Freud – eine Biographie

Es gibt wohl tausende Biographien und Abrisse zu und über Freud. Warum also nicht noch eine mehr? Angesichts der Fülle, die Freuds Leben und Schaffen mit sich bringen, wird dies also ein langer Text. Ein Versuch, die 732 Seiten starke Biographie von Peter Gay zusammen zu fassen. Viel Vergnügen.

„Es ist niemand so groß,
daß es für ihn eine Schande wäre,
den Gesetzen zu unterliegen,
die normales und krankhaftes Tun
mit gleicher Strenge beherrschen“ [Freud, in: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci]

Freud, ein Name der eine gewisse Größe mit sich bringt. Ein Name, hinter der eine Person stand, die bereits früh Modifizierungen am Vornamen vornahm. Jemand, dem der eigene Vater als wohl übermächtig vorkam und dies zeichnete sich in einigen seiner Theorien ab. Er etablierte in seinem Werken ein Feld, welches bis heute in seiner Tragweite, vielleicht, nicht gänzlich verstanden wird. Das Unbewusste wurde erzählbar, hielt Einzug in das Sprechen, in die Artikulation. Die psychoanalytische Praxis und Theorie fand vor mehr als 100 Jahren ihre Anfänge und auch ihre Turbulenzen. Am 21. September jährt sich der Todestag Freuds. Etwa vier Jahrzehnte zuvor hatte Freud Oskar Pfister (ein Pfarrer aus Zürich, der zu einem eifrigen Streiter für die PSA und ihre Anwendung in Pädagogik und Seelsorge wurde) geschrieben und sich gefragt, was man eines Tages tun würde, wenn ‚die Gedanken versagen oder die Worte sich nicht einstellen wollen?“ [[1]].

Familie Freud, 1876

Familie Freud, 1876

Aber von vorne. Am 6. Mai 1856 kam Freud in Freiberg zur Welt, in die Familienbibel eingetragen wurde er als Sigismund Schlomo, er selbst schien diesen Namen in der Form nie verwendet zu haben und entschied sich schlussendlich für Sigmund. Zunächst beschäftigt sich Peter Gay mit den familiären Verhältnissen: Amalia Freud, Jacob Freuds dritte Frau war etwa zwanzig Jahre jünger als er selbst, sein ältester Sohn aus erster Ehe, Emanuel, war also älter als seine Stiefmutter und „nicht weniger verwirrend war es für Freud, daß einer der Söhne Emanuels, sein erster Spielgefährte, ein Jahr älter war er, der kleine Onkel“ [13]. In einer, vor allem damals noch sehr streng strukturierten Gesellschaft, an der jeder und jede seine vermeintlichen Plätze einzunehmen hatte, dürfte die eigene familiale Situation für Freud einerseits sehr prägend gewesen sein und ebenso auch Stoff für seine Selbstanalyse geboten zu haben. Im Verlauf der Biographie begegnen Lesende immer wieder den Knackpunkten gegenüber der Vaterfigur, oder Vaterimago, während wiederum die Mutterfigur nur am Rande eine Rolle spielt. Dasselbe spiegelt sich in Freuds Theorien wieder. Im Kreise seiner Familie hatte Freud jedenfalls eine privilegierte Stellung inne, er war „der Goldjunge“ [33]. Er hatte, als die Freuds nach Wien übersiedelten, als einziger ein eigenes Zimmer, in welches er sich vor allem auch während seiner Studienzeit meist zurückzog. Sein Vater ließ ihm alle Freiheiten in der Berufswahl, er verlangte, dass er seinen Neigungen folgen solle, trotz der beengten Verhältnisse [35]. 1873 nahm er das Studium der Medizin an der Universität Wien auf und teilte dies auch einem seiner damaligen Briefpartner, Emil Fluß, mit „Wenn ich den Schleier lüfte, werden Sie nicht enttäuscht sein? […] ich habe festgestellt, Naturforscher zu werden“ [34], nachdem er von der Idee, ein Jus-studium aufzunehmen, abkam. Sein Interesse galt vor allem der menschlichen Natur und seine Wissbegierde zeichnete sich bereits in den Jugendjahren ab. Freud schrieb 1935 von seinem lebenslangen Umweg über die Naturwissenschaften, Medizin und Psychotherapie und die Rückkehr zu kulturellen Problemen, wobei der Umweg eben jener war, der die Psychoanalyse entstehen ließ.

Jacob Freud

Jacob Freud

 

Freiberg

Freiberg

Sigmund, Amalia und Mathilde

Sigmund, Amalia und Mathilde

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeiten in Österreich und in Wien waren fast über alle Jahre durch sehr bewegt, auch vom Antisemitismus durchzogen. Für Freud, der sich an mancher Stelle sehr kritisch gegenüber dem Moraldünkel der vorherrschenden Meinung zeigte, vertrat auch hier eine ähnliche Position. In der Studienzeit als Jude gewissermaßen isoliert, schrieb er 1875 an Silberstein, dass „sein Vertrauen in das allgemein Akzeptierte geschwunden und daß seine geheime Neigung zur Meinung der Minderheit gewachsen sei“ [38]. Freuds Studium beendete er 1881, also nicht innerhalb von fünf Jahren, aber er war kein Bummelstudent, sondern es war sein Hang zur Forschung, der einiges an Zeit ‚kostete‘. Diese führten ihn auch in die Philosophie, von deren Einfluss er sich gerne distanzierte, dennoch besuchte er einige Seminare und Vorlesungen von Brentano, welche ihn vom ‚Materialismus‘ abkommen ließen [40}, er laß Schoppenhauer, offensichtlich Nietzsche, auch Kant und scheinbar verehrte er Feuerbach noch 1875 am meisten, da sich Feuerbach als Zerstörer von Illusionen betrachtete, was wiederum gut in das Selbstbild von Freud passte [39].

Ernst Brücke

Ernst Brücke

Eine Zeitlang schnitt er Aale in den Laboratorien Carl Claus´ in Triest auf, besuchte England, wurde misstrauischer gegenüber der Philosophie und lernte in seiner Zeit bei Brücke (1876 – 1882) Josef Breuer kennen. Seine Tätigkeit bezog sich auf die Erforschung von Nervensystemen und es dürfte für Freud eine interessante und befriedigende Arbeit gewesen sein. Kurz nach dem Tod des Mentors Brücke (1892) benannte Freud sein viertes Kind, Ernst, nach eben diesem. Peter Gay zieht immer wieder Parallelen zwischen Freuds Vater und den, man könnte sagen, Vaterfiguren, die sich Freud als Autoritäten gewählt hatte und verweist auch beispielsweise auf den „Non-vixit“ Traum, den Freud selbst in der Traumdeutung analysierte [45]. Freud fühlte sich im Kreise von Naturwissenschaftlern sehr wohl, neben Brücke waren es Du Bois-Reymond, Rudolf Virchow und Helmholtz die zu jenen gehörten, die Freuds Denken prägten und seinen Respekt genossen. Freuds Verständnis von Wissenschaft war, dass jene nach der Wahrheit suche und der Demaskierung von Illusionen gewidmet sei und dies ist auch eine Definition, wie er sie der Psychoanalyse geben wird. Noch 1878 reizte ihn die Arbeit an toten Tieren mehr, als die mit Menschen, er war noch eher Zoologe und „arbeitete auf eine Theorie hin, die zeigen sollte, wie Nervenzellen und Nervenfasern als Einheit funktionieren“ [48]. Von diesen Untersuchungen kam er ab, so heimste Waldeyer einiges an Ruhm ein durch seine Monographie über die Neuronen-Theorie. Jones schrieb, dass Freud mehr als einmal „Weltruhm hätte erlangen können, wenn er seine Phantasie freier und kühner gebraucht und es nicht vorzeitig unterlassen hätte, die Folgerungen aus seiner Arbeit zu ihrem logischen Schluß zu führen“ [125].

