Matrix

»ich möchte die festen grenzen verwischen die wir menschen, selbstsicher, um alles uns erreichbare zu ziehen geneigt sind. … ich will dartun, daß klein auch groß und groß auch klein ist, nur der standpunkt, vom dem aus wir urteilen, wird gewechselt und jeder begriff verliert seine gültigkeit. und alle menschengesetze verlieren ihre gültigkeit. ich möchte weiter den hinweis formen, daß es außer deiner und meiner anschauung und meinung, noch millionen und abermillionen berechtigter anderer anschauungen gibt, am liebsten würde ich der welt heute demonstrieren, wie sie eine biene, und morgen, wieder der mond sie sieht, und dann, wie viele andere geschöpfe sie sehen mögen. ich bin aber ein mensch, kann kraft meiner phantasie – wie gebunden auch – brücke sein. möchte das unmöglich scheinende möglich ahnen lassen. möchte reichere welt erleben helfen. um dieser, uns bekannten, dann gültiger verbunden sein zu können.«[Hannah Höch, 1929] 

 metamorphosen

Um jetzt nicht zu schnell vom Mittelalter ins Heute zu springen, also von Gott zum Phallus, könnte man..könnte man sagen, also langsam, noch ein Bißchen was von Damals und dem Prozess, durch den im Verlauf von Übersetzungen, zu Übersetzungen, Dinge verloren gehen, oder – verdrängt wurden: der Gottesbegriff und seine Dimension des Werdens. Also eine nomadische Vorstellung, die aber im Laufe der Zeit einer männlichen Dimension im Gottesbegriff gewichen ist [Ettinger 2007:210]. Verdrängt wurde? Beharren auf einem Dasein im Sinne von So-Sein, Gott als Vater, (Ohn)Mächtigkeit. Ein Zentrum, Zäsur, Logos. „…wodurch eine Kluft, ein Riß oder auch Zwischenraum innerhalb der symbolischen Ordnung entstand. Die tabuisierte Kategorie wurde zum blinden Fleck und führte zu dem, was heute im phallogozentrischen Denken als Regression, beziehungsweise als das primitive Archaische oder auch das Dynamisch-Erhabene, Synonyme für eine machtvolle und bedrohliche Weiblichkeit, bezeichnet wird [ebda]. Ein Verweis auf die Streitereien bezüglich der Trinitätslehre ist indirekt gegeben. Macht, Weisheit, Liebe. Wir leben in einer Welt, in der sich der Gedanke der Macht und deren Repräsentationen durchgesetzt hat? Flasch schreibt von der Durchsetzung des schulmäßigen Universitätsbetriebs und sich dadurch eine „didaktisch präparierte Durchschnittsscholastik breitmachte“ [Flasch 1994:181]. Anders-Denkende wurden ignoriert, verbannt, auch manchmal mit r, oder sie blieben Einzelgänger und arrangierten sich anderweitig. Flasch zählt hierzu Petrarca oder gewissermaßen Nikolaus von Kues, der aber das Glück hatte, mit dem Humanistenpapst per Du zu sein. Nikolaus von Kues schrieb das Buch „De docta ignorantia | die wissende Unwissenheit“[ebd. 181f]. Er wurde kritisiert, weil er zerstöre die Wissenschaft. Horror infiniti. Da wäre wieder das ‚Verbot‘ die Unendlichkeit zu denken. Bei Cusanus (so wurd er auch genannt) ist das Wissen ein Mittel rationaler Selbstbehauptung, ein Verfahren, mit dem sich eine an sich untergeordnete Funktion des Geistes (Verstand) die Prämissen ihres Vorgehens als die Struktur der Welt ausgab [ebd.182]. Aha.

