e & a, Phantasmen abendländischer Kultur(en)

H.Bosch: im der Garten der Lüste

rationi valde videtur ridiculum [ein einziger Apfel, und solche Folgen; M.Luther, WA 42, S.73]

Kurt Flasch erzählt in Eva und Adam – Wandlung eines Mythos über, man könnte sagen, den eigentlichen Mythos der Menschen, oder ein „zentraler Mythos westlicher Kultur“ [10]. Das Buch soll nach seinen Worten zum Nachdenken einladen und das tut es. Er schreibt als Hystoriker, als Reisender, Eva und Adam oft begegnend, an der Bernwardstür in Hildesheim, an der Fassade von Notre Dame und anderen Orten [7].

Ob es ein Apfel war, oder eine Traube, eine Dattel, darüber war man sich zunächst uneins. Es gewann aber der Apfel, und es bleibt die Frage, warum eigentlich? Aber das nur am Rande. Das Paradies, aus der die ‚verbotene Frucht‘ stammte „lag sicherer Kunde nach an Euphrat und Tigris“ [10], wir befinden uns also den Gegenden des Irak, Syriens. Erst mit dem Paradigmenwechsel der Erde als Scheibe, also als sie zur Kugel wurde, „verlegten die Theologien das irdische Paradies“ [69]. Adam und Eva sind oder waren eines der mächtigsten „Bild -und Denkmuster“ [10] und an der Stelle sei auf Agambens „Stanzen“ verwiesen, um den Begriff des Bildes in der abendländischen Kultur zu vertiefen. Die beiden Protagonisten stell(t)en einen normativen Inbegriff dar, für das Verhältnis Frau und Mann. Sie, als Männin, als Gehülfin. „Seit der Franzözischen Revolution sind wir alle Damen und Herren; seitdem gehört den Damen der erste Platz, weil nicht im Leben, daher um so sicherer in der Anrede. Nur Eva wird er verweigert“; sie griff nach dem Apfel, nicht Adam, „sie eröffnete die menschliche Geschichte“ [11].

Flasch untersucht nun das Abbild von beiden auf der Bronzetür am Dom von Hildesheim, die Bernwardstür, da ist Gott, etwas größer dargestellt, mit „seinen schon großen Kindern“ [11], Adam falle nicht zu Boden, als Gott auftauchte, seine Aufmerksamkeit gilt Eva. Einerseits wurde Gott als körperlich gedacht und interpretiert, dann wieder nicht, es war oft strittig, ob die Texte wörtlich zu nehmen sind, oder nicht. Die Beiden waren nicht immer nur Gestalten der Sünde, bpsweise um 1200 herum, sie repräsentierten Ordnung und überlegenes Wissen, ein strahlender Anfang [12]. Wiederum aber in Clermon-Ferrand finden sie sich als vertriebene Sünder. Im Westen setzte sich vor allem Augustins Interpretation durch, die, man ahnt es, finster ist, Eva als die Hauptschuldige und der Mann nach dem Strafurteil als ihr Herr [vgl. 14].

Genesis
Sie erzählt die Erschaffung des Menschen -zweimal-. In beiden aber heißt es, das Samen und Pflanzen der Nahrung dienen, keine Tiere, „Ich gebe euch jetzt alles Kraut, das Samen bringt, auf der ganzen Erde und alle Bäume, die Baumfrüchte tragen, die Samen enthalten; das soll eure Speise sein“. Das Menschen Fleisch essen, haben spätere Bibelexegeten- und Interpreten als Folge der Sünde gewertet, was wiederum die Fastengebote erkläre [20].
In Gen. I, 26-31 fehle Eva gänzlich, es ist „der Mensch“, der erschaffen wurde [19]. Interessant außerdem, in diesen Schriften spricht Gott, im plural, wenn seine Taten beschrieben sind. Ein polytheistischer Rest? Gott war außerdem körperlich gedacht, er hatte Ohren, Hände, aber: der Mensch war nicht aus Lehm geformt in dieser Erzählung, „der Gott dieses Kapitels ist ein Wortemacher“ [20]. Es war die Früh-Antike, die griechische Philosophie, die aus Gott einen reinen Geist gemacht habe.

