Gedanken über Pflanzen

Aus Intelligenz der Pflanzen, S.81

„Die Intelligenz der Pflanzen“ ist ein, manche würden sagen, populärwissenschaftliches Buch, andere würden sagen, gar kein wissenschaftliches Buch, ich würde sagen, es ist ein interessantes und schönes Buch, das neben Tatsachen auch Ideen, interessante Gedanken und somit einige Perspektivenwechsel anbietet. Zunächst wird die Frage gestellt, ob man Pflanzen Intelligenz zusprechen kann und was man überhaupt darunter verstehen kann. Auf verschiedene Weisen wird deutlich, das Pflanzen hochkomplexe Wesen sind und das Buch, so kurz es ist, ist dennoch voller anschaulicher und überraschend spannender Beispiele.

Am Anfang war das Grün
Zunächst und an manchen Stellen wird die geneigte Leserschaft darüber aufgeklärt, dass man aus biologischer Sicht keineswegs vom Menschen als ‚Herrscher der Erde‘ sprechen könne, u.a. daher, da die tierische Masse auf diesem Planeten hochgerechnet lediglich etwa 0,3% ausmache. Der Rest, also etwa 99,7% sind pflanzliche Masse. Außerdem gab es die ersten Spuren des modernen Menschen, homo sapiens, vor gerade mal zweihunderttausend Jahren, „nach Maßstäben der Evolution“ seien das nur wenige Augenblicke. Ein wichtiger Aspekt wird hier klar: ’natürliche Ereignisse‘, auch quasi pflanzliche Prozesse laufen derart langsam ab, dass sie für unsere Augen nicht sichtbar sind und somit für unseren Verstand kaum Bedeutung erhalten. Die Autoren sprechen von einem Trompe-l´œil, denn die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen uns und der Pflanzenwelt sei so gewaltig, dass sie zu Wahrnehmungsstörungen führe. Wir haben die Pflanzenwelt bis dato kaum kennengelernt. Wir wissen bis heute erstaunlich wenig, was auch an unseren über die jahrhunderte gewachsenen Vorurteilen liegt, die der Pflanzenwelt einen niederen Platz zuweisen, der Mensch als Maßstab ist ein Maßstab der Verkennung; somit wird ‚die Pflanze, zum unbekannten Wesen‘.
Befragt man den Begriff der Intelligenz, könne man hier u.a. auch von der Anpassungsfähigkeit an Umgebungs- also Umweltbedingungen sprechen. Menschen passen vielmehr die Umgebung an sich an, als umgekehrt.

Aber zurück zum Anfang. Während in unseren Breitengraden die Pflanzenwelt oftmals geradezu verteufelt wurde, man denke an die ‚Hexenverfolgung‘ und die dazugehörige Praktik, manches mal auch Knoblauch, Fenchel oder Petersilie zu verbrennen, stellen bei indigenen Völkern Pflanzen ein immanenten Bestandteil dar, manche gelten gar als heilig. Dazu kommt der seltsame Umstand, dass wir unsere Kalorien gerade mal aus sechs Pflanzen (Zuckerrohr, Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln, Soja beispielsweise) beziehen, anstatt von der Vielfalt Gebrauch zu machen (was sich allerdings in jüngster Zeit zu ändern beginnt). Ein Ende der schä(n)dlichen Monokulturen ist hoffentlich absehbar.

„Jede Pflanze ist eine Kolonie“
Denkt man an den Begriff vegetieren, denkt man an so etwas wie ‚dahinsiechen‘. Vegetare meint aber eher beleben und die Bewegungslosigkeit der Pflanzen ist eigentlich keine. Vor etwa fünfhundert Millionen Jahren nahm die Differenzierung zwischen Pflanzen- und Tierreich ihren Anfang, „Pflanzen optierten für ein sesshaftes Leben, während die Tiere ein Nomadenleben wählten. Erstere nennt man autotroph, da sie zum Überleben keine andere Lebewesen brauchten (was auch nicht ganz der Wirklichkeit entspricht, wie sich zeigen wird) und letztere heterotroph.
Das zunächst Interessante ist der „modulare Körperbau“ der Pflanzen, „d.h. jeder Körperteil ist wichtig, aber nicht unverzichtbar“. Bei Tieren, also auch bei uns Menschen, konzentrieren sich beinahe alle lebenswichtigen Funktionen in wenigen Organen, wiederum seien bei Pflanzen solche Funktionen nicht an einzelne Organe gebunden, sie „atmen ohne Lungen, ernähren sich ohne Mund und Magen, stehen aufrecht ohne Skelett und treffen […] Entscheidungen ohne Gehirn“. Jeder der Sinne wird zunächst darauf befragt, was wir eigentlich darunter verstehen.