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der dunkle, oder verlorene Kontinent scheinen durch. Sind und waren immer Gegenwärtig. Bei Freud dunkel, bei Lacan verloren und laut Ettinger komme man so schnell zu Lacans Objekt a, oder allgemein zu Objekt a, denn „Es ist die Lücke in der Kette der Signifikanten und markiert den Ort, der in der phallogozentrischen Sprache nicht zu fassen ist“ [Ettinger 2007: 212]. Alles, was nicht zu fassen ist, wird dennoch irgendwie definiert. Be-hauptet. Auch eine negative Definition, ist eine Definition. Fixierungen werden gezogen. Ein freies Gleiten von Bedeutungen im Bereich Welt, sich mit dieser in Beziehung zu setzen, unmöglich gemacht? Das etabliert ein Netz, das über so etwas wie Welt gelegt wird und man wundert sich, das es manche gibt, die sich schwer tun, sich mit ‚Realität‘ zu arrangieren. Und das tun manche vielleicht gerade aufgrund der vorherrschenden Diktate und Fixierungen. Manche. Vielleicht. Es gibt Fotografien, die Ettinger mehrmals überarbeitet, also immer wieder kopiert und übermalt „bis die scharfe Kontur so stark verschwimmt, daß die Bildgegenstände […] nur vage zu erkennen sind“ [214]. Bei Ettinger erfährt das Imaginäre, glaube ich, eine andere Interpretation, sie denkt es mehr als den Bereich, in dem nichts fixiert sein kann, oder so. Raum für mögliche Interpretaton(en). Das Symbolische wird eigentlich bei Lacan aufgrund des Begriffes Phallus als (einziger) ‚Zugang‘ hierzu, jeder anderen Möglichkeiten beraubt. Ettinger spricht von Passagen ins Symbolische. Interpretationsfreiheiten über die kein Netz voller Fixierungen gelegt werden muss. Zurück zum Foto: Bei Bildern sind wir schnell beim Sehen und beim matrixialen Blick, „der anders als der entweder separierende oder assimilierende phallische Blick ein with-in-difference as a becoming inter Other herstellt“ [216]. Das ist nicht nur Sehen, das ’spinnt‘ sich weiter ins Denken und selbst wenn das auf Beobachtetem fußen sollte, immer dort, wo etwas scheinbar nicht-Erfassbares, Unbekanntes, Unheimliches? auftritt. Bei Freud tritt das Unheimliche auf und wird verbannt in „den Code Essentialismus, Regression und Fundamentalismus“ [217]. Die Matrix, als etwas, dass verdrängt, verbannt wurde. Matrix, das heißt beispielsweise auch Gebärmutter, Mutterleib und in dem Sinne verwendet Ettinger diesen Begriff.

Metramorphose

Was mich immer irritiert, ist das Begriffe wie Metapher und Metonymie dem Unbewussten quasi als Bewegungen zum Grunde gelegt werden. Dem Unbewussten, das angeblich keine Differenzen und auch weder Raum noch Zeit kennt, also wohl auch nicht irgendwelchen fassbaren Bewegungen folgt? Ettinger kritisiert auch eben diese Unterstellung. Ich selbst ging immer davon aus, dass das Unbewusste sich zeigen kann, durch diese Bewegungen, durch so etwas. Was wiederum nahe liegen mag, aufgrund der Struktur in der wir leben, aber hier sind wir im Bereich des Begreifbaren, also redet man von Metaphern und Metonymien. Aber sind das vielleicht ’nur gegebene‘ Möglichkeiten, neben anderen? Witzig, wie gerade in einer Theorie (Psychoanalyse), in der von nicht Begreifbarem die Rede ist, das Ich, das nicht Herr im Hause sei et cetera und aber gleichzeitig Bestimmungen behauptet werden. Axiome. Also etwas, das nicht begründbar ist, aber dennoch bestimmt wird, irgendwie. Also innerhalb des Systems, aus dem heraus dieses Axiom postuliert wird – ist es wiederum nicht begründbar. Innerhalb eines Systems, in dem φ  das Eine, der Eine, also der Herr im universellen Hause sein soll? Ein Zirkelschluss tut sich auf.

„Es ist interessant festzustellen, daß sowohl Freud als auch Lacan später in ihrem Leben realisierten, daß sie über das Weibliche eigentlich nicht ‚viel wußten‘. Nachdem das Weibliche zunächst nur durch das Prisma des Phallus betrachtet worden war, wurde es für beide Analytiker allmählich zu einem Fragezeichen, während zur gleichen Zeit ihre früheren Theorien in der westlichen Kultur akzeptiert wurden“[ 375].

