Herr Knecht!

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wenn man über Dinge redet und meint zu wissen wie sie sind, dann ist es doch eigentlich genau so nicht. Man weiß vielleicht, wie sie erscheinen. Und Erscheinen…und Realität ..ist so ne Sache und für jede/n immer irgendwie anders. Also weiß man dann eigentlich doch nichts. Aber es reicht meistens, wenn man darüber reden kann, das man etwas weiß, weil dann kann man etwas sagen. Vor allem kann man sich darauf verlassen, zumindest ansatzweise verstanden zu werden. Vielleicht bedeutet ‘in der Sprache sein’ hier im weitesten Sinne, überhaupt als Bewusstsein anderen Bewusstseinen gegenüber treten zu können, diese als solche erleben können und eine gewisse Wahrnehmungsweise zu teilen. Sich auf ähnliche Weise mit Welt [und somit auch mit sich] in Beziehung zu setzen. Technisch formuliert, eine ähnliche Weise wie Denk- und Erfahrungsapparate in Gesellschaften funktionieren und verflochten sind mit Welt.

Konjunktive sind in einer Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft oder wie auch immer, eher verpönt. Es gibt Trainings und Workshops, mit Hilfe derer man sich Konjunktive abgewöhnen (lassen) kann. Lassen sich Konjunktive wiederholen, im Sinne einer Pseudo-Wiederholung? Denktraditionen gegenüber gestellt, könnten zu der Überlegung führen, das “experiencing a world of events, seen as persitently episodic, will perhaps be different from experiencing a world of things, seen interactively” [Ames, 1999].

Patriarmarchat

Simmel erschien das Geschlechterverhältnis als eines, indem Frauen sich über Männer mit Welt in Beziehung setzen (können), da ‘die Männer’ mittelbarer mit der Welt verbunden sind [Tendenz zum “sich-zum-Mittel-machen”]. Das hat Statt vor einem Wertehorizont. Dieser ist männlich geprägt, weil sich in diesem Unmittelbar-Mittelbar-Verhältnis, sich die mittelbare Seite immer als strukturprägend erweist. Denkt man jetzt an Hegel, dann kommt man dorthin, dass ‘die Männer’ der Position des Knechts entsprechen und ‘die Frauen’ die der Herren(innen). Wenn man streng hegelianisch von Herren spricht, dann zeigt sich vlt ein männlich-strukturprägender Moment: im ‘Schema’ dieser Dynamik – das wiederum die Struktur einer Denktradition zeigt – ist etwas weibliches-autonom Erscheinendes ausgeschlossen [unter der Voraussetzung, es müsste benannt, begrifflich erfasst sein, um erscheinen zu können! was wiederum eine andere Diskussion um die Symbolische Ordnung wäre].  Also könnte Simmel Hegel quasi vorwerfen, dass seine Theorie normativ eingefärbt ist und zu überlegen wäre, ob sich an dieser Dynamik aufgrund dessen etwas verfestigt, verschleiert, etc. .

