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Thomas Gatzmeier, 1994: Dichtes Gewirr

Im Gespräch mit jemandem, der oder die eine andere Sprache spricht. Gespräche unter Kleinstkindern, die noch nicht ‘in der’ Sprache sind, musizieren, oder einfach Gespräche unter Tieren, mit Tieren. Wir sind Tiere, wir nennen uns nur Mensch und wir nennen manche anderen Tiere. Homo deppert.

Ein Gespräch, in dem jemand Eindrücke, Verzweiflung, Trauer oder Glück ausdrückt.
In einer fremden Sprache. Oder vielleicht jenseits von Sprache. Denke ich an eine, die eigentlich kaum mehr sprach, mit der Zeit dann doch wieder etwas mehr, man muss nur den Raum dafür offen lassen.
Sie, die eigentlich nicht mehr sprach, saß mit mir einmal beisammen und wollte etwas formulieren und hände-ringend ging das nicht. Und dann. Dann sagt sie verblüfft: Ich kann nimmer reden.

Sprache nun als der Bereich, von dem man sagt, er ermögliche geteilte Bedeutungen, Verstehen. Der soziale Rahmen, innerhalb dessen sich ‘individuelle’ Bedürfnisse in eben ‘soziale’ formieren. Ja eh, auch – aber! Dieser Bereich ist eigentlich auch imaginär. Man muss es sich einbilden, das hier Gemeinsames bestehe. Es gibt vielerlei soziale Riten, die dies absichern und fortlaufend reproduzieren, in denen manche förmlich baden.

Man muss es sich nicht einbilden, dies erledigt unser Verstand, dessen Arten und Weisen des Funktionierens und seine (eigentliche) Trägheit sind uns allen gemein. Ein Bereich, der sich durch vor allem auch logische Verknüpfungen aufrecht hält. Und das ist uns dann doch nicht allen gemein. Da sind die Verrückten und die Alten und die ganz Jungen, einige andere und manchmal auch jene, die aus einer völlig anderen Sprachstruktur stammen. Die Dementen, von denen man sagt, sie wissen ja nichts mehr. Sie wissen sehr viel, eben alles, was jenseits unserer logozentristisch geprägten Ordnung liegt. Hier findet sich Weisheit. Etwas, das man fühlt. Hier gibt es Verständigung.

Ein Gespräch mit jemandem, der eine andere Sprache spricht und seiner Trauer Luft macht und man selbst spricht diese Sprache nicht, hört zu und fühlt das Gesagte. Weil es eben nie nur das Gesagte gibt. Deshalb ist Verständigung möglich. Nicht, weil es die Sprache(n) gibt.

Können manche ihre Bedürfnisse nicht (mehr) in sozial akzeptabler Form formulieren, erfahren jene Ausgrenzung. In manchen Fällen landen sie in Heimen. Die weissen Kittel streuen ihre Diagnosen und sind zufrieden mit ihrer Arbeit. Die weissen Kittel fühlen nichts mehr, verstecken sich hinter Diagnosen, um ihre Unfähigkeit zur Menschlichkeit zu verbergen. Sie haben keine Zeit oder nehmen sich keine Zeit
und noch weniger Herz, um auf Menschen einzugehen, mit ihnen zu gehen. Das ist auch nicht Bestandteil derer Theorien [Theorie ist immer auch eine Art neutrales Drittes, das Orientierung bieten kann, aber auch immer Scheuklappe]. Ist dies nicht (auch) Ausdruck unseres Registers der geteilten sozialen Ordnung – das eben jene keine gemeinsame Ordnung ist, sondern eine, die sich durch Grenzziehungen, also symbolischer (und physischer) Gewalt formiert? Jene, innerhalb dieser Register können das nicht erkennen. Man muss sich herausschälen um erkennen zu können, herausarbeiten aus diesem imaginären Überbau, diesem Geplapper von wahr und falsch, männlich und weiblich, schwarz und weiss, Inländer und Ausländer, krank und gesund, .. all den Kategorien und seltsamen Verknüpfungen, Trugschlüssen. Ein gegenseitiges Verstehen ist aufgrund solcher Kategorien eigentlich ausgeschlossen. Diese Kategorien stellen aber Grundpfeiler unseres trägen Denkapparats dar. Die meisten Menschen kommen durcheinander ohne diese Kategorien. Sind es also nicht eigentlich jene, die “Verrückten”?

Der Mitbewohner, der mit der Antwort beginnt, obwohl man noch Luft holt um die Frage zu formulieren. Noch so einer, der mehr jenseits der gewohnten Register unterwegs ist und uns oftmals verblüfft hat. Durch sein phänomenales Verstehen. Wir Menschen kastrieren und kasteien uns, wozu?
Wir leben in virtuellen Ordnungen, in denen die Dinge nur scheinbar “ihren Platz” haben. Und die Verrückten dieser Ordnung tun alles, auf Teufel komm raus, dass diese bestehen bleibt. Warum, weil sie leichte Übergänge gewährleistet und somit dem Verstand die (virtuelle) Befriedigung. Unsere Unmittelbarkeit haben die meisten vergessen, zerstört oder maskiert.

Ja, da ist so einiges jenseits unserer logozentristischen und symbolischen Register. Und all das ist das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht. Ganz bei Nietzsche: Unsere Ordnung ist wider unserer Natur. Aber, es scheint, es ist vielleicht auch unsere Natur, uns in die Welten zu begeben, die wir uns einbilden und das Einbilden birgt in sich fataler Weise gleichzeitig den konstituierenden Moment. Ganz bei Dostojewski: Die Monster, die wir Menschen sind, hatten witzigerweise die rührselige Idee eines gütigen Gottes und jener, ja, der konstruierte die Welt nach euklidischen Gesetzen.

 

 

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