unrundes Kreisen

„Sieh mal, wie der Himmel ist, sagte der Schriftsteller. Den habe ich so gemacht“
[Lunar Park, Bret Easton Ellis]

 marionette

Man könnte sagen, Mensch sein bedeutet, Gegenwart sein, Vergegenwärtigung sein, innerhalb der Endlosigkeit von Zeit innerhalb von so etwas wie Raum. Ein Punkt. Einer der sich bewegt. Der Punkt bewegt sich in der Welt und vor allem auch auf der Welt.

Alles Bewegen vollzieht sich schlussendlich – “vermittels gewisser Merkmale” –entlang von Schwerkraft, weil nur so Gegenstände bewegte sein können, – ‘ich mich überhaupt bewegen kann [um an der Stelle Kant zu modifizieren].

Ein Marionettenspieler, oder eine In, verbindet sich, die Hände durch Fäden mit einer Marionette und bewegt diese, aber alle übrigen Glieder dieser Puppe seien nicht in der Gewalt des „Maschinisten“, sie folgen dem bloßen Gesetz der Schwerkraft, sie sind reine Pendel. Wir dagegen, wir zieren uns, Eitelkeit? Sagt Herr C., im Dialog mit Kleist.

Zudem, sprach er, haben diese Puppen den Vorteil, daß sie antigrav sind. Von der Trägheit der Materie, dieser dem Tanze entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts […]. Die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu ruhen, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, der offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts anfangen läßt, als ihn möglichst verschwinden zu machen“.

Wenn man den Begriff Gravitation recherchiert, kommt einerseits, dass wir noch nicht wirklich etwas über Gravitation wüssten, andererseits .. einiges. Gravitation macht, dass alles runterfällt. Selbst ein Blatt Papier. Ein Bekannter fragte mich, warum können wir eigentlich so leicht unseren Arm heben? Sind wir vielleicht auch ein Bißchen antivgrav? Ohne Bodenhaftung könnten wir andererseits weder stehen noch gehen, liegen schon gar nicht. Wir würden dann immer (leicht) schweben. Vielleicht fänden wir in so einer Welt wiederum das Stehen und Liegen seltsam. Gar unbequem.

Die Gravitation [der Link führt zu dem Text, auf den ich mich hier beziehe], ganz simpel formuliert: „Der Kugelschreiber ist eine menschliche Schöpfung, eine technische Kreation, und sein Wesen besteht darin, daß man mit einer kleinen Kugel, auf die von oben (!) kontinuierlich (!) Tintenähnliches zufließt, schreiben kann. Ergo kann man mit einem ordinären Kugelschreiber auch nicht den Plafond bekritzeln – weil dann die Tinte eben nicht auf die Kugel, sondern zurück in die Mine fließt“. Ohne Schwerkraft keine Kugelschreiber.

Gravitation beginnt vielleicht im Kleinen und endet im Universum und sonst wo mit gewissen Bahnen, entlang derer Planeten und Co herumkurven. Schweben? Einfach – sich befinden. Ins Kleine: Der Körper, mit dem Bauchnabel als Mittelpunkt gedacht, um den der Körper kreist, sich befindet. Der wiederum auf der Erde sich befindet, diese [Körper] sich wiederum im Raum auf einer gewissen Bahn gegenüber anderen Körpern befinden und kreisen (ein Kreis, das Kreisen muss nicht gänzlich rund sein). Sich gegenseitig anziehend und dadurch stabilisierend. In Summe. Ein Miteinander im Beieinander [T.Capote]. Laienphysik. Jedenfalls, Gravitation als irgendeine Form von Verhältnis schon bereits in an um jeden Körper, wir heben den Arm, innerhalb unseres Gravitationsdings. Weil Gravitationsfelder gibt es scheinbar keine. Weil das würde wieder eine Form von Dichotomie berühren. A und B und dazwischen Gravierendes. Also Gravitation. Laienphysik.

