Psychoanalüse II

Fink 2013, Turia + Kant

Die Finken pfeifen es von den Dächern, den „Werkzeugkasten psychoanalytischer Technik“, Bruce Fink schrieb dieses Buch an Analytiker, an Analysanden, an Interessierte. Es ist ein überaus praktisches Buch welches die Thematiken des Zuhörens, des Interpunktierens, Deutens behandelt, bis hin zur Telefonanalyse, die nicht-normalisierende Analyse bis hin zur Übertragung und sogenannten Gegenübertragung. In jedem Kapitel beschreibt er praktische Beispiele, erzählt von seinen Erfahrungen mit seinen Analysanden, sowie denen aus den Supervisionen mit (angehenden) Analytikern. In jedem Kapitel finden sich einige Zitate, meist von Freud und Lacan, die das Thema jeweils unterstreichen und auch hier zT wiedergegeben werden. Fink klappert enorm viele psychoanalytische Positionen ab (neben Freud, Lacan, auch Winnicott, Klein, Kohut, Kernberg, McWilliams, Joseph, Odgen, …), um sie miteinander zu vergleichen, zu kritisieren, um zu zeigen, wie er es eben nicht meint, oder wie er etwas meint. Ich persönlich halte Fink für einen von relativ wenigen  lacanianisch orientierten Psychoanalytiker ‚im vollen Sinne‘ und daher sei sein Denken ansatzweise vorgestellt.

 

 

 

Er betont, dass es keine allgemeinen Regeln geben kann, da sich generell nichts jemals für alle bewährt (S.8).  Daher ist auch die Form der Ausbildung etwas schwierig. Viele plädieren für eine Ausbildung durch Universitäten. Man denke hier an den Diskurs der Universität bei Lacan und kann sich fragen, warum eigentlich dieser Wunsch der Akademisierung überhaupt unter Analytikern aufkommt. Manche meinen, dass die Ausbildung an Universitäten schlicht Qualitätsverlust bedeutet. Die theoretische Arbeit in Kleingruppen, die an die Lehranalyse anschließen, könne, oder kann in der Form von Universitäten nicht geboten werden. Eine solche Form der Ausbildung, ohne nun weiters darauf einzugehen, würde dem Wesen der Psychoanalyse widersprechen (ich behaupte, Freud weist den Weg, der zwar an Universitäten Vorlesungen hielt, aber im Grunde nur, um das Thema einem weiteren Publikum zugänglich zu machen, es durchaus als wissenschaftliches Feld zu etablieren, die Praxis ist aber ein anderes Thema). Es gibt innerhalb der Psychoanalyse kein „systematisches Fachwissen, keine Wissensysteme“ (S.43), schreibt Fink, um die PSA vom psychologischen und psychiatrischen Diskurs abzugrenzen.

Ich lerne durch meine Analysandinnen und Analysanden, sie lehren mich was Psychoanalyse ist“ (Lacan 1976, S. 34)

Fink schrieb ein Buch, in dem er meint, Psychoanalytikerinnen vermögen es heutzutage nicht mehr, neurotische Strukturen als solche zu erkennen. Er knüpft an an Freud und Lacan, und ein paar andere, differenziert sich aber strikt von einem psychoanalytischen Arbeiten, das von projektiven Identifikationen oder Normalität spricht. Für lacanianisch orientierte Analytikerinnen bedeutet Sein, ein in die Sprache kommen und es gehe immer darum, wie jemand in der Sprache angekommen ist.

