eine Art Walzer

„Das Schloß hatte ihn also zum Landvermesser ernannt“

Das kommt einigen sicherlich bekannt vor. Der Film scheint vor allem tragisch gestaltet zu sein, das Buch dagegen ist scharfkantig, witzig, zugegeben auch hin und wieder öd, aber dann wieder witzig.

„.. und nur, weil er es erwartete, ging er weiter“

Kommt einem einiges oftmals so ‚bekannt‘ vor. Vor Kurzem saß ich wartend in einem Meldeamt und fragte mich beispielsweise, warum die Zettel und Formulare nicht zumindest zweisprachig beschrieben sind. Es war, als saß ich im Theater. Neben mir saßen zwei, die ähnliches dachten. Vielleicht nehmen die manche all die Abläufe anders wahr, aber manchmal ist die Absurdität all zu offenkundig.

„Die Bürokratie existiert nur durch ihre abgeschotteten Büros, und sie funktioniert nur durch „Zielverschiebungen“ und entsprechende „Funktionsstörungen. Die Hierarchie ist nicht einfach nur wie eine Pyramide aufgebaut, das Chefbüro liegt nicht nur an der Spitze des Hochhauses, sondern auch am Ende des Flurs. Kurz, man könnte sagen, daß das moderne Leben die Segmentarität nicht außer Kraft gesetzt, sondern sie vielmehr in beispielloser Weise verhärtet hat“ [Deleuze/Guattari, t.Pl.286]. Und all das „wünschen wir uns […] die Baumstrukturren, an die wir uns klammern, binäre Maschinen, die uns einen wohldefinierten Status geben, Resonanzen, an denen wir uns beteiligen, das System der Übercodierung, das uns beherrscht […] Wir flüchten vor der Flucht, wir verhärten unsere Segemente, wir überlassen uns der binären Logik, wir werden um so härter in dem einen Segment, je härter man mit uns in einem anderen Segment umgesprungen ist“ [310]

kafka-das-schloss-winterreise

Ulrich Scheels Illustrationen zu „Das Schloss – Eine Winterreise“, http://www.ulrichscheel.de/

In Wien kommt es vor, das jene, die bei Rot über die Ampel gehen oder mit dem Fahrrad fahren, abgestraft werden. Also echt Kohle hinlegen müssen. Das alte Ampel-beispiel. Jene, die sich selbst orientieren gehen dann, .. wenn es geht. Scheint unerwünscht zu sein. Oder ist es Langeweile? Wie auch immer. Noch ein paar Passagen zu den bürokratischen Abläufen ums Schloß herum. Wer´s noch nicht kennt, ließt´s gern als Leseempfehlung, ein Buch mit vielen Ebenen

 „… denn die Behörden hatten, so gut sie auch organisiert sein mochten,
nur im Namen entlegener, unsichtbarer Herren, unsichtbare Dinge zu verteidigen“

 „Freilich“, sagte die Wirtin, „auch das genügt Ihnen, und das besonders. Sie mißdeuten alles, auch das Schweigen. Sie können eben nicht anders. Ich erlaube Ihnen, zu fragen“

Besonders witzig sind die Passagen, als Herr K. mit einem Beamten spricht, einer dieser Dialoge um die Strukturen und Verhältnisse zwischen den Bauern, den Beamten, die Kanzleien, die Burg. Und hinter dieser Szene spielt sich eine weitere ab, in der sich das Abstruse, zutiefst sinnlose, aber vehement ernsthafte Hin und Her der Bürokratie sozusagen auf die Leinwand wirft.

„Die so lange unbeachteten Gehilfen und Mizzi hatten offenbar den gesuchten Akt nicht gefunden, hatten dann alles wieder in den Schrank sperren wollen, aber es war ihnen wegen der ungeordneten Überfülle der Akten nicht gelungen. Da waren wohl die Gehilfen auf den Gedanken gekommen, den sie jetzt ausführten. Sie hatten den Schrank auf den Boden gelegt, alle Akten hineingestopft, hatten sich dann mit Mizzi auf die Schranktüre gesetzt und suchten jetzt so, sie langsam niederzudrücken“

 „Wie erklären Sie sich das, Herr Vorsteher?“ – „Ganz einfach“, sagte der Vorsteher. „Sie sind eben noch niemals mit unseren Behörden in Berührung gekommen. Alle diese Berührungen sind nur scheinbar, Sie aber halten sie infolge ihrer Unkenntnis der Verhältnisse für wirklich“

 „Wenn eine Angelegenheit sehr lange erwogen worden ist, kann es, auch ohne daß die Erwägungen schon beendet wären, geschehen, daß plötzlich blitzartig an einer unvorhersehbaren und auch später nicht mehr auffindbaren Stelle eine Erledigung hervorkommt, welche die Angelegenheit, wenn auch meistens sehr richtig, so doch immerhin willkürlich abschließt“

Andererseits ist es richtig, daß ich diese Art der Arbeit nicht mehr entbehren könnte, alle andere Arbeit schiene mir schal. Wie verhält es sich denn mit der Landvermesserei?« »Ich mache keine solche Arbeit, ich werde nicht als Landvermesser beschäftigt«, sagte K., er war wenig mit seinen Gedanken bei der Sache, eigentlich brannte er nur darauf, daß Bürgel einschlafe, aber auch das tat er nur aus einem gewissen Pflichtgefühl gegen sich selbst, zuinnerst glaubte er zu wissen, daß der Augenblick von Bürgels Einschlafen noch unabsehbar fern sei.

„Es verhält sich nämlich mit mir so, daß ich, wahrscheinlich weil ich an Parteienverkehr so sehr gewöhnt bin, immerhin noch am leichtesten einschlafe, wenn ich Gesellschaft habe“

 

»Es gibt mehrere Zufahrten ins Schloss. Einmal ist die eine in Mode, einmal eine andere. Nach welchen Regeln dieser Wechsel stattfindet, ist noch nicht herausgefunden worden.« (Jaromír 99 & Mairowitz: »Das Schloss« nach Frank Kafka)

»Es gibt mehrere Zufahrten ins Schloss. Einmal ist die eine in Mode, einmal eine andere. Nach welchen Regeln dieser Wechsel stattfindet, ist noch nicht herausgefunden worden.« (Illustration: Jaromír 99 & Mairowitz: »Das Schloss« nach Frank Kafka)

 

Franz Kafka: Das Schloß, Suhrkamp Verlag, 1996

Gilles Deleuze/Félix Guattari (1992): Kapitel 1933 Mikropolitik und Segmentarität, Tausend Plateaus, Merve Verlag

 

Hier kann man >nach Anmeldung, und aber in österreich nicht verfügbar .. … eine Dokumentation (Panorama „Bitte warten“) sehen.

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