savoir viwre

Jean Tinguely, Klamauk,1978

Jean Tinguely, Klamauk,1978

In einigen Tagen im Jahr 1995, also am 4. November, entschied sich Deleuze für den sogenannten Freitod. Im Sinne Leibniz aber ist der Tod lediglich ein Rückgang an Perzeptionen, bis auf das sie dunkel werden, also nicht erinnerbar. Daher konnte er sagen „alles ist voller Leben“. Und Deleuze war ein Philosoph des Lebens, des Lebendigen.
Geboren wurde er am 18. Januar 1925, er studierte Philosophie bis 1948 (bei u.a. Canguilhem, de Gandillac, Hyppolite) und arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer. 1957 wurde er Assistent an der Sorbonne und habilitierte schlussendlich 1969 mit zwei Werken, Differenz & Wiederholung und Spinoza und das Problem des Ausdrucks.
Seine Philosophie(n) finden einige Wurzeln, die er weiterstrickte, Bergson, Valéry, Nietzsche, Spinoza, oder auch Kafka, Klossowski, Woolf … . Eine Gelegenheit nun, Bergson in ein paar kurzen Sprüngen in Erinnerung zu rufen.

„Es gibt Dinge, die einzig die Intelligenz zu suchen vermag,
die sie aber, auf sich allein gestellt, niemals finden wird.
Diese Dinge finden könnte einzig der Instinkt;
doch der würde sie nie suchen“ [Bergson]

Für Bergson wie für Deleuze liegt die Aufgabe der Philosophie nicht darin, Probleme zu lösen, denn die Lösung liegt bereits im richtig gestellten Problem, es gilt Lösungen zu entdecken. Es gibt Scheinprobleme und schlecht gestellte Probleme. Dazu gehören Fragen wie „Weshalb ist Ordnung und nicht vielmehr Unordnung?“ oder „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts?“. Die Fehler liegen hier darin, das viele Menschen dazu neigen, die Unordnung vor der Ordnung zu postulieren, „die Vorstellung der Unordnung entspricht einer Pauschalvorstellung von Ordnung“ [HB, 32] oder dass das Nicht-Sein dem Sein vorausginge, „wir nehmen das Mehr für das Weniger“ [HB, 29]. Außerdem neigen wir ebenso dazu, Dinge auf einen Nenner zu bringen, die aber wesensverschieden seien. Wir erliegen laufend einem, wie er schreibt, fundamentalen Schein, der aber im Wesenskern der Intelligenz selbst wurzele [HB, 33].

Eyvind Earle; san-luis-obispo

Die Intelligenz ist bei Bergson, neben dem Instinkt, eine der schöpferischen Entwicklungen, beide elegant. Erstere ist aber dadurch zu charakterisieren, dass sie das Lebendige nicht denken kann, sie „löst das Organisch-Strukturierte in Nicht-Organisch-Strukturiertes auf“[SE, 186]. Daher ist es allein die Intuition, die sie anregen und nähren kann, „weil sie die Wesensunterschiede unter den graduellen Verschiedenheiten aufspüren kann und dem Intellekt die Kriterien übermittelt, wahre und falsche Probleme voneinander zu scheiden“ [HB, 33]. Die Intuition ist eine Art verfeinerter Instinkt, und die Intution ist es, die den Intellekt dazu drängen kann, sich auf sich selbst zurückzuwenden [HB, 33]. Das Buch „Schöpferische Entwicklung„, vor allem das Kapitel III, sei allen ans Herz gelegt. Man kann damit in unserer Vernunft- und Intelligenz-besessenen Welt eine Kehrtwende vollziehen. Eines der wichtigsten Bücher, die es gibt, vielleicht. Aber diese Welt ist noch nicht soweit.

Die Wahrnehmung: Wir nehmen an einem materiellen Objekt lediglich wahr, was von Nutzen, von Interesse ist. Wahrnehmung ist also nicht „das Objekt und etwas dazu, sondern das Objekt um etwas vermindert: vermindert um all das, was nicht in unser Interesse fällt“ [HB, 38]. Es gibt Menschen, die nehmen quasi nahtlos alles wahr, in selber Lautstärke, in den selben Intensitäten. Sie brauchen lediglich mehr Zeit zum sortieren. Die anderen Menschen, die ‚Intelligenten‘, geben ihnen meist nicht diese Zeit?