Die Geschlechterzweiung, als Vorbedingung des Dramas [21], oder der Komödie, zuweilen, der Mann als in den Deutungen als der „Intellekt“, die Frau bedeute die Sorge um die zeitlichen Dinge. Klassiker. Wir sind nie modern gewesen. Die Deutungen der Texte gehen auseinander, es müsse Eindeutigkeit herrschen, „jedes Wirkliche müsse eindeutig sein“, verlangten Mediziner, Juristen und Philosophen der letzten Jahrhunderte. Denn: es gab Felder, in denen Adam als zweigeschlechtlich gedacht wurde, diese Idee des zweigeschlechtlichen Erstmenschen galt als „Fabel der Juden“ [22f]. „Wer die Welt reglementieren wollte, brauchte Bezugspunkte, die klar definiert waren“ [23]. Und da sind wir, Biopolitik, (neo)Liberalismus, Bürokratie. Wir sind nie modern gewesen.

Max Beckmann, 1936

Interessant auch, Lilith. Die erste Frau, sie wurde dargestellt als sexuell gierig, „ohne die Erkenntnis von gut und böse“ [23], also ‚unmoralisch‘. Eva war es, die vom Baum „der Erkenntnis“, oder andererseits, „des Lebens“ aß und hiermit wiederum aber den Sündenfall initiierte (Erkenntnis von gut und böse und ebenfalls interessant „Erst seit dem Sündenfall verbindet sich mit der Sexualität das Begehren“ [77], wobei dies auf Interpretationen fußt, die im Paradies einen Ort sahen, in dem sich ‚der Mensch‘ rein intellektueller Betätigungen hingab, also eine Körperfeindlichkeit, oder Angst leuchtet auch hier durch). Lilith habe gleiche Rechte gefordert, selbst die Position im Koitus beanstandete sie. Sie sei schlussendlich zu den Dämonen geflohen. Fortan töte sie „kleine Kinder und erzeuge in Männern sexuelle Träume“, eine Frau ohne „Adams domestizierende Oberaufsicht [..] ohne moralische Gebrochenheit“ [24]. Da sind wir, wieder mal. Mitten in, soll man sagen, männlichen Phantasmen (oder männlich sexuierten/weiblich auf den Phallus bezogenen. Kann/muss man den Begriff des Begehrens den neurotischen Universen zuordnen?). Es hat sich in über zweitausend Jahren kaum etwas geändert. Unser Sex, der penetrative Sex; eine Bekannte meinte vor Kurzem, dies sei eine Form domestizierter Lust.

Der zweite Bericht, Genesis 2, 4b – 25, „geht mehr ins Einzelne und berichtet anschaulich die Details“ [24], Gott erschuf nicht kraft seines Wortes, sondern legt Hand an, hier kommt nun der Adam, aus Lehm geformt und der Mensch (Adam als = Gattungsbegriff = Mensch) erscheint nicht am Ende, ‚als Krönung‘, sondern er kommt in die Welt am Anfang, als sie noch kahl war. Nach ihm kommen die Tiere, die Gott Adam zu Seite gesellte, aber Adam hatte den Wunsch nach einer „gleichartigen Gehülfin“ [24].

Dieser zweite Bericht war folgenreicher, er schuf die Bilder, an die sich Künstler und Prediger halten konnten [24]. Im Zweiten hieß Gott Jahve, im ersten Elohim, der zweite Bericht wirke volkstümlicher und hier erst entstehen Mann und Frau in zeitlicher und somit hierarchischer Abfolge [26] und Adam hatte die Herrschaft der Namensgebung („Benennung ist Aneignung“[80], er benannte zunächst die Tiere, dann die Frau. Die beiden Genesis-‚Entwürfe‘ gehören verschiedenen geschichtlichen Welten an, zunächst gab es das Gebot der Fortpflanzung, keine Schlange, kein Verbot, keine Verjagung [27]. Der erste Text, mit dem die Bibel beginnt, sei weitaus jünger als die Genesis 2-3, „er könnte in der Absicht geschrieben sein, die erste Version zu korrigieren [27].