Er schreibt vom Zuhören, der Rede der Analysandinnen von einer symbolischen Position aus zuzuhören, ohne sich zum Maß aller Dinge zu machen (S.331). Es ist – eigentlich – keine Aufgabe der Analytikerin, das Gehörte direkt deuten, zu interpretieren. Vielmehr scheint es, dass unsere „übliche Art zuzuhören die Andersheit des anderen übersieht oder sogar zurückweist“ (S.16/40). Man hört, was man hören will, man liest, was man lesen will. Bion formulierte die Form des Zuhörens der Analytikerinnen als ein Hören ohne Gedächtnis oder Begehren. Wir verknüpfen Eindrücke automatisch mit eigenen Erfahrungsrahmen – und befinden uns damit im Imaginären. Daher ist es wichtig, dass dies eine Analytikerin nicht tut. Eine Lehranalyse solle die Ökonomie des Begehrens grundlegend verändern, was wiederum die Art des Zuhörens verändert. Auf welche weise bringen Analytikerinnen ihre psychische Ökonomie ein? In der üblichen Art des Zuhörens lernt man Menschen und ihre Geschichten in ihrer Eigenheit niemals kennen. Erwartungen, Identität, Idealisierungen, Identifizierungen machen blind und taub. Man verbleibt nur dort, was sich auf dem Schirm, der Leinwand, dem Schleier abzeichnet, zwingt den anderen womöglich dorthin. Jene werden dort aber nie sein. In einer Analyse gilt es, nie dort zu sein, vor allem für die Analytikerinnen. Ein Verstehen gehe oft an der S(pr)ache vorbei, es geht darum, den Analysandinnen keine Worte in den Mund zu legen. Das Nachfragen sei eine große Kunst und ebenso spielt das Vermitteln von Mitgefühl eine zwiespältige Rolle. Empathie sei etwas, das Trug mit sich bringt. So gilt es, schlicht einzelne Begriffe oder Satzteile der Analysandin zu wiederholen, bestimmte Betonungen, Nuancen zu setzen, um nicht suggestiv zu agieren. Wobei auch das eingefärbt sein kann, von eigenen Überzeugungen (die aber, wie angedeutet, keine Rolle mehr spielen dürfen). Man sollte feinhörig und feinfühlig sein, Stolpern, Auslassungen erahnen können, diese betonen können und den Mut zum Irrtum haben. Alles, was Fink schreibt, gilt für neurotische Menschen. Er schreibt, dass in der aktuellen Praxis neurotische Symptome häufig nicht mehr als solche erkannt werden, da Verdrängung und das Unbewusste nicht mehr länger Leitsterne sind (S.8). In der Arbeit mit Psychotikerinnen schaut alles anders aus. Nimm jenen niemals ihr Symptom, es ist das, was ihnen einen Platz im Sein verschafft. Das Unbewusste spielt eine gänzlich andere Rolle, „das Unbewusste ist da, aber es funktioniert nicht“ sagte Lacan im Seminar III und Freud schrieb 1917  ähnliches, „als er angab, dass das Unbewusste keine Besetzungen vornimmt“ (S.329). Wiederum gilt es jene Besetzungen bei neurotischen Menschen zu lösen, zu verändern.

Hinter jeder Fehlleistung steht eine signifikante Endgültigkeit. Wenn es ein Unbewusstes gibt, wird der Fehler danach streben etwas auszudrücken (Lacan, Seminar XXIII S.144)

Im Gegensatz zur Arbeit mit Neurotikerinnen mache es wenig Sinn, hinweisende „mmh“ oder „ahh“ Laute zu machen (S.331), Psychotikerinnen machen eigentlich keine freudschen Fehlleistungen in diesem Sinne. Es geht hier in viel stärkerem Ausmaß darum, eine Vertrauensbasis aufzubauen, das Herantasten an die Geschichten der Analysandinnen solle wesentlich vorsichtiger vollzogen werden. Es gibt hier kein Verdrängtes, an das man gelangen müsse, wie es bei Neurotikerinnen der Fall ist, daher sind die „meisten Arten der Interpunktion […] nicht besonders hilfreich“ (S.333). Während abrupte Skandierungen bei Neurotikerinnen dazu dienen, mehrdeutige Formulierungen zu betonen und sie dazu zu bringen, zwischen den Sitzungen darüber nachzudenken, es arbeiten zu lassen, sind sie bei Psychotikerinnen sinnlos und richten schlimmstenfalls Schaden an. Die Grenzziehung zwischen Neurose und Psychose ist nicht so einfach, wie manch einer vielleicht glauben mag. Fink merkt an, dass es nicht immer möglich sei, diese auf überzeugende Weise zu unterscheiden (S. 335), Lacan hat vorgeschlagen (1975), dass Gewissheit ein sehr wichtiges Merkmal der Psychose sei, denn auch Neurotikerinnen haben ihre Stimmen, glauben aber nicht mit Gewissheit an das, was diese sagen, Psychotikerinnen schon (S.336). Unterscheiden ließe es sich aber auch durch die Art der Übertragungsbeziehung: Neurotikerinnen glauben, die Analytikerin als „große Andere“ weiß um das, woran es ihnen selbst mangele, während Psychotikerinnen dies so nicht tun. Sie glauben durchaus an eine Art praktisches Wissen, das die Analytikerin innehaben kann, aber sie halten die Analytikerinnen nicht für einen wissenden Anderen (S.346). Es könne beispielsweise vorkommen, dass sich psychotische Menschen fragen, ob sie verrückt sind, ob sie noch normal sind und der entscheidende Punkt liegt darin, dass „sie sich nicht fragen, ob der Analytiker glaubt, dass sie verrückt sind“ (S.347).