Ernest Jones

Ernest Jones

1882 lernte er Martha Bernays kennen, seine spätere Ehefrau, die er zunächst leidenschaftlich umworben hatte, von Eifersucht gebeutelt und aufgrund seiner finanziellen Lage zur Geduld gezwungen. Im späteren Verlauf bekommt man den Eindruck, dass nach der Heirat all die Liebe und Leidenschaft verflogen war und statt dieser eher ein gewisses Pflichtbewusstsein zu Tage trat. Während er gegenüber seiner Tochter Anna beispielsweise vor Stolz und Zärtlichkeit nahezu überschäumte, fielen für Martha in seinen Briefen meist nur Randbemerkungen ab. Vielmehr, in den Selbstdarstellungen schob er Martha die Schuld an den Unpässlichkeiten im Verlauf seiner Karriere zu, „Ich kann hier rückgreifend erzählen, daß es die Schuld meiner Braut war, wenn ich nicht schon in jenen jungen Jahren berühmt geworden bin“[2]. Freuds Ideal der Frau war, dass sie im Grunde mit den Tätigkeiten zu Hause voll und ganz ausgelastet sein solle. Der Gedanke, Frauen sollten ebenfalls arbeiten dürfen (Stuart Mill), schreckte ihn ab, so schrieb er Martha noch in der Verlobungszeit, dass er die Idee, seine Zukünftige, „sein zartes liebes Mädchen als Konkurrentin“ zu denken, geradezu als töricht empfinde [50f]. Die Gefühle gegenüber der Frauenwelt waren bei Freud eindeutig und auch ambivalent, seine Texte zur Weiblichkeit sind bis heute umstritten und wir kommen noch zu diesen kapiteln. Für Martha war jedenfalls klar, wenn sie sich für Freud entschied, war ihr Platz an seiner Seite und zu Hause. So oder so, schienen sie ein stabiles Fundament für ihre Familie gebildet zu haben, die Kinder wuchsen in einem relativ offenen Umfeld auf und der Haushalt der Freuds schien ein sehr angenehmer gewesen zu sein, (die meisten) Gäste waren gern gesehen und kamen auch sehr gerne zu Besuch in die Berggasse. Freud und Martha zeichneten sich scheinbar durch gegenseitige Zuverlässigkeit aus, weniger durch Zärtlichkeit. Andererseits sind dies notwendigerweise Mutmaßungen, da für Freud eine gewisse Privatsphäre unabdingbar war.

Freud und Martha

Freud und Martha

Freuds weiterer Weg führte 1884 zur Stelle des Sekundararztes in Meynerts psychiatrischer Klinik, er bewarb sich als Privatdozent, was durch Brücke, Meynert und Nothnagel gefördert wurde. Wie schon angeklungen, sind die Arbeiten mit Kokain eine Kerbe in Freuds Leben. Er nahm es selbst, schickte Martha kleine Päckchen und verschrieb es, ohne die ‚Kontrolle‘ darüber zu behalten (es war zu damaligen Zeiten in gewissen Dosen ein durchaus akzeptiertes Mittel), denn sein Patient Fleischl-Marxow schlidderte von der Morphiumsucht in die Kokainsucht. Freud versuchte diese Fehlschläge in Folge zu bagatellisieren, es waren düstere Momente in seinem einerseits fehlgeschlagenen Willen zu Helfen und andererseits seine Drängen auf Rang und Namen [57]. Bei dem Fall Dora wird sich wieder zeigen, dass es Freud manchmal an Einsicht mangelte. War es vielleicht ein überhöhtes Selbstbild? Was in der Biographie immer wieder deutlich wird, ist Freuds ambivalente Art, in vielerlei Hinsicht gegeben. Es zeigt sich, dass er gegenüber neuen Ansätzen zu seinen Ideen immer sehr offen war, deren Diskussionswürdigkeit immer förderte, aber andererseits an manchen Stellen seinen eigenen Gedanken gegenüber stur war. Wiederum aber hatte dies auch in manchen Fällen seine Berechtigung oder sogar Notwendigkeit.

1885 verbrachte er im Zuge des Studiums in Paris und lernte Jean Martin Charcot kennen, von dem er geradezu „geblendet“ war und es trieb ihn fort vom Mikroskop hin zur Psychologie. Für Freud war Charcot „einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch“, der seine Ansichten und Absichten umriss [61]. Die Praxis der Hypnose wurde für Freud wieder aktuell, er übersetzte 1886 – 87 einen Text von Charcot und dann von Hippolyte Bernheim ins Deutsche und schlussendlich aber, so schreibt Gay, war Freuds Entwicklung der Psychoanalyse im Laufe der 1890er eine Emanzipation von der Technik der Hypnose [65]. 1889 benannte er einen seiner Söhne nach Charcot, Jean Martin Freud. In der Namensgebung aller Kinder war Freud tonangebend, ein weiterer Sohn, Oliver, wurde benannt nach Oliver Cromwell.

Die Freud-Kinder Sophie, Oliver, Mathilde, Anna, Martin und Ernst Freud (von rechts nach links)

Die Freud-Kinder Sophie, Oliver, Mathilde, Anna, Martin und Ernst Freud (von rechts nach links)

Am 25. April brachte die Neue Freie Presse die Ankündigung „Herr Dr. Sigmund Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der Universität, ist von seiner Studienreise nach Paris und Berlin zurückgekehrt und ordiniert I., Rathausgasse Nr. 7 von 1 bis 2 ½ Uhr“. Auch hier wurde er von seinen Mentoren gefördert, sie schickten ihm Patienten „von denen manche sogar zahlten“ [67]. Es etablierte sich, so schien es manchmal, eine solide Basis, die eine Heirat in greifbare Nähe rücken ließen. Wien war aber ein störrisches Terrain, denn innerhalb medizinischer Kreise erwarb er sich aufgrund seiner Theorien, beispielsweise die zur männlichen Hysterie, auch Feinde. Meynert, einer seiner damaligen Fürsprecher, brach mit ihm, aber es gab immer wieder auch aufgeschlossene Ärzte, die Freud auch als Förderer an seiner Seite wissen konnte.

Seiner Ersparnisse und Anleihen von Freunden machten es ihm möglich, Martha Bernays zu heiraten und zwar am 13. September 1886, ein Jahr später erblickte Mathilde Freud, benannt nach Mathilde Breuer, das Licht der Welt. Durch deren Mann lernte Freud Wilhelm Fließ kennen, „der schicksalhafteste Freund“ [68] in Freuds leben. Fließ war unabdingbarer Briefpartner, Freud brauchte geradezu jemanden, mit dem er sprechen konnte, Fließ war Freuds „Anderer, der alter[3], aber auch einfach „Vertrauter, Mitwisser, Beifallspender, Mitspekulant, den nichts schockierte“ [69]. Fließ selbst war HNO Arzt und war Anhänger biorhythmischer Zyklen und Freud selbst referierte an manchen Stellen auf gewisse Zyklen, die er bei sich oder PatientInnen zu erkennen glaubte. Freud war mit seiner Arbeit an den Neurosen im Grunde ebenso einsam in Wien wie Fließ mit seinen Ideen in Berlin, es war eine Korrespondenz „zwischen zwei Monomanen“ [70]. Fließ wurde zum Leser der Manuskripte Freuds, er lenkte Freuds Aufmerksamkeit auf Witze „als brauchbares Material“ [ebda] und Fließ stellte Mitte der 1980er Jahre Vermutungen über kindliche Sexualität an, ebenso kam scheinbar die Idee der zugrundeliegenden Bisexualität ebenfalls und eigentlich von Fließ. Er schien gewissermaßen Breuers Nachfolger für Freud gewesen zu sein und letzterer schien eine geradezu verblendete Beziehung zu Fließ geführt zu haben, es schien eine gewisse Übertragungs-Beziehung gewesen zu sein [73]. In manchen Briefen schrieb Freud selbst von den homo-erotischen Bindungen, von denen er nach Abbruch der Freundschaft, meinte, sie überwunden zu haben. Er vertraute Fließ einfach über alle Maßen, schrieb ihm von seinen gesundheitlichen Bedenken und Beschwerden, seinem ehelichen Leben und so wundert es nicht, dass es Freud im Nachhinein Unbehagen verursachte, zu wissen, dass es all diese Briefe gab.

Freud und Fließ

Freud und Fließ

Das sogenannte Manuskript B von 1893 läutete die Psychoanalyse ein. Freud schrieb Brief, dass er die Behauptung aufstellen wird, dass die Neurasthenie „überhaupt nur eine sexuelle Neurose“ [77] sei. Für damalige Zeiten geradezu radikal erschien seine Aussage zu gesunder Sexualität, denn diese erfordere „freien sexuellen Verkehr“ zwischen Unverheirateten und somit seien auch sichere Verhütungsmittel erforderlich [77]. Freud wurde, vor allem auch in den US, der Hang zur Pansexualität vorgeworfen, was aber eine völlige Missinterpretation ist. Er war viel zu Vernunft-verliebt, als das er ein sozusagen „Lotterleben“ propagiert hätte. Es ging ihm lediglich darum, dem Neurotischen in der Gesellschaft so ein wenig den Schwung zu nehmen. Freud lernte am meisten durch seine AnalysandInnen, „er war ein williger und höchst bescheidener Schüler“ [85] und Cäcilie M. war eine seiner Lehrmeisterinnen. Der ‚kleine Hans‘ dürfte ebenfalls Eindruck hinterlassen haben, es folgten weitere andere und die großen Fallgeschichten, allen voran der Wolfsmann, dürften ohnehin bekannt sein.