Spannend sind die Passagen der Nacktheit, sie wissen darum und schämen sich im Zuge des Erkenntnisgewinns. Gott vertreibt die beiden, da er „sein Privileg der Erkenntnis verloren hat“ [31]. Übrigens sage der Jesus der Evangelien nirgends, er sei gekommen, „um die Folgen der Sünde der Stammeltern zu beseitigen“, Paulus erst schrieb ihm diese Rolle zu [34].

Die Texte der sogenannten Religionen sind äußerst interessant. Hier landeten wir inmitten von, ja vielleicht, Phantasmen, so alt wie die Menschheit selbst. Apropos:“Wenn man die Pause zwischen Wahrnehmen und Erkennen auf unbestimmte Zeit verlängert, wird das Bild als Phantasma verinnerlicht, [..] (Agamben, Profanierungen, S.54).

Eva, aus der Rippe Adams entstanden, er, der gebärt, ein weiteres Phantasma?
Es gab auch Phasen, in denen Adam als Überbringer von Erkenntnis und Wissen dargestellt wurde, der seinen Sohn Seth in Geometrie und Astronomie unterrichtete, „ein Adam ohne die augustinische Erbsündenlast“ [32f]. Diese Geschichte(n) und wieder ihre Interpretationsgeschichten über etwa zweitausend Jahre sind überraschend interessant. Flasch bezieht sich auf die lateinisch-westlichen Interpretationen, was allein schon vielschichtig ist und dennoch waren die Auslegungen bis isn 17. Jahrhundert mittelalterlich und erst im 19. Jahrhundert verlor die Kirche an Deutungshoheit über das „erste Menschenpaar“ [47].

Manche reden gerne vom Wandel vom Mythos zum Logos. Ich halte das für eine Mär, genau das ist ein Aberglauben, eine viel zu glatte Gleichung.

 

Lorenzo Ghiberti : Adam und Eva im Paradies, Dom in Florenz

Kurt Flasch: Eva und Adam – Wandlungen eines Mythos, C H Beck Verlag

Am Rande: Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen, Suhrkamp

Von Seiten der Psychoanalyse scheint die Thematik aufgegriffen worden zu sein, in deren Lesart aber Eva die Urmutter Adams sei, der wiederum in ihren Schoß zurückkehren wolle und den Zorn des Vaters auf sich zog (..ja, was auch sonst). Flasch schreibt dazu, dass die Überlegungen zwar interessant seien, aber:“die psychoanalytischen Deuter treten auf, als hätte die Menschheit auf sie gewartet, damit die Evageschichte endlich ‚richtig‘ erzählt wird. Deshalb verfolge ich ihnen hier nicht weiter“ [52f]. Die Genesis dient auch hier als Projektionsfeld, es wird hineingelegt, „was in die Erwartungen, die Wunschträume und Weltdeutungen der Zeit passte“[75]. Sollten nicht gerade AnalytikerInnen ihre neurotischen Brillen zumindest dann und wann ablegen können?

 

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One Response to e & a, Phantasmen abendländischer Kultur(en)

  1. Lutz says:

    witzig, das Paradies als Ort, an dem man sich nur der intellektuellen Tätigkeit hingibt. Dann haben die meisten WissenschaftlerInnen das Paradis auf Erden, sie verbringen ihre Zeit mit intellektuellen Tätigkeiten, lesen, forschen und schreiben und sie nennen es Arbeit, dabei hat sich für sie der paradiesische Zustand realisiert

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