Landschape

„Was ist der Dritte Stand? – Alles.

Was ist er bisher gewesen? – Nichts.

Was hofft er zu sein? – Etwas.“

Das ist das Pamphlet von Sieyès, 1789 und wird von Clèment zitiert, um zu zeigen, wie oder als was er „Dritte Landschaft“ denkt, also als beispielsweise „ein Raum, der weder Macht noch Unterwerfung unter eine Macht ausdrückt“. Clèments Denken erinnert an die Philosophie des Zen-Buddhismus, in der alles gleichermaßen Teil hat. “Ein Mensch und eine Fliege im Raum”. Überlegungen wie die, das der Mensch der Natur gegenüber stehe, gibt es hier nicht. Clèments Arbeit wirkt wie zusammengeführte Notizen, die Lesende immer wieder zu verschiedenen Perspektiven führen, um das Thema Landschaft zu focussieren. Und vielleicht auch so einen Blick auf uns selbst als Teil unserer Umgebung zu finden. Reden wir über Natur, reden wir auch über uns selbst.

 

“Naturnahe Wälder” gibt es u.a. in Österreich. „Naturwaldreservate (NWR) sind Waldflächen, die für die natürliche Entwicklung des Ökosystems Wald bestimmt sind und in denen jede unmittelbare Beeinflussung unterbleibt”, sagt die Webseite des Bundesforschungszentrums für Wald. Es wird bestimmt, was natürlich sein soll, werden soll. “Nicht-Planung als vitales Prinzip” fordert Clèment.

Brachland, verlassene Gelände finden sich an vielen Orten. Hier zeigt sich das Kommen und Gehen, gesteuert von Behörden. Für viele ist Brachland etwas, wo es ‘nichts’ gibt. Es bekommt einen abwertenden Beigeschmack, diese Betrachtung von ‘leeren’ Landschaften. Es wird geredet von Deponien oder Schutthalden, Brachland eben. Keine Verkehrsadern = keine Lebensräume. Aber auch hier gibt es viel, vieles siedelt sich an und wächst, kommt und geht, Pionierpflanzen bereiten eine neue Landschaft. Wir erkennen es nur nicht, meint Clèment, wir können in solchen Umgebungen nichts mehr benennen. Bis wiederum wir eingreifen und Grenzen ziehen, diese mit Asphalt auffüllen. Clèment plädiert dafür, Dinge ‘in der’ Natur wiederzuerkennen, leere Landschaften wieder kennenzulernen. So etwas wie künstlich/natürlich gibt es vielleicht nicht. Vielleicht ist es immer eine Art Verflechtung, wie Innen und Außen sich nur erhalten durch etwas, dass Innen und Außen erhält. Bestenfalls zeichnet sich dieses etwas durch etwas aus, was nichts mit – Macht oder Unterwerfung zu tun hat. Sein lassen, zur Sprache kommen lassen.

Stadträume
„Die baulichen Veränderungen im Rahmen der Stadtentwicklung führen zu einer Vernetzung des Territoriums, die zu einer Stadtmembran wird“. Die Stadt als Maschine, Ameisenhaufen oder einem Asphaltdschungel [vgl. Diaconu, 100], in Beton gegossene Lebensräume. Andererseits lässt sie sich auch als ein Körper betrachten, mit einer Haut, durch die Dinge hindurch gelassen werden können. Ein Muster, dass ein Stadtbild prägt und das Bedeutungen aufweisen kann, „die in ihre Oberfläche eingeschrieben sind“ [Baudrillard, 101]. Eine Stadt, in der es Straßen gibt, entlang derer wir uns bewegen dürfen, einzelne Grünflächen, die oftmals nicht betreten werden dürfen, eine Art Ordnung. Clèment spricht von einer “Uniformisierung der menschlichen Aktivitäten”, die sich wiederum niederschlage in einem “Rückgang der Varianz von Verhaltensweisen”.

 Ausflug: Lacan und die Leere

Im Seminar III meint er Folgendes zum Thema menschlicher Landschaften:”Das weibliche Geschlechtsteil hat einen Charakter von Abwesenheit, von Leere, von Loch, der bewirkt, daß es sich als weniger begehrenswert erweist als das männliche Geschlechtsteil”. Jemand hat ein Problem mit Abwesenheit, mit Leere und schließt – vielleicht an sich selbst und vielem mehr vorbeidenkend – dass dies, was (für ihn) die Leere zeige, eben weniger begehrenswert sei.

Wolken

Ein Wald bildet ein Ökosystem
Eine Flechte bildet ein Ökosystem
Ein Ufer…
Eine Rinde…
Ein Berg…
Ein Felsen…

Eine Wolke…

“In urbanen Stadtteilen, die allenfalls ein paar sehr gepflegte Parks haben, ist der bewölkte Himmel ja das letzte Stück Wildnis”
[Gavin Pretor-Pinney, Wolkenforscher im Falter, 07/2010]

Gilles Clèment: Manifest der Dritten Landschaft, Merve Verlag, Berlin 2010

übrigens: sogenannte Kräuterwanderungen sind interessant und spannend. In und rund um Wien beispielsweise mit der Kräuterpädagogin M. Kolinsky, wildenatur[at]hotmail.com
Byung-Chul Han: Philosophie des Zen-Buddhismus, Reclam Verlag Stuttgart, 2002
Diaconu, Mădălina: Sinnesraum Stadt – Eine multisensorische Anthropologie, Lit Verlag Wien, Berlin, 2012
Jacques Lacan, Seminarbuch III, Quadriga Verlag Weinheim, Berlin, 1997 [eigentlich ein ganz wunderbares Seminar und das eine Zitat ist nur ein Moment]
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