Eine wundervolle Definition findet sich vom Körper. Es ist die Affektivität, die einem Körper ein Volumen im Raum verleiht. So, das war der letzte Sprung im Reich Bergzons.

deleuze

Neben Foucault und einigen anderen, war Deleuze einer derer, die, so glaube ich, keinen Drang dahingehend fühlten, ihre/eine Identität aufrecht zu halten, überhaupt sich einer solchen ‚Hülle‘ zu bedienen. Er war einer, der mehr als Ich sagen konnte, sozusagen. Eine Gelegenheit nun, sich ein bißchen von Deleuze zu entfernen und mit Paulus über Identität zur Liebe zu kommen.

„Die Ankunft des Messias bedeutet, daß alle Dinge – und mit ihnen auch das Subjekt, das sie betrachtet – vom Als-ob-nicht eingenommen und mit einer einzigen Geste zugleich berufen und widerrufen sind. Es gibt kein Subjekt mehr, das schaut und das sich an einem gewissen Punkt dazu entscheiden könnte, so zu tun als ob. Die messianische Berufung disloziert und annulliert zuallererst das Subjekt: Das ist der Sinn von Gal 2,20:“nicht mehr ich lebe [zō ouketi egō], sondern der Messias lebt in mir“. Und der lebt genaugenommen in ihm als jenes „nicht mehr ich“, als der tote Leib der Sünde, den wir noch in uns tragen und der im Messias durch den Geist erweckt wird (Röm 8,11). Die ganze Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen (mataiotēs, die Flüchtigkeit dessen, was verloren geht, verdirbt) – aber genau deshalb seufzt sie in Erwartung auf Erlösung (Röm 8,20-22). Und diesem Seufzen des Geschöpfs, das unaufhörlich verloren geht, entsprechen im Geist keine wohlgeformten Reden, die dessen Verlust messen und verzeichnen können, sondern nur „unaussprechliche Seufzer“ (stengamoís alalḗtois, Röm 8,26).
Deswegen kann, wer dem Verlorenen treu bleibt, nicht an irgendeine Identität oder weltliche klḗsis glauben“ [Agamben: Die Zeit die bleibt, S.53].

Der Andere in mir, der in mir lebt. In obigen Passagen und im Begriff des Messianischen bei Paulus findet sich das, was man in lacanscher Terminologie Durchquerung des Phantasmas nennen könnte. Nur, und das ist spannend: Wesentlich um sich greifender, so mein Eindruck. Als-ob-nicht meint die Öffnung auf ein Spannungsverhältnis hin, in dem es keine eindeutige Unterscheidbarkeit mehr gibt, es ist kein Als-Ob im Sinne Vaihingers gemeint. Es gibt mit der Ankunft des Messianischen keine Schließung mehr, keine Identität, das Subjekt wird annuliert und disloziert (verteilen, verschieben, in diesem Sinne vielmehr eine Verschiebung hin auf eine Öffnung). Es ist vor allem eine unableitbare Öffnung („der tote Leib“, wobei ich dies Thema mit dem sündigen Leib noch nicht geklärt habe, folgt).
Warum konsequenter als bei zB Lacan? Weil hier diese Ordnung selbst außer-Kraft-gesetzt wird, denn auch den Dingen gilt die Berufung und somit die Widerrufung (die Dinge, sind diese, weil sie als solche konstituiert wurden, ausgehend der Perspektive des Subjekts, also sind die eigentlich per se ebenfalls außer-kraft-gesetzt). Eine messianische Berufung ist immer zugleich eine Widerrufung, eine Außer-Kraft-Setzung (dem steht im homo sacer der Ausnahmezustand gegenüber, beides seien bei Agamben Perspektiven auf die abendländische Kultur, dies nur am Rande). Worin kulminiert diese wundervolle Passage? Wer dem Verlorenen treu bleibt, kann nicht an irgendeine Identität oder weltliche klḗsis glauben. Mit 
klḗsis ist wiederum der ‚Ruf Gottes‘ gemeint. Was ist nun das, was diese Passage sagen könnte. Was man Religion nennt, muss nicht zwangsläufig mit Glauben zu tun haben, ganz im Gegenteil? Oder was daraus wurde. Oder, man muss sich nochmal über den Begriff Glauben unterhalten.

