Schleifen

Velázquez, las meninas/die Hoffräulein, 1656

Viele haben sich das Bild schon angesehn und versucht zu erklären, was da passiert. Was sieht der Maler, uns? Was malt er, uns? Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten- und Versuche,  eine Unmenge an zerbrochenen Köpfen, die versuchten, das Bild zu deuten und zu erklären. Allein der Begriff der Perspektive könnte eine ganze Arbeit füllen und nicht nur das, es gibt auch noch verschiedene Lesarten zu den verschiedenen Interpretationsversuchen zu Las Meninas. Beispielsweise bestehe Leo Steinberg auf dem Gefühl wechselseitiger Implikation, also dass die Betrachtenden zur (Königs-)Familie gehören, zum Ereignis. Searle wiederum meinte, dass das was fehlt, nicht fehlen kann, da es/etwas vorausgesetzt sei, sobald man überhaupt von Repräsentation spreche, aber das geschlossene System, das Searle konzipiere, belasse den Spiegel dennoch als Überschuss, außer man denke wiederum an Foucaults Interpretation (nachzulesen bei Hubert Damisch 2010:425) usw usw usw usf. … Ein ständiges Spiel von Verweisen, ein Kreislauf der entweder ins Leere führt oder in eine Sackgasse. Oder eine unendliche Verweisbarkeit, weil im Kreis, einem, der zwei Seiten hat, die eine sind.

Beginnt der Maler mit dem Bild, oder ist er fertig, mittendrin? Er schaut zu (s)einem Modell, oder zu uns? Zeigt das Bild seine eigene Entstehung oder zeigt es schlicht eine Portraitsitzung? Ein ständiges Spiel von Verweisen, ein Kreislauf der entweder in eine Sackgasse führt oder ins Leere? Bei Bergande zeige das Bild das Spiegelstadium an, zeichnet es nach. Der suchende Blick im Bild, der nach einer Antwort sucht, die einen situiert, positioniert. Das Bild, das Sehen und gesehen Sein, das Denken, InnenAußen, NichtDa. Hans Nübold, Möbiusschleife

Fluchtpunkt

Dieser Andere, der andere Velazquez im Bild. Dieser einladende Andere, hebt er eine Art Vorhang zur Seite? Die Person in der Tür im hinteren Bereich des Bildes, „die Tür im Hintergrund, die als Eingang, aber auch als Ausgang aus dem Bild gedeutet werden kann“ (Bergande 168). Es soll José Nieto Velázquez darstellen, Hofmarschall. Genau hier vermutet oder sieht Bergande den Fluchtpunkt des Bildes (vgl. 168). Mit dieser Figur betont er, man könne das Bild als Urszene des Lacan´schen Spiegelstadiums betrachten und auch als Illustration einer analytischen Kur, denn die Antinomie, in die wir Betrachtende geschickt würden, fände ihren Ausgang im Fluchtpunkt und somit eine Überwindung aus der perspektivischen Befangenheit (vgl. ebd. 169f). So wäre das Bild also kein Spiegel des Bewusstseins sondern ein Spiegel des Selbstbewusstseins (176). Performatives Nichtsein, keine Lücke zeige es (177). Was malt der Maler, was sieht der Maler, was ist auf der Leinwandvorderseite, sieht er das Königspaar, das ich im Spiegel sehe? Malt er dieses Paar? Ist dieses Paar auch auf der Leinwandvorderseite? Was malt er, Velázquez selbst. Mich? Wie malt er mich? Wer ist das im Spiegel, bin das ich? Und dann ist da der andere Velázquez, der einem einen anderen Punkt anbietet.

Der Maler:„sein Blick saugt mein Ich auf, er malt sein eigenes Bild von mir auf der Leinwandvorderseite“ (ebd., 170). Das Subjekt als Fehlendes anwesend?  <Nicht-Da>. Was wird repräsentiert, was zeigt sich, warum zeigt sich, was fehlt und ist die Türe im Hintergrund ein Ein-oder Ausgang, ist der andere Velázquez am Gehen oder am Kommen? Sieht er, was auf der Leinwandvorderseite ist? Sieht er, was der Maler malt? Achtet er überhaupt darauf? Und was sieht der Maler? Was ist auf der Leinwandvorderseite? Und was ist eigentlich vor dem ‘Bild’? Fragen, die ins Leere laufen, oder in eine Sackgasse, oder beides.

 

M.C. Escher, Bildgalerie, 1956

 „Was wir sehen ist eine Bildgalerie, in der ein junger Mann steht, der ein Schiff im Hafen einer kleinen Stadt betrachtet, vielleicht einer Stadt in Malta, nach der Architektur mit ihren Türmchen, ihren gelegentlichen Kuppeln und flachen Steindächern zu schließen. Auf einem von ihnen sitzt ein Knabe, der sich in der Hitze entspannt, während zwei Stockwerke unter ihm eine Frau – vielleicht seine Mutter – aus dem Fenster ihrer Wohnung herausschaut, die unmittelbar über eine Bildgalerie liegt, wo ein junger Mann steht, der das Bild eines Schiffs im Hafen einer kleinen Stadt, vielleicht auf Malta gelegen, betrachtet“ (Hofstadter 1979:761f).

