ökonomisches Intermezzo

Ich habe bisher nie wirklich Marx gelesen, genauso wenig die Literatur und Theorien, die darauf folgten und daran anlehnen. Inzwischen hat sich das geändert und ich bin von diesem Diskurs tief beeindruckt. Die Theorien zu Kapitalismus und Imperialismus und all ihre Seitenstränge sind unfassbar nah an unseren Realitäten, sie beschreiben den Menschen als vergesellschafteten Akteur, als historisches Subjekt, das wiederum kein Autor der eigenen Geschichte(n) ist. Spannend hier ist, dass es einige gibt, die sich strikt weigern, sich als vergesellschaftetes -im Sinne der, im weitesten Sinne, Ökonomie- Subjekt zu verstehen. Und wo Widerstand auftaucht, wird es spannend. Im Folgenden einiges, grob Angerissenes, man weiß kaum, wo anfangen.
Wer prekäre Arbeitsverhältnisse kennt, wird in diesen Theorien die eigene Arbeitswelt wiedererkennen und verstehen, was da passiert. Die Entfremdung, das illusorische Zwangsverhältnis Arbeit-Lohn, in dem aber im Lauf der Errechnungen der Bilanzen, des Profits, die eigentlich getätigte Arbeitskraft- und Zeit verschwindet.

Karl Marx - Chemnitz

Marx wird gerne als Materialist bezeichnet, da er jede metaphyische Spekulation ablehnte. Der Mensch sei bei ihm eine Spezies materieller, körperlicher Natur, ein handelndes Wesen, das die Natur nach seinen Bedürfnissen umgestalte, somit wird die objektive Welt zum Ergebnis menschliche Praxis (dieser Gedanke findet sich realisiert im Begriff Anthropozän).
Die Industrien als u.a. eine Art sinnlich vorliegende menschliche Psychologie, Abbilder der menschlichen Arbeit, die das bilden, was wir Zivilisation nennen. Institutionen wie die WHO, ein Spielcasino,.. bis hin zu solchen wie der Universität, der Familie usw. seien Verkörperungen menschlichen ‚Bewusstseins‘. Sie bilden die Elemente, die eine grundlegende Ordnung stützen und von jener erzeugt werden, also wiederum Ergebnisse gesellschaftlicher Praxen. Marx kritisierte die klassische Philosophie scharf, da diese meist mit dem Geist beginnt, aber: Bevor man denken kann, muss man zunächst etwas essen, und allein das Wort Essen eröffne einen Blick auf eine enorme Reihe menschlicher Produktionsverhältnisse. Theorien sind ebenfalls eine Art Reflex, aber doch auch ein bißchen mehr, denn sie können mehr sein als Interpretationen, sie können den Blick verändern, menschliche Praxis verändern. Hier kommt die Sache mit der Basis und dem Überbau ins Spiel, diese Dichotomie wird oft kritisiert, wahrscheinlich zurecht. Dennoch: Die Basis bilde sich aus der Gesamtheit der menschlichen Produktionsvehältnisse, die Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktionskräfte bildet eine ökonomische Struktur, also eine reale Basis, auf der sich Überbauten etablieren, Marx spricht lediglich von juristischem und politischem. Die Elemente des Überbaus – wiederum oftmals selbst in sich zerstritten – schützen die vorherrschenden Verhältnisse, vor allem auch, in dem sie Ideen und Theorien produzieren, die der Legitimierung dienen, ein „sich selbst aufrecht halten“ in größeren Dimensionen gedacht. Da sind wir bei der Universität, zum Beispiel. Sie kann überbaulich handeln, oder auch nicht. Gilt im Grunde für jeden Diskurs. Der Keynesianismus ist eine universitäre Idee, die im Grunde die kapitalistische Struktur sichert, indem dem ‚malochenden‘ Teil der Bevölkerung gewisse Sicherheiten gegeben würden, im Grunde geht es aber darum, die Arbeiterklasse als Arbeitende zu erhalten, ihre Existenz und somit die des kapitalistischen Systems zu sichern. Oft kritisiert wird Marxens Idee eines dritten Elements, dass für eine Gleichung sorgt in den Austauschverhältnissen.Hiermit gemeint sind die Prozesse von Ware zu Geld zu Ware, oder zinstragendes Kapital, das die Gleichung Geld-Geld darstelle, für Marx der Gipfel des Fetischismus. Es gibt aber mehr, was für einen Wert bestimmend sein kann, als das es zu einer glatten Gleichung kommen könne. Ähnliches gilt im Grunde für die Geschlechter-Verhältnisse, die ebenfalls und eigentlich nicht durch ein drittes Element in eine quasi glatte Gleichung überführt werden können.
„Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf“ (MEW 1, 378f.).

