Hirn! ..Herz, ..Haut und ..Magen?

Synthesis ist die Handlung, »verschiedene Vorstellungen zueinander hinzuzutun und ihre Mannigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen« [Kant, KrV + KpV, vielleicht kann man das „einer“ hervorheben und hinzufügen:
..in einer möglichen Erkenntnis zu begreifen]
Speculative Drawing (2011-2014)

 

Hirn und Herz? 

Was folgt, ist ein durchaus überspitzt formulierter Beitrag. Vielleicht macht das manchmal Sinn, wenn Verallgemeinerungen die Norm bilden zu scheinen, zu überspitzen, damit es wieder ein paar Kanten und Ecken geben kann?

Was ist das eigentlich für eine seltsame Trennung. Das Natürliche, das Künstliche und dann die Annahme, wir Menschen stünden nun über der Natur, weil wir reflexiv (naja) Wahrnehmende seien und ‚auf der anderen Seite‘ denkende Wesen seien. Dann geht man davon aus, dass die reflexiv Denkenden Erkenntnisse gewinnen können. Das Denken als etwas das von der Natur getrennt Gedachtes (allein hier kann man die enorm starke Vorstellungskraft unseres Verstandes erkennen), macht es eventuell möglich, das sich beispielsweise Baumdiagramme entwickeln, die sich aus (eigentlich willkürlichen) Zusammenfassungen ergeben und uns die Illusion der Eindeutigkeit, der Gewissheit bieten. Das Subjekt denkt sich gerne als rein vernünftiges und vergisst seine pathologische Struktur, Kant nennt es pathologisch, nicht ich. Die pathologische Struktur ergibt sich aus dem Sinnlichen, den Triebfedern, könnte man sagen und dann folgt oftmals der Fehler, dem Sinnlichen das Vernünftige in Opposition gegenüber zu stellen. Vernunft ist vielleicht eine Aufgabe, aber keine bloße Eigenschaft, die sich wie eine Tatsache, wie eine hübsche Schleife an unsere Hemden und Blusen heften lässt.

Anthony Kenny on Jacques Derrida
“Derrida… introduced new terms whose effect is to confuse ideas that are perfectly distinct.”

 

Das Subjekt als Gespaltenes, könnte man sagen. Das Subjekt zwischen Noumena und Phainomena. Da tun sich einige Grauzonen auf. Dunkle Materie, Leere, Nichts, Vieles, zu vieles, das sich nicht in unsere kleinkarierten Kategorien eingliedern lässt? Da gibt es vieles, was wir nicht be-greifen können. Weil wir Denken von Natur trennen. Manche meinen, der Tastsinn wäre unser wichtigster Sinn. Unser Spüren und Fühlen macht es überhaupt, dass wir uns mit unseren Körpern in dieser Welt Plätze etablieren, diese Welt u n d uns selbst überhaupt be-greifen können. Unsere sinnlichen Vermögen werden in diesem Kontext zu einem Prinzip des Lebens. Wir, wir fliehen in virtuelle Sprach- und Sprechwelten und überschreiben die vitale Welt.

Warum eigentlich? Gier, und/oder Angst und Hilflosigkeit gegenüber den sinnlichen Vermögen, oder eine Art Unzulänglichkeit, mit den eigenen Lüsten umgehen zu können, genießen zu können? Ist es das, was zu einer Ordnung führt(e), die sich eigentlich doch vor allem durch Unmenschlichkeit auszeichnet. Wir und unsere Traditionen sind es quasi gewohnt, alles Menschliche, also auch das Körperlich-Sinnliche als schmutzig, als Bürde und Sünde aufzufassen, als Manko, als das, was uns in die Irre führen kann. Was für ein Trugschluss. Diverse Leiden tun sich auf. Depressionen, Burn-Out, Magersucht, Fettsucht, andere Süchte, all die sogenannten psychosomatischen Krankheiten, die vielen Leiden „ohne somatischen Befund“ etc etc etc. Produziert unsere Form der Ordnung all diese „Gesellschaftskrankheiten“ nicht selbst? Unterwerfen wir uns unter / (re)produzieren wir etwas, das unsere Körper, Sexualitäten, unser Leben eigentlich verstümmelt?