Berg- und Talfahrt

In den 1890er Jahren, in denen seine Theorien Konturen annahmen, beutelte es Freud wiederholt, Depressionen und körperliche Symptome begannen seinen Alltag zu begleiten. Er versuchte einmal, mit dem Rauchen aufzuhören, aber „er brauchte seine Zigarren für seine Arbeit“ [93]. Er haderte oftmals um seine eigenen Theorien zur Hysterie und Neurose und seine eigenen Projekte quälten ihn [94]. Es gibt in Freuds Leben viele Projekte, die er unbedingt bearbeiten, durcharbeiten, schreiben wollte, mit denen er geradezu „Schwanger ging“ und die dann meist auch ihr Ende, also ihre Veröffentlichung fanden. Wiederum war Freud bei manchen Texten kritischer als die meisten Kritiker. So verhielt es sich auch mit der Traumdeutung, die (eigentlich) im November 1899 erschien.

Heutzutage ist in der Ausbildung der Psychoanalyse die Lehranalyse unabdingbarer Mittelpunkt. Freud selbst schrieb nie vor, wie sich eine Ausbildung gestalten könne, solle sie an Universitäten statthaben, oder an privaten Instituten. Er war aber immer ein Verfechter der sogenannten Laienanalyse, damit ist gemeint, dass angehende Psychoanalytiker_Innen nicht zwangsläufig Medizin oder Psychologie studiert haben muss. Für Freud war es immer sehr wichtig, Psychoanalyse als autarkes Feld zu sehen, das weder von der Medizin, noch von der Psychiatrie verschluckt werden dürfe. Freud trat für die sogenannte Laienanalyse ein, da er diese als die wesentliche Natur der Psychoanalyse ansah [551/552]. In Deutschland ist genau dies passiert, also das verschlucken. Die Ausbildung steht nur jenen offen, die Psychologie oder Medizin (?) studiert haben. In Österreich und vermutlich anderen Ländern, vollzieht sich die Ausbildung noch eher im Sinne Freuds oder im Sinne seiner Anhänger und Mitstreiter, die im Lauf der Zeit eigene Institute in Berlin, London etc. gegründet haben. Es gab Lehranalysen, zu Anfangs sollten sie mindestens ein Jahr dauern [520], es gab Seminare, die offen für Auszubildende wie auch Interessierte waren. Die AnalytikerInnen, die es damals gab, unterstützten sich gegenseitig, für alle war es nämlich kein Einfaches, eine florierende Praxis zu etablieren. Freud wurde oftmals finanziell unterstützt, auch er unterstützte so gut es ging. Allen voran kann man Prinzessin Marie Bonaparte nennen, die Freud, sowie auch den Psychoanalytischen Verlag oftmals sehr großzügig förderte und auch die Ausreise der Freuds Ende der 1930ger Jahre ermöglichte.

„Es gärt und brodelt bei mir […] Es wird nur ein neuer Schub abgewartet“[4]

Aber zurück zur Ausbildung und zur Lehranalyse. Bekannterweise war es bei den ersten Analytikern die Selbstanalyse und es ist vielleicht berechtigt, zu fragen, warum jene, auch Freud, kein Interesse an einer Lehranalyse hatten, denn es gab ja nach 1900 ausreichend AnalytikerInnen. Diese nachzuholen wäre keine Unmöglichkeit gewesen. Es gab aber, man könnte fast sagen, ein heiteres Einander-Analysieren zwischen den damaligen Mitgliedern der Mittwochsgesellschaft, die ihre Treffen auch für kurzfristige Analysen nutzten. „Wann immer es möglich war, wurde analysiert“ [115]. Hier liegt vielleicht ein erster Bruch zwischen Jung und Freud verborgen, denn Freud entzog sich der Analysen, was für Jung unverständlich, empörend war. 1935 meinte Freud, dass die Analytiker der ersten Generation, also die Nicht-Analysierten, nie stolz darauf gewesen seien, dennoch behauptete er für sich eine Ausnahmestellung[5].

„ich bin in einer Puppenhülle, weiß Gott, was für ein Vieh da herauskriecht“[6]

Es war bei Freud der Tod seines Vaters, 1896, der scheinbar Anstoß zur Selbstanalyse war, es war ein tiefes persönliches Erlebnis, […] es wirkte wie ein Stein, der in einen stillen Teich geworfen wird und nacheinander Ringe von unerwarteter Größe bildet[106]. Im Zuge der Selbstanalyse konstituierte sich das Gerüst der Psychoanalyse mehr und mehr. Freud warf nach 1896 die Verführungstheorie über Bord, während wiederum Fließ weiter daran festhielt und Jahre später, wie sich zeigen wird, auch Sándor Ferenczi auf diese zurückkam. Noch ´86 hielt er einen Vortrag und veröffentlichte einen Text zu den Abwehr-Neurosen, in denen er meinte, das die hysterische Neurose ihre Ursachen in (reellen) sexuellen Traumen habe. Etwas später keimten die ersten Zweifel an seiner Theorie aufgrund eines eigenen Traumes und schließlich ´97 teilte er Fließ in einem Brief mit, dass er nicht mehr an seine Neurotica glaube, also auch nicht mehr an seine ‚allzu einfach Erklärung der Neurosen‘ [112]. Die Erzählungen der AnalysandInnen las er nun als „verschlüsselte – entstellte, zensierte bedeutungsvoll verkleidete Botschaften“ [114].

Während all der Zeit war seine eigene Selbstanalyse vielleicht hinweis-gebend, auf jeden Fall blieb sie ununterbrochen. Er schrieb Fließ im November 1897, dass eine Selbstanalyse unmöglich sei, „sonst gäbe es keine Krankheiten“, dennoch war er sich selbst gegenüber der „wichtigste Patient“ und er verteidigte sie später als Methode für Analytiker, die eigenen Komplexe zu erkennen und somit zu neutralisieren. Wiederum aber nannte er die Selbstanalyse in Psychopathologie des Alltaglebens lediglich und bescheiden Selbstbeobachtung [115]. Kurz: Ein zentraler Moment in einer Analyse ist die Übertragung, die man als „Transaktion zwischen zwei Menschen“ definieren könne, der „Psychoanalytiker ist für seinen Analysanden, wozu Freud Fließ erhob: der Andere“ [116]; Freuds Selbstanalyse dürfte sehr weit gediehen sein, aber gewisse Bereiche blieben unangetastet.

Freud mit Gabriel

Freud mit Gabriel

Freud, Heinele und Ernstl, die Söhne von Sophie

Freud, Heinele und Ernstl, die Söhne von Sophie

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Familie Freud verbrachte zu geregelten Zeiten ihre Sommer-Urlaube, meist innerhalb Österreichs, die vor allem auch für Freud Phasen der Ruhe waren. 1901 reiste Freud endlich nach Rom, verliebte sich in diese Stadt, der Text zu Leonardo und auch der späte Text zu Moses fanden auch hier ihre Inspiration. 1092 war es soweit, Freud erhielt eine Professur (auf die er sehr lange wartete, auch Kraft-Ebbing, der zuvor noch seinen Vortrag zu Neurosen ein Märchen genannt hatte, schlug Freud für diese Position vor) und in der Berggasse etablierte sich die Mittwochsgesellschaft. Einige Ärzte und interessierten Laien trafen sich, um über Krankengeschichten und Psychoanalyse im Allgemeinen zu diskutieren. Durch den Bruch mit Jung später und anderen Turbulenzen, wurde noch das Komitee gegründet (1912), eine kleine Gruppierung engster Vertrauter um Freud: Karl Abraham, Max Eitington (seit 1919), Ernest Jones, Hans Sachs, Sándor Ferenczi und zunächst auch noch Otto Rank.

Komitee 1921: vlnr Otto Rank, Karl Abraham, Max Eitington, Ernest Jones, sitzend: Freud, Sándor Ferenczi, Hans Sachs

Komitee 1921: vlnr Otto Rank, Karl Abraham, Max Eitington, Ernest Jones, sitzend: Freud, Sándor Ferenczi, Hans Sachs

In den Jahren nach 1900 hatte sich Freud mit seiner Wissenschaft etabliert, aber die Turbulenzen hielten an. Die Psychoanalyse, mit ihren Eckpfeilern, dem Ödipuskomplex, dem Begriff des Unbewussten, seine ‚Landkarte der Sexualität‘ geriet immer wieder unter Beschuss und einige Mitglieder seiner Gesellschaft etablierten andere, eigene Konzepte. Das wäre nun nicht unbedingt ein Problem, aber jene versuchten so manches Mal, die Psychoanalyse als solche umzukrempeln. Die Freundschaft mit Fließ ging ihrem Ende zu, Fließ stellte den Wert der psychoanalytischen Forschungen in Frage und er war offensichtlich tief getroffen durch Otto Weiningers Text Geschlecht und Charakter, in dem er seine Ideen der Bisexualität gedruckt sah. Fließ glaubte, Freud davon erzählt zu haben und verdächtigte Freud, das er seine Idee an Weininger weitergab [178]. Freud versuchte diplomatisch zu intervenieren, er schrieb, dass geistiger Diebstahl schnell geschehen sei, aber er habe die Arbeit anderer immer anerkannt. Er bot Fließ an, seine Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und die darin vorkommenden Stellen zur Bisexualität zu lesen und ggfalls zu revidieren, vielmehr, Freud bot an, mit der Veröffentlichung zu warten, bis Fließ sein eigenes Buch herausgebracht hätte [179], „damit endete der Briefwechsel, aber nicht der Streit“.