Sprünge

Das Marx Recht hatte und auch nicht, zeigt sich an unseren Realitäten heute. Da ist die Rede vom expansiven Kapitalismus, der neue Gebiete benötigt, um neue Absatzmärkte zu erschließen. Es resultieren Verhältnisse der Ausbeutung (sie zeigen sich, vielleicht aus Mangel an neuen Exploitationsgebieten nun auch innerhalb kap. Länder). Der Imperialismus dient(e) als offene oder auch latente Gewaltpolitik, zur externen Absicherung eines internen Regimes (R.Luxemburg). Einige denken oft, dass das ja nur „die Wirtschaft“ betrifft, aber nein, wir sind im Grunde Teil dessen: Das alles beschreibt schlussendlich eine, unsere gesellschaftliche Praxis. Die Expansion über nationale Grenzen hinaus vollzog und vollzieht sich ohne jede Rücksicht auf nationale Zusammenhänge. Afrika mit all den dortigen Ländern ist, wie man weiß, quasi am Reißbrett entstanden, ein Bild des Imperialismus und Kolonialismus, von dem unter anderem die EU bis heute profitiert.
Marx und Engels gingen davon aus, dass auch eben jene Länder irgendwann kapitalisiert würden, bei Rosa Luxemburg wiederum aber stellen genau jene nicht-kapitalistischen Gebiete mit ihren nicht-kapitalistischen Produktionsformen geradezu die Bedingung der Existenz des Kapitalismus dar. Beides beweist sich heutzutage.  Kapitalismus und der damit einhergehende Imperialismus sind expansive-aggressive Wirtschaftsformen (Hilferding).

Mit Scholz, anlehnend an Marx ist eine kapitalistische Vergesellschaftung vor allem auch immer eine fetischistische Vergesellschaftung. Patriarchat und Kapitalismus lassen sich sehr eng führen. Da wäre der Fetischismus, da wäre das Geld – ein Abstraktum, eigentlich. Da wäre der Phallus – ein Abstraktum, eigentlich. Beides wird oft vom Begriff selbst abgeleitet, bei Marx ist es der Wert, der den Ausgangspunkt seiner Fetischtheorie darstellt. Bei Scholz ist es aber die Dialektik zwischen Wert- und der Abspaltung. Beim Phallus analysierte noch niemand(?) den Moment der Abspaltung. Wirtschaft und Sexualität als Ideologien, letztere befindet sich noch auf quasi sicherem Terrain. Beides sind Begriffe, um die gesellschaftliche Praxen zirkulieren oder diese repräsentieren, denen übermäßig viel an ‚Wert‘ undoder Bedeutung zugesprochen wird. Begriffe, die einen Vorhang bilden, eine Leinwand, eine Mattscheibe.