Man kann nicht länger davon ausgehen, dass die Psychose eine Art Versagen des Subjekts in der Verbindung zur Realität beinhaltet,
sondern stattdessen eine bestimmte Verbindung zur Sprache (Freda et al., 1988, S.149).

Wie schon angemerkt, geht es in dieser Form der Psychoanalyse um das Subjekt und sein Verhältnis zur Sprache, sein Verhältnis in der Sprache. Paradigmatischer Rahmen stellt die Linguistik nach Saussure dar, Wort und Bedeutung – Signifikant und Signifikat, in natürlich etwas transformierter Weise. Die beiden genannten Begriffe stellen für den Neurotiker zwei „vollkommen verschiedene Ebenen“ (S.340) dar und das „diese dazu tendieren, nicht so eng miteinander verbunden zu sein, wie er es gerne hätte“ (S. 340). Für psychotische Menschen gibt es diese Lücke in der Form nicht, anders formuliert, gelingt ihnen dieser heuchlerische Zugang zur Sprache nicht. Sie seien beispielsweise nicht -zumindest nicht absichtlich- ironisch (S.341). Es fehlen die sogenannten „Steppunkte“, die man nach aktueller Reform durchaus mit drei p schreiben kann; und dies weist schon die Richtung, es gilt Bedeutung zu re-konstruieren, nicht zu de-konstruieren (S.86), wie es bei neurotischen Menschen der Fall ist (weshalb man auch sagen kann, die Praxis mit Neurotikern braucht eine psychotische Phase).

Denn sie bricht den Diskurs nur ab, um das Sprechen zu entbinden (Lacan, Schriften I,  S.161f)

Das Skandieren, ein heißes Eisen, dieses Thema. Die Sitzung mit Neurotikerinnen abzubrechen, nach fünf Minuten, oder zehn, … Es gibt in der lacan. orientierten PSA keine fixierte Sitzungsdauer. Es sind Brüche, die jene auf der Couch zum Arbeiten anregen sollen. Es ist ein vielfach diskutiertes Thema, da meistens Analysen mit fixen 50 oder 60 Minuten praktiziert werden und, ich bin nicht sicher, dies ist eine Empfehlung oder gar eine Regel der IPA ist. Bei Lacan waren variable Zeiten die Regel. Der Grund, warum auch Fink für diese Form der Praxis schreibt ist u.a., da ein unabgeschlossener Prozess vielmehr zum Nachdenken auffordert, eine Analytikerin fügt einen Punkt, eine Frage- oder Ausrufezeichen nicht nur an das Ende eines Satzes, sondern an das Ende eines Abschnitts, es wird ein Diskurs abgebrochen und dadurch etwas in Schwebe gebracht, als signifkant evoziert. Daher ist die Frage nach dem Wann der Skandierung ebenso wichtig wie die nach dem Wann und Wie der Interpunktion (S. 81f).