Derartige Verwerfungen gab es nicht nur mit Fließ, unter anderen wird Jung in diese ‚Fußstapfen‘ treten. Bevor aber Jung zu der Truppe um Freud hinzukam, waren Otto Rank, Ernst Jones, Stekel, Tausk, Pfister und auch Lou Andreas-Salomé, jene diese abrundeten. Letztere wurde eine langjährige und gute Freundin Freuds und auch später eine enge Freundin Anna Freuds.

Karl Gustav Jung

Karl Gustav Jung

Jung dürfte auf Freud zunächst einen imposanten Eindruck gemacht haben, denn er ernannte ihn zu seinem „Kronprinzen“ [227]. Zunächst war er ein wichtiger Mitstreiter, der sich für die Psychoanalyse einsetzte und noch 1906 im Vorwort zu Über die Psychologie der Dementia praecox meinte, dass die einzig legitime Weise, Freud zu widerlegen, „die Wiederholung seiner Arbeit“ sei [228]. Aber die ersten Schatten breiteten sich ebenda aus, da Jung an der Wirksamkeit der psychoanalytischen Technik zweifelte. Dazu kamen Eifersüchteleien von Seiten Jungs, er sah in Abraham einen Rivalen. Férenczi wird ebenfalls einer sein, der scheinbar mit ähnlichen Gefühlen haderte. Auch Stekel schien unter dem Druck von Eifersucht gestanden zu haben, Freud äußerte sich über dessen „schwachsinnige Eifersüchteleien“ [245]. Stekel schien durch seine „üppige Phantasie“ innerhalb der Mittwochsgesellschaft schon eine Weile aufgefallen zu sein. Während all der sich oft wiederholenden Zerwürfnisse war es Freud, der nicht auf die anfänglichen Warnungen seiner Kollegen hörte und meist dann reagierte, als es schon zu spät war. Er versuchte es immer, vielleicht etwas zu lange, mit Diplomatie und wünschte sich mehr Ruhe und Eintracht unter den Kollegen, an Stelle von Streit und Eifersucht. Jung versicherte Freud „daß nichts Fließ-Ähnliches passiert[7]“, Jung war über das emotionale Leben Freuds gut informiert, oder deutete es entsprechend. Jung „rieb sich wund an Freuds Autorität“ [257], er schaffte es nicht, abweichende Auffassungen ohne schlechtes Gewissen zu entwickeln, aber es waren dann doch, auch laut Jung, die völlig unterschiedlichen Auffassungen der Libido, die eine Zusammenarbeit unmöglich machten. Vor dem endgültigen Bruch gab es noch regen Briefwechsel, Freud diplomatisch, um einen ruhigen Seegang bemüht, Jung nach wie vor beseelt von der Anerkennung, die Freud ihm wiederum zu Teil werden ließ [260f]. Freud wollte in dem Kampf, der in Jung stattfand, im Grunde keine derartige Rolle spielen, die ihm Jung aber zuteilte, Freud als Konkurrent, den es zu überwinden gelte. Als dann Freud Binswanger aufgrund dessen Erkrankung besuchte, es aber versäumte ins nahe gelegene Küsnacht zu kommen, war Jung endgültig erzürnt.

Alfred Adler hinterließ ähnliche Spuren. Ein Zerwürfnis, nachdem er einer der Rekruten Freuds war und nachdem sich nun wieder so etwas anbahnte, schlug Jones die Idee des Komitees vor. Adler galt bei seinen Gegnern innerhalb der Mittwochsgesellschaft als „humorlos und nach Beifall heischend“, aber andere berichteten von einem entspannten Mann, zu Scherzen aufgelegt [247]. Adler prägte für sich den Begriff der „Organminderwertigkeit“ und konstruierte seine Psychologie, Anfangs noch „unter dem Schirm von Freuds Psychoanalyse“ [247]. Er stellte Freuds Theorie der frühen Sexuellen Entwicklung als entscheidender Faktor für die Bildung des Charakters offen in Frage, für ihn und die ‚Adlerianer‘ war die Biologie Schicksal, denn ein Neurotiker trachte danach, eine organische Unvollkommenheit zu kompensieren [248]. Der internationale psychoanalytische Kongress 1910 in Nürnberg wurde zum politischen Werkzeug, um „Front gegen Adler“ zu machen [249]. Die Gründung einer internationalen psychoanalytischen Vereinigung wurde vorgeschlagen, damals noch mit Jung als Präsident, woraufhin die Wiener Analytiker energisch Einwände erhebten. Sie trafen sich sogar heimlich im Grand Hotel Wien. Freud, der nicht eingeladen war, erschien dennoch und machte seiner geradezu verzweifelten Bemühung, die Psychoanalyse für die Zukunft zu sichern, Luft, „die Schweizer werden uns retten“ [250].

Die Krise um Adler kam zum Höhepunkt, als dieser seine Ideen 1911 auf Anregung Hitschmanns vortragen solle, damit man sie gründlich erörtern könne. Freuds Anmerkungen waren deutlich:“Man hat den Eindruck, daß in dem männlichen Protest irgendwie die Verdrängung steckte […] unsere alte Bisexualität heißt bei ihm psychischer Hermaphroditismus, als ob es etwas anderes wäre“ [253]. Freud schloss damit, dass Adlers Lehren „großen Eindruck machen und der Psychoanalyse zunächst sehr schaden“[254] werden. Man sieht hier, wie psychoanalytische Theorie auch als Waffe benutzt wurde. Gay spricht das auch hier und da an. Die Diagnose als Waffe, obwohl Freud, der diese gerne benutzte, eigentlich der Meinung war, genau das solle nicht passieren, dass man die Neurosen der anderen gegen eben jene wendet.

Freud und die vereinigten Staaten sind ein weiteres, ambivalentes Thema. Es gibt einige Passagen, in denen seine regelrechte Abneigung deutlich wird, er hielt nichts von der „Prüderie des Neuen Kontinents“ [238], andererseits profitierte er gut vom Dollar. Während des ersten Weltkrieges stellten seine amerikanischen Analysanden jene dar, die in ‚harter Währung‘ bezahlten. Er erhielt außerdem den Doktor der Rechte honoris causa von der Clark University in Worcester. Dennoch wimmelt(e) es in den US nur so von Fehldeutungen und Verzerrungen der Psychoanalyse.

Freud schrieb nicht nur enorm viele Briefe, sondern ging unermüdlich immer wieder Schwanger mit seinen Ideen [369], die Kinder, seine Bücher, sind vielseitig und zahlreich. Ebenso waren sie streitbar, zum Beispiel Totem und Tabu, welches in seinen Grundzügen an die christliche Erbsünde erinnerte [377]. Die Zukunft einer Illusion, in der seine Wissenschaftsgläubigkeit den Blick völlig vernebelte, sein lineares Denken im Sinne des Fortschrittes leuchtet durch, der Begriff des Konsums steht völlig unkritisch in einer Linie mit Befriedigung. Er trennte radikal zwischen Natur und Kultur und stellte das eine über andere. Er hatte wohl nicht die Gelegenheit, Bergsons wundervolles Buch „Schöpferische Evolution“ (1907) zu lesen. Des Weiteren zeigt sich in Totem und Tabu der im Grunde damals schon widerlegte sogenannte Lamarckismus, also die Idee, Eigenschaften/Traumata seien über viele Generationen vererbbar (Urhorden-Mythos). Wobei dies heute wieder in Debatten auftaucht, die Traumata des zweiten Weltkrieges und ihre Vererbbarkeit.

