sad[e]Kant II

Der Wüterich de Sade, Kant, der Alleszermalmer und das Gewissen.  East Side Gallery Berlin, 2010

Bei Kant wahrscheinlich ein Alltagsbegriff, bei de Sade, wenn er Madame Delbène sprechen lässt, äußert sich Folgendes „And so conscience is purely and simply the construction either of the prejudice that are insinuated into us or of the ethical principles we ourselves devise in our own behalf. […] ..if for material we employ sensitive principles, to forge a conscience which will haunt and sting and bite us, .. .“ (de Sade 1797-1801: 13).
Interessant, das Wort conscience. Conbetrügerisch, schwindeln, scienceLehre, Wissenschaft, Bewusstsein. Aber das nur am Rande hingestellt. To con, auch überreden. 


Gewissen, Alltag, Bewusstsein – Schuld, schuldig sein, verortet uns, lässt wegschauen, statt dessen schauen in einen Tümpel, den es vielleicht nicht gibt, wegschauen von was?  Einer Art Angst?

Was will de Sade. „Ich habe das unbestreitbare Recht, deinen Körper zu genießen, kann ein jeder mir sagen, und ich werde von diesem Recht Gebrauch machen, ohne das irgendeine Schranke mich daran hindern könnte“ (aus: Kobbé 1998:225). Skeptisch könnte man hier werden, da unklar ist, wer diesen Satz sagt, in welchem Kontext. Vielleicht spielt es bei de Sade eine große Rolle, wer welche Aussagen tätigt? Aber gut: Mit diesem Satz wird de Sade zum Perversen, da er sein Phantasma anderen überstülpt. Keine Wechselseitigkeit. Agiert Kant im Grunde ebenso? (vgl. Kobbé 1998:225), Liegt die Wechselseitigkeit darin, das andere dieses ebenso anwenden würden? Eine wechsel-Seite wo man ‚ist‘ und dann wieder nur ‚für-ist‘? Fehlt es da an Harmonie, fließende Bewegung in sich und mit anderen, fließende Grenzen?

Sad´sche Phantasma, Lacan, Schriften II

V – Wille zum Genuß | volonté de jouissance
d – Begehren | desir

Der Wille zum Genuss verwandele sich in moralischen Zwang, Recht zum/auf Genuss (das Schema drehend, eine Viertelbewegung, „das an seiner Stelle die Vorherrschaft des Willens in dieser ganzen Sache gebieterisch scheint zur Geltung zu bringen, dessen Form zugleich an die Vereinigung dessen denken läßt, was es spaltet, da dies in Gestalt eines vel wiederum eint, d.h. indem sie das schräggestrichene S der praktischen Vernunft gegenüber S dem rohen (dem pathologischen) Subjekt der Lust zur Wahl stellt“ (Lacan 1999:146f)

Abgesehen von der Unlesbarkeit der Schriften Lacans, bleibt wieder, was aus den vielen Texten de Sades nimmt man und übersetzt es, deutet es und was nicht? Was ist Philosophie, was Parodie, Theater, wo ist de Sade?

Wo ist Kant? Der Strenge, der seinen Hausdiener hatte, Martin Lampe. „Nach vierzigjährigem Dienst sah sich Kant veranlasst, ihn Ende Januar 1802 entlassen, weil Lampe angefangen hatte zu trinken. Kant hatte sich so an seinen alten Diener gewöhnt, dass er auch dessen Nachfolger Johann Kaufmann „Lampe“ nannte, weshalb er in ein kleines Buch vermerkte: „Der Name Lampe muß nun völlig vergessen werden“ (vgl. wiki).
Vielleicht ist da Kant, einer der sich vielleicht völlig im Denken ‚vergessen‘ konnte, weil um alles andere, kümmerte sich Lampe?

Im Denken, Erkenntnis, die Vernunft „hat dabei nur eine systematische Einheit im Sinne, welcher sie die empirische mögliche Einheit zu nähern sucht, ohne sie jemals völlig zu erreichen. […] noch weiter als die Idee, scheint dasjenige von der objektiven Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne“ (KrV 2006:606, AA B 596/A568). Die Vernunft mit ihren Ideen und Idealen, praktische Kraft, die uns gewisse vollkommene Handlung möglich mache, möglicherweise jedenfalls. Freiheit, die Vernunft, die an der sich gesetzlosen Freiheit Schranken setzt (vgl. ebda). Idee – Regel gebend, Ideal – Urbild gebend, welches wir nachbilden (wollen), wie eine Art Richtmaß ebenso, vergleichen, aber niemals erreichen könnend. […] Das Ideal aber  […] in der Erscheinung, realisieren zu wollen […] hat überdem etwas Widersinniges und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich (?) Abbruch tun, alle Illusion in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen (vgl. KrV 2006:607f, AA B 597/A 569). Die Idee, regelgebend, the idea of the evil. So sei es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit auf bestimmten Begriffen beruhe […] (vgl. ebda).

