Саломе

Oriental Carpets

Lou Andreas-Salomé wurde im Februar 1861 geboren, in St. Petersburg, die Stadt, über die N. Gogol scheinbar gern schrieb. Sie heiratete den Orientalisten F.C. Andreas, sie war Schriftstellerin und Analytikerin in zuletzt Göttingen. Man kennt ihre psychoanalytischen Schriften eher nicht, zumindest begegnet man selten Zitaten oder sonstigen Bezüge ihrer Texte.

Frau Lou schreibt, wenn sie über das Weib schreibt, sehr, wie man heute sagen würde, essentialistisch. Die Frau und ihr ‚Sein‘ werden abgeleitet von Eizelle, ebenso das ‚Sein‘ des Mannes von Samenfäden. Wobei das Ideen sind, die abgeleitet werden können, wenn man sich eben auf diese Zellformen oder Organe bezieht und das ist damals wie heute geläufige Praxis. Das weibliche Wesen, „an sich einheitlicher geblieben, rastet und ruht“ [15] und vom männlichen schreibt sie somit vom „anschlussbedürftigern, bedürftigern überhaupt“ [13]. Touché? So oder so, natürlich ist es fragwürdig, von bestimmten Zellen auf ein Sein zu schließen, überhaupt auf so etwas zu schließen, weil hier ja ein Sein als solches vorausgesetzt ist. Manches aber leuchtet irgendwie ein, sein Sexualverhalten, das Mechanistische, das dem (sexuellen) Vorgang sein Häßliches gäbe, da er fähig sei, ein erotisches Erlebnis völlig von jedem Kontext zu lösen, dagegen ihres, „sie erlebt das Erotische anders, ihre Physis und Psyche reflektieren es anders“ [17]. Natürlich klingt das heute für manche Ohren plakativ. Mit den Termen männlich sexuiert und weiblich sexuiert erhält man neue Facetten, zumindest in neurotischen (und vielleicht doch auch ein paar anderen) Universen. Da sind Differenzen, wie sie überall sind und werden, jeder morgige Tag ist ein Werdender, different zum gestrigen, zum jetzt. Bei Irigaray weiß man auch nicht so recht, ist es essentialistisch, wobei sie sagt, nein. Man denkt manches mal, doch. Aber sie scheint von anderen Termen zu sprechen. Auf eine Frage, was sie von symbolischer Gewalt denkt, die mit Zäsuren und Bestimmungen bezüglich männlich und weiblich miteinhergeht, meinte sie, dass das alte Begriffe von männlich und weiblich seien, sie spricht von becoming natural, welches woman näher zu stehen scheint, selbst boy, als man. Hier scheint ‚Hopfen und Malz verloren‘. Und es fragt sich, geht es um das Subjekt, das sich aussagen will? Will sich jemand als Mann aussagen, sind wir in einer Sphäre, die nicht mehr dem entspricht, was natural birgt. Das phallische Universum, welches das „Mann“ zum Ausdruck bringt, hier gibt es Zentrierung und entsprechende Ordnung, kein natural. Vielleicht. Alles kann sich ändern und ändert sich, Mutationen lassen sich nie ganz auslöschen.

 

Lou Salomé, 1910

Das kann man lesen, als schreibe sie auch von Wissenschaft. In den Religionen wird etwas gebunden und zentriert, nein, auch nein. Nicht in den Religionen, in denen der westlichen und nah-östlichen Kulturen (oder man differenziert zwischen Ekklesia und Religiösität in anderen Sinnen) . Zumindest scheint es so. Im Grunde wissen die wenigsten über Religion wirklich etwas, man begegnet meist ‚Alltagswissen‘ und Verallgemeinerungen. Gerade heute neigen einige dazu, ‚den Islam‘ als böse überhaupt zu denken. ‚Die Moslems‘ seien neidisch auf unsere aufgeklärte Sexualität, hieß es in manchen ‚Analysen‘ in den Medien. Ja, wir sind ja so aufgeklärt. Dann heißt es, Teile der westlichen Bevölkerungen hätten Angst vor dem potenten Araber. … also viele Ängste und Phantasien und im Hintergrund eine Geschichte von Kriegen und Kolonialisierungen, Eroberungen, Ausbeutungen und nun, ist man selbst das Ziel. Es gibt ebenso viele Meinungen dazu, wie es wohl Ausprägungen gibt. Meistens zeigen Äußerungen einiges über unsere Kultur selbst. Die europäischen Ideale, man applaudiert ihnen. Es ist der Perverse, der für sein Werk ‚Applaus‘, eine signifikante Reaktion, erwartet, schreibt u.a. Chaseguet-Smirgel. Es wird applaudiert – und konsumiert, solange wir das tun, sind wir verantwortlich dafür, dass auch Grausamkeit und Gewalt hinter dem Schleier bleiben. Die Frage ist: wer applaudiert eigentlich. Aber das nur am Rande, nur ansatzweise durchdacht. Und hier lösen sich die Begriffe gewissermaßen voneinander. Es ist natürlich nicht ein, oder es sind nicht die Perversen, die ein solches Machwerk bereitstellten. Es bleibt mir nur die Frage, wer applaudiert eigentlich? Es gibt Applaus für das gerade Angenehme, das gerade Ablenkende?