Wiederum stellen die Texte Jenseits des Lustprinzips[8] und Das ich und das Es[9] starke Veränderungen in der Terminologie dar. Mit dem Todestrieb veränderte sich der Begriff des Ich völlig. Im Text Zur Einführung des Narzißmus rechnete Freud mit Adler und Jung ab; außerdem schien dieser Essay laut Jones auf alle beunruhigend gewirkt zu haben [383]. Der Begriff des Narzißmus meinte bisher die Verliebtheit in die eigene Person und dies sei eine Notwendige Entwicklungsstufe [383f], in Totem und Tabu gilt er als allgemeines, nicht überwundenes Phänomen, somit ist der Narzißmus keine Sache der Perversen alleine mehr, denn man beobachtete ebenso narzißtische Züge bei Neurotikern und Kindern. So schloss Freud, dass der Narzißmus keine Perversion ist, „sondern die libidinöse Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes“ [384], also das Ich kann sich ebensogut sich selbst zum Objekt nehmen. Selbst „die rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes als der wiedergeborene Narzißsmus der Eltern“ [385]. Narzißmus ist nun etwas Allgegenwärtiges und der Triebdualismus, Ichtriebe und Sexualtriebe war nicht mehr haltbar, aber recht zufrieden mit seiner Trieblehre war Freud sowieso nicht. Freud freute sich nun auf die Ferien in Karlsbad, um sich zu erholen und auch die Trieblehre neu zu überdenken. Die Aggression wird zu einem Trieb neben der Libido und erstere kann als gegen das Ich gerichtet gedacht werden. Das Lustprinzip ist nicht mehr alleinige Triebkraft, all das erschien für einige unmöglich. In seinem Text zur Melancholie (1917) erscheint erneut die Skepsis gegenüber dem Ich als Instanz rein zur Selbsterhaltung und es wird später über den Begriff des Ichideals zum Begriff des Über-Ich führen[10]. Außerdem kam es zu einer grundlegenden Änderung des Begriffes des Unbewussten: es fällt nicht (zwangsläufig) mit dem Verdrängten zusammen, „während alles Verdrängte unbewusst sei, sei das Unbewußte nicht notwendigerweise das, was verdrängt werde“, also ein Teil des Ichs kann oder ist ubw., viel mehr: „nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich kann unbewußt sein“ [464f]. Freud schrieb scheinbar an weiteren Abhandlung zu dieser Thematik, vernichtete sie aber alle [421].

1.WK, Fankreich, 1914

Während des ersten Weltkriegs verfiel Wien und der Westen ‚dem Wahnsinn‘, in den Jahren vor 1914 waren einige grundlegende Neuerungen entstanden: Funktionelle Architektur, abstrakte Malerei, Zwölfton-Musik, experimentelle Romane und die Psychoanalyse [388]. Eine bunte, spannende Zeit, die vom Krieg jäh unterbrochen, wenn nicht zerstört wurde. Der Krieg wurde damals von vielen begrüßt, „für die meisten begründete er die Tugend der eigenen Nation und die Verderbtheit des Feindes“ [393]. Die Analytiker diskutierten über die Geschehnisse, waren mal auf dieser Seite, dann jener Meinung, hingerissen von vielleicht Propaganda, von der öffentlichen Meinung. Der Krieg wütete, erstreckte sich bis in die Hoch-Alpen. Der „sensible Ferenczi“ schrieb im Juli 1915 an Freud „Wenn dieser Krieg wie wahrscheinlich noch ein Jahr dauert, dürfte eigentlich niemand mehr übrig sein, der seinen Anfang mitgemacht hat“ [401]. Freud wiederum sorgte sich um seine Söhne Martin und Oliver, ersterer wurde an der russischen Front verwundet. Eine Nacht zuvor träumte Freud vom Tod seiner Söhne. Er hatte sich öfter schon gefragt, ob es lohnenswert wäre, okkulte Geschehnisse zu untersuchen und vermutlich hatte er Recht, sein Gespür für das, was sich der bewussten Wahrnehmung entzieht, war immer sehr fein. Für Freud war der Krieg eine kollektive Psychose, wie er Frau Lou schrieb. Er verfasste die Texte Zeitgemäßes über Krieg und Tod, welche in Imago veröffentlicht wurden. Er resümiert:“ In Wirklichkeit sind unsere Mitbürger nicht so tief gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wir von ihnen glaubten“. Gay schreibt, es sei ein Versuch zu trösten, in Das Unbehagen in der Kultur schrieb Freud Jahre später, das er sich beuge vor dem Vorwurf, keinen Trost zu bringen, denn dies wäre es, was alle im Grunde verlangen würden [403]. Des Weiteren schrieb er an Die Verdrängung, erschienen 1915, „aus den Augen ist nicht aus dem Sinn. Verdrängtes Material ist nur auf dem unzugänglichen Dachboden des Unbewußten gelagert worden, wo es weiterwuchert und nach Befriedigung drängt“ [412].

1918 standen die Streitkräfte des Kaisers vor dem Zusammenbruch, General Ludendorff bat um Verhandlungen, um zu verhindern, dass die alliierten deutschen Boden betreten und somit stand Waffenstillstand und Frieden vor der Tür. In Budapest wurde der internationale psychoanalytische Kongress abgehalten, nach einer langen Zeit des Hungerns und der Hilflosigkeit. Freud hielt einen Vortrag und sprach von einer Einrichtung psychoanalytischer Kliniken, die es auch den Armen erlauben sollte, „von der Behandlung zu profitieren“ [423].

In Österreich herrschte in den folgenden Jahren Lebensmittelknappheit, die österreichische Krone war kaum mehr etwas wert, so lieh ihm unter anderem Eitington hin und wieder Geld und schickte Lebensmittel, ebenso kamen Pakete – wenn nicht verloren gegangen durch die österreichisch-deutsche Bürokratie – von seinem Neffen Samuel aus Manchester. Nach 1921 besserte sich die Lage und Freud lud Abraham in die Berggasse ein mit der Bemerkung, „daß das Gästezimmer der Freuds nicht nur billiger sei als ein Hotelzimmer, sondern auch geheizt“ [436]. Durch englische und amerikanische Patienten kam Freud wieder zu Geld, er nannte jene seine „Entente-Leute“ [437]. So konnte er nun die seinigen (das meint Familie wie Freunde) wieder großzügig unterstützen. Zu dieser Zeit hatte er ungefähr zehn Analysanden und dachte darüber nach, ein bißchen kürzer zu treten.

1923 verstarb sein Enkel Heinele, in Folge beging seine Nichte Caeclilie Graf Selbstmord und schlussendlich gab es im selben Jahr die ersten Anzeichen dafür, dass Freud an Gaumenkrebs litt [469f]. Er selbst entdeckte im Februar eine Geschwulst an Kiefer und Gaumen und er behielt diese Anzeichen zunächst für sich. Vielleicht auch, da er dem Gebot, mit dem Rauchen aufzuhören, ausweichen wollte. Im April ließ er sich operieren, die Wucherung wurde entfernt und man ging zunächst davon aus, dass sie gutartig waren. Steiner, sein Dermatologie, schien ihn belogen zu haben und an der Gutartigkeit zeigten sich Zweifel [471]. Felix Deutsch besuchte Freud kurz nach der Operation, er sah sich die Sache an und erkannte auf den ersten Blick, dass die „Läsion krebsartig war“, aber auch Deutsch konnte nicht ehrlich sein und empfahl das Rauchen aufzugeben und eine Exzision. Freud, „ein Arzt unter Ärzten“, entschied sich, den Rhinologen Hajek zu konsultieren, was ein Fehler sein sollte. Hajek verharmloste ebenfalls, die Exzision sei nur kosmetischer Natur und operierte. Es kam zu Komplikationen und in Folge zu Blutungen. Anna Freud begab sich auf die Ambulanz und blieb bis zum kommenden Tag. Hajek „zeige kein Zeichen der Reue wegen seiner stümperhaften, beinahe tödlich ausgegangen Operation“[472], Freud wurde ein Tag später entlassen.

Lou Andreas Salomé

Lou Andreas Salomé

Einige Tage später hatte er sich einigermaßen erholt, spielte aber seinen Freunden, wohl auch sich selbst, volle Genesung vor. Das Rauchen sei wieder gestattet, in „sozusagen kleinbürgerlichen Weise“, wie er Frau Lou am 10. Mai 1923 schrieb. Das Rauchen aufgeben zu können, hat wahrscheinlich die Fähigkeit, trauern zu können zur Voraussetzung. Es braucht Platz dafür. Bei Freud gab es vielleicht keinen Platz. Als sein Vater im Sterben lag, sprach er schon in der Vergangenheitsform von ihm, als Heinerle dem Ende zuging, war es dasselbe [473]. Dennoch litt Freud sehr unter den Verlusten, „es erschien alles entwertet“ [474].