Jede Ebene oder Stufe, die ich einfüge (Stadt, Bildgalerie, junger Mann,…) ist willkürlich. Alles Anhaltspunkte, um aus der Schleife eine Gerade zu machen, oder so. Funktioniert aber nicht, da das Bild keine Antwort gestattet. Einfach, weil es keine gibt? Hofstadter vergleicht solche Bilder auch mit Sätzen, wie

Der folgende Satz ist falsch
Der vorhergehende Satz ist richtig

Die Art, wie beide Sätze aufeinander verweisen, lässt eine Schleife entstehen. Die Sätze alleine für sich, harmlos. Wie auch Velázquez alleine vielleicht harmlos war, die Leinwand alleine, ebenfalls. Usw. Lokale Einzelheiten, nennt es Hofstadter, die zusammengefügt, etwas Unmögliches schaffen (vgl. Hofstadter 23). Das Gemälde Las Meninas ist alleine, ohne Betrachtende harmlos. Doch sobald ein Mensch hinzukommt – vielleicht könnte man sagen: (sich) zu sehen beginnt – entsteht die Schleife.

In Eschers ‘Bildgalerie’ gibts einen Fleck, der Betrachtende aus dem System aussteigen lässt. In der Mitte sei die Signatur von Escher, hier leider nicht sichtbar, das Bild ist zu klein. Oder vielleicht, wenn man ganz nah rangeht?

Tiens!
me regarde

„Les Perspecteurs“ Kupferstich aus Manière universelle de M. Desargues pour traiter la perspective, 1648„Les Perspecteurs“ Kupferstich aus Manière universelle de M. Desargues pour traiter la perspective, 1648

„Sobald ich sehe, muss das Sehen [vision] mit einer komplementären oder anderen Sicht synchronisiert sein: mit der Sicht meiner Selbst von außen, so wie ein Andere mich sehen würde, der sich inmitten des Sichtbaren eingerichtet hat und dieses von einem bestimmten Ort aus sieht“ (Merleau-Ponty 2004:177). Vision – Erscheinung, Traumbild und im Weiteren Sinne Wunschbild oder Trugbild. „Die »Perspecteurs« entwickeln nach Belieben und jeder für sich ihre je eigene Sehpyramide, deren Fäden am Augenpunkt verknotet sind“ (Damisch 2010: 57). Die Perspecteurs sind quasi Punkt für Punkt mit den erblickten Objekten verbunden, Fäden die ihre Blickbahn spannen, nichts zurückwerfen, sie aber im Bild belassen? Ein Selbst-Bewusstsein. Kein Schillern. Las Meninas als Vorzeige-Bildnis menschlicher Existenz, wenn sie denn wesentlich Selbstbewusstsein ist (Bergande 175). Ein Quasi-Selbstbewusstein des Bildes und unserem Selbstbewusstsein und dazwischen ein nicht aufzuhebender Rest (Bergande 179). 

 Siehst du die Büchse da?

2011

Bergande, Wolfram: Das Bild als Selbstbewusstsein – Bildlichkeit und Subjektivität nach Hegel und Lacan am Beispiel von Diego de Velázquez´ Las Meninasin: Arbeit der Bilder, die Präsenz des Bildes im Dialog zwischen Psychoanalyse, Philosophie und Kunstwissenschaft, Buchreihe IMAGO, Hg: Soldt, Philipp/Nitzschmann, Karin, Psychosozialverlag Gießen, 2009, oder auf seiner Homepage unter ‘Publikationen’
Damisch, Hubert: Der Ursprung der Perspektive, diaphanes Verlag, Zürich, 2010
Hofstadter, Douglas R.: Gödel Escher Bach – ein endloses Geflochtenes Band, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1979
Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare, 3. Aufl., Wilhelm Fink Verlag München, 2004
Lacan bezieht sich in Seminar XIII auf Las Meninas, es ist online verfügbar, ins Englische übersetzt von Cormac Gallagher: http://www.lacaninireland.com/web/wp-content/uploads/2010/06/13-The-Object-of-Psychoanalysis1.pdf

 

Die Büchse, die da in dem Foto auf der glitzernden Flußoberfläche nicht zu sehen ist, kommt bei Lacan, Seminar XI, Quadriga Verlag, so ins Spiel:”siehst du die Büchse? Siehst du sie? Sie sieht dich nicht“ (Seminar XI, 101). Bei Bergande (und ich vermute, er übersetzte selbst) ungefähr so:”Siehst du die Büchse da? Siehst du, sie muss dich nicht anblicken, um dich zu sehen” (Bergande 180). Im ‘Original’Text steht: « Tu vois, cette boîte ? Tu la vois ? Eh bien, elle, elle te voit pas ! »
Gefunden auf: Valas.fr. Sagt Bergande zu viel? Wollte er etwas verdeutlichen, dass sie einen nicht anblicken muss, um einen zu sehen, also die Dinge keine Augen brauchen, damit wir um Zustand des ‘Immer schon angeblickt seins’ sind. Oder so. Mit Lacan nochmal und anders:“Sie haben Augen und sehen nicht”. Und was sehen sie nicht? – eben dies: daß die Dinge sie anblicken/angehen.” (Se XI, 116).

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