Deleuze, Die Psychoanalyse

 

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Man kennt sie, die Abneigung gegen den Apparat der Psychoanalyse von Deleuze und Guattari. Oft genug haben sie es erläutert, ihre Kritik ausgefächert. Oftmals zurecht, ist der Gebrauch dieser Theorie doch manchmal ein dogmatischer, pathologisierender oder einfältiger, in dem die Welt aus den Anständigen und den Unanständigen bestehe und die Unanständigen seien daher unanständig, weil sie durch dieses Verhalten ja eigentlich etwas verdrängen. Ein Hin- und Herschlichten von Ideen, die auf Stereotypen (Mann, Frau, gesund, krank,..) und Konvention (Familienroman, gesund, krank,..) aufbauen, ganz nach dem Motto Karl Kraus Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. Die Reduktion von allen erdenklichen Ereignissen auf die Schablone des Familienromans ist ein Hauptpunkt der Kritik. Sie zielt vor allem auf die symbolische Gewalt in der Psa ab und hinzu kommen weitere Dinge, die hier sozusagen nach dem Katholizismus eine neue Maske gefunden haben, also vor allem auch die Seite der normativen Macht, die Psychoanalyse und Psychiatrie ausüben (können), von der sie ein Teil sind. Hätte Freud seine Texte als kulturwissenschaftliche verkauft, wäre er beim Beschreiben und Analysieren geblieben, ohne hieraus eine Praxis zu machen, oder zumindest weniger Focus auf der Praxis und Anerkennung seiner Kreise, wäre er vielleicht ganz und gar einer der großen Aufklärer geworden.

Die Psychoanalyse gibt es eigentlich nicht. Es sind zu viele Schulen und Strömungen, als das man eine Kritik an „der Psychoanalyse“ formen könnte und selbst innerhalb einer Schule werden wiederum die jeweiligen Theorien auf verschiedenste Weisen ausgelegt. So ließt sich ‚heutzutage‘ die Kritik so, als wäre sie bereits 100 Jahre alt. Findet sich heute sogar queere Psychoanalyse, die -nun wirklich- versucht, hinter die Fassaden der Heterosexualität und ihrer stereotypen Muster zu kommen, aufzudecken und aufzuklären. Und es ist wiederum die traditionelle Psa, die die Ideen hierfür hat – nur nutzen tun diese scheinbar meist die, die gar nicht an der Infragestellung von irgendetwas interessiert sind, schon gar nicht bezüglich der Heterosexualität (ist es nicht meist die eigene Sexualität, die Heterosexualität, also ein zu heißes Eisen). Ich fragte mich oft, wie die Ausbildung aussieht und merkte dann bald, warum die Sachen so sind, wie sind. In der Ausbildung wird weder eine sensible Herangehensweise an solche Themen praktiziert, noch wird Aufklärung betrieben. Die Anbieter der Ausbildung mögen sich vlt geringfügig unterscheiden, das Curriculum ist dasselbe. Außerdem erhält man keine Bildung in Sachen Realität, Wahrnehmung, Denken, sondern lernt brav das Gegebene, denn genau das wird abgeprüft und nach kurzer Zeit schmeißt man das Ganze hin, es ist ohnehin nicht leistbar. Dinge, wie „die gleichschwebende Aufmerksamkeit“ können nicht erlernt werden, das ist klar. Es bringt auch nichts, darüber zu reden, es ein bißchen zu thematisieren. Eine strengere Ausbildung, die vor allem das eigene Realitätskonzept gänzlich umwirft und man könnte vielleicht sogar sagen, eine Art Bewusstseinsveränderung erwirkt, ist von Nöten.

[Und, Nachtrag: „Lacan bot in seiner Schule die passe an, um die Frage, was Psychoanalytiker legitimiert, an die Kandidaten zurückzuverweisen. Es liege an ihnen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, Analysanten zu empfangen. Eine Delegierung dieser Verantwortung auf Institutionen, Ausbildungsregeln und Lehranalytiker lehnte er ab. Anstelle von staatlich garantierten Zertifikaten steht der Laienanalytiker vor der schwierigeren Aufgabe, sich selbst zu autorisieren“ Wunderblog]