Die Natur geht so nicht vor: dort sind Wurzeln, Pfahlwurzeln mit zahlreichen Verzweigungen, seitlichen und sternförmigen, jedenfalls keinen dichotomen. Der Geist bleibt hinter der Natur zurück“
[Deleuze & Guattari, 1977, S. 8]

Leben

Denken ist Natur, natürlich. Es sollte wachsen und Verzweigungen ausbilden, keine Baumdiagramme und Hierarchien, an denen man sich festhalten kann und alles andere zum Stillstand bringt. Denken soll auch nicht allein in Wissen münden, denn das birgt das Gefühl der Abschließbarkeit, eine der beliebtesten Phantasieprodukte und es birgt das Gefühl von Haben und passt sich so ganz klassisch in unsere Ordnung ein. Dieses Gefühl ist auch ein sehr heikles, denn es mag keine Kritik, es tut sich schwer damit, andere Perspektiven neben den eigenen zu belassen, vor allem dann, wenn die anderen Standpunkte die eigenen in Frage stellen könnten. Es will sich erhalten und durchsetzen, das Ich und seine Companions. Wir reden immer nur über die Kultur, ihre Errungenschaften, die „Zivilisation“, wir reden und was wir tun, ist etwas anderes. Warum gibt es in unserer ach so zivilisierten Gesellschaft Regelkataloge, die uns sagen, was wir wann und wie sagen. Bevor überhaupt eine Diskussion beginnt, propft man uns bereits diese „Feedbackregeln“ auf.  Für die wissenschaftliche Diskussion, Kritik muss immer erst am Ende kommen, zu erst muss „irgendwas Nettes gesagt werden, etwas das positiv auffiel“, fällt einem nichts ein, sagt man was Allgemeines. Daher beginnen die meisten Diskussionsbeiträge mit der Floskel „Danke, das war sehr interessant, aber..“). Vielen Menschen reicht eine nette Fassade, der Rest erledigt der Verstand und kleistert die Lücken, na no na ned. Man lernt solche Regeln auch im Call Center, Kommunikationsschulung. Man nennt so etwas eigentlich „Wording“ und es steigert angeblich die Qualität im Kundenservice (und auch in den Diskussionen, haha). Dass das nicht stimmt, wissen vor allem die, die an den Leitungen sitzen. Die, die diese Regeln etablieren, sitzen ganz woanders und bekommen von den realen Verhältnissen kaum etwas mit. Ne, anders: Diese Regeln sollen nichts mit den realen Verhältnissen zu tun haben, denn von den realen Verhältnissen will das Ich ja gar nichts ‚wissen‘. Vielleicht daher die ganze Schminke, die verhindert, das Leben zu bejahen? Ein virtuelles Netz…

Leben ist wachsen und verzweigen. Denken ist eine Bewegung. Eine Pflanze denkt sich nicht, ich muss so und so hoch wachsen, weil dann kann ich blablaBlablabla. Das tun wir und wir bremsen. Wenn wir dann richtig alt sind, merken wir etwas, es zwickt immer noch und es lässt sich aber nicht mehr belügen, der Apparat der Selbstverleugnung ist außer Betrieb, weil das Ich schon morsch ist und der Körper wieder zu sprechen beginnt. Vor dem hohen Alter haben einige Angst oder empfinden Unwohlsein. Warum eigentlich? Weil man in unserer Ordnung im Alter nichts mehr darstellt, nicht mehr gebraucht wird, oder weil man nicht so kann wie früher, weil der Körper beginnt, das was er kann und nicht kann, zur Regel zu machen. Die Last des Körpers macht sich breit. In jüngeren Jahren, da drillt man den Körper und zwingt ihn, wenns wo drückt, frisst man Tabletten und nimmt Signale nicht ernst. Zu sehr hat (u.a.) der medizinische Diskurs den Körper verdrängt oder agiert im Glauben, um ihn zu wissen? Wir sind Maschinen und machen unsere Körper zur Maschine, die funktionieren muss, schön sein soll. Virtuelle Ideale, ein virtuelles Netz, das uns sagt, wer mit wem, wann und wie. Wir statten uns aus mit (Status)Symbolen und machen unsere Leben, unsere Körper ‚bewohnbar‘, herzeigbar?  …oh Graus.

