Verzerrungen, Sexuierung & Bedeutung

In einer Diskussion in einem anderen Blog verdichteten sich gedanklich Teile zweier, dreier anderer Diskussionen. In einer Gruppe gab es einer der unsäglichen Debatten über die „MILF“ Thematik. Wie so oft in psychoanalytischen Diskussionen lag der Focus lediglich auf „jüngerer Mann will ältere Frau“. Das ist unter Umständen die erste Verzerrung, oder zumindest eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise. Sind es doch in den, sagen wir, Filmchen meist gleichaltrige oder ältere männliche Darsteller. Es wird allzu gerne vergessen: die männlichen Repräsentanten sind ebenso signifikant wie die weiblichen. Der Focus, oder der ‚Schirm‘ vielleicht, durch den dieser Blick geht, steht hier nun Frage. Das mit dem „jüngerer Mann will ältere Frau“ ist nur ein Teil der Geschichte. Einer der Disskutanten wurde geradezu aggressiv, da ihn das Thema „an-ekele“, er wolle „nicht mal daran denken“. Da wären wir, mitten im Phantasma eines männlich sexuierten, neurotischen Menschen. 

a) In einem Interview erzählt Sigusch, dass es wissenschaftliche Belege gebe, die zeigen, dass viele Männer eine Erektion bekämen, ‚wenn auch unbewusst‘, sobald sie mit Bildern nackter junger Mädchen konfrontiert würden. Etwas Phantasmatisches?

b) In einer anderen Situation ging es um das Thema Sexuierung und was eine Frau für den Mann wäre. Nach einigen meiner Fragen meinte der Autor, dass der Phallus sicherlich nur vom erigierten Penis repräsentiert würde und dass im Schema der Sexuierung bei Lacan es die gebürtigen Männer seien, die männlich sexuiert zu denken sind, und die gebürtigen Frauen als weiblich sexuiert. Er erläuterte dann unter anderem, dass daher der Mann als Träger des Organs den Phallus habe, wiederum die Körper von Frauen Phallus „sind“. Am Ende hieß es dann ungefähr, dass daher bei Frauen nichts hängen, nichts schlaff sein dürfe, es müsse alles glatt oder straff sein.

Lacan sagte und schrieb aber, dass

1. Die Seiten unabhängig vom biologischen Geschlecht besetzt werden. Die Stelle in Seminar XX finde ich bis Dato leider nicht, aber Bruce Fink streicht das sehr deutlich in „Das Lacansche Subjekt“ heraus [vgl. S. 140f].

2. der Phallus n i c h t (nur) den erigierten Penis repräsentiert; die Klitoris könne dies ebenso, etc. aber im Eigentlichen symbolisiere nichts tatsächlich diesen Begriff, also schlussendlich ist es ein leerer Begriff. „Der Phallus hingegen ist niemals etwas anderes als ein Signifikant“ [Fink, S.136 und vgl. Lacan: The Signification of the Phallus, p. 579; im Original p. 690]. Es ist ein ähnliches Prinzip wie es in der negativen Theologie für den Begriff Gott gilt, falls das weiterhilft. 

3. Ein Mann, der sein „Mann-Sein“ daran aufzieht wird bei Lacan zum Hochstapler. Eine Frau, die wiederum auf den Penis fixiert sei, verbleibe beim Fetisch [vgl. Lacan: The Signification of the Phallus, p. 583; im Orig. p. 694].

4. Außerdem widerspricht solch eine Annahme dem strukturalistischen Hintergrund in der lacanschen Psychoanalyse, da Bedeutung niemals fixiert ist, immer im Fließen begriffen sein sollte. Ist sie das nicht, befinden wir uns ‚im Imaginären‘.

5. Fink stellt die Behauptung auf, dass das Schema der Sexuierung „nur neurotische Subjekte“ [Fink, S.140) betreffe. Dem würde ich zustimmen. [Ähnliches eröffnet sich bei der Instanz des Namen-des-Vaters:“Seine These lautete nicht, dass es Symptome gibt trotz des „guten“ Gesetzes NdV, sondern das der NdV selbst nur ein mögliches Symptom unter anderen in der Wahl des Neurotikers ist“ [Gen. Morel, 2007: Das Symptom, das Phantasma und die Pathologien des Gesetzes, S. 65]

6. „Männer [also männlich sexuierte Wesen] sind vollständig durch die phallische Funktion bestimmt“ [Fink S.141]. Sie können also nicht anders, sozusagen.