Noch einmal zu Deleuze und Guattari, sie nennen den Marxismus und die Psychoanalyse als zwei Bürokratien. Freud und Marx werden oft gemeinsam genannt, meist um zu betonen, dass Nietzsche nicht in diese Kette gehört. Die Bürokratie und ihre Codierung zeichnen sich aus durch das Gesetz, den Vertrag und die Institution. Alle drei finden sich in der Psychoanalyse. Die Codierung ist auch Teil der Interpretationen, der Familienroman ist die Vorlage, wiederum die Interpretation die Kopie, der Abzug. Der Vertrag lautet „Gib mir deine Erlebnisse, und ich gebe dir Phantasmen dafür“[1]. Dass die Psa Theorie selbst hier und dort ein durchaus phantasmatisches (neurotisches) Produkt ist, wird wohl selbst von AnalytikerInnen nicht bestritten und der Deutungsfanatismus wurde bereits zu Freuds Zeiten kritisiert. Für Deleuze ausschlaggebend ist aber, dass Momente kämen, die überhaupt keine Interpretation mehr zuließen. Momente, die Solidarität verlangen, Teilnahme, „man muß es wagen und an seinem Zustand teilhaben“[2], denn es steht im Hintergrund eine Beziehung jenseits von Vertrag und Institution. Teilhabe bedeutet aber auch, Wissen aufzugeben, gleichschwebend beim, mit dem anderen zu sein. Winnicott ist somit einer der Analytiker, die Deleuze von seiner Kritik eher ausnimmt, da dieser sich jener Teilhabe bewusst gewesen sei[3].

So what?

Das Unbewusste wurde postuliert, Freud ging fast so weit, zu erfassen, dass es der Verstand ist, der im Traum arbeitet, der den Traum ‚macht‘, als er die Traumdeutung schrieb. Foucault schrieb über das erste Traumbuch, das Artemidor geschrieben hat. Deleuze und Guattari schrieben, nicht mehr von der Psa zu schreiben.

Die Psa ist ein Diskurs, man könnte sagen, ein solcher, in dem etwas kulminiert, das sich seit über 2000 Jahren durch die europäische Denktradition zieht. Das Uneinholbare einholen wollen. In die Tiefen des Seins streben, aber doch allzu oft in transzedenten Höhen verbleibend. Aber das ist die Krux des Denkens, es verschleiert seine Wege. Es wird etwas als Unbewusstes benannt. Es stellt das Uneinholbare dar. Gott ist tot, er wurde Unbewusst? Seit so langer Zeit verschiebt sich etwas, wird in jedem Jahrhundert neu benannt und positioniert. Dieses Etwas rückte nun endgültig mit der Psa Theorie in die Menschen hinein und verlor seine allgemeine Wirkungsmacht, gewann dafür eine intraindividuelle. Mit der Idee des Unbewussten bewegen wir uns näher an das Denken im Eigentlichen heran, an die Tätigkeit des Verstandes. Man kann gespannt bleiben, wie es mit den Jahrzehnten weitergehen wird. Lacan und Freud werden in gut 150 bis 200 Jahren ebenso gelesen werden, wie Foucault Artemidor gelesen hat. Falls das dann noch jemanden interessiert, versteht sich. Denn sterblich sind wir, früher oder später auch unsere Gedanken.

 

 

[1] Deleuze, 2003: Nomaden-Denken in: Die einsame Insel, Suhrkamp, S. 370 oder in Nietzsche – Ein Lesebuch

[2] ebda

[3] ebda

Weitere Texte zur Kritik an der Psa von Seiten Deleuze/Guattari: Rhizom, Fünf Thesen über die Psychoanalyse, Anti-Ödipus und einige Interviews

 

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2 Responses to Deleuze, Die Psychoanalyse

  1. Janina Nnielebock says:

    Interessant, aber leider nicht differenziert genug. Die Wichtigkeit der Beziehung wird wohl kaum ein guter PA in Frage stellen. Die Gefühlsebene und die Anteilnahme wird natürlich beachtet. Zur Ausbildung gehört die eigene Analyse. Gefühlsfreilegung geht vor Deutungswahn. Das Geheimnis der PA ist, dass es völlig egal ist, was man sagt oder erzählt. Auch die Biographiearbeit ist oft ein Märchen. Jeder Patientient kommt von selbst zu sich. Der PA begleitet!

    • CosVIE says:

      Hallo
      Ja, natürlich undifferenziert und wesentlich zu kurz, um die Kritik(en) voll zu umgreifen, sondern nur ein paar Eckpunkte. Die Kritik D+Gs bezieht sich hauptsächlich auf das, was sie Neurotisierung nennen (Ödipuskomplex, die Behauptung von Natürlichkeit und Notwendigkeit dieses Konstrukts, die Einführung des Signifikanten bei Lacan (Logozentrismus), etc.). Die Deutungen eines jeden Phänomens also schlussendlich durch diese Raster und was die mit sich bringen. So würde PA Theorie immer nur Ideologie recodieren und legitimieren.
      Guattari war ja selbst Analytiker, nur dass er das Unbewusste als eine Erfindung betrachtete, ähnlich wie später Nancy, eine Erfindung des Erzählens, des Produzierens, Erzählbar-machens, könnte man vielleicht sagen. Da wären wir wieder beim Deutungswahn, der an Theorien verhaftet bleibt, der dem Erzählen im Wege stehen würde (ebenso der ‚gleichschwebenden Aufmerksamkeit).
      Ich stimme dir soweit zu, behaupte aber mal, dass es einige PraktikerInnen gibt, die sozusagen meinen -wenn auch latent- eine gewisse Deutungshoheit inne zu haben.

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