Die Position der Frauen als die der Herren. Eigentlich. Warum gelten dann ‘die Männer’ eher als die Herren? Warum könnte die Seite ‘der Männer’ als die der Knechte gelten? In einem Text von Slote beschreibt eben der, familiäre Verhältnisse und Beziehungen in vor allem China, Vietnam und Kambodscha (entlang von konfuzianisch geprägter Denktradition und psychoanalytischer Theorie). Er beschreibt wie Rollen (oder in dem Sinne nun vor allem: Subjektpositionen) klassischerweise so verteilt waren/’sich ergeben haben’, dass die Seite der Männer sich auszeichnet durch vor allem Disziplin [Benehmen, Anstand etc als eine Art Grundhaltung, eine Übersetzung oder Interpretation scheint problematisch. Ein zentraler Begriff wäre Li | 禮] und somit auch in der Weitergabe dieser. Es ist aber nicht so, dass einfach Befehle befolgt werden, weil ‘es sie halt gibt’, die Disziplin, eine entsprechende Grundhaltung, solle von Innen kommen, aus ‘sich selbst heraus’. Es geht – eigentlich – nicht um das blinde befolgen autoritärer Systeme [wird oft betont im Sinne einer Korrektur ‘problematisch’ interpretierter chinesischer Philosophie, speziell konfuzianischer]. Es gehe um eine Verinnerlichung von Werten, die ihre Struktur in Begriffen wie Harmonie finden/haben. Naja, also damit die Disziplin als solche gelebt werden kann und vor allem – weitergegeben werden kann – scheint es so, das alles jenseits davon, wohl vor allem Emotionales, keinen/kaum Platz haben kann. Also liegt in der Rollenzuweisung ‘Mann’ das Schicksal Dinge wie Enttäuschung, Wut, Trauer, Zuneigung nicht (unmittelbar)äußern zu dürfen. Aus dem dürfen wird dann ein nicht können? Das wäre dann ein Prozess einer Naturalisierung. Oder auch Ontologisierung. Aus einer Idee, einer vielleicht ‘idealen Vorstellung’ wird dann im ‘in-der-Welt-Sein’ eben etwas anderes, Unerwartetes, nicht zwangsläufig schlechteres, einfach anders.
Interessanterweise hat nun aber hier der Moment des Alters, des höheren Alters, den Stellenwert, das quasi ‘die Pflicht’ getan ist und man sich zurücklehnen kann. Zuneigung, tiefe Freude, Ärger usw werden zugelassen. Können gezeigt und geäußert werden, also überhaupt erlebt werden. Slote beschreibt, wie in einem System, in dem Familie eine signifikante Rolle spiele, zwar einerseits Ordnung resultiere, diese ‘Art der Sozialisierung’ aber auch familiären Dissonanzen führe. Zu Abhängigkeit (da es immer jemandem gäbe, der übergeordnet sei), Angst (“universelle Reaktion auf Autorität”) und Feindseligkeit (tief zugrunde liegende Haltung, Ressentiment, aufgrund von Angst und Abhängigkeit). Wie das jetzt mit dem von Innen heraus und der Harmonie tatsächlich gedacht wird, keine Ahnung. Jedenfalls ein strenges gesellschaftliches System mit der Familie(nstruktur) im Mittelpunkt. Diese als Ausgangspunkt und die als männlich Erscheinenden trifft das ‘Schicksal’ eines Verhaltens, dass sich durch Disziplin auszeichnet. Die Boni, die sich daraus ergeben, mögen gute sein, aber die Idee der Position des Knechts bleibt.

Vielleicht könnte man sagen, dass u.a. Freud vom Beobachten überging zum Begründen. Das könnte problematisch sein. Ereignisse werden sortiert, verallgemeinert und in Beziehung gesetzt. Zeigt das jetzt eine Struktur auf, die auf eine Denktradition verweist oder auf ‘tatsächlich’ grundlegende Struktur(en)? Können Positionen, wie Vater und Mutter fixiert werden? Was bedeutet Vater? Ist das immer dasselbe, ist die Funktion immer dieselbe, wie relevant ist die Perspektive? Wenn wir von Vater oder Mutter sprechen im Sinne von Subjektkonstitutionen, bei denen eben für ein kleines ‘Subjekt’ diese Begrifflichkeiten noch gar nicht gibt [keine Denkstrukturen, keine Ordnung eines Nacheinander, keine ‘Ich-Einheit’] und wir vielleicht doch nie nachvollziehen können, wie man in dieser Zeit den Bezugspersonen gegenüber steht. Wie sich das Beziehungsgefüge zur mütterlichen und väterlichen Bezugsperson anfühlt, wie sich diese überhaupt als diese Beiden etablieren und man selbst sich wiederum. Das im ‘Mutter-Sein’ vielleicht eine  realere Struktur nahe liegt und im ‘Vater-Sein’ eine symbolische ist durchaus anzunehmen, aber hier findet sich schon sehr viel unserer Wertehorizonte, unserer Symbolischen Ordnung eben. Und für einen Säugling mag diese vielleicht schon indirekt oder ansatzweise prägend sein, sie ist aber ihm oder ihr selbst noch nicht gewahr geworden, es gibt ja in der Zeit weder das ihr, ihm noch ein selbst, kein ich oder du, wir und uns.

Ein Beispiel für unterschiedliche Denktraditionen und deren Muster oder Spuren ist bei Ames der Baum, einen den ich im Garten sehe, der das ganze Jahr über derselbe ist, “it´s substance – underlying reality – remains the same”. In einer Welt der gelebten Erfahrung ist man nicht gezwungen, den Fokus auf das Gleichbleibende, die Substanz usw. des Baumes zu richten. “The tree appears differently, and why can´t the appearances be ‘real’? The tree can be perceived eventfully, relationaly,…”

Roger T. Ames: The Analects of Confucius: A Philosophical Translation (Classics of Ancient China), Ballantine Books,  1999

Walter H. Slote: Psychocultural Dynamics within the Confucian Family, State University of New York Press, 1998

Georg Simmel, 1911: Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem, in: Philosophische Kultur. Gesammelte Essays

Zum Thema Familie noch folgendes: psychoanalytic “family tree”

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