entschieden Unentschieden

„Die Illusion der Phantasie ist die Wirklichkeit der Kultur[1]

Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit. Lebendigkeit der Welt. Möglichkeiten, Unentschieden. Wir denken. Strukturieren und ordnen. ζῷον λόγον ἔχον. Gerne übersetzt mit vernunftbegabtes Wesen, der Mensch der den Logos hat. Der Verstand bildet gerne einen leichten Übergang[2]. Manche zweifeln an dieser Übersetzung. Der Mensch ist jener, der definiert. Der Übergang zu vernunftbegabt, durchaus fragwürdig. Bedürfnissbefriedigung undoder: Fixierungen, um orientiert zu sein. Morsche Koordinaten.

Alfred Kubin, 1901

„Die Kluft zwischen den Prinzipen des Verstandes und dem neuen Bereich, in dem die Phantasie sie zur Anwendung bringt, muß geschlossen werden“[3]. Das ist die Kluft. Die wir nicht sehen wollen, oder können? Wir produzieren etwas, oder halten uns an Dinge, die produziert wurden, reproduzieren, recodieren. Wir entdecken nichts. Wir wissen… Zeug. Wir sammeln, stapeln, türmen auf und archivieren das, was produziert wurde und sich weiter produziert und recodiert, manchmal neu codiert[4]. Wir meinen zu erkennen und zu wissen, dank vermögens der Einbildungskraft. Kurz gesagt, ein leichter Übergang. Wir wollen nicht erkennen, dass wir nichts erkennen. Auf einmal wäre nämlich sehr vieles sehr banal. Alles sind lediglich Diskurse, die sich heben und senken, sich manchmal behaupten wollen, einige reißen viele mit sich, einige andere weniger.

Wir Menschen, die Ich sagen. Wir sind Diskurse und gleichzeitig Singularitäten? „Die Vorstellung oder vielmehr der Eindruck des Ich hält den Geist fest[5]. Die Idee des Subjekts, das gebarrte Subjekt. „Die Fläche der Leinwand und die angrenzenden Flächen. Die Vergangenheit, die Zukunft, auf Kosten der Gegenwart […] Die Mauer taucht wieder auf. Der Standort des Bewußtseins bildet sich wieder am Gegenstand[6]. Ein Subjekt, das aus Delta resultiere, dabei sind wir Delta, sind immer Verhältnismäßigkeiten. Der Graph könnte von ∞ zu Δ verlaufen. Weniger Gewalt.

Realität. Was ist das für ein Begriff, was soll er umfassen. Macht eine Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit Sinn? Wir werden affiziert von Wirklichkeiten und konstruieren Realitäten. Unsere Körper werden affiziert, die Einbildungskraft assoziiert, setzt zusammen, teilt. Schemata, die leichte Übergänge gewährleisten. Möglich machen. Aber eigentlich: Unentschieden.

Wo höre ich auf, wo beginnt das andere? Wo beginnt anderes, wo höre ich auf? Etwas schließen, aber fließend. Also nicht schließen. Linie werden, Falte werden? Man sagt ja nicht von ungefähr, dass sich etwas entfaltet. Sich entfalten, auffalten. Das ist wie atmen. Wellenbewegungen und Verzweigungen. Es ist eigentlich kein Schließen. Weil es kein Innen gibt, kein Außen. Das sind Begriffe, die sicherlich gut umschreiben. Innen ist nichts und Außen sind Realitäten. Und das sind viele Ideen, ein Netz aus Ideen, aber doch nur Ideen. Bewegungen hier, Bewegungen dort. Und irgendwann und irgendwie faltet sich eine Art Band. Dieses Ding, wo es auch kein Innen und Außen gibt. Das Band ist Ich, würde aber nie Ich sagen[7]. Ich ist eine Idee, ein Gefühl. Es ist Koordinate, die sich aber bewegt, die fortgerissen, getragen wird von den Wellen. Etwas, das sich immer wieder beugt, auffaltet, schmiegt und fließt, ein unendliches Spiel inmitten von Verhältnismäßigkeiten. Schöne Bewegungen, inmitten unserer Trivialitäten.

 

 

[1] Deleuze, Hume: S.66

[2] Deleuze, Hume: S. 13 [und voll interessant: das Denken als Schwachstromtechnik (Releaux), beispielsweise bei Schäffner „Technologien des Unbewussten“ (was in den Beschreibungen scheinbar fehlt, sind die Widerstände, überaus interessant würden jene Überlegungen evtl. durch das Hinzutun von regelbaren Widerständen)

[3] Deleuze, Hume, S. 66

[4] Vgl. hierfür Stuart Hall „Das Spektakel des Anderen

[5] Deleuze, Hume: S. 67 und Hume Traktat über die menschliche Natur II, 49

[6] Paul Valéry: Werke I, S. 457

[7] Man denke an den wunderbaren Monsieur Rhizom (schreibt Eva Erdmann), namentlich Paul Valéry und seinen Teste? Auch Agamben dachte daran in „Das Ich, das Auge, die Stimme“

“Monsieur Teste war vielleicht vierzigjährig. Seine Sprechweise war außergewöhnlich rasch und seine Stimme klanglos. Alles an ihm trat zurück. Augen wie Hände. Er hatte indessen soldatische Schultern, und sein Schritt war von einer Regelmäßigkeit, die verblüffte. Sprach er, so erhob er nie den Arm oder nur den Finger: er hatte die Marionette getötet. Er lächelte nicht, sagte weder guten Tag noch guten Abend; er schien das ‘Wie geht es Ihnen?’ nicht zu hören” [Valéry, Werke I, S. 308]

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