Andere (und) Menschen

„Der Wahn ist der Schutz vor der Krankheit, für den man ihn hält“

Ein Buch über ein Jenseits des Verstehens wurde letztes Jahr im Passagen Verlag veröffentlicht: Alzheimer – Über verlorene Sprache. Der Autor geht von seinen Erfahrungen mit Alzheimer über die Möglichkeiten von Verständnis und Verstehen Jenseits von Gewohnten, Erlernten aus und somit schreibt er auch über ‚das Normale‘. Die Überschriften der einzelnen Kapitel sind Zitate, angefangen mit „Jeder weint eigentlich für sich selbst“ (Heine) und schlussendlich „Die Seele der Irren ist nicht wahnsinnig“ (Foucault). Wir glauben sehr viel über Demenz, Alzheimer oder auch Wahnsinn zu wissen, aber handelt es sich um „ein Verstehen, das den Anderen aufgibt, indem es ihn versteht“? Er konstatiert, dass der  „Fortschritt der Medizin […] es möglich gemacht [hat], dass man heute doppelt so lange krank ist wie früher“. All die wissenschaftlichen, klinischen Anstrengungen und allen voran die Präventionsforschung haben lediglich zur Folge, dass der „Horizont des Humanen gegen das nicht oder nicht ganz so humane Fremde sicherer denn je abgeriegelt“ werde. Dabei waren es vor nicht all zu langer Zeit Foucault, die kritische Theorie und teilweise auch die Psychoanalyse, die dem Wahnsinn einen, ihren Platz unter uns zurückerstatteten, die Grenzen zwischen Verrücktheit und Normalität durchlässiger werden ließen. Alzheimer und Demenz, der Wahnsinn in den Klauen ökonomischer Rationalität, stellen ein somit gigantisches Geschäft dar, es sollen wirksame Therapien und Theorien konstruiert werden „und sei es, damit die Ärzte glauben können, ihrem Patienten sehr viel genutzt zu haben, wenn sie seiner Krankheit einen Namen geben [Kant: Über die Krankheiten des Kopfes]. Der Name der Krankheit ist die Münze, die ihre Beherrschung zu sichern scheint“. Die Rationalität und die damit einhergehende Verwerfung von allem, was dieser nicht entspricht ist ein Thema, das auch in eine andere Richtung führt. Die Verwerfung von allen als weiblich konnotierten Eigenschaften führt unter anderem dazu, das auf politischer Ebene Bereiche des Sozialen, der Pflege vernachlässigt wurden und werden (vgl. Scholz 2010), Schütze bespricht in seinem Buch auch die Missstände im Pflegebereich.

Alzheimer

„Wie kann ein Tier einem ins Gesicht blicken?“ [1]

Im letzten drittel des Buches geht es um Erinnern und Vergessen. Letzteres ist die „Lücke unserer Macht“ (Nietzsche): denn wer diesem anheimfällt, wer sein Gedächtnis nach und nach verliere, entfalle auch schnell dem Gedächtnis seiner Umwelt, „Kaum ist ihm die Erinnerung abhanden gekommen, wird er selbst zur Erinnerung“. Er beschreibt, wie einige von seiner an Alzheimer erkrankten Mutter noch zu Lebzeiten in Formen der Vergangenheit sprachen. Menschen, die an Demenz, Alzheimer oder ähnlichem erkranken, büßen ein, was „wir als gemeinhin menschlich definieren“ und was bliebe, sei das Tier, „wenn jemand keiner Ordnung angehört, die wir mit ihm teilen können, wird er uns unverständlich, und was wir nicht verstehen, das sind die Tiere“. Menschen verstehen eigentlich sehr sehr wenige Dinge, allen voran jene, die sie selbst konstruier(t)en. Ungeheuerlich sei dieser Vergleich allerdings nicht, außer man empfinde ihn als diskriminierend, vielmehr sei die unterstellte Ferne zum Tier eine Unterschlagung der Animalität des Menschen. So wird aus dem Essay über eine Welt Jenseits dessen, was wir meinen zu verstehen und zu sein, ein Essay auch über unvermeidliche Anthropomorphismen – und Zirkeln, in denen die meisten Menschen gefangen sind, sie „zu eng denken“ lässt. „Seine Emanzipation vom nicht menschlichen Leben hat ihm zwar eine herausgehobene Stellung verschafft, ihn aber auch für das Ungewöhnliche, Andersartige, für das Fremde um ihn herum unempfänglich gemacht“. Schütze begibt sich auf einen kurzen Exkurs zu Derrida und es lohnt sich, diesen Spuren nachzugehen. Derrida hat zwei Werke abgeliefert, Das Tier und sein Souverän, ein Seminar aus dem Jahr 2001-2002 und Das Tier also, das ich bin in denen er clever, sensibel und präzise zugleich eine Analyse einiger Diskurse aufzeigt. Ein Logozentrismus, der nicht einfach da sei, sondern dass dieser „just zu souveräner Hegemonie in der Lage ist, indem er ausgehend von seinen Übersetzungserzwingungen (forçages de traduction) alles organisiert“ [Derrida 2008, S. 465, 13. Sitzung, März 2002]. In diesen Büchern streicht er das symptomatisch-cartesianische in den Diskursen von Aristoteles, Kant, über Heidegger, Lacan und Lévinas heraus, ernüchternd. Er beschreibt ähnlich wie Schütze die Missachtung der Tierwelt, die Missachtung der wesentlichen und strukturellen Unterschiede der verschiedenen Tiere und die Verleugnung, die diesem Denkduktus angehört. So kommt man zurück zu Schütze, der ähnlich wie Derrida zweifelt, an dem eng gefassten Existenzbegriff des Humanen und den daraus abgeleiteten Vorrechten des „gesunden, vernünftigen Menschen“.

