Unkraut

„I don’t feel that it is necessary to know exactly what I am“
[Truth, Power, Self : An Interview with Michel Foucault, 1982]

Wie etwas wächst.
„Ich sehe Töne nicht, aber ich nehme sie wahr […] so ein Ton ist, in dem Augenblick – indem er gedacht wird – irgendwie ein sich im Raum versteckendes Objekt und es ist gar nicht so, dass es für mich ein Ton ist. Ein Ton als etwas, das eine Bewegung hat, das auf „eine bestimmte Art in dem Raum und in meine Wahrnehmung hineindrückt. Es kann eine Gravitation haben, dong machen, auf dem Boden liegen bleiben, weil es wie Blei anploppt, oder von unten erhitzt werden und nach oben steigen. Beim Zugucken denke ich gar nichts. Erst im zweiten Moment versuche ich herauszufinden, was es ist und wie es reinkommt und wo es hinschlabbert und ob es schwer oder leicht ist, ob es sich hinsetzt oder ob ich es drücken muss und ob es da sitzen bleibt oder sofort wieder hochspringt“

Erzählt eine Komponistin. Sie erzählt auch von den Frauen in der klassischen Musik, Frauen im 19.Jahrhundert, die Stücke für Streichquartette schrieben, weil für ein Orchester schreiben, ein Schreiben „für die Schublade“ gewesen wäre. Sie erzählt von den älteren Frauen, die es in der klassischen Musik auch heute kaum gibt, deren Stimmen sie gerne öfter hören würde, mit ihnen arbeiten. Sie erzählt, wie sie komponiert, wie sie im Körper einer Spielerin oder eines Spielers denkt, wenn sie komponiert. Für Hannah Weinrich zum Beispiel. Sie wünscht sich auf den Bühnen die große Weisheit der Geigerinnen, der Pianistinnen über 60 erleben zu können, denn man begegnet den reifen Frauen auf den Bühnen nicht. Im Komponistenverband sind von 1350 Menschen“kaum fünf Prozent Frauen“. Wir reden über Emanzipation, sie realisiert sich aber – eigentlich – nicht.

Ein spannendes und schönes Interview in der TAZ vom vergangenen Sonntag. Ein Bild ist im Artikel auch dabei. Von Notenblättern. Ein Wirrwarr, viele Linien, keine typischen Notationen. Für ‚Unmusikalische‘ unlesbar. Am Anfang lernt man zunächst Takte und Taktarten und Noten. Irgendwie lernt man auch gleich nochmal Bruchrechnen und das Gläser füllen. Man spielt immer wieder dasselbe, die selben Reihen, am Anfang in c dur zum Beispiel C-D-E-F-G-A-H-C. Es ist spannend. Achtet man auf die Beschriftung, die Note und das C oder auf das C und auf den Ton, was inkorporiert man zunächst? Als Kind lernt sich sowas einfach, Kinder sind wie Schwämme. Dafür ist es jetzt („im Alter“) spannender, sich zu beobachten, wie man dasitzt wie ein Klotz.

Wuchern, das tut es überall. Man versucht es zu begrenzen, einzudämmen, gangbar zu machen. Regeln, Strukturen werden erdacht. Ausdruck von Hilflosigkeit, eigentlich -anstatt Reglements ein bißchen weniger wichtig zu nehmen, sie zu über-leben, mit Lebendigkeit zu erfüllen und sie damit zu kleinen Eckpünkchen werden zu lassen, anstatt sie als Pfeiler herumstehen zu lassen.

‚ Unser Hirn verändert die Wirklichkeit, damit es damit synchron sein kann‘

Es macht die Wirklichkeit einseitig, linear, zentral, bilde(r)t Zentrismen aus, schraffiert die Welt. Damit wir uns wo dranhängen können, Subrecta. Man sagt Subjekt, um Objekte konstituieren zu können. Zwei vermeintliche Linien. Dabei ist alles Wirrwarr, wundervolles Wuchern. Man entdeckt es hier und da. Traue keinem Ort, an dem kein Unkraut wächst!

Das ist die Hilflosigkeit. Wir machen und machen. Sind die einzige Spezies auf diesem Planeten, die im Grunde völlig unfähig zur selbstständigen Orientierung ist. Jedes Tier hat hier mehr Vermögen als wir. Ohne GPS, Computer, Straßenschilder, Smartphone, Internet, Paragraphen, Informationen an jeder Ecke, Wissen Wissen Wissen, mehr mehr mehr .. würden manche Menschen eingehen, orientierungslos herumstehen, stillstehen. Hat wohl auch ein bißchen mit der Krux der Identifizierung zu tun. Wer ist man schon, wenn man nicht sagen kann „Bla“ oder „Bla“. Irgendwas Konkretes. Ich bin, ich weiß. Wir taumeln. Und im Taumeln ecken wir an, an irgendwelchen Dingen, Ideologiepfeilern, und an den Ecken sind wir dann. Bilden Schichten aus Dingen, die sich durch unsere Geschichten ziehen. Wiederholungen, die sich türmen. Wir setzen uns einschlägige Brillen auf, um dann verzerrt sehen zu können. Geht doch einfach mal spazieren.