Alles nicht direkt Erfassbare, Verstehbare wird separiert oder assimliert, um einem Schock innerhalb der phallischen Ordnung zu entgehen [Ettinger 2007:217]. „Die Matrix stellt eine leichte Bewegung vom Phallus weg dar, eine zusätzliche symbolische Perspektive“ [Ettinger 1993:386]. Eine Perspektive tut sich auf, in der Gleichberechtigung und Relation Begriffe darstellen, gleichberechtigte Zugänge zum Symbolischen. Sie betont, dass – wie auch beim Begriff Phallus – der Begriff Matrix nichts mit der körperlichen Beschaffenheit .. zu schaffen hat. So versucht Ettinger die totalitär, fast schon dogmatische Gleichsetzung Phallus = Signifkant der Signifikanten = Symbol anzugehen [374], aufzulösen, von ihrer Fixiertheit zu befreien und vielleicht sogar wieder ein Gleiten zwischen Bedeutungen und ihren Verweisen und wiederum deren Compagnogns möglich zu machen? Ein Aha-Erlebnis, vielleicht für manche. Oder doch ein Schockerlebnis. Schnell weg damit. Wegreden, wegdenken oder assimilieren. Die Matrix ist bei ihr etwas, das für Vielfältigkeit steht, sie impliziere ein Subjekt/eine Subjektivität, die entweder plural oder partiell, gespalten, fragmentiert, aber nicht schizophren ist [ebd. 387]. Sie unterstreicht das Un-Einheitliche und nimmt diese sozusagen an, ohne ein Netz vermeintlicher Gewissheit drüber zu werfen. Da kommt dann wieder das Thema Frauen. Ettinger betont, dass sie Weiblichkeit und Frauen nicht synonym verwendet, und dennoch sind es bei ihr Frauen, zumindest wenn sie auf die psychoanalytische Theorie referiert, Frauen, die „einen doppelten Tod erleiden, „weil ihre Differenz im Anderen [der von Lacan erdachte] nicht repräsentiert ist. Es wird von ihr erwartet, daß sie ihre Identität und Subjektivität in einem Universum ausbildet, das selbst die Möglichkeit der Existenz eines nicht-phallischen symbolischen Universums verwirft“[ebd.,384]. Mit dem Verwerfen von Möglichkeiten, die anders als bekannte und/oder gewohnte sind, befinden wir uns also im quasi normal-phallischen Weltbild. Witzig, wie sie von Verwerfung schreibt. Ettinger ist sehr spannend und sehr entspannt. Mit Leichtigkeit ent-wirft sie Möglichkeiten. So ganz langsam werden andere Formen von ‚Bewusstsein‘ möglich. Ettinger formuliert ihre Idee, die Idee der Metramorphose als ein Bewusstsein, das kein Zentrum hat und wenn es ein Zentrum hat, gleitet es ständig zu den Rändern. Bei ihr bleibt der Phallus eine Möglichkeit, ohne andere zu verbannen.  „..der Phallus ist angemessen über das Eine zu handeln,
aber
die theoretische Annahme, daß sich alle Signifikantenketten auf einen Wert reduzieren lassen und daß jede Handlung in der Sprache eine Bedeutung hat und auf ein verlorenes oder mangelndes Objekt bezogen ist, ist ungerechtfertigt“[390].

 

Der Beitrag zu: Bracha Lichtenberg Ettinger –  Matrixiales Wandern, in. Regelwerk und Umgestaltung: nomadistische Denkweisen in der Kunstwahrnehmung nach 1945, Birgit Hähnel (Hg), Reimer Verlag, Berlin, 2007.  ebenfalls hieraus das Zitat von Hannah Höch, im (diesem) Original wurde auf Groß- und Kleinschreibung verzichtet, was eventuell beim Lesen schon eine Art Bewegung im Lesen auslösen kann. Außerdem weiß ich nicht, ob das nun ein Beitrag von Ettinger oder ein Beitrag zu Ettinger ist.

Bracha Lichtenberg Ettinger: Matrix und Metramorphose, in: Denkräume zwischen Kunst und Wissenschaft / 5. Kunsthistorikerinnentagung in Hamburg [1991], Silvia Baumgart (Hg), Reimer Verlag, Berlin, 1993

Kurt Flasch: Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1994

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