Vernunft ist nichts anderes, als die Summe aller Vorurteile zu einem gegebenen Zeitpunkt (vgl. Fink S.206)

Fink schreibt zu den verschiedenen Formen von Vernunft und Logik, den verschiedenen Formen von Rationalität in Verbindung mit verschiedenen diagnostischen Kategorien folgendes: Eine besonders obsessive Form der Rationalität beispielsweise sei in höchstem Maße mit unserer zeitgenössischen Ausprägung des Kapitalismus in Zusammenhang zu sehen (vgl. auch Lacan Seminar XX, XVII). „Man könnte sagen, dass Neurotiker einer entweder/oder Logik folgen, wohingegen Perverse eine sowohl/als auch Logik verfolgen, während Psychotiker einer weder/noch Logik folgen […] der neurotische Mann kann zum Beispiel auf bewusster Ebene davon ausgehen, dass er männlich ist, während er sich unbewusst weiblich fühlt. Normalerweise kann er sich erst nach einer beträchtlichen Zeit in Psychoanalyse auf bewusster Ebene als sowohl männlich als auch weiblich fühlen. Der Perverse […] muss den Widerspruch nicht in verschiedenen Instanzen lokalisieren und kann daher relativ bewusst sowohl männlichen als auch weiblichen Aspekten seiner selbst und anderer affimieren . Der Psychotiker folgt nach dem psychotischen Zusammenbruch und vor der möglichen Konstruktion einer Wahnvorstellung, die wieder Sinn in seine Welt bringen könnte, einer weder/noch Logik, d.h. A ist für ihn nicht gleich A, weil die Worte nicht mehr an den Dingen haften, sondern an ihnen entlang gleiten (S. 205f und vgl. Fink 2003). Fink versucht mit dieser (gelungenen) Stehgreifdemonstration lediglich zu zeigen, dass es verschiedenen Formen von Rationalität gibt. Alle verweisen auf ein Grundproblem in der menschlichen Existenz: Bedeutungen fließen zu lassen, ohne davon überschwemmt zu werden. 

Der Widerstand hat seinen Ausgangspunkt im Analytiker selbst (Lacan, Schriften 1, S. 184)

L‘ Autre, manche schreiben, das Andere/der Andere. Die weibliche Seite des Schemas der Sexuierung stellt die mögliche Gerichtetheit oder vielleicht Gerichtetsein auf den Anderen dar. Die männliche Seite bezieht sich auf den Phallus und genügt sich somit selbst, sozusagen. Der Andere hat in diesem Universum keinen Platz, er/es existiert hier nicht. Sie beziehen sich auf den Phallus, als (wie man gerne sagt: leeren) Herrensignifikanten und somit ist es ihnen scheinbar unmöglich, das Andere/den Anderen auch nur zu erahnen. In einer Diskussion kam die Frage auf: Können männlich sexuierte Menschen ‚gute‘ Analytiker sein? Denn, so die Vermutung, haben jene ihr Phantasma nicht durchquert (außer man denkt es nach Bruce Finks Vermutung (2006), dass das Schema der Sexuierung prinzipiell neurotischen Menschen zukommt. Dann wären beiden Formen der Gerichtetheit fraglich, da beide neurotische Strukturen beschreiben und für die Praxis wird es fraglich,ob jene ihre Symptomatik verändert haben). Betrachtet man nur die Theorienarbeit innerhalb der PSA, die Aussagen in Diskussionen etc, merkt man, das einige Analytiker der neurotischen Logik folgen. Das stellt einerseits die analytische Kur in Frage. Wiederum aber Freud hatte nie gänzlich den Anspruch, Neurosen gänzlich überwinden zu können. Vielmehr schrieb er einmal in einem Brief (ad hoc Quelle nicht verfügbar), dass ein Analytiker zumindest die Fähigkeit innehaben sollte, Distanz zu seinen Neurosen waren zu können. Laplanche sagte auf einem Vortrag (1991) ähnliches, bei ihm solle die Kur gerade diese Fähigkeit evozieren. Bei Lacan wiederum geht es um die Durchquerung des Phantasmas, das kann vieles heißen, aber definitiv eine fundamentale Veränderung.
Exkurs zum Schema der Sexuierung, Beispiel: Duras (1972) ist hier vielleicht wegweisend. „Der scheinbare Halt des Subjekts“, sagt uns die Dichterin – Détruire ditelle . muß immer wieder zerstört werden und eine Gewalt muß auftauchen, die Sicherheiten auflöst: auch die Sicherheiten, die Staat und Gesellschaft tragen“ (Meyer zum Wischen 2012, S.49). Dies gilt natürlich für Momente im Verlauf einer Analyse, in der sich bereits eine Art Vertrauen, Kooperation etabliert hat. Die Begegnung mit der Angst, ihr zulächeln. Meyer zum Wischen beschreibt hier eine Szene des Titels Nathalie Granger – und die Frau vom Ganges: „Wenn er [der Vertreter] das Haus betritt, stößt er auf das Nein der Frauen. Kein Nein, dass dem Ja des Vertreters entgegenstehe, sondern eines, das auf das Andere verweist. Eine Szene, in der er seinen Ausweis zeigen will, seine Legitimation, auf die ein bloßes Nein folgt. Ohne nun viel dazu zu sagen, hier die Szene.