Es wuchert. Und Menschen können das aufnehmen und weitergeben. Da ist ein Dirigent, pardon, ein Mann, Valery Gergiev, he incorporated multitude. Er dirigiert und wird getragen und es ist ein Fest, ein Vielfaches das durch Vielfache rauscht. Dort Blei, hier ein Tropfen, ein Wink, ein kleiner Finger der ein Flattern reflektiert, andeutet, anzeigt, eine Hand die das Blei hier schwer zu Boden gehen lässt, ein Flimmern dort aufleuchtend, ein Wechselspiel, zwischen Musik, Instrumenten, Menschen, Noten, Tönen. Was man sieht, ist ein Orchester, ein Dirigent. Was man fühlt, ist ein Flottieren das sich durchwebt und wenn man sieht was man fühlt, sieht man vieles, das sich durch vieles durchwebt. Fortschreitet, fragil wird, schwer wird, taumelt. Fäden, die sich langsam auffädeln, einen Strang bilden, um wieder auseinander zu fallen. Getöse, Geplätscher. 

Anestis Logothetis, Notationszeichnung zum 25-minütigen Musikstück Mäandros (1965).

Und da ist auch Charlotte Seither. Hier ist das Wuchern voll präsent. Es strebt, fällt, töst, verliert sich, wächst, ballt sich auf um zu zerbersten, verfeinert, verliert sich. Unheimlich? Spitzt sich zu, pocht und klopft an. An euch und an Ihnen. Hört auf und hören Sie auf zu fixieren, zu deuten, zu meinen zu wissen, was da ‚gesagt‘ werden könne. Zu theoretisieren, zu schlussendlich instrumentalisieren (schöner Begriff im verqueren Sinne angesichts von Instrumenten). Es gibt so etwas nicht. Was wuchert, das will nichts sagen, da das, was wuchert, weiß, das es nichts zu sagen gibt. Es weiß nicht, es tut. Es schlägt Kurven, es bewegt sich. Nur Hilfosigkeit versucht, ein Wuchern zu bannen, durch Deutung, durch fixe Ideen, eintönige Linien, Wiederholungen der immer wiederkehrenden selben Theorien. Dieselbe Schablone immer wieder gebrauchen, auf immer wieder dieselben Arten. Menschen sind zu mehr als dem fähig. Einige. Alle. Wir sind zu aller erst und immerfort –  sinnliche Wesen. Unsere Schraffierungen blenden das aus. Wir können reden, in dem wir von a zu g zu f zu o kommen, a ist nie a, g nie g, aber wir können dennoch darüber reden, aber: es wuchern lassen. Klar, ist a irgendwie a, f irgendwie f. Es ist aber egal, a ist in dem Moment wo ich es sage, im Moment x irgendwie a, aber im Moment p vielleicht ein a‘, mit Schattierungen, oder vielleicht schon wieder ä oder j. Wir versuchen alles präsens zu machen. Selbst das Vergangene stockt bis heute, über 2000jahre alte Ideen wurden und werden fixiert, immer wieder aufs neue, durchaus auch neu, aber schwerfällig, träge. Wer weiß schon wie ein Aristoteles damals die Welt sah, wenn er in seinen Gewändern durch die Gegend stapfte und sich dachte, das ist so, das ist das. Seine Strukturen sind Strukturen seiner Welt, seiner damaligen, winzigen Welt. Wir produzieren, wir haben die Vermögen, Phänomene nachzuzeichnen, zu produzieren, die Welt der Künste ist unerschöpflich, aber wir neigen zu sehr dazu, eine Zeichnung undoder deren Nachzeichnung immer wieder nachzuahmen.

Sie erzählt davon, wie man zu Erkenntnis kommt. „Um sich das zu erarbeiten, muss man auch zerstören können und Dinge hinter sich lassen“, zum Beispiel Traditionen. Denn, „Denken ist ja wie was Vegetales, das so wuchert. Sie müssen manchmal einen Ast abschlagen, damit ein anderer stärker wird […] Man muss sich häuten können“.

„Jede Materiepartikel kann als ein Garten voller Pflanzen und Bäume und als ein Teich voller Fische aufgefasst werden. Alleine ein jeder Zweig von einer Pflanze, ein jedes Glied des Tieres, ein jeder Tropfen von seinen humoribus ist noch ein Garten oder ein solcher Teich […] Also gibt es nichts Totes im Universum, kein Chaos und keine Verwirrung außer dem Anschein nach“ Leibniz: Monadologie, überarbeitete Übersetzung, Reclam 2012. Ein Ausschnitt

 

 

Charlotte Seither, Interview mit Waltraud Schwab in der TAZ, Sonnabend/Sonntag, 20.21. Juni, 2015

 

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