Unbekleidet und Unbewusst oder nackt ist nicht leer

John Kenn

John Kenn

In den letzten Wochen liefen mir Bion und Meister Eckhart relativ oft über den Weg, also vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Bei Bion ist das reizvolle zunächst, das Raster der Elemente, die er geprägt hat. Im Periodensystem der Elemente in der Chemie, hat jedes Atom seinen Platz, je nach seinem Bestreben – Elektronen abzugeben oder aufzunehmen. Also – wie es sich mit Welt in Beziehung setzt, könnte man sagen. Welche Tendenzen es hat, in Reaktion zu treten. Ob das bei Bion auch so ist, ist schwer zu sagen. Bei ihm ist alles schwer zu sagen. Wer Psychoanalytische Theorie als stereotyp und klischee-beladen empfindet, kann vielleicht mal Bion lesen. Wer psychoanalytische Theorie langweilig findet, wird hier vielleicht überrascht oder noch gelangweilter sein.

“Ein zentrales mystisches Konzept, welches das Wesen des Einsseins mit der Wirklichkeit zu repräsentieren versucht, ist dasjenige der Inkarnation der „Gottheit“, die nach Meister Eckhart […] von  „Gott“ verschieden ist (vgl. Bion, 1970/1993, 88f; 1965/1997, 176). Es ist möglich, durch ,Inkarnation’ mit einem Teil, dem inkarnierten Teil der Gottheit, eins (united) zu werden“ (ebd., 186). […] Was hier von Bion angedeutet wird, hat in zwei Hinsichten mit der psychoanalytischen Thematik des Unbewußten zu tun: 1. ist die Wirkung dieses Einsseins mit der Wirklichkeit unterhalb jeder erkennenden und steuernden Beziehung selbst unbewußt. 2. unterliegt die Anerkennung dieser Wirklichkeit einem erheblichen Widerstand”

Ist die Rede einer Repräsentation des Einsseins selbst wieder nur eine regulative Idee, selbst ein Zeichen des erheblichen Widerstands? Wie und warum überhaupt eins-sein? Mit sich, im Sinne von Harmonie oder eins-sein im Sinne einer Überhöhung? Was ist scheinbar un-eins? Was (ver)sucht sich, zu repräsentieren? Es gibt endlos viele Konzeptionen zum Unbewussten, das man vermutlich bis ans Ende der Welt ohne Unterbrechung reden könnte. Und schlussendlich wird´s dann so sein: Es gibt kein Unbewusstes, es nicht unterhalb, oberhalb, innerlich, sondern eh schon immer überall und wir mittendrinn? Kann man was über das Unbewusste überhaupt sagen, ist es strukturiert wie eine Sprache, oder ist ohne jede Struktur? Strukturiert es Sprache(n)? Zeigt es sich quasi mit jedem Satz, jedem Ausdruck? Ist der Begriff Logik, geartet wie auch immer, angemessen? Neben Bion gibt es noch Matte-Blanco, der das Unbewusste versucht, anzugehen, beispielsweise so:

Mehrere mathematische Prozeduren zeigen, daß in der unendlichen Menge aller Kardinalzahlen {1 3 5 …2 4 6 …} das Ergebnis 1 = 2, 2 = 3, 3 = 4 ist, und so weiter: „Jede Zahl ist jeder anderen Zahl und der Gesamtmenge aller Zahlen gleich“ (ebd., 67. Alle Übersetzungen aus fremdsprachlichen Literaturangaben von KHW)

1 2 3 4 5 6 7 eine alte Frau kocht Rüben. Braucht man für obige Überlegungen ein mathematisches Gefühl? Also anders:

Hinter jedem Individuum oder jeder Beziehung – wie sie in bestimmter Weise in einem gegebenen Moment wahrgenommen oder gegeben sein mögen -, ‚sieht’ das Selbst eine unendliche Reihe von Individuen. Diese alle genügen derselben Konstitutionsbedingung (die komplex, d. h. aus verschiedenen Aussagen zusammengesetzt sein kann), in deren Licht das betreffende Individuum oder die Beziehung in diesem Moment betrachtet oder gesehen oder gelebt wird. Wenn die Aufmerksamkeit des Beobachters auf die erste Ebene fokussiert bleibt, diejenige des Bewußtseins, dann wird er nur das konkrete Individuum wahrnehmen; und wenn er sich durchdringen läßt von den darunter liegenden Ebenen, wird sich diese Unendlichkeit selbst vor ihm entfalten, allerdings in einer unbewußten Weise. Wenn man diese unendliche Reihe umfaßt, dann gibt es nur eine Einheit: die Klasse oder die Menge. Diese wiederum wird als eine Einheit gelebt“ (Matte-Blanco, 1975/1998, 170, bei KHW).

Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir und vorder mir gilt es nicht,und an beiden Seiten nicht.

