Verwaltung und Gewalt

Gewalt: stark sein, herrschen (Althochdeutsch: waltan).
Mit der Zeit verändert sich vieles. Was mal als stark sein erschien, erweist sich heute (auch rückblickend) als wesentlich verstrickter. Wo überall ist Gewalt am Werken? Vor allem auch im Detail, im Selbstverständlichen.

Bei einigem an Literatur stellt sich heraus, dass Gewalt einiges mit Staatsformen, Institutionen und Bürokratie zu tun haben kann. (einige denken nun sicherlich:  ja eh). Genaugenommen kann es keine Staatsform ohne eine gewisse Gewalt geben, könnte man meinen (und wieder denken einige: ja eh). Andere würden nun von Notwendigkeiten sprechen, Klassiker, denn weiß der Mensch nicht weiter, postuliert er Notwendigkeit. Wenden Staaten Gewalt an, wird diese meist legitimiert durch fadenscheinige Gründe (Sicherheit, Schutz der Demokratie, Derrida beschreibt dies als Selbst-Immunisierung, wenn ich recht erinnere). Es kommt oft zu Lücken in der Legitimierung und die markiert, so Waldenfels, einen Machtverlust, der wiederum manches Mal durch weitere (auch symbolische) Gewaltakte gebannt werden soll (Kriminalisierung, Stigmatisierung, Niederschlagen von Aufständen etc.). „Die Rechtfertigung der Gewalt wird erkauft mit der Selbstgerechtigkeit einer Vernunft, die sich ihrer eigenen Gewaltsamkeit um so mehr ausliefert, je mehr sie diese durch Rationalisierungen verschleiert; darin ist einem Denker wie Foucault zuzustimmen“[1] (Arendt unterscheidet zwischen Rechtfertigung und Legitimierung); oder Hume, der in konsequenter Weise zeigte, dass und wie der Verstand seine Wege verschleiert (Kant versuchte dies ein wenig zu glätten, oder andere Perspektive: es wieder einzukerben. Hume und Kant, ein schönes Bild für ‚das Glatte und das Gekerbte‘).

Viele denken vielleicht beim Begriff Gewalt an Szenen wie jene in der Türkei (Taksim), (Bürger-)Kriegszenen, oder die zwischen einzelnen Menschen, Griechenland (ökonomische Gewalt), Frontex (Europa und ihre Mauern) usw, dabei liegt die Sache auch ganz direkt vor der eigenen Tür, im eigenen Haus. Universitäten sind bürokratische Betriebe, Arendt widmete sich diesen Dingen genauer und es hat nichts an Aktualität verloren. Ähnliches gilt für den Wissenschaftsbetrieb selbst, Methodologien, wenn sie völlig unreflektiert vollzogen werden, können Ausdruck symbolischer Gewalt darstellen, um Wissen zu produzieren. Die Reduktion von Komplexität hat immer etwas Gewaltsames? Phänomene werden in theoretische Begrifflichkeiten verpackt, man ist zufrieden, man hat etwas gesagt. Gewalt ist Diskursen immer inhärent, nie etwas von außen irgendwie Einwirkendes. (Auch) Ein philosophisches Problem, welches vor allem Arendt kritisiert, da sich ‚die Philosophie‘ nie mit ihrer eigenen Gewaltsamkeit auseinandersetzte (allein der bis Dato unreflektierte Rassismus bei Aristoteles solle zu denken geben, aber viele lesen und baden lieber in seinen Kategorien, oder dösen in Platos Traumwelten vor sich hin, pardon, so schön und ‚herrlich‘ sie auch sein mögen). Waldenfels sieht dies ähnlich, wurde die Gewalt meist in ‚das Tierische‘ verbannt und positionierte man den Menschen in dieser willkürlichen Dichotomie auf die Seite der reinen Ratio. Wiederum, und das ist witzig: viel zu oft wurde Gewalt versucht zu legitimieren, sie zu rationalisieren, viel mehr noch: sie zu naturalisieren, weil man meinte, der Mensch neige von Natur aus dazu, zu unterjochen (Wille zur Macht; nicht im nietzscheanischen Sinne) und auch dazu, unterjocht zu werden (Ruf nach der Polizei, Ruf nach der starken Hand, Autoritäten). Arendt räumt ein bisschen, ähnlich wie Waldenfels, auf und versucht, die Diskurse zu verändern, die Perspektive zu verschieben.