Das Wesen der Gravitation

„Nach Einstein ist die Gravitation eine Eigenschaft des Raum-Zeit-Kontinuums und ein Effekt der besonderen Raumgeometrie (!): Dieses Raum-Zeit-Kontinuum ist in seinen geometrischen (= metrischen) Eigenschaften keineswegs gleichförmig, sondern erfährt durch die Anwesenheit von Massen eine innere Strukturänderung: die Massen „krümmen“ die Raum-Zeit und diese „Krümmung“ der Raum-Zeit wiederum wirkt sich auf die Bewegung der Massen aus“. Raum und Zeit werden gewissermaßen vorausgesetzt, erfahren aber durch Massen eine Veränderung, Subjektivierung von Raum und Zeit, könnte man sagen. „Die Raum-Zeit ist nur ein geometrisches Konstrukt, das den wahren Raum und die reale Veränderungen seiner Masse(n)  bloß mathematisch (beliebig exakt) beschreibt“. Beliebig exakt, hübsch. Naturphilosophie und Physik. Ned unspannend. Mit der Frage nach der Gravitation begibt man sich sozusagen auf eine Art Möbiusschleife: Ohne Dinge keine Gravitation – und ohne Gravitation keine Dinge„. So wird Gravitation zu etwas ohne Ursache, „unverursacht“ und folglich sei sie keine Wirkung „der Massen aufeinander“. Wirkung benötige eine Ursache (da sie Folge davon ist) und eine Wirkung setze Veränderung voraus [oder zieht die vielleicht eher nach sich] und Veränderung sei im Grunde Dauer, also Zeit. „Alle drei Begriffe sehen wir in die Natur nur hinein“. Allein schon die Frage nach dem Wesen von etwas zeigt eine gewisse Grundhaltung im Denken. Gravitation ist scheinbar etwas Relationales, könnte man vielleicht sagen.

 

"Häuser, die die Schwerkraft besiegen"

„Häuser, die die Schwerkraft besiegen“

So kommt man ganz leicht, der Schwerkraft folgend ? zu Ames. Die Überzeugung, durch den Verstand zu Erkenntnis (jenseits von Gegebenem) zu gelangen und die Philosophia, die somit eigentlich keine ist, sondern eher eine Philoepisteme: „the love of apodictic knowledge” [Ames 2008, 51]. Man kann streiten, diskutieren,  sich interessieren, fragen, hören, lachen und .. sonst so vieles, aber kein endgültiges Wissen postulieren. Womit die Streitereien vielleicht von selbst ein Ende finden. Trägheit in Verbindung mit Neugier als Methode.

Ames 2008, 49

Ames 2008, 49

Erkenntis, Glauben, Wissen und Wahrheit und warum diese leeren Begriffe doch vielleicht für viele notwendig sind, gar lebensnotwendig, und wie es Kleist auf seiner Suche nach Wahrheit erging: Die berufliche, soziale und individuelle Problematik („das Leben ist ein schweres Spiel …, weil man beständig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht weiß, was Trumpf ist;“ verdichtete sich vermutlich vor dem Hintergrund der Lektüre von Kants Kritik der Urteilskraft. Durch die Grenzen der Vernunfterkenntnis, die Kant aufgezeigt hatte, sah Kleist seinen geradlinigen, rein vernunftorientierten Lebensplan in Frage gestellt. In einem berühmten Brief an Wilhelmine vom 22. März 1801 notierte Kleist: „Wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint […] Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr“ [source:wiki]. Es geht im sogenannten „akademischen Diskurs“ wohl manchmal um wesentlich mehr als nur vermeintlich wissenschaftliche Auseinandersetzung, vor allem wenn diese im Hintergrund die Fragen nach vermeintlichem Wesen-von stattfinden?

 

Roger T. Ames: What Ever Happened to “Wisdom”? Confucian Philosophy of Process and “Human Becomings”, Asia Major, Vol. 21, Part I, 2008

Die ganze Erzählung: Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater, erstmals erschienen 1810, nachzulesen hier oder als Hörspiel hier.

 

Apodiktisch: unumstößlich geltend, bestimmt, von schlagender Beweiskraft,  ohne weitere Begründung unmittelbar gewiss, keinen Widerspruch duldend, keine andere Meinung gelten lassend. 
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