Sehen
Sehen sei unterm Strich eine Leistung des Lichtsinns, eine Wahrnehmung optischer Reize. Pflanzen absorbieren Licht und sie können Lichtquantität und -quantität beurteilen. Pflanzen wachsen in Richtung des Lichts (Fototropismus), tun dies aber entlang gewisser Risikokalküle und einer Nutzenabwägung, so könne man allein hier schon an Intelligenz denken. Bei Pflanzen kann man eigentlich davon sprechen, dass ihr gesamter Körper, inklusive der eher lichtempfindlichen Wurzeln „mit kleinen Äuglein“ übersäht sei.

Riechen
„Während wir mit der Nase riechen, tun Pflanzen dies mit dem ganzen Körper“. Pflanzen benötigen einen Geruchssinn, da sie selbst ‚Düfte‘ (BVOC Moleküle) nutzen, um Informationen über ihre Umwelt zu erhalten oder um miteinander oder mit Insekten zu kommunizieren. So sind Düfte von Rosmarin, Zitrone oder Süßholz beispielsweise eigentlich Botschaften. „Der Duft ist die Sprache der Pflanzen, ihr Vokabular. Millionen chemischer Verbindungen bilden die Zeichen einer pflanzlichen Sprache, die wir bislang leider kaum verstehen“. Ein Beispiel sei Methyljasmonat, das viele Pflanzen unter Stress produzieren. Unter anderem benachrichtigen sie damit „ihre Nachbarpflanzen oder entferntere Pflanzen in Echtzeit über die drohende Gefahr“. Man könnte nun anführen, dass sich unsere Sprache durch Bedeutungsvielfalt und deren Verschiebungen unterscheide, aber erstens: ist das so ausschlaggebend und zweitens gibt es die Sache mit der Bedeutung auch in der Flora, da Lockstoffe für die Pflanze etwas anderes Bedeuten, als für den, der darauf hereinfällt. Aber das soll nun nicht weiter thematisiert sein.

Schmecken
Mit verschiedenen chemischen Rezeptoren suchen sie im Boden nach Nährstoffen und wachsen entsprechend, „denn wenn sie bei höheren Mineralstoffkonzentrationen mehr Wurzeln schlagen, handeln sie vorausschauend und investieren Energie und Ressourcen in ein Ergebnis, das noch in der Zukunft liegt“. Das tun wir sehr häufig ebenso. Interessante andere Beispiele bieten hier die sogenannten fleischfressenden Pflanzen, die nicht den Boden nach Nährstoffen absuchen, denn sie wachsen meist in Gegenden nährstoffarmen Böden, so entwickelten sie im Laufe der Zeit Möglichkeiten, ihre Nährstoffe auf andere Weisen zu beziehen. Beispielsweise ist der Fangmechanismus der Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) keiner, der ausgelöst würde durch bloße Berührung, also es ist keine unwillentliche Bewegung auf taktilen Reiz, sondern sie warte ab, bis die Beute in der Mitte sitzt. Außerdem öffne sie das Blatt rasch, wenn die Beute unverdaulich sei. Die ersten Forschungen und Streitereien hierzu gab es im Zeitraum 1760-1769 zwischen Arthur Dobbs, Peter Collinson, John Ellis und Carl von Linné. Fleischfressende Pflanzen sind übrigens keine Seltenheit, es gibt weit über 600 Arten, vor allem wenn man jene dazu zählt (Kartoffel, Tabak, …), die über ihre Blätter giftige, klebrige Substanzen absondern und somit Insekten töten. Jene fallen zu Boden, zersetzen sich und geben somit Stickstoff frei.
Die imposanteste unter den fleischfressenden Pflanzen dürfte die Kannenpflanze (Nepenthes villosa) sein, die auch Ratten und ähnliche große Tiere verdauen kann. Andererseits lebt sie mit einer gewissen Ameisenart zusammen, die ihr Inneres sauber halten, damit die Oberflächen der Innenseiten glatt bleiben und Beutetiere nicht mehr hinauskommen.

