sad[e]Kant

bersauter.com (Luc Bersauter,2009)

Wird Kant traurig, wenn er de Sade liest?
Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade, der wegräumt, runterholt vom Wissen-um, Rahmenbedingungen tilgt, wegführt von unseren Gefügen.

Welche Gefüge? Agiert er schlicht auf der Oberfläche? Könnte Kant ihm den Arsch versohlen und ihm vorwerfen, er arbeite nur mit Volksbegriffen, philosophische Popularität, bei der auf alle „gründliche Einsicht Verzicht“ getan würde und er so nur einen „ekelhaften Mischmasch von zusammengestoppelten Beobachtungen  und  halbvernünftelnden Prinzipien zum Vorschein“ bränge… daran „sich nur schale Köpfe laben, brauchbar fürs alltägliche Geschwätz“?

Das alltägliche Geschwätz und das worum es geht, worum es sich dreht.

Wo es ist. Schmaler Grat – breiteste Kluft. Überbrücken wir das, immer schon. Mit etwas. Das uns festhalten macht. Phallisch? Ist es das, das phallische, schlicht dieser Moment, der uns festhalten lässt. Angst. Festhalten, statt Statt haben?

Festhalten, an der Feder, dem Sichtbarem, das was anlacht, Schaulust, Drang, ein Bild,

Blick und Sehen welches sich schreibt und spricht, ein Auge: Einer in Gang befindlichen Lichtmaschine, die an einen Gashahn angeschlossen ist, aus dem eine Pfauenfeder herausragt, die eine hübsche Frau am Bauch kitzelt, welche nur der Schönheit der Sache wegen da ist (Lacan, 1996:178). Angepasst an eine Aufklaffung muss es sein (ebd. 184), vernähen? Spielerisch. Spielen. de Sade. Aufdecken – klar werden – um spielen zu können. Zurück ins Greifbare, „These women are forced to hide, to mask, to conceal their proclivities behind open acts … (of charity). Die Frauen, so emotional, so wohlwollend. Eine Aufgabe braucht jeder. Und Jede auch, die jede, die hilft, weil Mutter ist eine jede potentiell?

Mutter und Tochter, diese (manchmal) starre Bindung attackiert de Sade, diese Kontrolle über den Körper der Tochter kritisiert er, fährt darüber hinweg wie ein Mähdrescher, tötet sie, will sie töten Eugénie? Tötet die Verknüpfung. Wird frei ?
Er tilgt Konventionen scheinbar, Natur, Mensch, Vernunft, wo fängt was an und gibt es diese in dieser Art überhaupt? Er tötet Konvention, so lese ich. Dreht sich um Laster und Tugend, alltägliches Geschwätz? In dem er diese tötet, die Konvention, gräbt er sich vor, grabend zum Willen, der gute, der an sich seiende? Was bleibt. Es bleibt das Wollen. Und Kant, dem geht es um den Willen und unser Sollen.

Wo bleiben wir. Ich. Es. Du. Was soll. Was will. Es, Ich, Du? Spu(c)kt es hier, das Unbewusste, ein jeweils irgendwas Wollendes? Ein sich werden-Wollendes? Wie wird etwas, Freiheit? Findet sie sich in beiden, Kant und de Sade?

 significant corpus

Das Boudoir (nicht zu Übersetzen mit ‚bedroom‘) als Paradies? Der Text, das Theater als Ort Lust zu inszenieren, Lesende sind aufgerufen, mit hineinzugehen, hineinzusehen, „theater as spectacle […] but taking this gaze beyond mere voyeurism [..] to a point of saturation“ (Phillips 82). Arrangements, Zirkus, „comically incongruos athleticism“ (ebd. 83). Und blank-liegende Nerven, aber „it ist not the object of libertine intentions which fires us´, says Blangis, ´but the idea of evil, …“ (ebd. 71 zitiert aus The 120 days..). So wäre eine quasi 1:1 Übersetzung ‚Fehl am Platz‘? Passolini. Oder was passiert mit dem Text, wenn er auf eine Leinwand in einen Ablauf von Bildern übertragen wird?

Was passiert, im Boudoir: die Mutter von Eugénie trifft ein und wird schlussendlich ausgestoßen „from this perverse paradies of the body“, die Tochter wird zur libertine.
Kastrationsangst? Ist es er, der da agiert, wenn Eugénie sich von maternaler Autorität befreit, Eugénie als „an unconscious persona“ (ebd. 81). Heraus- oder verarbeiten, Abjekt, Autonomie, ein im Kreis drehen?
In 120 Days.. wiederum kommen Väter ins Spiel, die hauptdarstellenden debouchees heiraten die Töchter des jeweils anderen, Söhne werden an die Töchter anderer Wohlhabender verheiratet, um unter Anderem den eigenen Wohlstand zu sichern, „a perverse parody of the bourgeois patriarchal system of marriage“ (ebd.67). Die Frauen wiederum, sollen autonom werden, ihre Körper als die ihrigen, „your body belongs to you alone“ (Boudoir, 35), abera woman´s fate is to be a shewolf, a bitch: she must belong to everyone who wants her / denn dazu allein bist du geboren“ (Boudoir, 33 / 69).

