Hüllenbild

Berlinde de Bruyckere, Schmerzensmann V, 2006

Berlinde de Bruyckere, Schmerzensmann V, 2006

Mysterium Leib 

Leich: Leib, Körper, Fleisch, Wuchs, Gestalt, Person, Gesicht, Schönheit, Form. Nam: Hülle, Kleidung, Gewand. Lichaam sagt De  Bruyckere. Lebenserfahrung, Welterkenntnis, eigenes Erleiden, pathein, vor allem heiße das auch erfahren, erleben, einen Eindruck empfangen [vgl. Wieg, 157].

Die Schichten aus Wachs seien wie Inkarnate, ihre Formen bewahren, wie eine ‘Erinnerung’, einen realen Körper, dessen Habitus, Bewegungen, dessen Haut. Den Figuren bei De Bruyckere fehle vor allem das, was mit dem Akt des Denkens und Sprechens verbunden ist: Der Blick, der Kopf, oft auch Arme und Hände. Die der Realität entwachsenen Körper offenbaren sich als Hülle, in der noch anderes Statt habe – “das Fremde, das immer von Schrecken begleitet ist”[Wieg, 161].

De Bruyckere, Letsel, 2008

De Bruyckere, Letsel, 2008

 Auf der Suche nach dem verlorenen Gesicht

“Die psychiatrische Klinik hospitalisierte einst Körper, denen der Kopf in Verwirrung geraten war”. Nicht erst seit dem Surrealismus, viel früher schon, mit de Goya beispielsweise, kennt man “aus der Vernunft geborene Bilder des Wahnsinns als Mittel, das Böse als eine innere Hölle zu beschreiben, die nichts mit religiösen Dichotomien zu hat” [Blume, 173]. Vor Kurzem hörte ich einen Vortrag zu Psychose und Kunst, Art Brut, Surrealismus. Der Vortragende (leider weiß ich den Namen nicht mehr, ein Analytiker aus Graz) meinte am Ende, dass wir alle eine Spur psychotischer Struktur in uns haben. Ein Echo davon begleite uns immer und wenn man sich mit der Thematik befasse und mit PsychotikerInnen arbeitet, diese behandelt, dann müsse man dieses Echo hören können. Grenze, border, “about A B order”, limit, Begrenzung, Eingrenzung, bitter end, margin, barrier, cap, restrict/ion, granica. Unzulänglichkeiten, short-commings,  verallgemeinert, universalisiert. Kurzschlüsse. Eine Ordnung der Dinge. Ordnung muss sein, sicher ist sicher. Unsere Zeit, in “der die Menschen offen [sind] und versteckt zugleich, versteckt im Gemeinen, Allgemeinen, Verbrauchten, sind Lüge, die keine mehr ist, weil niemand mehr weiß, ob Wahrheit überhaupt noch Wahrheit und nicht mehr lieber gleich nichts sei. Vor diesem Nichts tragen wir keine Masken, sondern hat einer das Gesicht des anderen” [Blume, 175f, zitiert Rudolf Kassner]. Wussten wir damals, früher, irgendwann mehr, war Wahrheit jemals mehr als eigentlich nichts?

De Bruyckere, Hanne, 2003

De Bruyckere, Hanne, 2003

Den sich an den Körpern entlang tastenden Augen den Kopf oder das Gesicht entziehen – wende die Aufmerksamkeit auf den von Haut umschlossenen Körper, sondern “ist zugleich ein schmerzhafter Angriff auf unsere archaische Hoffnung, die Wahrheit des Menschen in den Augen, im Gesicht lesen zu können, was eine bestimmte Sprache voraussetzt” [Blume, 177].

Vagabundierende Wesen

Mal was anderes. Wenn man Philosophie studiert, oder sich damit beschäftigt und dazu auch noch mit Themen und Dingen wie Kunst, Realität(en) und so weiter, dann ist es irgendwann an der Zeit in Platons politeia zu blättern, weil da finden sich die Gleichnisse und auch die Nachahmer. Mal abgesehen davon, dass ich mir irgendwann die Frage stellte, ob sich Sokrates ausschließlich nur mit Ja-Sagern umgeben hatte – ich dann aber zu dem vorläufigen Schluss kam, dass es sich hier mehr um rhetorische Kniffe und Mittel handeln muss, um etwas zu zeigen, oder um zu überzeugen (wo Platon jetzt nicht ja sagen würde?) – habe ich in der Höhle einige angetroffen, die nicht gefesselt nach vorn gerichtet sitzen und (Ab)Bilder sehen, sondern andere: Die herumgehen und Sachen herumtragen. Damit die Sitzenden überhaupt was zu Sehen haben (also die Schatten der Dinge, die herumgetragen werden). Wer sind denn die? Aber auch hier kam ich zu dem Schluss derweil mal: Stell keine Fragen, das ist nur ein Gleichnis, das etwas darstellen, etwas zeigen will, völlig schnurz wer da rumgeht und Sachen herumträgt. Es geht ums Prinzip! (Das sag ich auch oft, vor allem dann, wenn mir meine Argumente ausgehen oder aber doch – wenn es den Bereich des Sagbaren verlässt, irgendwie)