Kannenpflanze

Fühlen
Der Tastsinn ist in der Pflanzenwelt eng mit dem Gehör verbunden, „mechanosensible Kanäle“ finden sich über die gesamte Pflanze verteilt, vor allem aber in den Epidermiszellen, also jenen mit direktem Kontakt zur Außenwelt. Als Beispiel hier wird die Mimosa pudica angefürt, deren Blätter sich bei Berührung einklappen, aber ebenfallls könne man hier nicht von konditionierten Reflexen sprechen, denn „die Blätter schließen sich nicht bei Nässe oder Wind“. Jean Baptiste Lamarck hat deren Lernfähigkeit sozusagen bewiesen, denn er gab de Candolle, einem seiner Mitarbeiter, den Auftrag mit einigen Exemplaren eine Kutschfahrt durch Paris zu machen. Er beschrieb das Verhalten der Pflanze, die ihre Blätter zunächst geschlossen hielt, sie aber nach einer Weile, als sie sich an die Erschütterungen gewohnt hatte, wieder öffnete. Einige weitere Beispiele werden angeführt, unter anderem das aktuellere Laborversuche zeigten, dass Wurzeln Hindernisse ertasten, um ihre Wuchsrichtung anzupassen. Darwin sei einer der ersten gewesen, der in der Wurzelspitze ein überaus raffiniertes Sinnesorgan erkannte, welches verschiedene Parameter erfassen und darauf jeweils entsprechend reagieren kann.

mimosa pudica

Hören
Auch hier entwickelten sich Pflanzen anders als Tiere. Menschen besitzen zu beiden Seiten des Kopfes Ohren, können also von zwei Seiten Schallwellen auffangen und nutzen die Luft als Schallträger. Pflanzen wiederum nutzen den Boden. Wie bei allen anderen Sinnen ist auch dieser nicht auf einzelne Organe konzentriert, sondern „in allen Zellen angesiedelt“, sie können also auch ohne Hörorgan hervorragend hören, „das Erdreich, in dem die Pflanzen leben, müssen wir uns als eine Diskothek vorstellen, die niemals schließt“. Aktuelle Forschungsergebnisse würden gar zeigen, dass Klänge die Genexpression bei Pflanzen verändern können. Ein Weinbauer aus Montalcino hat seine Weinreben fünf Jahre lang mit Musik beschallt (niedere Frequenzbereiche sind bevorzugt): die beschallten Weinstöcke wuchsen besser, ihre Trauben reiften schneller, sie hatten eine intensivere Farbe und einen höheren Polyphenolgehalt. Die Musik verwirrte wiederum Insekten, die somit ferngehalten wurden. Was für eine Vorstellung: Agrarlandschaften, die mit Musik bespielt werden, anstatt mit Pesitiziden besprüht. Eine schlechte Nachricht für Konzerne, man könnte sagen, Giftmischer wie Monsanto.

Fünfzehn weitere Sinne
Als da wären eine Art Hygrometer, mit dem sie selbst entfernte Wasserquellen orten können. Für uns Menschen wäre dies ein unnötiger Sinn, da wir uns bewegen. Pflanzen haben auch einen Sinn für Schwerkraft und elektromagnetische Felder. Trotz aller Beweise und (doch noch so kleinen) Einsichten in die Welt der Pflanzen weigern wir uns, sie als empfindsame Wesen zu sehen, denken sie wie selbstverständlich als passive Organismen. Pflanzen kommunizieren, wie schon angedeutet, miteinander, erkennen scheinbar Verwandte, halten sich von Nachbarpflanzen fern oder wachsen zueinander (schönes Beispiel hier die „Schüchternheit der Baumkronen“, wie es Francis Hallé nannte).
Pflanzen verfügen zwar über kein Nervensystem, aber über ein Kreislaufsystem, denn sie befördern Flüssigkeiten von unten nach oben und umgekehrt. Was bei uns Arterien und Venen genannt wird, sind also bei Pflanzen jenes Gewebe das einerseits Xylem genannt wird, andererseits Phloem. Die bereits angesprochene Diskothek, das Erdreich ist höchst lebendig und dicht bevölkert und Wurzeln kommunizieren hier nicht nur mit Pflanzen, sondern mit allen Organismen dieser Rhizosphäre.