Göttliche Autoerotik

Warum die Gelâzenheit Meister Eckharts vielleicht doch keine Gelassenheit ist und die Sache mit dem Einssein irgendwie hinkend daherkommt:

Sein Verständnis von Denken und Sein war ein zu damaliger Zeit neues, oder anders formuliert: Das Unbestimmte erfuhr eine neue Bewertung gegenüber dem Bestimmten (dito Unendlich – Endlich). Also: Das Unbestimmte wird versucht zur Darstellung zu bringen, oder im Umkehrschluss – das Bestimmte, also wir und was wir unser Dasein nennen. “Das Sein, von dem die Menschen reden können, ist das Sein in der Seele. Aber das Sein in der Seele hat nicht die Wesensbestimmung des Seienden, sondern bewegt sich in Richtung auf dessen Gegensatz hin” [Flasch, 465f]. Nicht-Seiendes. Binäre Logik? Meister Eckhart: “Je mehr du ein Bild als Seiendes auffasst, um so mehr führt es dich ab von der Erkenntnis des Abgebildeten” [Flasch, 466]. Im Grunde gehe es hier um Ontologie und Logik. “Der ontologisch Denkende verfehle Repräsentationsphänomene (die Bibel ist eines davon). Han streicht das ebenso heraus, “Jede Gottes-Vorstellung wäre eine Ein-bild-ung, die bei M. Eckhart negiert werden solle, aber zugunsten einer ‘lauteren, reinen Substanz” (vgl. Han 2012:30). M. Eckhart denke das Wort als Seiendes, er denkt Bilder als Naturdinge […] bei Meister Eckhart hieße das, er gehe am Gesuchten vorbei und verfehle dabei sich selbst [Flasch, 466]. Das Sein sei Gott, wenn das Sein etwas anderes wäre, dann wäre es von ihm verschieden und Gott wäre überhaupt nicht und hätte Gott sein Sein von etwas anderen, wäre er (sie? es?) wiederum etwas Anderes und nicht Gott, Er [Gott] schuf im Prinzip, d.h. in sich selbst [ebd. 470]. Das Denken, der Intellekt wird später (es liegt ein Zeitraum zwischen 1302 und 1311 vor) bei Meister Eckart doch betont, als Weg über die Naturdinge hinaus? Sind wir nicht selbst Naturdinge? Ist ‘Denken’ nicht natürlich? Die Relation zu Gott als unmögliche. Anfangs betont er, das Sein nicht Dinglich zu betrachten (um Gott zu erfassen, solle man sich nicht an Einzeldingen orientieren, diese sind nicht, nur Gott ist), sondern Sein als allgemeinste Bestimmung, die nicht als Eigenschaft denkbar sei [ebda.]. Das Sein, die Einheit, das Wissen, das Gutsein – dies alles sei Gott. Im wörtlichen Sinne sind wir Geschöpfe also nicht seiend, “sie sind dieses oder jenes (esse hoc aut hoc), .. was wir sehen, das Viele, sei Beschränkung, Determination des einen Seins” [ebd. 472]. Eine Rückkehr gewissermaßen zum Neuplatonismus, sagt Flasch, nur das M.Eckhart diesen verschärfe [ebda], was im Neuplatonismus eine Art Partizipation am Einen war, ist nun getrennt, die Identität Gott-Mensch ist keine dingliche mehr, sondern eine dynamische [vgl. ebd. 479]. Etcetcetc.

Die Wirkungen des Einsseins jenseits von (unserer) Wirklichkeit. Witte schreibt: Unterhalb. Er versucht, Mystik psychoanalytisch zu betrachten: “Es dürfte sofort auffallen, daß die Qualitäten des Unbewußten, die Freud aufzählt (s. o. S. n), allesamt auch Eigenschaften der mystischen Erfahrung sind: die Aufhebung des Satzes vom Widerspruch, die Ersetzung der äußeren durch die innere Realität und umgekehrt, die Raum- und Zeitlosigkeit sowie die Unfaßbarkeit für die signifikative Sprache. Ein weiterer Grund sei, dass die letzte Wirklichkeit des Mystikers kein dingliches, essentielles Sein habe, so wie Bions “O”. Bions Weg zum Unbewussten über eine Art Bewegung der Vernunft? Kant würde vielleicht applaudieren. Wir sind Menschen, und doch auch etwas mehr, aber doch nur Menschen. Oder so. Das wäre die Crux mit der Freiheit. Wahrscheinlich.