Hajek entließ Freud nach der Operation in die Ferien, mit Ausnahme eines Besuches im Juli zwecks Narbenkontrolle. In Bad Gastein und später Lavarone kam Freud aufgrund von Schmerzen nicht zur Ruhe. Deutsch wurde konsultiert, der eine weitere Operation vorschlug, aber Freud immer noch die Wahrheit verschwieg. Laut Gay konnte Deutsch Freud nicht mehr der Wahrheit konfrontieren aufgrund einer gewissen Ehrfurcht und aber auch aus Sorge, Freud könne damit nicht umgehen. Er hoffte, eine zweite Operation würde die Ursache der Sorgen verschwinden lassen [473]. Er konnte zwar nicht mit Freud offen reden, dafür aber mit einigen anderen, er unterrichtete Rank und in Folge die anderen Mitglieder des Komitees. Jones hatte in diesem Jahr das International Journal of Psycho-Analysis gegründet und es gab Spannungen zwischen ihm und Rank und Freud versuchte, „von Krankheit und Trauer heimgesucht“, eine Basis wiederherzustellen, „Ich bin zu alt, um alte Freunde aufzugeben. Wenn jüngere Menschen nur an diese Veränderung im Leben dächten, würde es ihnen leichter fallen, gute Beziehungen aufrechtzuerhalten“[11] [476]. Die „Jones-Rank“ Affäre ging dennoch weiter und inmitten der Zankereien erfuhr das Komitee von Freuds Krebs, aber auch sie sprachen nicht offen mit Freud. Jahre später erfuhr er davon, wütend fragte er, mit welchem Recht ihm die Wahrheit verschwiegen worden war, denn die Wahrheit zu sagen, sei die größte Güte [477].

Es folgten zwei Operationen im Oktober, nachdem Freud mit Anna eine Italienreise gemacht hatte, eine Oberkieferresektion, da es hier wieder eine Wucherung gab und Hans Pichler war nun sein Arzt. Dieser war ehrlicher Natur und teilte Freud im November mit, restliches krebsartiges Gewebe entdeckt zu haben, noch eine Operation.

In einem Brief an Rank zeigt sich Freuds Offenheit sich selbst gegenüber, „gefühlsmäßig sehr an Professor Pichler angelehnt, aber mit der zweiten Operation kam eine Enttäuschung, Lockerung der homosex[uellen] Bindung“. Nach dieser Operation war allerdings eine Weile Ruhe, ‚erst‘ 1936 wurde wieder eine weitere Krebswucherung entdeckt. In der Zwischenzeit entwickelte Freud lediglich gutartige Leukoplakien, das hieß aber, dass sich Freud in den kommenden Jahren etwa dreißig Mal operieren lassen musste. Man kann sich ebenso vorstellen, dass nicht nur das eine enorme Belastung war, sondern auch die Prothese im Mundinnenraum selbst, „ein monströses Ding, eine Art vergrößertes Gebiss“, die immer wieder angepasst werden musste. Freud konnte nicht mehr so deutlich sprechen, wobei er schrieb, das sowohl „seine Angehörigen als aus seine Patienten sagen, sie [seine Sprache] sei recht gut verständlich“ [481]. Ab 1923 war er eine Art „invalider Athlet“ [480].

Zu Kongressen schickte er bald Anna Freud, die sich mehr und mehr für Psychoanalyse interessierte und 1922 schrieb sie ihre erste Abhandlung, welche die Eintrittskarte in die Wiener psychoanalytische Vereinigung sein sollte. Freud war natürlich stolz, Anna Freud entwickelte sich zu einer eigenständigen Analytikerin, doch er wünschte sich für Anna einen Ehemann, denn was solle aus ihr werden, wenn er mal nicht mehr ist. Anna war nicht nur Tochter, Kollegin, sie stand ihrem Vater auf mehreren Ebenen sehr nahe, pflegte ihn und so hatten die beiden eine engere Bindung, könnte man meinen, als Freud oder Anna mit Martha. Freud selbst, begann nach einer Pause, im Januar 1924 wieder mit den Analysen, nur noch sechs pro Tag, bald einen siebenten – Anna Freud.

Freuds Arbeitszimmer

Freuds Arbeitszimmer 2

 

Die Psychoanalyse wurde weltweit bekannter, sie führte bis nach Calcutta, es gab Ortsgruppen in Japan, und auch in Südamerika und Jerusalem. Die PSA wurde populärer und auch umstrittener, sie wurde mit einer Religion verglichen, an anderen Stellen mit Frivolität, die PraktikerInnen wurden Quacksalber genannt und es gab leider auch einige ominöse Angebote, crash-Kurse, also gerade acht Unterrichtsstunden ‚Ausbildung‘, um sich dann Analytiker zu nennen. Aber es gab auch seriösen Aufwind, er wurde für den Nobelpreis vorgeschlagen, die Kampagne wurde von Dr. Meng geführt. Er sammelte Unterschriften, darunter unter anderem Alfred Döblin, Bertrand Russel, Julian Huxley und andere. Aber es sollte nicht klappen. Aber, ein kleiner Trost vielleicht:„so schloss sich Freud einer langen Reihe hervorragender Stilisten von Proust bis Joyce, von Kafka bis Virginia Woolf an, die nie nach Stockholm fuhren“ [513].

Nach 1923 kam es zu Konflikten mit Rank, er war ab 1912 Mit-Begründer und Mit-Herausgeber des Imago, anschließend auch von der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. Er genoss das volle Vertrauen Freuds. Rank arbeitete ab 1922 verstärkt mit Ferenczi und sie schrieben Texte über die Technik, die für die anderen höchst beunruhigend waren. Für Rank wurde das Geburtstrauma das erste und einzig wirklich relevante Trauma [530]. Rank feierte Erfolge in den US, Férenczi zeigte sich doch wieder loyal gegenüber Freud. Nach einiger Zeit erstaunte Rank wiederum seine alten Kollegen mit einem Rundbrief, in der er ihnen eine Analyse seines Verhaltens anbot und geradezu demütig um Vergebung bittete [537]. Im Gegensatz zu den anderen, war Freud weniger kritisch und begrüßte den Brief als gute Nachricht. Im Folgenden kam es aber wieder zu Spannungen: die Gegner Ranks „scheuten vor analytischem Mißbrauch“ nicht zurück, schmückten ihre Kritik also mit psychoanalytischem Vokabular, Gay nennt dies eine „professionelle Deformation“ [540].

Freud und Ferenczi

Freud und Ferenczi

Überschattet wurde all das von der Erkrankung Karl Abrahams, er hatte Lungenkrebs und wurde von Fließ behandelt. Nach einigen Momenten, die Hoffnung geben sollten, verstarb er im Dezember 1925.

Rank zog es endgültig in die Staaten und beschäftigte Freud mehr oder weniger nur noch in der Theorie, er habe durchaus interessante Fragen aufgeworfen, gehöre „aber nicht mehr dazu“ [544]. Freud schrieb Hemmung, Symptom und Angst und revidierte die Beziehung der Angst zur Verdrängung, „Die Verdrängung […] verursache nicht Angst; vielmehr verursache die Angst Verdrängung“ und in Folge kam er wieder auf den Begriff des Abwehrvorgangs zu sprechen und ersetzte ihn durch den der Verdrängung [546/548]. Mit Abwehr meinte er alle die Techniken, die das Ich in Konflikten anwende, die zur Neurose führen können, „während Verdrängung der Name einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt“ [548].

1927 vertiefte Freud sich nochmals in die Thematik der Laienanalyse, er wollte ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, aber auch sein Text Die Laienanalyse schien fehl zu gehen, er fühlte sich als „General ohne Armee“ [558]. Seine Bemühungen entgegen der Institutionalisierung oder genauer Bürokratisierung der Analyse als Anhängsel der Medizin fruchteten leider zunächst nicht, Status-Interessen standen über der analytischen Gemeinschaft, wie es Raymund de Saussure formulierte [561].

Karen Horney, 1938

Karen Horney, 1938

Zum dunkeln Kontinent schrieb Freud einiges, also über die Weiblichkeit, stellte es wiederum oft in Frage und verharrte gleichzeitig bei seinen Meinungen. Seine Ideen waren, so Gay, überdeterminiert, unbewusste Phantasien, die seine Theorien beeinflussten. Für Freud war eine Frau = Mutter, habe somit die Rolle, die ihr bestimmt sei, als Mutter erst erfüllt [564f]. So offen er in Sachen Sexualität war, beim Thema Weiblichkeit war damit Schluss. Seine gesamte Theorie ist in dieser Hinsicht eher von der Bewegung eines Ausweichens gekennzeichnet. Gay reflektiert Freuds eigenes familiäres Werden in Bezug auf seine späteren Theorien und er hat sicherlich Recht, wenn er bei Freud u.a. von einem kulturellen Konservatismus sprach. Einerseits sprach er davon, dass die Frau von Natur aus passiv sei (Freud an Fließ, Manuskript K, 1896) und er schrieb die Passivität der Frauen sei nicht natürlich, sondern von der Gesellschaft auferlegt (vgl. Gradiva), oder er sprach von der intellektuellen Verkümmerung, gesellschaftlich bedingt, in Zukunft einer Illusion [570]. Um es kurz zu machen: Freud stand durchaus für einen sexuellen Monismus, anders formuliert, phallozentrismus, der Mann als Maßstab. Man könnte ganz salopp sagen, dass das Rein-Raus das Fort-Da für Erwachsene (Männer) ist. Er konstruierte die Geschlechter so, dass sie auf ihn angewiesen zu sein scheint [583]. Ihm war gleichzeitig bewusst, dass die Begriffe männlich und weiblich irreführende Begriffe sein können, wie er es in den Drei Abhandlungen anmerkte. Karen Horney kritisierte mehrmals höflich, aber bestimmt Freuds Theorien, bezog sich auf Theorien Georg Simmels, ebenso war Jones unzufrieden mit Freuds Theorien. In den 1990ger Jahren schrieb Rhode-Dachser „Expedition zum dunklen Kontinent“, dort wird im Grunde alles gesagt.