S.115

In diesem Buch tauchen noch viele weitere interessante und schöne Beispiele und Einsichten auf, beispielsweise im Bereich der Fortpflanzung, bei der sich die Orchidee durch dreifache Mimikry auszeichne, oder „Beispiele höchster Ingenieurskunst“ bei windblütigen Pflanzen. Das Verhalten von Bienen, das bis heute ungeklärt ist: Die erste Pflanze, auf die sie an einem Tag treffen und deren Pollen sie aufnehmen, bei dieser Pflanzenart bleiben sie, fliegen also lediglich andere dieser Sorte an. Kurz: Eine Art automatisches Reiz-Reaktions-Schema trifft auf Pflanzen keineswegs zu, denn diese könnten den widersprüchlichen Anforderungen, „die an die Wurzelspitze gestellt werden, gar nicht gerecht werden“.
Also, warum die Herabsetzung und Verkennung? Die Autoren schlagen eine interessante These vor: Eine Art psychische Blockade aufgrund unserer eigentlichen Abhängigkeit von den Pflanzen. Kinder würden sich von den Eltern spätestens in der Jugendzeit frei machen, eigenständig werden wollen und das Gefühl der Abhängigkeit geradezu abstoßen. Mit der Abhängigkeit gehe auch ein Gefühl der Schwäche und Verletzlichkeit einher, „an die niemand gerne erinnert werden will. Wir wollen nicht anerkennen, von wem wir abhängig sind, weil wir uns sonst nicht frei fühlen würden“. Dabei ist es relativ klar, eine Welt ohne Vegetation bedeutet für die Tiere, auch die menschlichen, das Aus. Eine Welt ohne Tiere stellt kein Problem dar, das Leben ginge weiter. Des Weiteren ‚diagnostizieren‘ die Autoren der Disziplin der Biologie, dass jene dem vorkopernikanischen Denken verhaftet seien, da das Tier, vor allem das menschliche nach wie vor als privilegiert gedacht würde und das kann durchaus zu eigentlich verzerrten Forschungsergebnissen führen. Wie ist das nun mit der Intelligenz? Was ist unser Hirn ohne den Körper? Sämtliche Informationen kommen vom Körper und seinen sinnlichen Vermögen, ohne diesen ist ein Hirn alleine nichts weiter als ein Zellhaufen. Natürlich könne man sagen, Menschen seien intelligenter als Algen, aber „dieser Unterschied, und darauf kommt es an, [ist] nur quantitativer und nicht qualitativer Art“.

Ein zum Teil streitbares Buch, denn Pflanzen wird hier und da ‚gewinnbringendes‘ Handeln unterstellt, sie würde nichts tun, was man Energieverschwendung nennen könnte. Andererseits ist dies ein menschlicher Begriff und man könnte auch sagen, dass so etwas wie ein reiner Selbstzweck etwas der Natur fremdes sein könnte. Interessant auch, wenn man das/unser Denken selbst als Prozess oderund Teil der sogenannten Evolution betrachtet, es wuchert, überwuchert geradezu mit seinen Ideen diese Welt. Was für eine Ausprägung stellt es eigentlich dar?


Die Intelligenz der Pflanzen von Stefano Mancuso und Alessandra Viola, Kunstmann Verlag, 2015

Einige Quellen aus dem Buch:
Charles Darwin: Das Bewegungsvermögen der Pflanzen, im Original The Power of Movement in Plants, 1880, zuletzt neu aufgelegt 2009 / Insectenfressende Pflanzen, 1876 oder online 

Alan Weisman: The World Without Us, 2007

Peter D´Amato: The Savage Garden, 1998

Monica Gagliano, Stefano Mancuso, Daniel Robert:
Toward Understanding Plant Bioacustic in: Trends in Plants Science 17/6

Susan A.Dudley, Amanda L. File: Kin Recognition in an Annual Plant in: Biology Letters 3

Ralph Simon et Al: Floral Acoustics: Conspicous Echoes of a Dish-Shaped Leaf Attract Bat Pollinators in: Science 333 (6042)

Michael Pollan: The Botany of Desire. A Plant´s-Eye View of the World, 2001 (Die Botanik der Begierde. Vier Pflanzen betrachten die Welt, 2002)

Auch interessant:
Das wundervolle „Manifest der Dritten Landschaft“ von Gilles Clément
und
was das Denken betrifft, u.a. „Schöpferische Evolution“ von Henri Bergson

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