Andererseits: bezeichnet der Term Mystik Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung. Eine Annäherung an das Unbewusste, fragt Witte. Soll man skeptisch sein, oder ist Gott hier ein Platzhalter, eine Repräsentation von etwas und wenn ja: Warum etwas zur Darstellung bringen, was sich nicht darstellen lässt, oder tut es das doch, ist es eh präsent? “Die psychische Wirklichkeit ist den Sinneswahrnehmungen nicht zugänglich” schreibt Witte, sich auf Bion beziehend, denn alles was einem Analytiker begegnet, seien bereits schon Übersetzungen (Umwandlungen). Was ist dann träumen? Verstandestätigkeit? Was ist mit dem Gesichtssinn, von dem Freud schreibt? Ist Sehen eines unserer sinnlichen Vermögen, oder vielleicht doch nicht? Ein Neurologe, Michel Jouvet meint, dass manche Neuronen nachts eine Ruhephase einlegen, daher käme uns Unlogisches im Traum nicht widersprüchlich vor, sie schlafen quasi und verhindern so das kritische Bewusstsein, was wiederum nichts anderes meinen könnte, als die Ebene, die Widerstand aufbaut, nur netter ausgedrückt. Ich spare mir ein Gehirnbild mit farblich hervorgehobenen Anteilen. Da würde vielleicht Meister Eckhart applaudieren.

Antonio Santin "WE ROT"

Antonio Santin “WE ROT”

Gelâzenheit

Im Zen-Buddhismus fehlt es sozusagen an einem Gott, also gibt es keinen “der Eine”, sondern ein “das Eine” [vgl. Han, 16], aber eigentlich ein Keines? Es fände keine Konzentration von Macht auf einen Namen statt, also weder eine Verdinglichung, noch Logik, noch Ontologie, “dem Nichts […] ist jene Macht fremd, die sich offenbart, oder manifestiert” [ebd., 17]. Die Parallele von Meister Eckhart zum Nichts des Zen sei nur bis zu einem gewissen Grad vorhanden, “seine Mystik orientiert sich nämlich an einer Transzendenz, die sich in ihrer Negativität […] zu einem Nichts verdünnt, die sich aber jenseits der prädikativen Welt zu einer extraordinären Substanz verdichtet” [ebd. 26]. Han schreibt in Bezug auf M.Eckhart von einem narzißtischen Innenleben und zitiert eben diesen: “Als Gott den Menschen machte, da wirkte er in der Seele sein (ihm) gleiches Werk” (ebda). Eine “Identifikation zwischen Machendem und Gemachten” (ebda) und Han kommt zu dem Begriff der göttlichen Autoerotik und bezieht sich wiederum auf Eckhart “Gott liebt sich selbst und seine Natur […] In der Liebe (aber), in der Gott sich (selbst) liebt, darin liebt er (auch) alle Kreaturen […] Gott schmeckt sich selbst” [ebd.26]. Die zen-buddhistische Übung bestünde aber gerade darin, sich von jenem ‘ewigen Drängen’ frei zu machen (vgl. ebd. 29), was eigentlich – wenn dann – vielmehr zu einer Art Ethik in der Psychoanalyse passt. Die Gelâzenheit bei Meister Eckhart meint das Nicht-Wollen, aber vom eigenen Wollen lasse der Mensch wiederum zugunsten des Willen Gottes ab [vgl. ebd. 31]. Meister Eckhart will quasi den nackten Gott im Kleidhaus antreffen, ihn also in seiner reinen Substanz begegnen, im zen-Buddhismus wäre aber niemand im Kleidhaus. Leerheit ist nicht gleich Nacktheit (vgl. ebd. 31f) und es scheint also, ob auch Meister Eckhart etwas in ein Ideenkleid packt, womit ein Verweis zu Husserl gegeben ist. Die Sache mit dem Unbewussten ist so eine Sache.

Um Meister Eckhart als Philosophen und Theologen doch noch ein wenig gerecht zu werden: “Das christliche Leben bestand bei ihm nicht mehr in der Einhaltung äußerer Vorschriften und nicht in der Erwerbung eines jenseitigen Lohns für irdische Entbehrungen. Die Vorstellung einer Hierarchie im Himmel und auf der Erde war an den Rand des Bewußtseins gedrängt, wenn nicht förmlich verworfen. Die Frauen hörten, Gott habe Eva aus der Seite Adams geschaffen, um uns zu sagen, daß die Frau dem Mann gleich sei […] Die Vielzahl heilbringender Praktiken des Mittelalters – Wallfahrten, Prozessionen, Messenlesen – wurde bedeutungslos neben der Gottesgegenwart in der Seele” [Flasch 1994:179].

Alle Zitate ohne Angabe stammen aus dem Text Das „Unbewußte“ – die „mystische“ Seite des Rationalen? von Karl Heinz Witte
Byung-Chul Han: Philosophie des Zen-Buddhismus, Reclam Verlag Stuttgart, 2012
Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter, Reclam Verlag Stuttgart, 2006
Kurt Flasch: Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1994
Margit Rullmann: Philosophinnen, von der Antike bis zur Aufklärung, suhrkamp Taschenbuch Verlag, Zürich, Dortmund, 1993

 

Kurz noch: Mystik muss nicht bedeuten, dass jemand Visionen in Ekstase erlebt (versucht zu erleben). Hildegard von Bingen beispielsweise bezeichnete ihr Erleben, ihre Begegnungen mit Gott als wache Schau, ähnliches gilt für Meister Eckhart (vgl. hiefür Rullmann, 74)

Raster

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