Wir, wir ordnen und ordnen uns, leiten uns davon ab.  Wir denken nicht. Baumdiagramme, Hierarchien, phallische Logiken, kapitalistische Logiken. Ist das dasselbe? Ähnliche Muster?

Der Begriff Assoziation oder assoziieren sagt schon, das etwas verbunden, verknüpft, vernetzt wird und ist es nicht das Grundvermögen des ‚Denkens‘?  Es besteht also Kontakt zum Außen, zum Drumherum, es ist Rhizom-Machen. Kein zirkulieren um „das Eine, den Einen“ oder sonstige Platzhalter für virtuelle Herumspinnereien. Das Denken selbst ist in seinen Verzweigungen schon Natur, natürlich. Es kann die selben Bewegungen wie Wurzeln und Äste vollziehen, es zweigt sich fort. Wir nehmen es stattdessen wie einen Fisch und packen es in eins dieser kleinen Schwimmgläser. Wellengang scheint unbequem. Wir bewegen uns daher nur in der virtuellen Welt, wir verwechseln Phainomena, die wir geschöpft, erzeugt, konstruiert haben mit der vitalen Welt, wir überschreiben, wir codieren über.

Lebensfreude. Innere Ruhe, Ruhepole, Gelassenheit (quasi schwimmen statt asphaltieren),  diese Grundhaltung ist keine, die man um die Ecke in einen Wrap gewickelt kaufen kann. Das nun die Realitäten und unsre Ordnungen für Menschen unterschiedlicher „Klassen, Herkünften, Sexualitäten, usw“ leider oftmals unterschiedliche Möglichkeiten bieten, also ein Gefälle erzeugen, ist (k)eine andere Geschichte.

 

Immanuel Kant, KrV und KdP nachzulesen hier

Deleuze & Guattari (1977), Rhizom, Merve Verlag, Berlin

Die Illustration zu Beginn stammt von Ulf Stolterfoht Andreas Töpfer, in:  in: Armen Avanessian, Andreas Töpfer: Speculative Drawing: 2011–2014, S. 123

 

die Blüten kann man essen

die Blüten kann man essen

Sonstiges:

„Erst kürzlich hat Tinguley monumentale Maschinenportraits von Philosophen vorgestellt, die gewaltige unendliche Bewegungen vollführen, verbundene oder alternative, zusammen- und auseinanderfaltbare Bewegungen, mit Klängen, Blitzen, Seinsmaterien und Denkbildern, die komplexen gekrümmten Ebenen folgen“ [Deleuze & Guattari, Was ist Philosophie? (2000), S. 65]

interessant auch: „Ordnung der Lust – Bilder von Liebe, Ehe und Sexualität in Spätmittelalter und früher Neuzeit“ (1991) Hg: Hans-Jürgen Bachorski, Wissenschaftlicher Verlag, Trier

Für den Begriff Leben vgl. Roberto Nigro und Gerald Raunig (2012): Immanenz, in: Inventionen 2; Exodus. Reale Demokratie. Immanenz. Territorium. Maßlose Differenz. Biopolitik, Diaphanes Verlag, Berlin

Sehr passend hierzu auch der Themenschwerpunkt der diesjährigen psychoanalytischen Herbstakademie des DPG-Insitut Hamburg: Das Ich sei nicht „Herr im eigenen Hause“. So formulierte Freud einst jene Kränkung, die den Menschen durch die psychoanalytischen Einsichten zugefügt werde. Dieser Befund muss heute ergänzt werden. Das menschliche Ich ist nicht Herr im eigenen, wohl aber in vielen fremden Häusern. In der Umwelt herrschen wir, als stünden ihre Ressourcen unbegrenzt zur Verfügung. Das Tierreich verbrauchen wir beherrschend nicht nur zur Sättigung eines wachsenden Fleischbedarfs, sondern auch für kosmetische Zwecke in gewaltigen Ausmaßen. Das Klima verschmutzen wir, als wäre es ein gigantischer Ort zur Entsorgung aller überflüssigen Wegwerfprodukte.

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