperlichen, straight forward hin zu Vernunft und Geist allein (von ‚göttlicher Wahrheit‚ mal ganz abgesehn´)? Mal ein kleiner, grober Ausflug zu den sogenannten Vorsokratikern: Einerseits finden sich deren Ideen, Theorien und Gedanken abseits von mythologischen Personifikationen, es wird aber immer etwas Unendliches, Ewiges, Unbegrenztes gesucht, zu Grunde gelegt. Thales und sein Urstoff hydór, Anaximander stellt den endlichen Elementarkräften das unendliche, abstrakt gefasste Ápeiron gegenüber, bei Heraklit ist es das ewige Feuer, pyr und so weiter. Bei Platon mündet das dann irgendwie in dem Reich der Ideen, eine höherwertige, rein mit der Vernunft denkbaren Welt, Wahrheit. Mit unserem unsäglichen Leib sind wir durch eben sinnliche Wahrnehmung an die Erscheinungswelt gebunden, können aber dennoch Teilhaben an dem Reich der Ideen (Méthexis),… na, ‚Gott sei dank‘.

Wahrheit. Sicherheit. Gewissheit. 

Bei Parmenides wird diese durch ‚die Eine‘ letztendlich gewährleistet, ‚die Eine‘, die alles lenkt und somit die Unsicherheiten im veränderlichen Wissen gewissermaßen wieder in sichere Bahnen bringt. Dagegen dann Xenophanes, der zwar wiederum eine Art allen Veränderungen enthobenes Sein denkt, sich vorstellt, eine Idee eines vollkommenen Gottes, der bewegungslos verharrt (vgl. Aristoteles und sein unbewegter Beweger), aber: eben dadurch (menschliche Erkenntnis # göttliches Wissen/Wahrheit) finden wir uns Menschen fern ab von Wahrheit, göttlichem Wissen und daher gibt es hier keine Sicherheit, diese ist für uns schlicht nicht erreichbar. Baschta.
Menschengestaltige Göttervorstellungen kritisiert er übrigens aufs schärfste und lässt einen an Projektionsthesen denken. Was aber projiziert Mensch in ein unendliches Sein, ein ewiges Irgendwas, ein vollkommenen Gott? Ist das nicht dasselbe, nur weniger offensichtlich?

Wissenschaft, Wahrheit. Vernunft. Geist. „Wie absurd ist die Idee, daß die Wissenschaft gleichen Schritts mit dem Bewusstsein und in die selbe Richtung zu gehen habe. Man spürt förmlich, wie in dieser Idee die Moral zu keimen beginnt. In Wahrheit ist Wissenschaft nur dort möglich, wo es kein Bewußtsein gibt und wo es kein Bewußtsein geben kann“ [Deleuze, 48].

Nietzsche fragt danach, wer die Wahrheit sucht und was derjenige will, der sie sucht und der Wert der Wahrheit sei versuchsweise in Frage zu stellen [vgl. Deleuze 104 und GM III], wollen wir Wahrheit, wollen wir nicht lieber Unwahrheit und ‚machen‘ uns diese wahr, so ganz allgemein? Und weil´s netter ausschaut, tun wir so, als hätten wir eine zu Grunde liegende ‚Liebe zur Wahrheit‘ (ohne zu fragen, was Wahrheit überhaupt und jeweils sein könnte) und als könnten wir halt, warum auch immer, rein über den Geist, das Denken zur Wahrheit gelangen oder ihr näher kommen.
Protagoras: Warum setzte sich seine Gedankenwelt damals nicht schon (mehr) durch? Wissen sei nichts anderes als Wahrnehmung, das Maß der Wahrheit ist allein der Mensch in seiner Beziehung zu den Dingen, in seinem Fürwahrhalten.

Zurück zur Hülle, dem Körper. Besonders interessant ist hier Pythagoras. Seine Schule, seine Denktradition, vertrat die Idee der Seelenwanderung (Metempsychose) und somit die Unsterblichkeit derselbigen und um das begrifflich zu fassen, wird der Tod, thánatos schlicht verneint und zwar damit: a, athánatos – „ohne Tod“.

