aze|phallic

„Die weibliche Libido ist topologisch, während die männliche, gesteuert von der klaren  Trennung und Unterscheidung von Begehren und Genuss, eine algebraische Libido ist.“

"lewdness"

„lewdness“

acephalic, eh schon um ein L gebracht, kastriert. Kopflos heißt es, also in sich eh auch schon kastrierend. Führerlos. Azephal. Auch eine Geheimgesellschaft, der u.a. Lacan angehörte, sowie auch der Titel einer Zeitschrift, Acéphale, gegründet von Bataille. Is aber schon was her. Auf jeden Fall, ohne Kopf, da fehlt was, wurde entfernt, radikal? Wenn was fehlt, erschreckt es ja die meisten, vor allem, wenn da was fehlt. Maskulisten. Der Begriff lief mir vor Kurzem auf Papier ohne Kopf über den Weg. Amüsant. Deutsche Frauen seien grundsätzlich neidisch auf „die attraktiven Gazellen aus dem Ausland. Frei von Beulen am Hintern und ohne die berühmte deutsche Orangenhaut. Viele [deutsche Frauen] haben auch noch Pusteln. Solche genetischen Krankheiten sind bei einem Zierfisch [= attraktive ausländische Frau] nicht bekannt“ [Hinrich Rosenbrock, zitiert einen Artikel aus einem Blog in „Hauptideologien der Männerbewegung“..oder so]. Zierfische und Orangen. „Wenn der Mann versucht, nicht zu kommen, kommt er nicht, und wenn die Frau versucht zu kommen, kommt sie auch nicht“, das ist jetzt nicht mehr aus obigem blog, sondern aus folgendem Buch:

Potreptikos
zur Lektüre von
Sein und Sexuierung
von Mehdi Belhaj Kacem

und das ist ein ungewöhnlicher und heißer Tip, dieses Buch. Um was geht´s. Im Grunde um die Sache Begehren – Genießen. Kacem beginnt mit einem kurzen Einblick in Sacher-Masoch von Deleuze, Masochisten und Sadisten und anbei will er mit dem „gängigen Klischee“ Komplementarität des Sadomasochismus aufräumen. Die beiden Positionen masochistisch und sadistisch müssten um ihrer selbst willen betrachtet werden. Gut: Die masochistische Operation bestehe darin (auch laut Deleuze), den Genuß aus dem Spiel zu nehmen, diesen solange wie möglich hinauszuschieben, „im Begehren zu verharren, das heißt im Phantasma“. Das Begehren würde so vom Masochisten [Kacem spricht bis Dato nur vom ‚männlichen‘ Masochisten, der die Stelle der väterlichen Über-Ich Vorherrschaft unterminiere, dorthin quasi die Mutter setze] zu einem vollen Intensitätsfeld gemacht, „das von immer feineren phantasmatischen Differenzen durchlaufen wird, um den Genuss unendlich aufzuschieben“, so also „jemand, der die Keuschheit anstrebt“ [Kacem führt als Beispiel par excellence Spinoza an] und Deleuze hätte mit dieser Stelle die Psychoanalyse kritisiert, denn es fehle dem Begehren an nichts, es sei vom Mangel nicht betroffen. Aber nach Kacem würde Deleuze der „psychoanalytischen Doxa sehr viel mehr verhaftet bleiben“. Was bewirke denn in der pa. Theorie, dass das Begehren mit dem Mangel behaftet sei? „Nun, eben gerade der phallische Genuss“.

Um nun nicht zu viel zu verraten, an anderer Stelle weiter. Vielleicht hier, bei den ‚Rechts-Lacanianern‘: Die Genussgier und die tödlichen Folgen, „wenn man zuviel genießt, löscht man das Begehren aus und stirbt folglich auf geistiger Ebene“, ein Diskurs, der Lusttrieb und Tod auf eine Ebene stelle, wäre vor allem der der Religion und im Speziellen der der  monotheistischen. Somit:“Je weniger man genießt, um so mehr begehrt man und verharrt in der Wollust des Phantasmas“ Handele es sich hier nicht um einen „Topos der sich auf die männliche Position beschränkt“? Was wäre mit ‚der anderen Seite‘? Es sei ein offenes Geheimnis, „das die Spatzen von den Dächern pfeifen: Mindestens ein gutes Drittel der Frauen, […] hat nie einen Orgasmus, kommt nicht zum sexuellen Genuss. Das nennt man Frigidität“. So, das wäre nun eine Stelle, an der vielleicht manche Lesenden innehalten. Ja,..aber tapfer weiterlesen.
Sie sei die Instanz des Begehrens, wie die Hysterikerin, deshalb. Für Kacem ist diese Erklärung nicht ausreichend, also weiter. Wie ist das nun beim Masochisten, der sein Begehren wie gesagt, aufschiebt, komme gerade dadurch zum vollen Begehren, da ihn eine Domina am Genießen hindere (zur rechten Zeit). Der phallische Genuss also als „Punkt der Unterbrechung des Begehrens“.