Brasilien – „Der Fluss ist unser Leben“

Inwieweit Länder ‚kapitalisiert‘ werden und gleichermaßen imperialistisches Exploitationsgebiet werden, zeigt sich zum Beispiel am Tapajós, ein Fluss in Brasilien. Riesige Staudämme sollen produziert werden, Stauseen, die doppelt so groß werden sollen, wie der Bodensee. Eine Staffel von Kraftwerken ist aktuell in Planung, sie sollen die „Wirtschaft anheizen“. Die Gebiete um den Tapajós und Teles Pires sind die Heimat der Mundurukú (und vieler anderer Lebewesen). Man kennt dort mehr als 1350 Pflanzenarten, über 600 Vogelarten, für die Staudämme würden 73.000 Hektar gerodet und dann..überbaut. Überall dort, wo der zivilisierte Mensch auftaucht, geht die (Arten)Vielfalt zurück. Ein Faktum, das nicht nur Leute aus dem Bereich der Ökologie erkannt haben. Die Forderung der vor allem indigenen Bevölkerung ist die eines lebendigen Tapajós,  eines freien Tapajós. Die Politik, die einerseits der indigenen Bevölkerung Rechte zusprach, beschneidet nun eben diese. Kapitalismus: Expansiv-aggressive Politik. Der elektrische Strom, der hier produziert werden soll, würde schlussendlich vor allem in die enorm kostenintensive Aluminiumproduktion wandern, welche wiederum exportiert wird. In Brasiliens Regenwäldern findet sich vor allem Bauxit, aus dem eben das Leichtmetall Alu gewonnen wird. Aluminium ist ein leichtes, rostfreies, formbares Metall, dazu geschmacksneutral und licht-undurchlässig. Der Abbau von Bauxit und die Weiterverarbeitung erzeugen eine riesen Menge Rotschlamm, Flüsse werden verschmutzt, die Arbeitenden klagen über Verätzungen und andere Symptome. Nun: Denken Sie bitte an ihren Kühlschrank: Da wäre ein Joghurt, mit einem Deckel aus Aluminium, da wäre die Alufolie, praktische Sache. Recycling zum Trotz: Viele Kleinigkeiten, die in unserer Welt kaum bemerkt werden, deren Hintergründe einfach übergangen werden. Alu sei andererseits auch verantwortlich für diverse Allergien hierzulande, Brustkrebs, auch könne es mit Demenz und Alzheimer in Verbindung gebracht werden. Aber: Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut. Konzerne, die hier die Lieferanten und Produzenten darstellen, werden die ihr ‚Kapital‘ aufgeben? Brasilien fungiert als Agent der Länder, die expansiven Kapitalismus betreiben, sie sind somit ein Teil des Imperialismus. Andererseits ’sind‘ sie kapitalisiert, da die Regierung eigene Profite erwirtschaftet – für die Profite anderer Länder. Könnte man sagen.

tapajós

Das war nur ein Beispiel von unendlich vielen weltweit. Denke man an Palmöl und Indonesien. Denke man all die Sojaplantagen, deren Erzeugnisse zu über 90% in die „Nutztierindustrie“ wandern, usw., usf. Ein Themenkomplex, der kein Ende findet.

Andererseits: Ich lese immer öfter von Menschen, die anfangen, selbstständig zu sein. Die anfangen, Autoren ihrer Geschichte zu sein, statt nur Akteure einer gesellschaftlichen Praxis. Im kleinen Rahmen. Es sind Kleinigkeiten. Da sind jene, die machen ihr Brot selbst, andere, die ihre Dinkel- oder sonstige Milch selbst machen, die ihren Käse aus u.a. Flohsamenschalen und Chutneynüssen machen, usw., usf. Viele Menschen wachen auf, beginnen, sich mit all diesen Dingen auseinander zu setzen und dann: Handeln.

Jean Luc Nancy sagte während seines Gesprächs in Wien, das ‚der Kapitalismus‘ dem Ende zugeht. Ich denke, er hat Recht. Fraglich, in welchen zeitlichen Dimensionen er denkt. Noch sind es wenige, die sich lösen können und wollen aus den Illusionen. Nach Marx sind es jene, die verzweifelt sind, denn nur jene haben sozusagen Anreiz genug, zu kämpfen. Und Autor zu werden statt Akteur, vielleicht braucht das Verzweiflung. Oder einfach diesen schrägen Begriff der Vernunft? Wo sind die Übergänge zwischen Agent und Autor? Bei Marx könne man erst dann von Kultur sprechen, wenn man Zustände erreicht, die frei von Fetischismen sind.

Marx geht in seiner Analyse gesellschaftlicher Praktik in Tiefen, die bis heute oft an Widerständen scheitern. Marx und Freud werden nicht ohne Grund oft nebeneinander genannt. Da wären die Ansätze, wie sie Scholz reformuliert. Die Frau, als abgespalten in ihrer (Re)Produktionstätigkeit, bei Lacan ist sie die total Andere, bei Freud ein Rätsel. Dabei ist sie das nur für ihn. Man muss darauf achten, von wo aus man schaut. Agiert man ‚überbaulich‘ oder nicht? Er ist ebenso der total andere. Der, der ein Rätsel darstellt. Das dies so nie formuliert wurde, ist Ausdruck einer gewissen gesellschaftlichen Praxis. Aber das ist (k)ein anderes Thema.

vgl. neben Texten von Marx,
Ingo Elbe (2006): Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen – Lesarten der marxistischen Theorie
Helmut Dahmer (2013): Pseudonatur und Kritik. Freud, Marx und die Gegenwart
Roswitha Scholz (2010): Maria breit den Mantel aus und (2009) Das warenproduzierende Patriarchat. Thesen zu Kapitalismus und Geschlechterverhältnis
Ingar Solty (2004): Der neue Imperialismus

und: Regenwald-Report 2/15  hier erhältlich

kajowas

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