Begehren – Willen

„Immerhin übersteigt diese Bezugnahme auf ein Gesetz des Begehrens das moralische Gesetz bei Kant, dessen transzendentales Subjekt als Willensubjekt gerade kein Subjekt des Begehrens ist“ (Kobbé  1998:231), das moralische Subjekt bei Kant verbiete in seinem Streben nach seiner Vernünftigen Form des Willens nicht nur das Begehren, „sondern auch alle Gefühle des Mitleids oder der Nachsicht“ (vgl. ebda).

So gesehen, wäre das Begehren eine Naturgabe. Ist es das, wenn wir sprechen anfangen? Ist das Begehren tatsächlich das zu verbietende bei Kant? Ist es nicht eher dem Willen näherzurücken, dem Willen, nicht eindeutig und ganz, aber eher hier als dort, in ‚Naturgaben‘? Der Wille, das Begehren, Bewegungen, die ein Subjekt sich organisieren lassen, in beiden Fällen mehr oder weniger klar, da auch der Wille nie eindeutig und ad hoc bestimmbar ist, auch nicht bei Kant, daher ja eine Art Werkzeug, der Imperativ, eine Denkstütze, die von Fall zu Fall zu diesen oder jenen Handlungen führe? Lockere Formulierung, jawoll!

Kant, der uns eigentlich nie sagt, wir sollen reine Denkwesen werden? Wir sind Sinnenwesen auch, „der menschliche Verstand hingegen – als abgeleiteter, als »derivativer«- das Sein niemals in diesem Sinne entstehen oder erstehen: er richtet sich auf ein schon vorhandenes, ihm irgendwie »gegebenes« (vgl. Cassirer 1931:6).

Sind Kant und de Sade solche, die sich fürchten vor der Kluft und diese mit ihrer Art sich zu organisieren überbrücken? Tun das nicht alle, nur die meisten weniger laut, weniger ’streng‘, de Sade, der diese Stelle anbrüllt? „Die Konfrontation mit dieser leeren Stelle, mit der Nacht der Welt“ aushalten, die im Blick des Anderen beinhaltet ist (vgl. Zizek 1990:254f, in Kobbé 1998). Eine Grundhaltung, die sich eine psychoanalytische nennen könnte, findet sich wohl bei kaum jemanden.

Angst

„Der Grund entspringt der „endlichen Freiheit“: als dieser Grund aber ist die Freiheit der Ab-grund des Daseins – das Dasein als Sein können in Möglichkeiten, die vor seiner endlichen Wahl. […] Die Art und die Stimmung, in der Schiller, in der Wilhelm v. Humholdt die Kantische Philosophie gesehen haben,

„Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten;
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des Lichtes Fluren
Gott lieh unter Göttern die Gestalt.
WoIlt Ihr hoch auf ihren Flügeln schweben
Werft die Angst des Irdischen von euch,
Fliehet aus dem engen dumpfen Leben
In des Ideales Reich!“

 (vgl. Cassirer 1931:24f)

Ein ideales Reich, sieht für jede/n anders aus, Freiheit, was ist das eigentlich, wenn Maximen und Regeln sich auf andere beziehen, andere mit denen wir sind, andere die uns wiederum machen zu dem was wir sind und werden, werden wir aber auch zu dem was wir uns machen, ein Ich, wo ist das in all dem? Was ist Freiheit, wenn sie begrenzt ist durch Maximen und Grenzen, was wäre dann Freiheit, wenn ein Subjekt wie schwerelos wäre, wäre es nichts. Also machen, selbst. S´en sortir. Organisieren, (Körper)Grenzen. Hülle schaffen. Orientieren. Positionieren, Ich und mich, Rück-sicht und der andere (und der Andere).

 

Quellen:
Ernst Cassirer: Kant und das Problem der Metaphysik, Kant-Studien,36, 1931, auch hier
Jacques Lacan: Schriften II, Quadriga Verlag, 1999
Marquis de Sade: Juliette – 1797-1801, Übersetzung von Austryn Wainhouse, Grove Press, 1968
Ulrich Kobbé: Zwischen Kant und de Sade. In: Ebrecht, A. & Wöll, A. (Hrsg.). Psychoanalyse, Politik und Moral (223-237). Tübingen: Diskord, 1998 (nachzulesen auch hier)

 

Tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.