Wo ich dann doch anknüpfe, das sind die Nachahmer. Die Maler. Innen, das schenke ich mir, die waren damals wahrscheinlich nicht mal mitgedacht. Oder bei Platon vielleicht sogar doch. Wie auch immer. Zum mitkommen: Für jedes Ding gäbe es drei Künste – die gebrauchende – die erzeugende – die nachahmende. Der, der nachahmt, ahmt wohl das nach, was “der breiten und unwissenden Menge als schön erscheint”, also “der Nachahmer weiß nichts, was der Rede wert wäre”. Das, was damals viele und heute viele und überhaupt scheinbar immer schon drängt(e), ist eine Hoffnung auf… . Das da was ist, etwas Wahrhaftiges. Etwas ‘an-sich’, ganz und gar wahr. Und das kann nicht das schlichte Sichtbare sein, da muss quasi mehr sein. Ein Maler sieht etwas und malt es ‘ab’ und es entsteht etwas, was wiederum ‘nur’ angesehen werden kann. So in der Art. Jedenfalls weit ab von jedem Wahrheitspotential. Wie auch immer. Das waren jetzt nur ein paar Bruchstücke aus Platons Texte. Bei Caillois finden sich viele Beispiele (vor allem aus ‘der Natur’) zur Thematik der Nachahmung, dem Streben nach Gleichheit, Angleichung an die Umgebung, also eine Art „Versuchung durch den Raum“ (Caillois2007:35). Er beschäftigt sich im Folgenden auch mit figurativer und nicht figurativer Malerei und meint, dass die zeitgenössische Malerei ihre Gestalthaftigkeit eingebüßt habe, der Maler vermeide es etwas zu schaffen, das an irgendeine Form von Wiedergabe erinnere (also er ahmt gewissermaßen nicht mehr nach) und Originalvorlagen aus der Natur seien ihm unbekannt (vgl. ebd. 72). Aber, Caillois wird den Eindruck nicht los, dass Kunst oft doch noch den „blind wirkenden Gesetzen der Geologie“ (ebda) gehorchen würde.

Max Ernst „Bryce Canyon“? (1946)

Max Ernst „Bryce Canyon“? (1946)

Der Canyon und ein Bild von Max Ernst, ein Nachahmer (wider Willen?)

In der Dokumentation „Mein Vagabundieren, meine Unruhe“ wird erzählt, dass Max Ernst und ein Freund auf einer Reise durch Arizona Halt machten und Max Ernst dort dann diese Landschaft zum ersten Mal sah, welche sich eben in dem Bild von 1946 findet. „Als Max sich umsah, wurde er sichtbar bleich, er starrte auf dieselbe phantastische Landschaft, die er in […] Frankreich vor gar nicht langer Zeit gemalt hatte, ohne zu ahnen, dass es sie wirklich gab“. Gibt es einen zu Grunde liegenden Drang zur Kopie, zum Nachahmen, zur Angleichung und dies vielleicht ohne das jeweilige ‘Original’ jemals wahrgenommen haben zu müssen? Was wäre dann noch Kopie und Original. Ist es eine Art Matrix (Antipathie und Sympathie), wie sie bei Foucault (Die Ordnung der Dinge, 46f) beschrieben ist, eine in der wir uns bewegen, mit der wir uns bewegen? Vielleicht aufgrund des Spiels der Analogie, dadurch eine Position beziehend, die es uns einerseits erlaubt und andererseits drängt, zu Ähnlichem und Angleichung? Und die Nachahmungen im Tierreich, die als Nutzlos beschrieben werden, weil sie weder als Abschreckung noch als Tarnung fungieren, Mimese als eine Art Antwort?
Und was ahmt De Bryuckere nach? Etwas Reales? Etwas nicht Sichtbares sichtbar machen? Und warum isses wieder so kalt und schneit?

Das Mysterium ist, anders als das Rätsel, nicht auflösbar.

 

Cornelia Wieg: Mysterium Leib – der ungewisse Körper, in: Myterium Leib, Berlinde De Bruyckere im Dialog mit Cranach und Pasolini, Hirmer Verlag
Eugen Blume: Auf der Suche nach dem verlorenen Gesicht, in: Mysterium Leib (..s.o.)
Caillois, Roger: Meduse et Cie, Brinkelmann und Bose, Berlin, 2007
Trailer „Mein Vagabundieren, meine Unruhe“ 
Platon: Der Staat, Reclam Stuttgart, 2010
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