Philosophie dans le bousoir

Ein bißchen Rousseau, der Mensch im Naturzustand, das Weibchen, Begehren und Genuss unterschiedslos und zwar „nicht auf der weiblichen Seite, sondern beim Weibchen“. Eine „vollkommene Identität von Begehren und Genuss“. Er unterstreicht:“Weibchen und nicht Frau, denn die Frau ist eben gerade das Tier der Sprache, das sich von seiner Situation des Tierseins abgespalten hat“. Ein bißchen Hegel schadet ebenfalls nicht, Abschaffung-Aufbewahrung und hier noch die Katharsis von Aristoteles, „schmerzliche Affekte – die man im wirklichen Leben haben kann – abzuschaffen, indem man sie aufbewahrt,..“, also:“Das Holz des Tisches wurde als natürliches Holz eines Baumes abgeschafft und dennoch aufbewahrt als Holz“, Kacem schreibt im Folgenden, dass das Unbewusste bei Freud etwas sei, das unterdrücke und aufbewahre, was ich wiederum nicht unterstreichen würde und kurz innehalte und frage, ob denn die unterdrückende Instanz vor allem, nicht eine andere sei? Aber egal, weiter voran: Bei der Hysterikerin wird der Körper zur Hieroglyphe, „die an ihrer Stelle vom Trauma berichtet“, der Neurotiker erinnere sich zu gut daran:“was der männliche Neurotiker unterdrückt hat, ist der Affekt, was er aufbewahrt hat, ist alles andere, das heißt die kalte Verbalisierung, der falsch vom Trauma losgelöste Bericht“. Das „Mysterium des weiblichen Genusses“ gehorche eben dieser Logik, Unterdrückung-Aufbewahrung und Kacem bezieht sich auf ein langes Zitat von Philippe Sollers, ein Schriftsteller, den Lacan sehr geschätzt habe:

„Eine Freundin hat mir gesagt: Was bei einer Frau toll ist, ist das es nicht aufhört. Die negative Seite ist, dass es sich um eine saugende und besitzergreifende Tätigkeit handelt, wie vom lebenden Tod. Das Reiben steht unter Zensur, und ich hab die Klitorisbeschneidung nicht erfunden, die Sache mit dem vaginalen Genuss bleibt immer ein Punkt, der fraglich ist. Man kann sich ganz sicher darüber sein, was mit der Klitoris geschieht, doch Obacht, was den Rest angeht. Auch hier scheint es mir unverzichtbar zu sein, nicht mehr zu lügen und die Enormität der Simulation in diesen Erregungszuständen zu betonen. Nur sehr wenige Männer sind darüber informiert, das ist seltsam. All das wird leidenschaftlich verborgen. […] Was man dagegen nicht vortäuschen kann, ist der Klitoris-Genuss. Dass der positiv für die Frau ist, ist nicht zu bezweifeln; aber dass er äußerst beunruhigend für die metaphysische Überwachung ist, der die Frauen unterworfen sind, ist auch nicht zu beweifeln. Die Männer sind sich der Täuschung im Allgemeinen nicht bewusst […]. Warum soll die Penetration obligatorisch sein, frage ich Sie?“[Éloge de l´infini]

Kacem geht dann sozusagen flott weiter, der Mensch definiere sich durch die Konservierung dessen, was er selbst negiert habe.  Die Wiederholung dessen, was wir verloren haben, Stempel der Parodie, die scheinbar natürliche Matrix, mit dem phallischen Genuss sei alles zuende, auf beiden Seiten, er bezieht sich (um zu zeigen?) vor allem auch auf Bilder aus der Pornographie, dargestellte Genüsse, Maskerade und Schein.

Der Schein verbirgt die Wahrheit nicht

Der Schein „ist die unabdingbare Bedingung der Wahrheit, und zwar genau der, die wir verloren haben“. Na wunderbar, wenn es eh ’nur‘ der Schein, ein Schein jeweils wäre, dann haben wir ja unendlich Platz, eigentlich. Kacem formuliert die Parodie, die wir Säugetiere vollführen an einer Stelle wunderhübsch auch als „Gedenkfeier“, der/die Wahrheit unserer Sexualität.

„Die weibliche Libido ist topologisch, während die männliche, gesteuert von der klaren Trennung und Unterscheidung von Begehren und Genuss, eine algebraische Libido ist. Die weibliche Libido ist eine unendliche Annäherung an eine für immer verlorene Identität von Begehren und Genuss. Die männliche Libido ist die immer wieder neu begonnene Wiederholung einer endlichen Algebra, welche vom Begehren zum Genuss führt, der auf beiden Seiten alles unterbricht und entleert, bevor sie auf beiden Seiten zu einer neuen Runde aufbricht. Das ist übrigens die Logik des Sadisten.“

Wie geht´s weiter, was kommt noch? Das Buch gibt es beispielsweise hier

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