χάος-mose

Guattari u Heisenberg

Wenn man von Deleuze spricht, ist Guattari irgendwie meistens mit-gemeint. Wenn man mit oder zu Guattari arbeiten will, fragt man sich irgendwann, welche Richtungen eher zu Guattari weisen und welche eher zu Deleuze. Ist es gerechtfertigt, etwas allein zu und mit Guattari auszuarbeiten anhand des Buches Was ist Philosophie?, quasi davon ausgehend auf Guattari zu schließen. Von Guattari selbst sind nur wenige (übersetzte) Monographien erhältlich. “In der ‘Ehe’ mit Deleuze hat er Deleuze viel beigebracht, aber er hat nicht viel davon profitiert. Das ist keine Kritik an Deleuze. Aber seine eigenen Bücher, die Bücher, für die er alleine zeichnete, sind nicht sehr gut aufgenommen worden” sagt Paul Virilio in einem Gespräch über Félix Guattari.

In Was ist Philosophie? lernt man, dass Guattari und Deleuze bei der Wellenbewegung selbst ansetzen, im Wellengang, sich ins Wasser begebend, sozusagen. Lacan beginnt dort, wo es glitzert. Der Wellengang, die Bewegungen selbst sind bereits eine Ordnung, die sich stiftet. Chaotische Ordnung. Das bloße Chaos selbst ist etwas anderes. Es findet sich völlig hierarchie-freies Denken. Das schlägt sich bei Guattari u.a nieder im Begriff der Transversalität. Bei Bracha L. Ettinger etabliert sich neben dem Signifikanten die Passage, als weitere Möglichkeit zum Eintreten, zum Werden in der Symbolischen Ordnung. Mit Guattari und Deleuze wird all dies obsolet, da das Werden selbst schon Möglichkeit, Bewegung ist. Jedes Werden ist schon hier, es ist schon eingetreten. Langsam wird mir klar, warum für diese beiden der Signifikant ein despotischer Agent ist. Aber vielleicht kollidieren nur verschiedene Interpretationen. Andererseits ähneln die Definitionen zu dem Signifikanten sehr den Definitionen ‘des Einen’. Nach dem Einen, kam Gott. Aus dem Heute ein fragmentarisches Paradigma wird und wurde. Bei Freud löste sich alles viel mehr auf. Gott wurde unbewusst? Gott ist tot, es lebe der Signifikant. Nein, eine Struktur, wie sie sich bei Gott, dem Einen, dem Signifikanten findet, löst sich bei Freud auf. Oder verschiebt sich es auf den Trieb und somit zu dualistischen oder monotheistischen Anschauungen? Ähnelt wiederum der Elternimago. Eins, ..Zwei! ..Drei?! Wobei Ähnlichkeit nichts darstellen sollte, entlang dessen Überlegungen folge(r)n sollten.

Paradigma. Wird meist verwendet und gedacht als Weltanschauung, als etwas Grundsätzliches. Heisenberg aber denkt Paradigma als Möglichkeit(en). Schön ist der Abschnitt über den Begriff Berührung (von Oberflächen), denn der Begriff Berührung kann nicht “mit vollständiger Genauigkeit” definiert werden, trotz der hohen Genauigkeit der euklidischen Geometrie. Auf diese bezieht sich auch Bion, um zu veranschaulichen, weshalb die Psychoanalyse keine Notwendigkeit habe, die Strukturen einer psychoanalytischen Kur messbar machen zu müssen, aber dazu an anderer Stelle. Interessant sind die Verknüpfungen von Philosophie und Physik. Virilio betont diese hier und da.

Zurück zu Guattari. Chaotische Ordnung war eine Art Stichwort. “Die guattarische Subjektivität ist durch eine chaotische Ordnung bestimmt, und nicht mehr, wie es für die Strukturalisten der Fall war, durch die Erforschung eines unter den alltäglichen Institutionen versteckten Kosmos” meint Nicolas Bourriaud.  Polyphonie, als rohe Form der Subjektivität, Polyvozität zugunsten einer unfruchtbaren, verdinglichten Zerstückelung. Zusammensetzung. Psychoanalytische Kur, spricht Guattari von Therapie? als Resingularisierung. Subjektivität kennt keine (vorherrschende) Determinationsinstanz. Sehr interessant sind Guattaris Gedanken zur Ästhetik, oder vielmehr was er daraus macht, die “Gesamtheit der Wissenschaften […] von einem ästhetischen Paradigma neu zu modellieren”. Guattari und Deleuze waren glaub ich, beide agierend im Sinne des Konstruktivismus. Relatives und Absolutes gemeinsam. Das Relative als Absolutes.

Ritornell

Plurale Subjektivität wird durch das, was sie sieht, ritornellisiert. “Sie klammert sich fest und wird zum Vorboten der Konstituierung eines existenziellen Territoriums”. Das bezieht sich auf ästhetische Wahrnehmungen. Gesehenes (Wahrgenommenes?) wird zum “Attraktor im Inneren des Empfindungs- und Bedeutungschaos”. Guattari bezieht sich hier eher auf Kunst-Erleben (aber darüber zugleich hinausgehend). Etwa so, “wie mehrere Lichtstrahler sich in einem Bündel anordnen, um einen einzigen Punkt zu erhellen”. Das Gegenteil dieser Verdichtung .. wäre die Neurose, “in der das Ritornell, das durch seine Flüssigkeit gekennzeichnet ist, sich im Zwang verhärtet; aber auch die Psychose, die die Persönlichkeit implodieren läßt”.

“Die einzige akzeptierbare Zielbestimmung der menschlichen Aktivitäten ist die Produktion einer in kontinuierlicher Weise seinen Bezug zur Welt selbstbereichernden Subjektivität”. Die Ströme haben Vorrang vor den Kategorien.

Paul Virilio: Trajektivität und Transversalität, Ein Gespräch über Félix Guattari
Nicolas Bourriaud: Das ästhetische Paradigma (er bezieht sich hauptsächlich auf Chaosmose und Die drei Ökologien)
in: Ästhetik und Maschinismus – Texte zu und von Félix Guattari, Merve Verlag Berlin

Fernando Ramos

Fernando Ramos

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