Bewußtsein ◊ Körper

Bei Nietzsche findet sich die Bescheidenheit des Bewußtseins, „Es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung des Geistes um den Leib“ (UaW), das Bewußtsein als Region des Ich, von der äußeren Welt affiziert. Das Bewußtsein betrachtet den Organismus von seinem Blickwinkel aus, auf seine Weise, auf reaktive Weise verstehe es. Gedächtnis, Gewohnheit, Zeugung, Ernährung, Vererbung sind bei Nietzsche reaktive Funktionen, Ausdrucksformen und diese Kräfte entgleiten naturgemäß dem Bewußtsein, „Unbewußt ist die große Haupttätigkeit“ [vgl. Deleuze, 47 und UaW]. Zwischendurch kann man hier mal sagen: Wenn Freud nicht von Nietzsche über alle Maßen inspiriert war, dann fresse ich einen Besen oder eine Couch, was vielleicht in diesem Kontext angemessen wäre. In einer Fußnote merkt Deleuze an, das Jones zufolge, Freud eine Beeinflussung durch die Texte von Nietzsche abgestritten habe, wie dem auch sei, solle man vor allem auch auf die Unterschiede bei Beiden achten, Nietzsche hätte Freud sicherlich eine zu „reaktive Vorstellung des Seelenlebens“ und eine Unkenntnis der wirklichen Aktivität und eine „Unfähigkeit zur wahren Umwertung“ vorgeworfen. Otto Rank erscheint hier als eine Art Nietzscheaner, der die „allzu blassen und kraftlosen Sublimationsvorstellungen“ bei Freud gerügt habe und der Vorwurf, den Willen nicht vom schlechten Gewissen getrennt zu haben und Rank schien folgendes gesagt zu haben:“Ich bin gegenüber Freud, was Nietzsche gegenüber Schopenhauer“ [Deleuze, 230]. Wie auch immer, retour zu den Körpern und Kräften:

Die Aktivität notwendig unbewusster Kräfte:“ das ist es was den Körper zu etwas allen Reaktionen und im Besonderen jener Reaktion des Ich, die man Bewußtsein heißt, überlegen, Höherem macht. Dieses ganze Phänomen Leib ist nach intellektuellem Maße gemessen unserem Bewußtsein […] so überlegen wie Algebra dem Einmaleins [UaW]“

Der Körper, als Spannungsverhältnis von Kraftquanten, ein vielschichtiges Phänomen, die erstaunlichste Sache, ein beliebiges Erzeugnis von Kräften, die ihn zusammenstellen,.. [vgl. Deleuze, 45f und UaW]. Die Kräfte, kurz angerissen, reaktiv, da denkt Nietzsche scheinbar an Anpassung nach Neu-Auslegung, Neu-Ausrichtung der überlegenen Kräfte, Anpassung auf deren Wirken [Deleuze 47 und GM II]. Aktiv, da tauchen Begriffe auf wie Macht, nach Macht ausgreifend, aneignen, formen schaffen, aufzwingen, Kraft zur Umwandlung, Transformation [Deleuze, 48]. Beide Kräfte stellen Qualitäten dar, nebeneinander, vis á vis, wie auch immer, beide bedingen das Spannungsverhältnis das einen Körper bedingt, oder so, gewissermaßen. Nietzsche ließt sich nicht auf einmal. Und man kann natürlich nicht von Nietzsche reden ohne nicht auch hier und da Kant hineinzustreuen. Also Kant, den mochte Nietzsche nicht so und fragt, auf den ersten Blick berechtigterweise, zu was wir denn mit Kant verkommen, zu Automaten der Pflicht?

„Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tiefe persönliche Wahl, ohne Lust zu arbeiten, denken, fühlen [UaW]? Ja, auf den ersten Blick denkt man bei Kant, wir ‚müssen‘ oder ’sollen‘ alles weg tun, was irgendwie mit  Lust zu tun hat, allgemein ausgedrückt – was den Triebfedern entspricht. Übrig bliebe dann eine Denkmaschine. Aber: Bei Kant sind wir immer auch sinnliche (empirische – pathologische) Wesen, das ist nicht weg zu bekommen, das ist sozusagen normal. Und seine Herumdenkerei bezüglich moralischem Handeln, dreht sich quasi ’nur‘ um die Bedingungen der Möglichkeit zu moralischen Handeln. Mal abgesehen davon, ob sein Begriff von Moral und Sittlichkeit nun von theologischen Vorstellungen zerfressen ist oder nicht, ist es bei Kant eigentlich raffinierter und irgendwie auch um so ‚krasser‘, als es auf den ersten Blick erscheint. 

„Sittlichkeit enthält immer etwas Maßloses“ [ Zupančič, 26]

Zunächst, unser Verhalten ist immer pathologisch, also unsere Handlungen – etwas das uns zu diesen oder jenen Taten drängt, „etwas das uns mit sich zieht oder vor sich her stößt“, das wäre eine Triebfeder, sie bringe uns in Bewegung und das ist Normalität. Das Pathologische ist bei Kant das Normale. Die Alternative findet sich in Begriffen wie Freiheit und Autonomie [vgl.  Zupančič, 20f]. Die Frage, die sich stellt ist die:“ Wie kann etwas, das nicht pathologisch ist […] Ursache oder Triebfeder der Handlung des Subjekts werden“ [ebd. 21]? Also – die ‚Reinigung‘ und die Tilgung pathologischer Motive wird irrelevant, wenn „die reine Form der Pflicht tatsächlich für das Subjekt als Trieb zu fungieren beginnt“ [ebda]. Vom Pathologischen zum Ethischen finde ein Paradigmenwechsel statt [ebd. 24], mit Kant formuliert:„… sondern muß durch eine Revolution in der Gesinnung des Menschen [..] bewirkt werden; und er kann ein neuer Mensch, nur durch eine Art von Wiedergeburt, gleich als durch eine neue Schöpfung [..] und Änderung des Herzens werden [ebda und bei Kant: die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft]. Da denke ich wieder an Nietzsche und sein Ziel von einer Kritik – den Übermenschen, den überschrittenen, überwundenen Menschen. Anders fühlen, eine andere Sensibilität [vgl. Deleuze, 103]. 

Menschen können, dürfen ruhig Annehmlichkeiten fordern und wollen, es geht bei Kant nicht um eine asketische Lebensweise. Bei Kant finde sich hier (in den Forderungen nach den Annehmlichkeiten) aber die verfehlte Begegnung des Glücks (Lustprinzip), dieses ‚alles‘, was ein Subjekt für sich fordern könne, hat für ein ‚ethisches Subjekt‘ keinerlei Bedeutung mehr [vgl. Zupančič, 21]. Es geht also gewissermaßen um diese Art Revolution,  ein Umsturz:

„Das Subjekt fürchtet den Verlust des Rahmens, innerhalb dessen es überhaupt Lust (oder Schmerz) empfinden kann, das Subjekt fürchtet den Verlust der Pathologie […] sich in einer völlig unbekannten Zone wiederzufinden, einer Region ohne Markierungen“ [ebd. 22].

Signifikant(en)? Also festhalten. Könnte man hier an das Kind mit der Spule denken, Gesellschaft als Kleinkind? 

Da könnte man nun um einiges weiter und tiefer gehen. Vielleicht demnächst.

Immanuel Kant (1724 -1804)

Immanuel Kant (1724 -1804)

Die Vorsokratiker, übersetzt und erläutert von Jaap Mansfeld und Oliver Primavesi, Reclam Verlag, Stuttgart, 2012
Alenka Zupančič: Das Reale einer Illusion, Kant und Lacan, Suhrkamp Verlag, 2001
Friedrich Nietzsche: Umwertung aller Werte/Antichrist, Alfred Körner Verlag, Stuttgart, 1954
und: Zur Genealogie der Moral, eine Streitschrift, insel Verlag, 1991
Gilles Deleuze: Nietzsche und die Philosophie, Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft, Frankfurt a.M., 1985

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