Katze!

 

Als ein Kater zu sprechen begann

Meinem Umfeld wurden zwei Katzen – genauer – zwei Kater – zuteil, die anfangs enorm verschüchtert waren. Aufgewachsen in einem Zwinger, nachdem sie aus einer Mülltonne gefischt wurden und bei einem pragmatischen Tierarzt abgegeben wurden. So die mir überlieferte Geschichte, als sie mit wahrscheinlich sechs Monaten bei mir einzogen. Der eine, der erst spät zu sprechen begann, war von Anfang an schüchtern und bewegte sich vor allem entlang der Abwesenheit, also für mich kaum sichtbar. Weder hörte ich ihn, noch sah ich ihn. Interessanterweise sind seine Bewegungen dieselben wie die seines Sprechens. Körper und Sprache, ein weites Feld. Das Feld zwischen Bild und Begriff. Bild1 bei einer Katze wohl weniger prekär. Wobei vor allem dieser Kater mich fragmentiert wahrnimmt. Meine Hände mag er inzwischen, meinen Kopf hat er inzwischen als dazugehörig erfasst und ebenfalls als sympathisch abgelegt. Meine Füße, die sind ihm suspekt.

Zurück zu seinem Sprechen. Nicht, das Sie nun denken, er spricht im Sinne von unserer Sprache. Er begann irgendwann zu miauen und das tat er etwa die ersten zwei Jahre lang eben nicht. Stumm war er.
Betrachten wir Sprechen mal nur als einen Akt des sich Äußerns, oder ein Akt des sich Ver-Äußerns. Mit einem Laut lasse ich etwas aus mir heraustreten und übergeben es somit meiner mich umgebenden Umwelt. Zum Feld des Sprechens gehört der Körper, der Körper der Sprechenden. Dieser bewegte sich bei besagtem Kater, als er die ersten Töne von sich gab, ebenso unsicher wie sein Sprechen, immer auf der Hut. Vorsichtig bewegt er sich, ein leichtes Kauern, fortwährend zur Flucht bereit. Seine ersten Verlautbarungen hatten ebenfalls eine Art Ducken und waren zur Flucht bereit. Ein vorsichtiges Miau und hier folgend genau durch eben dieses ein erschrecktes Um-sich-Schauen, vorsichtig gewahr werdend, was da wohl passieren könnte. Was passiert mit dem, was verursacht wohl dieses – sich Veräußern, diese Verlautbarung. Aber horch! der Kater, der miauet2! In die Sprache eintreten bedeutet zunächst in Sprache baden und baden bedeutet bewegen oder sich bewegen lassen. Wir sollten öfter baden. Unvoreingenommen, frei schwebend. Jemanden und Etwas zur Sprache kommen lassen (zu können), kein Nachbeten, kein blindes Gehorchen, kein Diktat. Sprechen lassen. Sprache und Körper. Es klingt wahrlich blöd, aber an diesem Kater konnte man tatsächlich beobachten, wie sein ins Sprechen kommen seine Art, sich zu bewegen verändert hat. Ein Prozess, der Hand in Hand geht. Und das hat wohl weniger mit Sehen und Sichtbar zu tun, als man meinen könnte.

tierisch

Wie sehr sind Körper und Sprache miteinander verwoben und welche Art Körperbild könnte sich bei Tieren etablieren, auf das es sie sprechen macht, also in (ihre) Sprache eintreten lässt? Befinden wir uns in einem Bereich körperloser Sprache? Drückt sich in tierischer Sprache ein Anspruch oder ein Bedürfnis aus, aber kein Begehren? Ohne Bild (im weitesten Sinne) kein Begehren? Sind wir im Grunde arme Hunde, die ein Streben im Sinne eines Begehrens nur entwickeln aufgrund visueller Eindrücke? Das würde wiederum bedeuten, dass blind geborene Menschen ein Begehren im gängigen Sinne nicht etablieren. Tun sie das aber doch? Somit eine Vermutung: Also ist es vielleicht doch der familiare Kontext, wie auch immer dieser gestaltet ist, der ein Begehren etabliert? Sehen, Sprechen. Vorstellen. Jenseits des Sehens. Oder doch arme Hunde? Was bedeutet Mensch sein? Auf diese Frage zurückgeworfen findet man sich, sobald man die Frage stellt, was Tier sein bedeuten könnte. Das ergibt sich jedenfalls jeweilig hier jetzt durch das Schreiben über das Sprechen. Vielleicht, wahrscheinlich nicht. Sprechen bedeutet, sich Raum zu verschaffen. Ebenso wie Körper-Sein an das, was auch immer Raum sein kann, gebunden ist oder dieses Gefüge etabliert. Weniger Sehen ist einfach Mehr. Sowas.

 

 

1 Das mit dem Feld zwischen Bild und Begriff entstammt F. Juliens „China und die Psychoanalyse“, Turia + Kant, Wien, 2013. Eine eigentlich gute Einführung in die Philosophien Chinas, dennoch würde ich eher Ames empfehlen. Die Passagen hin zur Psychoanalyse sind in dem Buch manchmal etwas holprig, aber das soll hier nicht Thema sein.
2 Dieser Satz ist eine Paraphrase von Johann G. Herders Suche nach dem Ursprung der Sprache in seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache, Reclam Verlag Stuttgart, 1997
Er heißt im Übrigen Puma und sein Bruder heißt Bravo, der es sich wesentlich leichter tat in die Sprache einzutreten. Bei ihm überwog vielleicht die Neugier. 
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