Zeitliches und Unendliches, incomprehensibilis

Andenken, Gedächtnis, Erinnern, Ereignis, jederzeit, niemals, Zeitpunkt, Jahreszeiten, absolute Zeit: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“ [Newton], Eigenzeit [Relativitätstheorie], Zeitreisen, Gleichzeitigkeit, Tempus,  δαίεσθα [teilen], زمان.  
"Macrobius Commentarii" - Radkarte, vermutlich 12. Jahrhundert

„Macrobius Commentarii“ – Radkarte, vermutlich 12. Jahrhundert

Das Mittelalter war nicht annähernd so düster wie oft gemeint wird. Um mich mittelalterlicher zu fühlen, trink ich extra Franziskaner-Bier. Franziskaner – Bettelorden. Erst im 12. Jahrhundert wurde Privateigentum (u.a. mit Hilfe des römischen Rechts) zu etwas ‚legitimen‘ und quasi schützenswerten gemacht. Der inzwischen reich gewordene Klerus wollte seinen Status und sein Prestige bewahren. Die Städte wuchsen, „der Reichtum der Städte hatte das Problem der Armut produziert. Das frühe Christentum war eine Bewegung der Unterschichten gewesen – aber die Erinnerung daran war überdeckt durch Reichtum und juristische Fixierung [..] Die Zahl der Zweifler nahm zu“ [Flasch, 118]. Damals. Heute? Immer schon.

Kennt jemand Al Gazali [Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī] ? Ne? Dann wird´s Zeit: Zurück zum Damals: Der Wille ist bei ihm etwas, dass jeder Erklärung spotte und das gelte erst recht vom ewigen Willen, also der Wille als letztes Prinzip, das in dem Fall den Willen des Menschen (natürlich) überrage und er kann wollen, dass die Welt einen Anfang habe, in der Zeit [Flasch, 1994:104]. Hätte Gott ‚zeitlich‘ vor der Welt existiert – wäre diese vor-weltliche Zeit zu Ende gewesen. Der Beginn der Welt-Zeit soll der Widerspruch sein, in den sich die verstricken, die meinten, Gott wäre ewig und unbestimmt und habe aber die Zeit erschaffen mit der Welt (oder so). Al Gazali hat hier die Vorstellung der Kausalität im Blick: Gott war einmal und die Zeit nicht, dann beginnt die Zeit und Gott und die Zeit existieren simultan [105], Das wäre eine menschliche Vorstellung einer Abfolge, bei Al Gazali Phantasie. Im Grunde könne man hier nur denken an Existenz und Ko-Existenz. Al Gazali reißt hier ein Thema auf, das damals sehr brisant war, Gott und die Welt und was ist dazwischen, um eben dieses Gefüge zu erklären und er meint: Die Zeit ist eine Weise unserer Vorstellung, sonst nichts [ebda]. Das alles durchdenkt Al Gazali im „Tahafut“ – „Inkohärenz der Philosophen“. Witzig, hat an Aktualität kaum verloren. Bei Aristoteles sei die Zeit zwar auch „ein Maß in der Seele“ [106] aber ein reales Maß für Früher und Später in der sich verändernden Natur. Im Grunde befindet man sich mitten in Begriffsverwirrungen, Begriffe und deren Bedeutung, der Begriff Ek-sistenz war noch nicht begründet. Vor Kurzem fragte ich meinen Kater, ob er auch manchmal Muskelkater hat.
Bei Al Gazali ist die Vorstellung der Zeit Menschenwerk und so findet sich die Subjektivierung des Zeitbegriffs bereits im 12. Jahrhundert [vlt auch schon vorher, woanders]. Ebenso sind bei ihm „Möglichkeit, Notwendigkeit und Unmöglichkeit“ bloße Gedankenbestimmung (somit fallen die meisten damaligen Versuche Gott und Welt zu erklären, auseinander). Er meint, dass wir sagen, etwas sei notwendig, sobald unser Intellekt eine Nicht-Existenz einer Sache nicht annehmen könne und können wir sie annehmen, nennen wir es möglich [ebda]. „Al Gazali verwarf die Neigung der Philosophen, aus Begriffsnotwendigkeiten reale Dinge herauszuklauben“ [ebda]. Außerdem geht er noch die Vorstellung von Ursache und Wirkung an: Wir sehen, dass B nach A auftrete, wir sehen lediglich die zeitliche Abfolge, „Wir haben öfter gesehen, daß B nach auftritt. Wir haben uns daran gewöhnt […] Es gibt unverbundene Dinge; ihre Veränderungen sind unbegreiflich“ [107]. Er unterwanderte damit das ‚Verbot‘, eine unendliche Reihe von Ursachen anzunehmen, „Aber warum soll man das nicht dürfen?“ [ebda]. Sympathischer Kerl. Eine erste Ursache diene nur dazu, eine Reihe abzuschließen [ebda]. Abschließen zu wollen.

