Hals über Kopf

 PS: „Ich glaube, wenn der Teufel nicht existiert und ihn also der Mensch nur erfunden hat, so hat er ihn nach seinem Ebenbilde erschaffen“ [Dostojewski, 1958, Karamasow, 322]

metrisierte Wirklichkeit

Es gibt Fachliteratur. Es gibt Prosa, Dichtung, Lyrik. Fachliteratur kreist konzentrisch (meistens) um ein Thema, schneidet aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit mundgerechte Stücke heraus. Oper at ional isierung. Portionsgerechte, zurechtgeschneiderte Inhalte, die eine Ecke, ein Minimum, einige Brösel der Welt beleuchten und zugleich diese Brösel entfremden, von der Wirklichkeit und es einmeißeln und Realität machen. Im Modus des konzentrischen Kreisens lässt man vieles unter den Tisch fallen. Man setzt Sachen voraus, um voran zu schreiten (Majesty) und verhärmt die Wirklichkeit, trocknet sie aus. Alles gerät ins Stocken und es quillt dennoch aus allen kleinen Öffnungen, die jeder auch noch so scheinbar geschlossene Text dennoch birgt. Manche reden dann vom Realen, das auftauche, jene sagen das, zugunsten einer künstlichen Schicht, eine Verweigerung gegenüber Innerstem.

„Doch sie winkten; Blätter waren lebendig; Bäume waren lebendig. Und die Bäume, durch Millionen von Fasern mit seinem eigenen Körper hier auf der Bank verbunden, fächelten auf und ab, und wenn einer der Äste sich streckte, sagte er auch selbst das aus“ [Woolf,1964: Dalloway, 20]

Dann gibt es Zwischentöne. Bergson ist ein Zwischenton. Ein Text plätschert dahin, Er versucht die Evolution des Denkens, im Denken nachzuzeichnen und streift dabei viele Diskurse, spaziert durch unsere Geschichten. Er denkt den Menschen evolutionär, dabei hat sich der Mensch über jene Mechanismen hinweggesetzt. Die natürliche Auslese gilt für uns nicht mehr. (Nahezu) Jeder und jede pflanzt sich fort, warum eigentlich. Es ist unnatürlich. Aber das ist kein Thema bei Bergson, kein Thema in seiner Zeit, die sich aufrollt bis heute und gestern war es Vergangenheit. Intermezzo: Bergson schreibt über das Phänomen der Zeit, die Vergangenheit die unsere Gegenwart bildet, sich in Wogen fortlaufend aufschäumt und so unser jeweiliges Jetzt bildet. Foucault bringt etwas ein, das eine Kerbe schlägt. Diese perfide Maschine unserer Ordnung, der „es um die Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit“ [Michel Foucault (1976):Überwachen und Strafen, S.193] geht und somit unsere Körper nutzbar mache, wie die der Tiere. Auch wir werden bald gezüchtet, werden es schon von klein auf.

Das Leben. Wir schreiten nicht voran, wir stehen, seit Menschengedenken. Etwas anderes schreitet voran, unaufhörlich und es kracht gegen Wände aus Beton und verändert dabei immer ein wenig. Normen brechen, langsam; und einige Menschen können wieder atmen, einige Diskurse erhalten Luft. Ziehen weitere Bahnen. Halten Einzug.

Die Fachliteratur. Die Lyrik. Die Fachliteratur fachsimpelt über die Emanzipation, über die Frau und sagt schlussendlich nichts. Oder doch, aber es hält Einzug in die Ordnung, wird jedoch normalisiert, instrumentalisert, in kleine praktische Portionen verteilt. Vorhin die Deterrorialisierung und letztere als Terretorialisierung. Oder so ähnlich.

„Sie spreizte die Hand vor sich aus. Sieh nur!
Der Ehering glitt ihr fast vom Finger – so abgemagert war sie.
Sie war´s die litt – aber sie konnte es niemand sagen“ [Woolf,1964: Dalloway, 21]

Die Fachliteratur propagiert die Emanzipation. Die Realität zeigt das Gegenteil. Die Lyrik zeigt die Realität. Heute wie damals und Gestern war Vorgestern. Das eine wird anders rezipiert als das andere. Das erstere nimmt man als konkret und das letztere als Phantasie, als Rauschen. Welch eine Verkennung und was für eine Lüge. Manchmal.

Es ist aber auch nicht all zu leicht. Das Herumgehen zwischen Mikro und Makrokosmos. Lyrische können das wie von selbst. Fachliteraturitäten bleiben im Mikrokosmos. Wenige Philosophische können es auch, Mikro, Makro und das Dazwischen. Ein Verbinden, Verzweigungen erzeugen, Sphären durchschreiten und Ebenen bilden.

Die Welt und ihre Wirklichkeit sind schön, lasse sie nur, wie sie ist. Finde sie nur erst in dieser überorganisierten Ordnung, finde sie. Jeder Regen ist ein Phänomen, und der Sommer, man geht aus dem Haus und latscht gegen eine Wand aus Hitze, die einen empfängt und umarmt.

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