So kommen wir zurück zum Anfang. Sie, die MILF stellt für den neurotischen-männlich sexuierten Mann einen kleinen Alptraum par excellence? dar. Das wahrscheinlich Interessante an diesen Filmen ist weniger das vermeintliche ‚jung und alt‘ sondern vielmehr, dass es nicht mehr nur oder vorzugsweise (legitimierender weise?) die „junge glatte Frau“ ist, die in solchen Filmchen als ‚begehrenswert‘ (…) zur Repräsentation gebracht wird.

Wir leben in einer Ordnung, in der irgendwie neurotische, männliche Phantasmen, diese Modi leider und durchaus die Wirklichkeit von Frauen, von allen strukturieren. Es wird klarer, warum das Älter-Werden für Frauen oftmals und leider ein Problem darstellt, aber für Männer weniger. Ebenso wird klar, warum es nie ein Thema war und ist, wenn die Partnerin (wesentlich) jünger ist als der Partner. Ebenso wird klarer, warum das Thema „älterer/alter Mann und junge Frau“ in der Pornographie eigentlich nie sonderlich thematisiert wurde und wird.

Die psychoanalytische Theorie ist sicherlich selbst in weiten Strecken Ausdruck phallozentrischer Phantasmen, die Theorien daher voller (symbolischer) Gewalt und natürlich: neurotischen Ängsten. Aber das ist diese Theorie nicht nur – wie man sieht, zeigt Lacan eigentlich, dass in einer phallonormativen(?) Ordnung, in der der Phallus sozusagen stets als (erigierter) Penis (oder sonst einen Repräsentanten) gedacht und ‚praktiziert‘ wird, kein Platz für Liebe(?) ist, sondern nur für (neurotische) Fetische die zu Fetischismen werden. Somit kann man was unsere Gesellschaften betrifft, nur sehr eingeschränkt von Symbolischen Ordnungen sprechen?

Bundesgerichtshof 1966

Phallo-normativität ?

Lacan begang einen Fehler, als er den Signifikanten/Phallus postulierte, denn er fügt eine Dimension hinzu, wo es nichts gibt. Der Fehler war, es als grundlegendes Strukturmoment zu postulieren, denn das ist es nicht notwendigerweise, nicht immer für ewig und auch nicht für a l l e. 

Interessant auch in den Kontexten das Umgehen mit Begriffen wie Phantasma und Ideologie, ist doch beides unbewusst, wenn nicht in Teilen synonym. Das schlimme bei diesen Debatten ist, das so manches mal auf das Wollen ‚der Frauen‘ geschlossen wird, ihre Gier sei es, dich sich verwirkliche, dabei sind es seine Phantasmen, er will, dass sie den Penis will (was nicht ausschließt, dass sie ihn wolle, wie gesagt. Wenn er will, dass sie den Penis will, will er ihn dann eigentlich selbst? Oder „..wenn man Mann ist, man in der Partnerin sieht, womit man sich selbst stützt, das, womit man sich stützt narzistisch“ [Lacan, Seminar XX, S.94]. Das Schema der Sexuierung ist sicherlich treffend, man kann damit auf einmal viele Dinge denken, eine neue Geschwindigkeit kann in das Denken Einzug halten. Aber die Körper, mit den unterschiedlichen Sensibilitäten dürfen nicht unter den Tisch fallen. Die Sensationen sind unterschiedliche und es wundert natürlich kaum, warum der Penis derart Idealisiert wird und durch diese Idealisierungen an Faszination gewinnt, aber wie gesagt, es sind seine Sensationen, sie wiederum ist jene, die einiges an Sublimierungsarbeit leistet?
Das alles bedeutet auch, familiale Zusammenhänge, auch im Blickwinkel mit Finks Behauptung (5.), anders und neu zu interpretieren. Wann wird die ‚Mutter-Figur‘ derart verworfen, wann nicht, was gibt es für Grauzonen und wann spielt sie quasi keine (signifikante) Rolle?  Viele offene Fragen und Richtungen. 

Das Interview mit Volkmar Sigusch

Bruce Fink: Das Lacansche Subjekt, Turia + Kant, 2006

Jacques Lacan: The Signification of the Phallus, in: Écrits, translated by Bruce Fink, W.W.Norton & Company, 2006

Jacques Lacan: Seminar XX – encore, Quadriga, 1986

Gen. Morel, 2007: Das Symptom, das Phantasma und die Pathologien des Gesetzes, S. 65 in: RISS 65

vgl. auch Joan Copjec: Das Geschlecht und die Euthanasie der Vernunft in: Ließ mein Begehren, Lacan gegen die Historisten, 2004 

Einen Beitrag schrieb ich noch zu Potreptikos zur Lektüre von Sein und Sexuierung
von Mehdi Belhaj Kacem, Merve

 

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