Zhuāngzǐ

Wach auf, wach doch auf,
Komm und sei mein Gefährte –
Schmetterling! [Bashô]

Ōgata Kōrin (1657-1716)

Ōgata Kōrin (1657-1716)

“Was für ein Baum ist das! Der hat gewiß ganz besonderes Holz” Er blickte nach oben, da bemerkte er, daß seine Zweige krumm und knorrig waren, so daß sich keine Balken daraus machen ließen. Er blickte nach unten und bemerkte, daß seine großen Wurzeln nach allen Seiten auseinandergingen, so daß sich keine Särge daraus machen ließen […] “Das ist wirklich ein Baum, aus dem sich nichts machen läßt. Dadurch hat er seine Größe erreicht. Oh, das ist der Grund, warum der Mensch des Geistes unbrauchbar für das Leben ist” [Buch IV, 5. Der knorrige Baum]

Des Himmels Sinn ist, seine Kreise zu vollenden und nirgends sich zu stauen; darum kommen alle Geschöpfe zustande. […]
Seine eigene Taten sind unbewußt. Alles ist still in ihm. Ist das Wasser stille, so spiegelt es jedes Härchen. Die Wasserwaage nimmt der kundige Handwerker zur Richtung. Ist also stilles Wasser klar, wieviel mehr der Geist! Das Herz des Berufenen ist stille; darum ist er der Spiegel von Himmel und Erde… [Buch XIII, 1. Nicht haften]

Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie einen Spiegel. Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen; er spiegelt sie wider, aber hält sie nicht fest. Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet. Er ist nicht Sklave seines Ruhms; er hegt nicht Pläne; er gibt sich nicht ab mit den Geschäften; er ist nicht Herr des Erkennens. Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich und weilt jenseits des Ichs
[Buch VII, Der Spiegel des Herzens]

WÚ LÌ (ca. 1632-1718)

WÚ LÌ (ca. 1632-1718)

[…] In allerhand Moralvorschriften Bescheid wissen und sie anwenden, ist ebenfalls etwas, das von außen her dem menschlichen Gefühlsleben hinzugefügt wird und nicht den Kern von Sinn und Leben trifft […]
Überflüssige Pflege logischer Spitzfindigkeiten führt zu nichts weiter, als daß man (seine Beweise) wie Dachziegel aufeinanderschiebt oder wie Stricke zusammenbindet, daß man sich an seinen Sätzen verklausuliert und sich ergötzt an leeren begrifflichen Unterscheidungen […] Das sind alles Methoden, so überflüssig wie Schwimmhäute und sechste Finger, und nicht geeignet, als Richtmaß der Welt zu dienen […] Das Lange ist für diesen Standpunkt nicht überflüssig, das Kurze nicht ungenügend. Die Beine einer Ente sind wohl kurz; wollte man sie strecken, so täte es ihr weh. Die Beine eines Kranichs sind wohl lang; wollte man sie kürzen, so empfände er Schmerz. Darum: was von Natur lang ist, soll man nicht kürzen; was von Natur kurz ist, soll man nicht strecken. Dann gibt es keinen Schmerz, den man beseitigen müsste. Ach, wie widerspricht doch die Moral der menschlichen Natur. […]

Die moralischen Menschen von heutzutage jammern blinzelnden Auges über die Leiden der Welt. Die unmoralischen Menschen verkümmern den tatsächlichen Zustand ihrer Natur und gieren nach Ehre und Reichtum. […]
Wer mit Haken und Richtschnur, mit Zirkel und Richtscheit die Leute recht machen will, der verkümmert ihre Natur; wer mit Stricken und Bändern, mit Leim und Kleister sie festigen will, der vergewaltigt ihr Wesen; wer Umgangsformen und Musik zurechtzimmert, um die Moral dadurch aufzuschmücken und so dem Herzen der Welt Trost zu spenden, der zerstört ihre ewigen Gesetze. Es gibt ewige Gesetze in der Welt, und was nach diesen ewigen Gesetzen krumm ist, das ist nicht durch einen Haken so geworden; was rund ist, ist nicht durch das Richtscheit so geworden. Die Vereinigung des Getrennten bedarf nicht des Leims und des Kleisters, und die Verbindung bedarf nicht Strick noch Schlinge. Die gegenseitige Anziehung auf Erden entsteht, ohne zu wissen, warum sie entsteht.
[Buch VIII, Schwimmhäute zwischen den Zehen, Wider die Kultur I]

Die Passagen stammen, bis auf jene von Bashô, aus dem wahren Buch vom südlichen Blütenland von Dschuang Dsi (die Übersetzung stammt von Richard Wilhelm und ist im Diederichs Verlag erschienen)

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