Wir merken bald, die Übertragung ist selbst nur ein Stück Wiederholung und die Wiederholung ist die Übertragung der vergessenen Vergangenheit, nicht nur auf den Arzt,
sondern auch auf alle anderen Gebiete der gegenwärtigen Situation (Freud 1914, S.130 / G.W. 10 S126-136)

Selbst wenn wir die Übertragung als ein Produkt der analytischen Situation anzusehen hätten, müssten wir doch sagen, dass diese Situation nie allein imstande wäre,
das Phänomen zu kreieren und dass es bereits vorhandener, außerhalb der Situation vorhandener, Möglichkeiten bedarf, das Phänomen hervorzurufen.
Es kann durchaus sein, dass die analytische Situation eine einmalige Zusammenfassung dieser Möglichkeit darstellt (Lacan 1987, 130f)

„…weil ich deutlich spürte, daß unser ganzer Briefwechsel nur eine Fata Morgana war, daß jeder von uns, ach, nur an sich selber schrieb..“ (Gide, Die Enge Pforte, 1960)

Manchmal scheint es, dass das Sehen und das Bild dem Imaginären zugeordnet wird, man schließt, dass es – im Gegensatz zum Denken – dem Prinzip der Ähnlichkeit verhaftet ist und stellt es somit in Opposition zum Symbolischen. Es ist aber das Denken selbst, das u.a. nach Prinzipien der Ähnlichkeit funktioniert. Vielleicht forderte Laplanche nicht ohne Grund, dass Analytiker auch eine Ausbildung in Philosophie benötigen (wobei ein Studium noch lange nicht den Horizont erweitern muss). Wiederum schreibt der wunderblogger M Senarclens de Grancy, dass das Imaginäre wesentliche Instanz für das Zwischenmenschliche sei, da es der Bereich des Vorstellungsvermögens ist, andere Situationen/Situationen anderer nachzubilden. Wiederum aber genau das ist in einer analytischen Kur das reinste Gift, so könnte man Fink verstehen. Wenn Analytikerinnen in einer Kur die Geschichten des Analysanden nachempfindet, betten sie sie somit in den eigenen Erfahrungshorizont ein und der andere ist somit nicht der genuin andere, die Kur befindet sich somit im Imaginären. Ebenso kann sich eine Analyse verrennen, wenn eine Analytikerin die „Taktik des Vogel Strauß“ (Freud 1900) annimmt und den Kopf in den Sand steckt, damit sie nicht sehen müssen. Die Gegenübertragung ist ebenso wichtig, insofern sie nicht ins Spiel kommen darf, denn sie „beinhaltet die eigenen theoretischen Vorannahmen und Scheuklappen […] ganz gleich in welcher Form sie sich manifestieren“ (S.199). Analytische Arbeit wird sich immer dann im Imaginären abspielen, sobald sich die eigene Persönlichkeit der Analytikerin im Mittelpunkt befindet. Übertragungsreaktionen ereignen sich immer dann, wenn die Symbolisierung fehlschlägt, ein Analysand in seinem Sprechen nicht vorankommt, wiederum die Gegenübertragung weist auf ein Scheitern auf Seiten der Analytikerin hin, beim „Versuch sich am Platz des symbolischen Anderen zu situieren – sie ist in einer dyadischen Beziehung hängengeblieben, einer Beziehung zwischen zwei Ichs (S. 268, vgl auch Fink 2005, Kap.3).