Wer – er muss sich schreiben

Neben unzähligen Briefen an Freunde oder seine Frau (vgl. ‚Vanilla and Manilla‘, 1784) schrieb er kilometerlange Texte. Les 120 journées de Sodome or l’école du libertinage beispielsweise, begann er nach einer seiner Inhaftierungen, diese, 1785.

Was schreibt sich? Philosophie, Protest, Wut,  „to force God to break his silence“ (Philips, 41), oder a constant source of male frustration and male desire, fetishizing female bodies, because they represent an inaccessible sexual object (vgl. Philips, 108)? Masochismus, Sadismus? Seine Art Masochismus und seine Art Sadismus, geschrieben in Figuren wie Justine und Juliette?
GottFrauPhallus
Kämpft er mit sich, gegen sich? Er kämpft auch gegen Heuchelei, gegen Autoritäten, die sich durchgesetzt haben und hinter Gesetzen verstecken, diese arrangieren, die Stärkeren, die sich durchgesetzt haben, Gesetz der Natur, das mündet in Korruption? Die, die dürfen, hinter den Vorhängen ihrer Macht, und er nicht? Aber retour ins Alltägliche: Zensur und Korruption, will er hinweisen, aufwecken, sich nicht Autoritäten unterzuordnen, naiv? Wenn de Sade Genialität unterstellt würde, dann zeige sich diese wiederum in den Texten, die die Erzählperspektive ändern. Justine, zunächst in einer first-person Perspektive, zuletzt in der letzten Version, spricht  eine authorial voice (vgl. Philips 95). Folgt man? Wie liest es sich? Wie schreibt er (sich)?

„Imagination is the enemy of all norms“ 

An eine Art grundlegend Gutes im Menschen glaubte de Sade scheinbar nicht, Kant ebenso nicht. Bei Kant ist es der gute Wille, der in uns sein kann. Aber wir sind Naturwesen auch, nicht nur vernünftige. Was genau ‚das Gute‘ ausmacht, dass es etwas zu tun hat mit beispielsweise Keuschheit, sagt Kant, glaube ich, nicht. Vielleicht laß de Sade Kant, in Kritik der praktischen Vernunft (?) bringt Kant das Beispiel des untergehenden Schiffes und einem, der retten will und dabei selber stirbt. Selbsterhaltung, das ist Pflicht. Justine findet sich in einer ähnlichen Situation wieder. Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz und die Maxime, nach der beschlossen wird, solle so durchdacht sein, dass „ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden“ (vgl. GMS, 1. Abschnitt). De Sade glaubt an die Natur, „..and one would have to be completely ignorant of the workings of Nature not to recognize that it operates on its own and without any primary cause, and that so-called primary cause, which explains nothing and which on the contrary requires explanation,… „(de Sade in einem Brief an seine Frau, 1783). Konfrontiert mit einer Zeit, die einerseits von Religiösität durchzogen war und andererseits von Terror. Mutter Natur? 

anonymous engraving, ‚Robespierre, finding no more executioners, carries out the office himself, 1793

Kann man de Sade und Kant tatsächlich als gegensätzliche Teile gegenüberstellen? Bilden sie tatsächlich ein vis á vis, würden sie aneinander vorbeireden, säßen sie an einem Tisch? De Sade, der sich schrieb, aber nicht nur, auch aufwachen, wachrütteln, Kunst?

„The Marquis de Sade is a great writer and philosopher whose absence from university curricula illustrates the timidity and hypocrisy of the liberal humanities. No education in the western tradition is complete without Sade. He must be confronted, in all his ugliness“ (Camille Paglia, Philips, 116)

 

Quellen:
Marquis de Sade: Philosophy in the Boudoir, penguin books, 2006 & Anaconda Verlag 2010
Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Reclam, 2008
Jacues Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Quadriga, 1996
John Philips: The Marquis de Sade, a Very Short Introduction, Oxford Univ. Press, 2005
(vgl. auch Angela Carter: Sadeian Woman: An Exercise in Cultural History, 1979) 

Artikelbild auf der Startseite: Francisco Infante-Arana – Loci of Curved Space (1979)

Hinweis: Marquis de Sade 

und

Hans Bellmer: La philosophie dans le boudoir, 1986

Im Zuge der Vienna Art Week 2012»Hans Bellmer: Sade«

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