Sie schreibt von Religion, die ihre Theorien weltfern aufbaue. Weltfern, damit die Theorien Halt haben, finden können. Was ist das, die Welt? Ist es mit so manchen nicht-religiös-wissenschaftlichen Theorien ebenso? Unbedingt, da sich Wirklichkeit nicht einfangen lässt, nie absolut? Wissenschaften überschreiten manchmal diese Kluft, die Erkenntnis füllt die Leerstellen.

Lou

„Seine verschiedenen Annahmen, unkorrigierbarer als irgendwelche andren, weil unassozierbarer irgend etwas anderm, müssen sich zuletzt immer starrer ausbauen zu einer Welt völlig außerhalb aller übrigen Dinge. Allein es liegt doch nur ein scheinbarer Widerspruch darin: um sich so souverän auszusprechen, muß das Religiöse seine Denkwelt freilich so von allem isolieren; – dennoch ist diese seine Souveränität selber doch nur ein Reflex jener Allseitigkeit und Ursprünglichkeit seiner praktischen Bedeutung für alles, wonach nichts ohne sie ist, und sie selber gleichsam mitwirkend in jedem, jegliches in der Tiefe begründend, in der Höhe des Erreichten krönend. wonach nichts ohne sie ist, und sie selber gleichsam mitwirkend in jedem, jegliches in der Tiefe begründend, in der Höhe des Erreichten krönend. Das scheinbar Widerspruchsvolle ergibt nichts, als nur die Tatsache, wie wenig Leben sich in seiner eignen Theoretisierung einfangen läßt, wie am allerschiefsten, allerverzeichnetesten es grade in dem Bilde herauskommen muß, dem es in seiner höchsten Lebendigkeit zu Modell gesessen hat“ 

 

 

 

Wissenschaftlichen Ergebnissen mutet man allgemein die Assoziierbarkeit zu, sie sind nachvollziehbar. Warum? Weil sie wissenschaftlich sind. Das reicht meist als Argument. Die Lücke wurde geschlossen, der Glauben an die Wissenschaft löschte die Lücken, die Kluft aus. Es gibt keine Abstände mehr in einem Feld, in dem sich Menschen tummeln, die sich beruhigen mit dem Argument, es ist wissenschaftlich struktuiert. Dem gegenüber steht die reine Praxis (rein, auch wenn Lacan in dem Streben nach Reinheit das eigentlich Obszöne sah, aber vielleicht teilt sich der Begriff hier in verschiedene Ebenen). Wissenschaftlich strukturiert, das bedeutet lediglich ein gewisses Raster, das jemand voraussetzt, dessen entlang geordnet wird. Entwürfe von Wirklichkeit, einer von vielen Möglichen. Dieses Raster, diese Raster fragen nicht mehr nach Nachvollziehbarkeit. Dabei sind es diese Raster, die wiederum oft nur einem Phantasma entspringen. Modell sitzen tun wir, heute, unter anderem. Oder Ideen, andere Ideen als Gott, oder Götter, die Theoretisierungen sind nicht minder schief. Religionen sagen auch manchmal so etwas wie, alle wie sie wollen, Religion muss nicht Totalität bedeuten, auch wenn sie das meist mit sich bringt. Die Praxis, wiederum, kann sich ebenso mannigfaltig davon unterscheiden, wie es in den Wissenschaften der Fall ist.