Psychoanalyse macht das Unbewusste erzählbar.
Leben in einer von Ratio durchzogenen Welt, braucht eine Form, die das nicht-Rationale zum sprechen bringt. Somit wird Zivilisation zur traurigen Geschichte. Eine Geschichte, die Ausschnitte totalisiert. So ist es auch interessant, wie Fink zunächst den Begriff des Normalen angeht. Für ihn ist es wichtig, nicht alles in der Analyse zu „normalisieren“, also zB für Analysanden scheinbar beunruhigende Äußerungen. Zu sagen, dies oder jenes sei doch ‚völlig normal‘ führe wahrscheinlich dazu, dass die Analysanden nicht mehr darüber reden werden (S. 296). Vielmehr führt so etwas auf lange Sicht dazu, zu glauben, es gäbe so etwas wie Ordnung und Normalität und dies wiederum entspricht einer Tyrannei der Werte auf Seiten des Analytikers (ebda.). Weder für Freud noch für Lacan spielten Begriffe wie normal oder abnormal überhaupt eine große Rolle. Fink meint, man solle diese Begriffe lieber Statistikerinnen überlassen, die sich mit Dingen wie der „Normalverteilung, der Gaußschen Glocke und der Standardabweichung beschäftigen“ (S.298). Allerdings führte Freud durchaus eine Hierarchie ein, die auf ’normales Verhalten‘ hinauslaufen könnte: Fink spielt auf die Begriffe der libidinösen Phasen an, die sich in gewisser Reihenfolge vollziehen und die genitale Phase führt diese Hierarchie an. Freud aber schrieb auch, dass letztere eben eine gut organisierte Tyrannis einführe (Freud 1916-1917, S.334, Fink S. 298) und andererseits schien Freud ebenso festgestellte zu haben, dass es andere Hierarchieformen ebenso gab und gibt. Vielmehr zog er keine klare Grenze zwischen Normal und Neurotisch, somit kann man sagen, dass Normale ist immer schon symptomatisch (S. 297, Freud 1916-1917). Heutzutage scheinen Analytiker gerne von nicht-funktionsfähig und hochfunktionsfähig zu sprechen und damit gehen klare Beurteilungen von Seiten der Kliniker einher im Sinne einer Angemessenheit, „Was mag es wohl bedeuten, in einer Gesellschaft auf hohem Niveau zu funktionieren, in der die Gewinner jene sind, die sich am besten im Verdrängungswettbewerb auskennen?“ (S. 315). Für Fink scheinen Kliniker alle ethischen und politischen Sichtweisen aus den Augen verloren zu haben, wenn es ihnen um ein ‚der Gesellschaft in angemessener Weise angepasst zu sein‘ geht und dies führt zum Begriff Realität und selbst Freuds gesamte Diskussion zu diesem Thema stehe auf wackligen Beinen (S. 316ff). Es ist ein heikles Thema zwischen Erinnerung, Wahrnehmung, Erfahrungen, Fantasien und deren Zusammenspiel. Schlussendlich kann niemand das eigene Verständnis von Wirklichkeit anderen aufdrängen, wir hören nie auf, die Wirklichkeit durch die Brille unseres fundamentalen Phantasmas zu sehen, im Zuge einer Analyse soll dieses auf den Kopf gestellt werden, neu zusammengesetzt werden. Eine Beziehung zu Welt wird immer durch die eigene psychische Wirklichkeit vermittelt und Lacan meinte  1975 das wir alle dem Realitätsprinzip, d.h. dem Phantasma unterworfen sind, und später (autre écrits) „Das Phantasma bildet den Rahmen der Realität“ (S.323).

