Räume

„Die Nadeln zum Beispiel stricken einen gekerbten Raum, und eine der Nadeln spielt die Rolle der Kette und die andere die des Schusses, auch wenn das abwechselnd geschieht. Die Häkelnadel umreißt dagegen einen Raum, der in alle Richtungen offen ist und in jede Richtung verlängert werden kann“ [1]

„Ein Gewebe hat im Prinzip eine bestimmte Anzahl von Eigenschaften, durch die es stets als gekerbter Raum definiert werden kann […] Ein solcher gekerbter Raum ist zwangsläufig begrenzt, er ist zumindest an einer Seite geschlossen. Die Notwendigkeit einer Hin- und Herbewegung setzt einen Begrenzten Raum voraus“ und schließlich scheinen solche Räume zwangsläufig eine Vorder- und eine Rückseite zu haben […] „hat das Gewebe eine Unterseite, auf der die Fäden verknotet werden“
Kapitalistische Strukturen kerben Räume. Wenn man fernost-asiatische Philosophien ließt, lernt man Strukturen kennen, solche der Relationalitäten, des Verbunden-Seins, keine Hierarchien, andere Begriffe des Seins, die dezentral sind. Etwas kerbt aber diese Räume. Was bedeutet kapitalistisch? Es kann mehr sein als gesamten Produktionsweisen- und Mittel. Andererseits, was bedeuten Produktionsweisen. Sie bestimmen und verorten mehr als Ressourcen und Waren, denn als Menschen sind wir auch Ressourcen in diesem System. Das Passive wird in jenen Philosophien angestrebt, sozusagen. Ein in versenkt sein (in sich und somit auch im Kosmos, das Um-mich vielleicht) anstelle einer Aktivität, die einem Ich kann, Ich bin, ich habe entspricht. Besagte Ökonomie besetzt diese Räume, kerbt sie wiederum, horizontal und/oder vertikal, die die anderen überschneiden und durchkreuzen („rechtwinklig“).

Unsere Körper? Ströme und Geschwindigkeiten des Blutes, ein Herzschlag und sein Rhytmus, Bahnen des Windes, der auf unserer Haut diese Bahnen ändert. Unser Atmen, unsere Körperhaltung und unsere Bewegungen, das Gekerbte, jede Zelle, die wir sind.
Zu den geschmeidigen Festkörpern gehört auch der Filz, eine Art Anti-Gewebe, „er braucht keine einzelnen Fäden, die miteinander verwoben werden“. Wobei die Fäden oftmals wiederum in sich verschlungen sind, in sich auch diagonale Bahnen und Kneule bilden). „Das so gewickelte Material ist keineswegs homogen; und trotzdem ist es glátt und Punkt für Punkt dem Raum des Gewebes entgegengesetzt […] es hat keine Vorder- und Rückseite und auch keinen Mittelpunkt […] es breitet eher eine kontinuierliche Variation aus. Linien oder Bahnen werden tendenziell Punkten untergeordnet, im gekerbten Raum. Im glatten Raum die Punkte den Bahnen.
Wasser hat eine Oberfläche, es ist ein „glatter Raum par excellence und dennoch wird es am ehesten mit den Anforderungen einer immer strengeren Einkerbung konfrontiert […] Denn vor der recht späten Bestimmung der Längengrade [durch eine operative Geometrie] hat es bereits eine empirische und komplexe nomadische Navigation gegeben, die die Winde, die Geräusche, die Farben und Klänge des Meeres miteinbezog“. Auch wenn ein Meeresraum, allgemeiner einer des Gewässers – zunächst ein glatter – zunehmend gekerbt wurde und wird, bleibt es offen, ohne Vorder- und Rückseite, voller verwickelten Strukturen, die sich auflösen, verändern fortlaufend etwas anderes bilden aber auch Bewegungen, die endlose Muster der Ähnlichkeit abrollen zu scheinen, Wellengang, eine Brandung.

Das Bild stammt wahrscheinlich von einer Grupper dreier Mönche, Yu-chien [芬 玉 澗], 13. Jahrhundert. „Diese Bilder der Sung Periode haben gemeinsam, dass sie Ansichten der Leere, Distanz und Abwesenheit interpretieren“ http://nowhere-nowhere.org/2015/04/25/die-leere-als-raum/


Und die Sexuierung?

„Das Glatte ist ein Nous, während das Eingekerbte […] immer einen Logos hat“

„The function of the phallic signifier touches here on its most profound relation: that by which the Ancients embodied therein the Nous and the Logos“[2]

Diese Räume und „ihre komplexen Unterschiede; die faktischen Vermischungen und die Übergänge vom einen zum andern; die Gründe für die Vermischungen, die keineswegs symmetrisch sind und bewirken, daß man aufgrund von völlig unterschiedlichen Bewegungen mal vom glatten zum gekerbten und mal vom gekerbten zum glatten Raum übergeht“

[1] und alle weiteren: G. Deleuze + F. Guattari: Tausend Plateaus, „Das Glatte und das Gekerbte“ (S. 658ff)
[2] J. Lacan: The Significiation of the Phallus, in: Écrits (translatet by B.Fink) , S.584)

sicherlich interessante Quellen, die in den Fußnoten in Das glatte und das Gekerbte aufscheinen: Pierre Chaunu:
L´expansion européenne du XIIIe au XVe siecle, Paris 1969; Leroi-Gourhan: L´homme et la matière, Paris, 1971; E.Carpenter: Eskimo, Toronto, 1964; W. Theisinger: Die Brunnen der Wüste, München, 1959

 

Tagged , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.