Wörter und Salat. Polyphonie

maladie; malédiction; malentendu;  to wander=irren, umherschweifen, bewandern. 

„Da die Enzyme die Vermittler sind, mit deren Hilfe die Gene die intrazellulären Eiweißsynthesen lenken; da die für diese Lenkungs- und Überwachungsfunktion notwendige Information in den Desoxyribonukleinsäuremolekülen innerhalb des Chromosoms enthalten ist, muß sie als Botschaft vom Kern ans Zytoplasma weitergeben und dort interpretiert werden […] Indessen gibt es keine Interpretation (wo immer sie stattfinden mag), die nicht die Möglichkeit eines Irrtums enthielte“ [Canguilhem, S.49]

 "Irrsal & Wirrsal"; Eva Vogt

„Irrsal & Wirrsal“; Eva Vogt

Menschen genießen das irr-gehen nicht. Irren könnte schön sein, jedes sich-verlaufen bringt uns auf neue Wege. Die aber schnell abgeschnitten werden, anstatt einfach ziellos weiterbegangen. Menschen gehen schon lange irgendwelche Wege. Meistens dieselben Wege, die bereits ausgetretenen. Abweichen, das tut man nicht, vom Weg abkommen. Ins Grüne gehen, „Man kann die Bedeutung des Gehens nicht hoch genug schätzen. Wie die Sprache ist das Gehen eine tragende, elementare Kraft, die mich mit der Welt verknüpft, und wie die Sprache hat es kein Ziel. Das Gehen ist wie die Sprache, vor mir da. Man überlässt sich ihm mehr, als das man es aktiv betreibt“ [Schütze, S.15]. Ins Blaue hinein denken. Im Gehen redet es sich manchmal leichter. Ich werde vielleicht einmal einer sein, der von der Couch dann und wann und hin und wieder in einen Park, in einen Wald wechseln wird, und geht, mit den andern gehen wird.

Anstatt ins Blaue wendet man sich ins Weisse, das Reine. Beginnt die körperliche Reinlichkeitserziehung so früh, die verbale folgt auf den Fuß, darüber spricht man nicht, sowas sagt man nicht. „Die psycho-soziale Definition des Normalen als Angepasstes impliziert eine ganz bestimmte Gesellschaftsauffassung, jene nämlich, in der Gesellschaft unter der Hand und irrgigerweise mit Umwelt, und das heißt: mit einem System von Determinanten, gleichgesetzt wird, während sie vielmehr ein System von Zwängen ist. […] Insofern die Gesellschaft Ensembles unzureichend vereinheitlichter Mittel sind, darf man ihnen auch das Recht absprechen, die Normalität als jenes Verhalten der instrumentellen Unterordnung zu bestimmen, das sie durch das Etikett ‚Anpassung‘ wertet“ [Canguilhem, S.56f].

Genetische Inquisition
Die FIFA und das IOC, die wollen sich sicher sein. Die Frauen sollen zum Test, sind es denn Frauen, wirklich Frauen, die da auf dem Feld sind? Inakzeptabler Mist, über den man lachen könnte, wenn es nicht Ausdruck der gesellschaftlichen Zwänge wäre, der Geschlechterstereotypen und wie sie zur Realisierung geradezu gezwungen werden.

Der Begründer des Anthropozän, war es gewissermaßen Canguilhem? Die Art, wie er Biologie dachte? Es lässt sich zeigen entlang des Begriffs der Anpassung. Im Grunde meine dieser eine äußerliche Beziehung des Zusammenstoßes einer organischen Form mit ihrer Umwelt. Teleologisch gedacht meine dies, das ein Lebewesen sich „entsprechend der Suche nach funktionellen Befriedigungen anpaßt“, mechanisch gedacht, dass ein Lebewesen unter physikalisch-chemischen oder biologischen Notwendigkeiten angepaßt wird. Der Mensch hingegen zerlege und schneide sich seine sich umgebenden Milieus zurecht und Canguilhem fährt damit fort, dass sich so jeder von uns seine Normen entsprechend dem Alter und den früheren Normen ändere [S.57ff]. Somit kommt er zur Relativität von Normen und schließt, dass Normativität als biologische Fähigkeit bezeichnet werden könne, u.a. „in kritischen Situationen die gewohnten Normen in Frage zu stellen“ [S.59]. Könnten wir, wären wir nicht doch auch Gewohnheitstiere. Und wäre/n unsere Kultur, unsere Ordnungsketten nicht so unglaublich umspannend, so ultra-präsent. In kritischen Situationen sind oftmals neurotische Vermeidungsstrategien wesentlich schneller am Werken.

Da wäre noch die Sexualität. Oftmals verherrlicht als eines der letzten realen Refugien. Wahrscheinlich auch ein Irrtum, einer der sich normalisiert und sich verselbstständigt. Somit stellt es kein Feld des Irrgehens mehr dar, sondern eines des Sollens, des So-Seins. Im Grunde agieren lediglich Geschlechtsbilder miteinander. Hier ist kaum etwas Reales. Es ist ebenso zerfressen von Ideologie. Es ist Ideologie. Teil einer Ideologie, die lediglich Zerrbildern Platz bietet. Wäre dem nicht so würde dieser Film nicht so für Aufsehen sorgen. Wäre dem nicht so, würden verschiedene Formen von Sexualität nicht so für Aufsehen sorgen. Wäre dem nicht so, wäre Asexualiät nicht so ein an den Rand gedrängtes Thema. Eine asexuelle Person gab ein Interview und sprach von der Bi-Romantik, anstatt der Bi-Sexualität. Schön. Wir Menschen müssen noch vieles lernen. Es ist ganz einfach. Gibt man sensuality in der google Bildersuche ein, tauchen hauptsächlich Bilder von menschlichen Körpern auf. Da ist kein Sand, kein Wasser, keine Sonne, mit deren Wärme sich spielen lässt. Nur Körper, die die Menschen zurück wollen? Wir Menschen, die der westlichen Welt. Lediglich. اندام

Lernen. Vielmehr: möglich machen, zu erleben. Unsere Kultur ist eine Kultur des Geistes (Sigusch spricht von einer „Kulturbeutel-Kultur“). Die Körper, das Sinnliche ging und geht stetig verloren. Die Kulturen des Geistes machen eine Welt, in der es nichts zu erleben gibt, nur zu wissen. Das ewige schwadronieren über Theorien, die Posaunen des Seins  tröten vor sich hin. Die alltägliche Rede, ein kleines Theater. Eine Aufführung der Vernunftgründe, „aus dem Wortsalat der Gesunden spricht die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit“ [Schütze, S.38].

Georges Canguilhem (2004): Ein neuer Begriff in der Pathologie: der Irrtum, in: Das Irrsal hilft, Merve Verlag

Jochen K. Schütze(2014): „Verlorene Sprache, über Alzheimer“, Passagen Verlag. Wundervolles Buch, das mir teilweise aus dem Herzen spricht, kann ich diese Ebenen der Wahrnehmung durch und durch nachvollziehen, sie also gleichsam fühlen. Auf dem Weg zur Polyphonie [der Begriff findet sich bei Bachtin und wurde von Guattari übernommen, als Alternative zu einer strikt struktural verfassten Psychoanalyse und auch anderen Diskursen mit ihren eng verfassten Begriffen von Subjektivität]

 

 

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