Sexuierte Denken

Die Zeit also als ein ähnlich störrischer und spannender Begriff wie das Sein und so kann man zu M.B. Kacem zurückkommen. Bei Deleuze schreibt er vom Sein als Virtuelles, „eine unendliche Geschwindigkeit des Auftauchens und des Verschwindens“ [Kacem, S.44]. Dagegen fände sich bei beispielsweise Badiou eine erstarrte Ontologie, bei der die Geschwindigkeit blitzschnell sei, ein Ereignis, das nur auftauche, um zu verschwinden (fort-da?) und diese Sichtweise beschreibt Kacem als normalmännlichen, phallischen Genuss: „Sein Auftauchen ist sein Verschwinden, sein Maximum ist sein Minimum, eben das, was die Psychoanalyse Kastration genannt hat“ [59]. Eine Reihe wird abgeschlossen. Al Gazali als weiblich sexuierter Mensch, wie Deleuze? Badiou dann also als männlich sexuierter Mensch, ähnlich dann wie Augustin vielleicht (der sich damit schwer tat?)? Eine Reihe beenden, eine (end-gültige) Fixierung eines Begriff-Bedetungsgefüges vornehmen, vielleicht notwendig, Funktion des Ichs, „sie haben Ohren, um nicht zu hören. […] Das ist eine Funktion des Ichs, daß wir nicht ständig diese Artikulierung zu hören haben, die unsere Aktionen wie gesprochene Aktionen organisiert“ [Lacan, III, S.135]. Unbewusstes und die Trägheit der Sprache. Das ist jetzt eine ziemlich krumme Kurve, meine Annahme, dass das Beenden einer unendlichen Reihe (im weitesten Sinne) notwendig ist, damit das Unbewusste nicht hörbar wird,.. mit seinem ewigen Geplapper. Wobei ich dem Unbewusste nicht unbedingt so etwas unterstellen würde? Stehen weiblich Sexuierte der psychotischen Struktur näher? Oder ist das einer von vielen Trugschlüssen (oder Kurzschlüssen), da hierbei andere Möglichkeiten, unendlich viel Mögliches, außer Acht gelassen wird? Was jetzt die 8 damit zu tun hat, weiß ich auch nicht. Achso: ∞ . Ist der Punkt hier notwendig oder möglich? Im Grunde greift die Annahme nicht wirklich, oder doch. Sich direkt über φ mit Welt in Beziehung zu setzen bedeutet nicht, das andere Weisen Chaos bedeuten würden. Was schwimmt da im Hintergrund? Was bewegt sich hin und her, der Wandel damals, der Wandel heute, Klagen über den Autoritätsverlust, ZweiflerInnen und Neues, Auflösung, Erneuerung, Festhalten, Angst..wovor? ‚Die Gesellschaft‘ ging damals nicht unter. Zweifler wurden manchmal als Ketzer verb(r)annt.

Chaos, χάος, wolle man zu der anderen Weise sich mit Welt in Beziehung zu setzen ebenfalls ein Symbol (Zeichen?) stiften, könnte man vielleicht χ, oder ς hernehmen, also wenn man ein binäres System erhalten wolle, aber das würde nur jemandem einfallen, der/die/das einen Punkt setzen will, muss? Lacan musste nicht.

Abaelard (Abailard) war einer, der sich nicht vor Neuem scheute (und vielleicht weiblich sexuiert war?). Die Universalien (raum- und zeitunabhängige Begriffe) finden bei ihm keine real-existierende Repräsentanz. Die gesellschaftlichen Strukturen befanden sich im Wandel, Traditionalisten standen gegen ‚Erneuerer‘. „Man betete die Macht immer ein wenig ehrfürchtiger an als die Weisheit oder die Liebe“ [Flasch, S. 90]. So kommt man zu Abaelards Interpretation der Trinität: Innerhalb der Trinitätsvorstellung (Gott repräsentiert in Vater, Sohn und Heiliger Geist] mache die Macht das eigentümliche des Vaters aus, die Weisheit die des Sohnes und die Liebe die des Heiligen Geistes und bei Abaelard schwäche sich der Moment der Macht also im Sohn ab. Er übersteige die Macht, Wahres von Falschem zu unterscheiden, oder unterwandert sie vielleicht vielmehr. In der Liebe verschwinde die Macht gänzlich. Es zeigt sich eine Bewegung, weg von Autorität, weg von Vaterfiguren, hin zu einer Macht, die ihre Macht eben dadurch zeige, dass sie sich zurücknehme, Gott war nun wesentlich Liebe und wesentlich Macht durch Machtlosigkeit [Flasch, 89f]. Für das vorherrschende Patriarchat und den dazugehörigen Traditionalisten ein enormer Schlag. Aber Abailard ging sozusagen mit der Zeit, die gesellschaftliche Struktur befand sich im Wandel, damals gingen die Wogen hoch. Damals? Heute?

Jacques Lacan: Seminarbuch III – Die Psychosen, Quadriga Verlag Weinheim, Berlin, 1997

Kurt Flasch: Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1994

Mehdi Belhaj Kacem: Potreptikos – Zur Lektüre von Sein und Sexuierung, Merve Verlag Berlin, 2012
 
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