Gewissermaßen könnte man in der Passage auf eine Art Ver/Gebundenheit an die Sprache denken: dem Seufzen, dem keine wohlgeformten Reden entsprechen. Vielleicht ist mit der Gebundenheit an Sprache eigentlich nur diese Sprache gemeint, unsrige Sprache. Das ist A, das ist B, die Sprache, die begrenzt, anstatt zu entgrenzen (ist die Sprache nicht ursprünglich dies, womit wir über Gegebenenes, also auch über uns, hinaus gehen, Öffnung?), öffnet statt abzuschließen und urteilt. Jedes „das ist .. “ ist ein Urteil, eigentlich. Eine Sprache voller Identitäten, eine die stetig Rahmen dafür bereit hält. Oder wir machen dies daraus, zumindest, in unseren Unzulänglichkeiten. Eine Sprache, die logischen Regeln folgt und alles, was ’sie‘ nicht versteht oder benennen kann, unsinnig nennt, unverständlich, falsch. Die Dichtung beispielsweise genießt Sonderrechte, da sie die denotativ bezeichnende Struktur übersteigt, sie stelle zwar Bedeutung her, erschöpft sich aber nie darin. Tut jedes einzelne Wort im Grunde nicht, daher: ein anderer Gebrauch ist gefordert.

„Was bedeutet es also, daß der Glaube bei Paulus durch den Nominalsatz „Jesus Messias“ und nicht durch den Verbalsatz „Jesus ist der Messias“ ausgedrückt wird? Paulus glaubt nicht, daß Jesus die Eigenschaft besitze, der Messias zu sein: Er glaubt an „Jesus Messias“ und Schluß. Messias ist kein Prädikat, das dem Subjekt Jesus hinzugefügt werden könnte, sondern etwas, das untrennbar von ihm ist, ohne deshalb einen Eigennamen zu bilden. Und dies ist der Glaube Paulus: eine Erfahrung des Seins jenseits sowohl der Existenz als auch der Essenz, jenseits des Subjekts als auch des Prädikats. Ist dies aber nicht genau das, was sich in der Liebe ereignet? Die Liebe erträgt keine Prädikation und hat nie eine Qualität oder eine Essenz zu ihrem Gegenstand […] Jedes Sagen von ist fällt von der Liebe ab […] Die Liebe kennt keine Gründe […] Die Liebe ist großmütig, die Liebe kann gebrauchen, sie ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Eigene, sie wird nicht zornig, sie rechnet nicht das Böse […] Alles überdeckt sie, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles erträgt sie (I Kor 13, 4-7). […] Was ist also die Welt des Glaubens? Nicht eine Welt, die aus Substanz und Qualität gemacht ist, nicht eine Welt, in der das Gras grün und die Sonne warm und der Schnee weiß ist. Nein, sie ist keine Welt der Prädikate, der Existenzen und der Essenzen, sondern eine Welt von untrennbaren Ereignissen, in der ich nicht urteile und glaube, daß der Schnee weiß und die Sonne warm ist. Vielmehr werde ich verschoben und disloziert in das Der-Schnee-weiß-Sein und in das Die-Sonne-warm-Sein“ [ebd.S, 144].

Ich würde noch weiter gehen und diese Der und Die streichen (Das), Schnee weiß sein und Sonne warm sein und ich schriebe Sein klein. So kommen wir zurück zu Deleuze. Der ebenfalls, vermutlich inspiriert von auch Williams S. Burroughs, für einen anderen Gebrauch von Sprache einstand, eine Öffnung, damit sich Verzweigungen bilden können.

Es gibt Vorschläge, Anfänge, was die Sache mit der Sprache betrifft
1. delete the copula (is/are), i.e., disrupt fixed identities – YOU ARE WHAT YOU ARE NOT [Lacan]
2. replace definite articles (the) with indefinite articles (a/an), i.e., avoid reification — THERE EXIST MULTIPLICITIES [Badiou]
3. replace either/or with and, i.e., ignore the law of contradiction — JUXTAPOSE [ Silliman]

Man muss Sprache aufsprengen, es ist geradezu lächerlich, wie engstirnig eindimensional unsere Sprache ist, da hilft es auch nichts zu sagen, das Bedeutung fließe, wenn es in der Sprache nicht mehr spürbar ist. Unsere Sprache ist sozusagen sehr eckig. Neben gerade angeführten Ideen, die ich sehr interessant finde, gibt es noch die Möglichkeit, wenn man Zeit, Muse und durchaus die paar Groschen hat, polyglott zu werden, also mehrsprachig. Arabisch und Farsi sind sicherlich Sprachen, die Horizonte um einiges erweitern, Gedanken vervielfältigen können. Wäre es nicht schön, wenn unsere Welt eine andere wäre, in der Menschen ihre Zeit auch mit Sprachen lernen, reisen und entdecken im Sprechen verbringen und nicht ihr Leben an „die Wirtschaft“ vergeuden? Aber das ist ein anderes Thema.