Die Zukunft einer Illusion ist ein Werk, in dem er sich schon zu Anfangs entschuldigt, nicht unbedingt ausreichend belesen zu sein, er war mit diesem Buch aber scheinbar allgemein außerordentlich unzufrieden [589], Religion als Zwangsneurose könnte ein Untertitel lauten. Oskar Pfister schrieb eine durchaus freundliche Kritik, in der er meinte, der Aufklärungsgedanke sei für Freud ein Religions-Ersatz [593]. Freuds Idee von Wissenschaft war für ihn eine reine Tendenz-Losigkeit [600]. Aber in seiner Vehemenz klingt doch ein bißchen mehr als das durch. Die Wissenschaft war scheinbar mehr als nur eine Technik des Denkens, ein gewisses Prinzip pragmatischen Tuns. Vor kurzem habe ich gelesen, die Argumentation mit ‚Wissenschaftlichkeit‘ sei im Grunde nichts anderes, als wenn jemand sagt, „Papa hat gesagt, ich darf das“. Gibt zu denken.

Freuds Texte Zukunft einer Illusion und Unbehagen einer Kultur waren einerseits geprägt von seinem Interesse an der Arbeit mit der Kultur-Thematik, andererseits, so meint Gay, stand er häufig unter dem Eindruck von Schmerzen, Schmerzen beim Essen, beim Sprechen, was wiederum den Pessimismus oder Groll geprägt habe. 1928 dachte er langsam darüber nach, den Arzt zu wechseln. Freud war in vielen Hinsichten stur, vielleicht auch zu gutmütig und ließ sich mit Entscheidungen, die manchmal eine gewisse Kurzfristigkeit erfordern, viel Zeit, wie sich noch zeigen wird.

Er wechselte den Arzt, erhielt eine neue Prothese, 1931. Dennoch litt er oft unter Schmerzen und das sehr. Er schrieb Frau Lou, dass die unangenehmen Erlebnisse seine besseren Interessen suspendiert hätten [606].

In dieser Zeit war eine erfreuliche Sache Lin Yug, Freuds erster Hund, die ihn nun begleitete, nachdem er Anna mit ihrem Schäferhund erlebt hatte.

1930 erhielt Freud die Nachricht aus Frankfurt: Er erhielt den Goethe-Preis, neben den 10.000 Reichsmark stellte für Freud die Ehrung an sich eine Wohltat dar. Notierte er im November 1930 lakonisch in seinen Chroniken „Endgültig für den Nobelpreis übergangen“ [642].

Sein Umfeld hatte sich bereits seit den 1920gern gelichtet, seine Tarockpartner und Freunde verstarben, Königstein, Rosenberg, Rie und Löwy. 1930 verstarb Amalia Freud, Freuds Mutter mit 95 Jahren. Kurz vor seinem 75. Geburtstag musste Freud wieder operiert werden und er fühlte sich kraftlos.

Als letzter der Mittwochsgesellschaft war es Férenczi, der sich mit Freud zerstreiten sollte. Er war bei Freud in Analyse gewesen und „nutzte das Privileg aus, ohne Zurückhaltung zu sprechen und zu schreiben“ [647]. Er schien in einer gewissen Abhängigkeit gegenüber Freud fest zu hängen, Freud versuchte Férenczis übertriebenen „Lobhudeleien“ abzuwehren, er wünschte sich, etwas weniger vergöttert zu werden. Das Verhältnis zwischen den beiden schien schon in den 1920ern angespannt gewesen zu sein, Férenczi meldete sich oft monatelang nicht, dann wieder doch und arbeitete ab 1927 an Neuerungen psychoanalytischer Techniken, welche Freud als „Ausdruck innerer Unbefriedigung“ deutete [649]. Férenczis Techniken nahmen scheinbar sehr innige Formen an, woraufhin Freud ihn nach einiger Zeit via Brief darauf ansprach, aber er meinte, seine Technik der aktiven Therapie sei höchst asketisch. Er begann eine Art klinisches Tagebuch, eine Sammlung psychoanalytischer Skizzen, in denen er auch von der Gefühllosigkeit der Analytiker schreibt, dessen Aufforderung zu alles zu sagen sei reine Heuchelei, während er selbst für ein „intensives Mitfühlen“ plädierte [651]. Es zeigten sich einerseits starke Ressentiments gegenüber Freud, andererseits auch Analysen dessen Schwächen und Theorien. Er schloss, das Freud niemanden liebe, nur sein Werk [654]. 1932 wendete er sich wieder der Verführungstheorie zu, er meinte, Beweise für die Verführungen zu haben, er wollte einen Vortrag darüber halten und verstörte einige seiner Kollegen mit seinen Ideen.
Ende 1932 teilte Eitington mit, dass Ferenczis Arzt eine pernizöse Anämie festgestellt habe, am 22. Mai 1933 verstarb er, nachdem er noch Januar und März mit Freud in Briefkontakt stand. Dieses Mal ging es nicht im Streit auseinander.

Freud schlug nun die Laienanalytikerin Marie Bonaparte als Nachfolgerin Ferenczis als Vizepräsidentin der Intenationalen Psychoanalytischen Vereinigung vor, verdienterweise.

Marie Bonaparte

Marie Bonaparte

Freud hatte nach 1932 nur wenige Analysanden und schrieb über den Sommer an der Neuen Folge der Vorlesungen zu Einführung in die Psychoanalyse. In den folgenden Jahren zog die ‚braune Pest‘ in das politische Leben ein, aber Freud hoffte, dass die Auswirkungen in Österreich nicht dieselben wie in Deutschland sein sollten. Außerdem kam es in den Jahren wieder zu wirtschaftlichen Notlagen und Freud lebte wieder von ausländischem Klientel, das er analysierte und oder ausbildete. 25$ Dollar war sein Stundenlohn, wobei dieser nicht notwendigerweise fix sein musste. Freud passte sich durchaus den finanziellen Möglichkeiten seiner Analysanden an. Was jedoch ein wichtiger Bestandteil einer Analyse war, war das kontinuierliche Bezahlen der Stunden, bei An- und Abwesenheit. Im Text Zur Einleitung in die Behandlung beschreibt er diese Notwendigkeit und dieser Text ist außerdem, man könnte sagen, ein Grundlagentext der psychoanalytischen Praxis.

„Wo man Bücher verbrenne, dort verbrenne man am Ende auch Menschen“ (Heinrich Heine)

1933 kam es zu Bücherverbrennungen, darunter auch Freuds Texte. Das Leben in Wien wurde unsicherer, aber Freud harrte länger als nötig aus. Er wollte „das sinkende Schiff“ nicht verlassen, er sah sich als loyaler Kapitän und Jones wird ihn aber noch zur Einsicht bringen. Es gab auch ein paar erfreuliche Ereignisse. Seine Werke wurden in immer mehr Sprachen übersetzt, Berühmtheiten besuchten ihn in der Berggasse, drunter H G Wells. Er arbeitete an einem seine letzten großen Vorhaben Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Er ging unter anderem der Frage nach, was den ‚besonderen Charakter der Juden‘ geschaffen habe [680], die Figur des Moses wurde ihm eine Fixierung von der nicht lassen konnte [683].

Freud und Anna

1935 verbrachte er noch einige Zeit in seinem Ferienhaus in Grinzing und bedauerte gegenüber Hilda Doolitle, dass sie es nie gesehen habe. In England etablierte sich mehr und mehr die Psychoanalyse nach Melanie Klein, aber Freuds Meinung war, dass sie einem „falschen Weg gefolgt“ sei [684]. Freuds Familie wie Freunde waren in der ganzen Welt verstreut: Ernst Freud sowie Hilda Doolittle und Ernest Jones in London, Jeanne Lampl-de Groot in Amsterdam, Eintington in Palästina, Hanns Sachs in Boston und es verband alle ein reger Briefverkehr.

In seinem bereits hohen Alter und nach all den Turbulenzen und körperlichen Leiden war Freud noch äußerst aktiv als Autor. 1937 schrieb er seine Abhandlung Die endliche und unendliche Analyse, in der er erklärte, dass eine erfolgreiche Analyse nicht notwendigerweise das Wiederauftreten einer Neurose verhindere [690]. Laplanche schrieb übrigens, in Bezug auf diesen Text, dass eine Analyse wiederum eine gewisse Fähigkeit oder Offenheit zur Selbstanalyse mitgeben könnte.

