Löcher und Linien, Ordnung und Gebiet

Loch ist immer gut. Sagt Kurt Tucholsky. Denn ohne Loch, gäbe es keine Philosophie und auch keine Religion. Wobei diese das Loch nicht per se gut machen, es sind Auswirkungen oder Gegebenheiten desselben. Auch die Maus könnte nicht ohne es leben. So quasi. Warum gibt es keine halben Löcher? Was genau ist ein horror vacui? Angst vor dem Nicht, davonlaufend vor was, dem Nichts? Angst vor vielmehr als Nichts, dem Unbestimmten? Oder ist das schon Nichts. Fallen stellen. Alles außerhalb der Ordnung, alles am Rand? Alles, was manche als Dunkel bezeichnen? Manchmal tun sich in Städten Löcher auf. Im Sinne davon, dass der Boden nachgibt. Aber das Loch hat dann einen Grund, also wiederum einen Boden. Würde eine analytische Kur nicht eigentlich das zur eigentlichen überhaupt machen, ohne zeitlichen Rahmen und sonstige Versicherungen an Gegenwärtigkeit. Wo es doch um etwas ohne Präsens geht. Das bodenlose Fallenlassen. Angst haben, nein es gibt keinen Grund

 

“Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs… festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne”

 

Wenn den Molekülen im Loch festlig würde, dann wäre das Loch wiederum etwas ohne Schwindel. Wäre ein Loch dann wiederum doch so was wie Boden, Boden ohne die Bestimmung Boden zu sein. Oder wäre es trotzdem leer, ist ein Loch leer? In einem netten Blog, Tortuga (der hier is natürlich auch nett, aber Hallöchen) wird Loch bezeichnet als umbauter Raum. Da wird dann Raum getrennt, konstituiert und es werden Grenzen gezogen. Ist ein leerer Raum ein Loch? Wäre ein leeres Zimmer dann etwas lochartiges?
“Selbst ein Fluss oder eine Bergkette sind zunächst Fluss oder Bergkette, ehe sie Grenze sind. Doch es sind genau ihre symbolischen Repräsentationen, die die Grenze tragen und somit vollziehen”. Tun sie das? Tun wir das? Ein Fluß zieht sich durch ein Gebiet, eine Gegend und grenzt nichts ab. Er nährt die Umgebung, die Flora und Fauna der Gebiete haben Anteil und sind vielleicht auch mit diesem Fluß, er ist Teil des Gebietes und nicht nur… mh ..Linie?

Farkas Molnár: Project for a single-family house, Bauhaus Weimar, 1922

Farkas Molnár:
Project for a single-family house,
Bauhaus Weimar, 1922

Ja, so ganz ohne Linie geht´s auch nicht, so rein optisch..betrachtet. Und auch sonst so vielleicht. Andere und Wir, Ich und die Anderen, Fremdes und Eigenes. Und dafür immer eine Grenze. Fern-ab von jedem Gefühl von Relation. Als ob man nicht dies und das ist, aufgrund der Relation. Als würde nur durch die Markierung und Grenze Sinn entstehen. Verstehenszwang. Philoepisteme. Wiederholung. Zurück. Von Vorne. Linien sind ja nicht per se schlimm. Die Linien da oben sind ja durchaus schön. Schauen Sie nach oben, an ihre Decke, an die Linie zwischen Decke und Wand. Flächen und Linien. Falls Sie nun in einem Alt-Altbau wohnen, gibt es vielleicht keine Linien, sondern diese sind eher abgerundet. Somit wäre ihre Wohnung keine Etwas-Leute-Wohnung sondern eine Loch-Leute-Wohnung? Das hat mit Ihnen nicht zwangsläufig zu tun.

Zur Ordnung!

Der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes (sagt Der Grosse). Der Untersetzte entgegnet unter Anderem, dass der Mensch doch notwendig sei für den Paß. Aber die Pässe gibt´s hauptsächlich wegen der Ordnung (sagt der Grosse, der sich vorstellt als “Ziffel”). Weil, “Nehmen wir an, Sie und ich liefen herum ohne Bescheinigung, wer wir sind, so daß man uns nicht finden kann, wenn wir abgeschoben werden sollen, das wär keine Ordnung. Sie haben vorhin von einem Chirurgen gesprochen [einer, der den Kranken braucht, um überhaupt..]. Die Chirurgie geht nur, weil der Chirurg weiß, wo z.B. der Blinddarm sich aufhält im Körper. Wenn er ohne Wissen des Chirurgen wegziehen könnte, in den Kopf oder das Knie, würd die Entfernung Schwierigkeiten bereiten” (Be.Brecht: Nachlass). Löcher stören die Ordnung. Solche Leerstellen, nein, das geht nicht. Da könnt ja jemand hineinfallen und nie wieder herauskommen. Dinge könnten verloren gehen. Wo beginnt ein Loch, gehört der Rand noch dazu, das Drumherum, macht dies auch das Loch irgendwie aus? Die Form? Der Bezugs-Rahmen, wo manchen dann schwindelig wird?

 

“Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon”

Was ist mit Loch Ness. Scheinbar leitet sich Loch her von Schluss, Verschluss, luka-n. Und was ist ein Seelenloch? Das Auge, die Perspektive (hier ein Hinweis auf den Film Strange Days, Regie: Kathryn Bigelow, passend zum Jahreswechsel), das Sehen, das verweißt auf, eine Leerstelle? Tut es das? In Schottland meint Loch allerdings See oder Lagune, scheinbar. Wobei Gewässer, die tiefen Gewässer für viele dunkel erscheinen und da ist dann wieder das mit der Angst vor diesen Dunklen … Sachen. Die füllt man dann auf, mit irgendwas, was zu einem selbst recht genehm passt. Das würden Etwas-Leute tun. Andere tun das, was Etwas-Leute tun, sagen aber dann doch auch, was sie eigentlich nicht viel wissen. Also sind das dann Etwas-Leute, die am Rand stehen, ohne das ihnen schwindelig wird?

Der großartige Kurt Tucholsky: Zur soziologischen Psychologie der Löcher: u.a. hier nachzulesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1185/7
Bertolt Brecht: Über Pässe/Über Ebenbürdigkeit von Bier und Zigarre/Über die Ordnungsliebe, in: Die Fünfziger Jahre, Suhrkamp Lesebuch, Frankfurt a.M., 1990

 

ArtfulChristmas

 

Sodann: auf nette, ruhige oder spannende oder entspannte, genussvolle Feiertage. Cheers.

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