Wir können in der Sprache sein, neurotisch. Hier ist man männlich sexuiert, in diesem Universum gibt es keine Liebe. Oder weiblich sexuiert, hier kann es Liebe geben. Es gibt noch andere Universen, mit Fink beschreiben die Universen des männlich/weiblich lediglich neurotische Universen. Unsere Strukturen aktuell reichen nicht aus, vielleicht, andere zu beschreiben, ohne der Pathologie zu verfallen? Ändert sich Sprache, ändern sich auch Strukturen? Wahrscheinlich, parle être. Ein Perverser in der Sprache, tut was? Zeichnen? Agamben meint in einem seiner Bücher, dass Psychoanalytiker von den Perversen noch einiges lernen könnten.

Deleuze. Und Guattari. Woran erkennt man eigentlich den einen und den anderen, auch wenn das nicht wichtig ist. Für mich, ist Guattari der mit dem Megaphon, der, der vehement auf dies oder jenes insistiert, der fordert, der vorantreibt. Deleuze geht mehr oder weniger, neben mir als Lesenden her. Spazierengehen. Als Denker und Autor anderer Denker sucht er seinesgleichen. Sein Text zur Ästhetik Kants ist unglaublich inspirierend, das kleine „Woran erkennt man den Strukturalismus“ ist wundervoll klar. Deleuze war, finde ich, nicht empfänglich für jede Form von Ressentiment. Das macht seine Texte so lesenswert. Weder drückt er auf Teufel kaum raus seinen Diskurs durch, noch diffamiert er die, die er nicht mag, oder die ihn beleidigten. Ruhig, klar, witzig, präzise, intuitiv. Oftmals liest man Fragen wie „was meinte Deleuze damit oder damit“. Das sind Fragen, die man eigentlich nicht wirklich stellen muss. Man liest seine Texte und lässt der Intuition einfach Raum. Sich keiner Universalien bedienen, keine begrifflichen Zentren erzeugen, in einem lebendigen Gewebe sind sie wie Tumore, Verhärtungen. Er wollte, das wir im vollen Sinne Rhizome bilden, das Denken, unser Denken nicht in Schemata einpassen, sondern unserer Intelligenz Beinfreiheit lassen, sie voranschreiten lassen, mit der Intuition als Herzstück.

Eyvind Earle, california-landscape, 1966

Eyvind Earle, california-landscape, 1966

ps: Ähnlich verhält es sich vielleicht mit Lacan, der mehr als Deleuze, auf „seine Lehre“ insistierte. Aber wenn er gewollt hätte, dass seine Gedanken in fixe Kategorien verpackt sind, hätte er dies in seinen Seminaren und Schriften wohl selbst getan, so gegliedert, so angeordnet. Hat er aber nicht. Texte, die meinen zu behaupten, zu wissen, haben wahrscheinlich mit Lacanscher Psychoanalyse wenig zu tun. Außer Bruce Fink, der darf das.

Deleuze (oft mit Guattari) schrieb(en) einiges lesenswertes: einerseits ein Text zu David Hume; natürlich die Tausend Plateaus, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, bis auf den Schluss. Die große Analyse und Kritik an der Struktur des Kapitalismus und der Psychoanalyse in Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie. Hier kann man streiten, gehen die Kritiken an der PSA vorbei oder treffen sie sie doch hier und da in (fundamentalen) Kernen, den Kernen, in denen die PSA wiederum Fundamentales verkennt? Da seien die Texte zu Nietzsche, die Kino-Texte, Rhizom natürlich, Der Faden ist gerissen (mit Foucault) und sein Text über Foucault. Es gibt wundervolle Sammelbände: Unterhandlungen 1972–1990, oder was sogenannte Sekundärliteratur betrifft: Gilles Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie, Hg: Friedrich Balke, Fink Verlag und her gibt es noch einiges, webDeleuze 

und noch etwas echt Faszinierendes: Eine Perfomance, audiovisuell, „When you do things in a different way, it makes you have to think differently about the way you present it. So ‚ISAM Live‘ ended up as a mixture of cinema, live performance and projection art. Amon Tobin live at Graz

HB = Gilles Deleuze: Henri Bergson – Zur Einführung, Junius Verlag
SE = Henri Bergson: Schöpferische Evolution, Meiner Verlag

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