Das Rationale und die Nützlichkeit. Menschen die in der Pension ankommen oder schon vorher ‚ausgemustert‘ wurden, verfallen so manches mal einer Depression, da sie sich nicht mehr „nützlich“ fühlen, der persönliche Verfall nimmt hier leider manchmal seinen Anfang. Heutzutage verschiebt sich da etwas, aus den „Workless Poor werden Working Poor“, man ist leicht austauschbar, man ist jetzt schon nutzlos, die einen haben keine Ausbildung, das ‚falsche‘ Studium gemacht, oder zu spät oder sich zu wenig ‚in eine Richtung spezialisiert‘ etc – so haben einige ‚meiner‘ Generation das …’Glück‘, besagte Renten-Depression wohl eher nicht zu erleben.

Menschen meinen oftmals, sehr speziell zu sein, sie meinen, aufgrund der Tatsache der Sprache sich zu unterscheiden, wesensmäßig und setzen alle nicht sprechenden Wesen herab. Es ist eine schlichte Unempfänglichkeit und Unempfindlichkeit gegenüber dem anderen. Sie nennen das eine Ordnung und nennen alles jenseits davon Unordnung, erkennen jene andere Ordnungen nicht an. Derrida würde von der Dummheit sprechen und schreiben. Schütze schreibt:“Aus dem Wortsalat der Gesunden spricht die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit“. Die Demenz, der Wahn stelle kein Gegenstück zur Vernunft dar, vielmehr führen jene Phänomene (wie einige andere auch) eine unabhängige, undurchsichtige Existenz, dessen verschachtelten Ordnungsmuster durch Diagnosen nicht entziffert würden. Diese Menschen vermögen es nicht (mehr), „Beziehungen zur Mitwelt zu stabilisieren und keine noch so illusionäre Einheit wiederherzustellen“, mit ihrem Tod verschwinden diese Phänomene immer wieder aufs Neue. Es bleibt die Frage: Wie illusionär ist unser „Normales“, wie viel Einbildungskraft braucht es, diese herzustellen, Teil davon zu sein? In einem Blog beschreibt ein Autor, dass das Imaginäre eine notwendige Instanz für das Zwischenmenschliche ist, da es das „Vorstellungsvermögen und seine Assoziativkraft“ brauche. Wo ungefähr sind Knackpunkte, in der Rationalität? An der Bruchstelle Imaginäres und Rationales, das ein „So-Sein“ vorgibt, das alle beteiligten ‚verstehen können‘? Leben wir in einer Gesellschaft, die sich durch einen Verstehens-Zwang zugunsten der Idee des Rationalen charakterisieren lässt?

Ein schönes, sensibel geschriebenes Buch, Reflexion über eine Zeit, jenseits der Rationalität mit sehr vielen Verknüpfungen zur beispielsweise Philosophie oder Neurologie.

„Wohin gehen Gorillas, wenn sie sterben?“, fragte die Trainerin einmal. Koko überlegte, dann antwortete sie [in Gebärdensprache]: „Gemütlich – Höhle – auf Wiedersehen.“

Jochen K. Schütze (2014):

Verlorene Sprache – Über Alzheimer, Passagen Verlag, Wien

 

 

 

 

 

Sind Demenz oder Alzheimer, das Schwinden der Sprache, hier eher ein Ende der Kommunikation, aber nicht eines Sprache überhaupt? Und wie kommen wir aus dem jahrtausende alten Trauerspiel „Maßstab Mensch“ heraus? Es gibt einen sehr spannenden Text, „What is it like to be an Octopus?“ der in diese Richtung geht, ein weiterer Text, der diese Thematik aus theologischer Sicht angeht: Ambivalenzen einer Beziehung – und ein Plädoyer für eine antispeziesistische Theologie, ein Text der uns im Allgemeinen angeht.

 

[1] Derrida 2010, S.25

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