Finis Austriae

Lautete Freuds Urteil, als die deutschen Truppen österreichischen Boden betraten. Die Wohnung der Freuds und der Verlag in der Berggasse wurde im März 1938 ‚kontrolliert‘. Das Freud Geld im Ausland hatte, wurde glücklicherweise übersehen, aber der Safe wurde geplündert. Der Druck stieg. Ernest Jones und Marie Bonaparte sollten Freud Hilfe und vielmehr, „Protektion“ bieten [699]. Die Ausreise der Freuds wurde bereits geplant und Freud selbst war, wie es schien, das zäheste Hindernis. Jones erzählte Freud die Geschichte von Lightoller, dem Ersten Offizier der Titanic, der aufgrund einer Explosion an die Wasseroberfläche geschleudert wurde und in den anschließenden Untersuchungen gab er zu Protokoll, dass nicht er das Schiff verlassen habe, sondern es ihn [701]. Diese Metapher überzeugte Freud. Jones nutzte nun seine Verbindungen, das Visa für die Freuds zu bekommen.

Freud wollte seine Familie und deren angeheirateten Verwandte mitnehmen, dazu seinen Arzt und dessen Familie, insgesamt 16 Personen, was aber die finanziellen Mittel aller Beteiligten überstieg, aber da es nur um ein Ausreisevisa ging, schien es leichter zu werden, „Prinzessin hier“ berichtete Wiley Bullitt, „auch Mrs. Burlington“, die Geldfrage schien in den Hintergrund zu rücken [702].

Ende März wurde Anna aufgefordert bei der Gestapo im Metropol zu erscheinen. Der damalige Arzt Schur händigte ihr (und ihrem Bruder Martin, der dieselbe ‚Einladung‘ erwartete) Veronal aus, für alle Fälle [702]. Anna Freud versicherte gegenüber der Gestapo, dass es sich bei der WPV um eine völlig unpolitische, rein wissenschaftliche Körperschaft handele, einige Stunden später wurde Anna freigelassen. Freud war nun entschiedener denn je, Wien zu verlassen, „to die in freedom“, wie er Jones schrieb [703]. Es waren einige Hürden zu überwinden. Sie benötigten die „Unbedenklichkeitserklärung“, mussten die „Reichsfluchtssteuer“ bezahlen, die Nazis verlangten sämtliche Schriften, die die Freuds auf eigene Kosten aus der Schweiz zurückschicken lassen mussten (Martin ließ die GW sicherheitshalber in die Schweiz schicken). Da die Bankkonten der Freuds längst beschlagnahmt worden waren, übernahm all diese Dinge Bonaparte, die Ende April nach Wien kam.

Dazu kam das hohe Alter der Reisenden, Freud war über 80, seine Frau und Schwägerin über 70. Minna Bernay reiste am 5. Mai ab, Martin reiste am 14. Mai ab. Am 23. Mai waren die Widrigkeiten der „Steuerfluchtsgrenze“ geklärt und die Behörden bestanden noch darauf, dass Freud eine Erklärung unterschrieb, in der er bestätigte, nicht misshandelt worden zu sein. Freud tat dies und fügte den Kommentar hinzu „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen“ [707]. So kurz vor dem Ziel derart lebensmüde, trotzig? Warum ging er dieses Risiko ein, er hatte Glück, dass die Beamten den Sarkasmus nicht zu bemerken schienen.

Michelangelos Moses

Michelangelos Moses

Am 4. Juni 1938 reisten sie ab und waren am 5. Juni um 2:45 Uhr morgens in Sicherheit. Eine Ehrung, die ihm in London zu Teil wurde, war seine Eintragung in das Buch der Royal Society. Er schrieb an seinem Moses weiter, es wurde die American Imago gegründet, obwohl Freud zunächst Bedenken hatte, da er sich eine deutsch-sprachige Ausgabe gewünscht hätte. Er lernte Salvador Dali kennen und schien sehr eingenommen von dem jungen Spanier gewesen zu sein [713]. Er begann im Juli mit dem Abriß der Psychoanalyse und nach dessen Beendigung gab es Anzeichen für das Wiederauftauchen der Krebserkrankung.

Maresfield Gardens

Maresfield Gardens

Es gab wieder eine große Operation und es sollte die letzte sein, da Freud nach all den Operationen und den Radiumbehandlungen der letzten Jahre inzwischen zu schwach gewesen wäre für weitere Eingriffe. Noch aber war Freud rüstig. Nachdem er die Klinik verlassen durfte, zog er im September in das Haus in Hampstead, 20 Maresfield Gardens ein. Paula Fichtl, Haushälterin seit 1929, arrangierte und platzierte alles so gut als möglich wie es in der Berggasse war. Freud war noch rege genug, die Tagesereignisse zu verfolgen, im Oktober nahm er seine Korrespondenzen auf und schrieb Marie Bonaparte. Er berichtete ihr von seinem Zustand, er könne kaum sprechen, schreiben, rauchen [715]. Dennoch nahm er noch drei Analysanden auf und begann am 20.Oktober mit einer Abhandlung in englischer Sprache Some Elementary Lessons in Psychoanalysis. Es wurde allerdings ein kurzes Fragment, da er nicht mehr lange und viel schreiben konnte. Er drängte seine Freunde, ihn bald zu besuchen und trieb energisch die englischen Übersetzung des Moses voran.

Bereits 1929 vereinbarte er mit seinem ‚Leibarzt‘ Max Schur, dass dieser ihn „nicht unnötig quälen“ wird und er versprach es. Eine Gesellschaft, in der man nicht sterben darf, ist eine grausame. Im Mai 1939 feierte Freud seinen 83. Geburtstag, einige Tage später erschien Mosen in Englisch und wurde von vielen Seiten als skandalös empfunden.

Am 1. August schloss Freud endgültig seine ärztliche Praxis. Am 27. August stand es schon sehr schlecht um ihn und Anfang September kam der Krieg nach London. Freuds Bett wurde in einen sicheren Bereich im Haus gebracht. Schur, der anwesend war, berichtete, das Freud diese Aktion zwar mit Interesse beobachtete, aber dennoch schon weit fort war [731].

So sehr er litt, er lehnte Beruhigungsmittel ab. Er konnte sogar noch lesen, sein letztes Buch war Balzacs „Le Peau de chagrin“, als er es beendet hatte, sagte er Schur, es sei das richtige Buch für ihn gewesen, da es vom Schrumpfen und Verhungern handelte [732].

Am 21. September erinnerte Freud Schur an den Vertrag, ihn nicht im Stich zu lassen, wenn die Zeit gekommen ist.  Am 23. September verstarb er in London

 

Sigmund Freud, 1930

Sigmund Freud, 1930

 

 

[1] Wenn nicht anders angeführt, stammen alle Zitate aus Peter Gay (2006): Freud – eine Biographie für unsere Zeit, Fischer Taschenbuch Verlag

[2] Gay schreibt, es habe mit seinen Studien zum Kokain zu tun, da er diese übereilt durchgeführt habe, um Martha in Wandsbeck zu besuchen zu können, die er seit etwa einem Jahr nicht mehr gesehen habe [55]. Diese Ungeduld führte zu einer, wie gesagt, übereilten Abhandlung „Über Coca“ und deren Veröffentlichung. Als er zurückkam, bemerkte er, dass ein Freund, Carl Koller, Versuche gemacht habe, die er selbst sozusagen versäumt hatte, zu tun. Der Löwenanteil fiel anderen zu, ihm brachte es lediglich einiges an Ehre, schrieb er 1884 an Minna Bernays.

[3] Freud an Fließ, 21.Mai 1894

[4] Freud an Fließ, 16.Mai 1897

[5] Freud an Schilder, 26. November 1935, Freud Collection, B4,LC

[6] Freud an Fließ, 22. Juni 1897

[7] Jung an Freud, 11.März 1909

[8] Der Text wurde bereits 1919 verfasst und ist somit eigentlich kein Versuch, den Tod seiner Tochter Sophie zu verarbeiten

[9] Georg Groddeck, „der wilde Analytiker“ beanspruchte die Idee des Es als die seinige. Jedoch unterscheidet sich sein Es von dem Freuds. Groddeck Buch Das Buch vom Es wurde wenige Wochen vor Freuds Das Ich und das Es veröffentlicht, die Unterschiede werden in Texten deutlich, Freud verdeutlichte den Abstand, als er Groddeck zum Geburtstag gratulierte:“Mein Ich und mein Es beglückwünschen Ihr Es“ Oktober, 1926

[10] Bei Melanie Klein wird die Aggression zentraler Bestandteil und es sei angemerkt, dass die Idee der Destruktion als Grundlage des Lebendigen bei Spielrein, einige Jahre vorher, schon auftauchte. Freud merkt dies in einer Fußnote mehr schlecht als recht an.

[11] Freud an Jones, September 1923

Freud Museum Wien
Freud Museum London

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