Bürokratie

Bei Foucault ist die Familie eine Art Funktion der pastoralen Machtstruktur, die vor allem im 18. Jahrhundert wieder mobilisiert wurde[2]. Menschen sind Rohstoffe, die Familie stellt sicher, dass dieser nicht ausgeht und Menschen sind gebündelt in Form der familialen Struktur kontrollierbarer, uniformierbarer. Oder ist die Familie etwas völlig Natürliches? Abgesehen von Sexismen, Phallozentrismen und der Inbesitzname, könnte man sagen, der Körper, vor allem der weiblichen Körper? Schuld ist niemand, da selbst die Kirche schlussendlich eine abstrakte Institution ist.
Interessant hier nun, wie sich diese die pastorale Form der Macht veränderte. Foucault schreibt von einer zunehmenden Rationalisierung und diese hänge mit überzogener politischer Macht zusammen. Arendt schreibt von einem Überhandnehmen der Verwaltung und bezeichnet die heutigen Bürokratien als Tyrannis ohne Tyrann. Niemand ist zuständig, niemand direkt veranwortlich, es gibt Behörden, die schalten und walten. Die alten pastoralen Strukturen führ(t)en zur heutigen Bürokratie. Sie ist zu Hause in den Demokratien, den Universitäten und Schulen, den Psychiatrien und Krankenhäusern, den Familien usw; sie wird durch ein „kompliziertes System von Ämtern ausgeübt“[3]. Und da ist Kafka, einer der ganz wenigen Theoretiker, der sich mit bürokratischen Strukturen auseinandersetzte und seine Gedanken sind daher so wertvoll und brilliant, da sie nicht durch Abstrakta oder andere methodische Brillen und Figuren verzerrt und verstellt sind. Guattari spricht von Kafka als dem einzigen Theoretiker der Bürokratie, doch man muss Arendt ähnliches zusprechen. Vielleicht auch nach wie vor aktuell ist ihre Analyse der Situationen im Westen und Osten. Fordern die Rebellen des Ostens Rede- und Gedankenfreiheit, da sie diese als unerlässliche Vorbedingung politischer Handlungsfähigkeit betrachten, leben die Rebellen des Westens unter Verhältnissen, in denen diese Vorbedingungen nicht mehr die Wege des politischen Handelns öffnen würden[4] (und einige, die einschlägige Erfahrungen gesammelt haben, sagen sicherlich: ja leider). Kann man fragen, was aus der Gedanken- und Meinungsfreiheit wurde? Wurde sie eingebettet in Formulare und Paragraphen? Ich fürchte ja. Was ist aber Freiheit? Mal ganz pragmatisch angegangen: Lediglich ein (regulativer) Begriff. Er wartet auf irgendeine Form von Realisierung?

Versteckte Gewalt

Was sind Alternativen? Laut einem schweizer Historiker, dessen Namen ich vergaß, leben wir im Zeitalter des ‚weissen europäischen Mannes‘, sprach man früher noch vom osmanischen Reich, dem Empire usw, so ist es heute sozusagen weltweit eine Bürokratie, die vor allem wirtschaftlichen Zwecken den Weg ebnet, diese legitimiert und deren Spielfiguren somit überdimensionierte Handlungsräume ermöglicht und sie aber anderen nimmt (trickle down effect, etc.).  Ein Pessimist(?), Pavel Kohut, meinte, das die Welt eines neuen Beispiels bedürfe, sollen „die nächsten tausend Jahre nicht zu einem Zeitalter überzivilisierter Affen führen“[5]. Ein durchaus treffendes Zitat. Aber statt von Affen würde ich von Zombies sprechen. Nicht ohne Grund gibt es solche Filme, es sind Zeichen, Ahnungen. Projektionen, die freilegen, statt zu verschieben. Mal ganz abgesehen von der „fragwürdigen Verkennung des Tierischen[6]“, die in obigem Zitat liegt. Ähnlich verhält es sich mit  vielen science fiction Filmen. Es sind Ahnungen. Hat sich doch inzwischen einiges aus zB Brave New World (1932) realisiert?

„du bist frustriert, das nennt man Pflichterfüllung.
Irgendwann wird sich das bezahlt machen“ [aus irgendeiner Serie]

Menschen tun sich selbst Gewalt an, weil sie von Ideologien zerfressen sind. Identifikationen und Ideologien liegen nah beieinander. Bedingen sie einander?  Wir sind nicht frei, wenn wir uns identifizieren. Aber ohne Identifikation ist es manchen Menschen zu leer, zu dunkel.

Menschen tun anderen Menschen vielleicht symbolische Gewalt an, agieren auf ungerechte Weise, agieren etwas aus und merken es nicht. Und irgendwann doch und es scheint zu spät, wenn der andere nicht mehr erreichbar scheint, unnahbar. Man könnte reden, aber wie anfangen. Exkurs: Sagen manche nicht, Sprache wäre Ausdruck der Vernunft? Sprache ist Ausdruck des Verstandes, der sich versucht, orientierbar zu machen. Das mit der Vernunft ist eine ganz andere Geschichte.

Gewalt ist etwas alltägliches, selbstverständliches ‚geworden‘, man nimmt sie als solche oftmals kaum wahr, verschiedene Formen von Gewalt werden unserer Wahrnehmung entzogen, oder dies wird versucht (einige Medien arbeiten hier manches mal fleißig mit) . Eine Bürokratie braucht Zombies (=Subjekte?). Menschen brauchen keine Verwalter. Aber, sie müssten dann Verantwortungen übernehmen, für ihr Handeln, sich selbst orientieren, ohne gewisse Zentren, die Folien vorbereiten. Diese Welt kommt vielleicht noch. Derweil dann doch lieber Zombie?

Fido

[1] Bernhard Waldenfels (1990): Der Stachel des Fremden, S.117
[2] Michel Foucault (2005): Analytik der Macht, S. 249
[3] Hannah Arendt (1970): Macht und Gewalt, S. 39
[4] Vgl. Arendt, S. 81
[5] Ebd., S. 82
[6] Waldenfels, S. 107

 

 

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