Wissenschaft kann schlicht eine Praxis sein, die hinter die Schleier schaut und somit etwas Intuitives hat. Dies verliert sich, sobald Theorien oder Strukturentwürfe dogmatischen Gebrauch erfahren. Das Raster zum Allgemeingut wird. Zum Maßstab. Wissenschaft, Diskussionen darum gibt es lange schon. Im 12. Jahrhundert hieß es von Seiten Don Scotuns, dass Religion keine Wissenschaft sei. Es ging um Exaktheit, vielleicht. Gibt es Exaktheit im Leben? Das Leben kennt keine Raster, braucht es sie und wenn ja, warum? Das Leben braucht es nicht. Wenn Intelligenz das Lebendige zerschneidet, tötet, um damit hantieren zu können, ihre Bedürfnisse zu stillen, ihr Begehren? Wohin führt das. Enhancement. Wenn Wissenschaft schlicht eine Praxis wäre, um die es nicht viel zu sagen gäbe… .
Dann kam Nietzsche. Er wollte den Wissenschaften die Lust, das Lustvolle zurückgeben, oder überhaupt übergeben. Ist das wissenschaftliche Tun, in seiner vollen Besessenheit, etwas, das die Lust, ihr Oszillieren umgehen will?

Lou Salomé, 1910

Sie nicht bewahrheiten zu müssen. Spiritualität, ganz im Sinne der Nicht-Klesis, dass ein Glauben sich in dem Moment der Praxis sofort aufhebt, widerruft. Vielleicht. Was wäre Religion ohne Gott, ohne Weg? Ohne das Dogma des guten Lebens? Diese Dinge, das gute Leben, die Regelwerke, sie folgten erst.
Es heißt oder hieß manchmal, Wissenschaft könne nie Wirklichkeit einfangen, nur Ausschnitte. Der Schritt vom Experiment, von der Theorie zum Allgemeinen sei höchst problematisch. Das wurde und wird vergessen, zugunsten der Leinwand, auf das sich darauf etwas abzeichnen kann.

Sich des Denkmoments im Ablauf ihrer Vorgänge enthalten, vermöchten Religion und Liebe so wenig, wie irgend etwas im Bereich unsres menschlichen Erlebens dessen entraten kann: denn nichts geschieht, was nicht Innenereignis wäre und Außensymbol zugleich. Doch die Formen dieser Symbole haben genau in dem Maße was zu besagen, als sie weniger prätendieren: am meisten also grade da, wo sie nicht beanspruchen, spontanste Ekstasen oder unanrührbare Allgültigkeit zu verkörpern, sondern im Gegenteil in möglichst vielfache, nachprüfbare Zusammenhänge untereinander treten, sich gegenseitig so stützend und bedingend, daß sie fast ohne merkliche innere Beteiligung unsrerseits fortwährend sich selbst bestätigen können, – oder, wie wir es zu nennen pflegen: die äußere Wirklichkeit darstellen. Dies aber ist die große Lehre, die für das religiöse wie für das erotische Erleben daraus folgt: daß sein Weg hier umzubiegen hat in das Leben selbst zurück. Daß dem Lebendigsten der andere Weg, der in die gedanklichen Bewahrheitungen und Bestätigungen, nach einer kurzen Zwischenstrecke verbaut ist, hoffnungslos zugerammelt, weil nur Leben das Leben voll wiederspiegeln kann. Das bedeutet für das religiöse Verhalten schrankenloses Eingehen in alles was ist, – denn was gäbe es, das ihm nicht zum Thron und zum Schemel seiner Füße würde, wie das Weltall dem Gott! Für die Liebe bedeutet es ihre Erfüllung im Sozialen“

Das Soziale, damit aus Liebe nicht Egoismus wird? Können wir überhaupt schließen, warum es Gesellschaften geben ‚muss‘, mit ihren Konventionen. Es hat alles Geschichte(n), zu schließen auf einen Zustand, der dies bedinge, ist reine Willkür, etwas das einzelne Äste greift und erstarren lässt, so manches Phantasma?

Ob Religionen, Theorien, Dinge sind dazu da, darüber hinaus zu gehen, die Intuition würde den Weg weisen können.

Eyvind Earle, Forest Magic, 1999

Eyvind Earle, Forest Magic, 1999

Lou Andreas Salomé: Die Erotik – Vier Aufsätze, 1899-1917 (1992, Ullstein Sachbuch) 

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