images 3774

Psychoanalyse und Kulturanalyse
Kultur und Gesellschaft klang ein wenig an und oftmals holpert es gewaltig, sobald Psychoanalyse versucht, kulturelle Dinge theoretisch zu bearbeiten. Ebenso holpert es, wenn wiederum kulturanalytisch die Psychoanalyse theoretisch bearbeitet wird. Meistens sind beide Fälle von jeweils verschiedenen Ideologien durchzogen, sei es, dass von Seiten der PSA die Demokratie und Begriffe wie Freiheit völlig unreflektiert verwendet werden (Zivilisation sind wir, und wir sind gut, Fortschritt ist notwendig und gut. Ganz vergessend, wieviel Gewalt und Ausbeutung hier miteinhergehen), etc. Es gibt aber bei Lacan Passagen, die genau diese Begriffe ihren Illusionen berauben, beispielsweise aufgegriffen von Sciacchitano „Wer die Macht hat, ist einzig (die Demokratie ist eine Erdichtung), und den Status als Bürger, den der Mächtige den Untertanen gnädigerweise verleiht, hängt allein von ihm ab. Lacans Wortspiel aus dem Seminar XX trifft die Sache: “Le discours du maître est le discours du m’ être.” Der Übergang von der griechischen polis zur römischen Republik und ihrem Reich bedeutete eine Erstarkung des normativen und normalisierenden Diskurses des Herrn“. Die Verwechslung, die hier gemeint ist, fasst er (berechtigterweise oder nicht) etwas später auch so: Die Psychoanalyse ist innovativ, während die Psychotherapie applikativ ist und das lächerliche Gleichnis der Ontologie anwendet: m‘être = maître.  (Sciacchitano 2004, S. 31, S.110). Agamben (Homo sacer, Die souveräne Macht und das nackte Leben, Kapitel 3) denkt in diese Richtung, wenn er (anknüpfend an Foucault und Arendt) von den Strukturen des Staates schreibt, der Biopolitik, dem Prozess, in dem Nativität unmittelbar Nation wird, dem Irrtum, sich als freies Subjekt zu fühlen.

Oder anders:“Die Vertreter der Meinungsfreiheit als Advokaten, Interpreten, Übersetzer des Terrors. Ein Witz. Also: Die Meinung meint, dass die Meinungsfreiheit angegriffen wurde. Wer fortan meint, wer fortan noch und wieder meinen kann, nachdem klar wurde, was die Terroristen meinten, nachdem deren Meinung endlich übersetzt und zugänglich gemacht wurde – wer fortan „meint“, der meint, dass die Meinungsfreiheit angegriffen wurde. Sagt diese Karikatur der Meinung, die nun im Namen der Meinungsfreiheit auftritt und dabei das von den Terroristen Gemeinte, die Meinung der Terroristen vertritt […] Wie nicht der Hysterie der Meinung und der Identität folgen, die schreiend mal sich selbst, schreiend mal das, was andere gemeint haben oder hätten meinen können, kundtut – hysterisch [neurotisch, in Panik versetzte Neurose? Anm. von mir], weil sie nicht aufhören kann, sich in das zu vermischen, was „sie“ nicht ist, „sie“ nicht gemeint und mit „ihr“ nichts gemein hat, und sich dennoch ständig abgrenzen muss? […] Es gibt keine freie Meinung, keine Meinungsfreiheit, die nicht – was für eine Karikatur – nur sich selbst sprechen hören will und keine andere“ 

Spricht man von der Zivilisation als notwendigen Prozess, dessen Fortschreiten .. zu was auch immer führe (man denke an die Erlösungsmotive in den Religionen) übersieht man, auf wessen Rücken all das stattfindet und stattfand und übergeht Schattenseiten, die genannte Begriffe implizieren. Egal, von wo aus man schaut, es sieht immer etwas anders aus, wichtig ist, tief zu blicken, auch auf das Unangenehme, das einen durchaus zunächst hilflos zurücklässt. Vorannahmen (ver)stecken sich immer im Denken, man muss sie nur auf den Kopf stellen, sich selbst auf den Kopf stellen?

 

Bruce Fink, 2013: Grundlagen psychoanalytischer Technik – Eine lacanianische Annäherung für klinische Berufe, Turia + Kant

vgl. auch Fink 2006: Das lacan´sche Subjekt, Turia und Kant
Fink, 2005: Eine klinische Einführung in die lacan´sche Psychoanalyse – Theorie und Technik (ist aktuell nicht mehr lieferbar, ist aber im Original nach wie vor erhältlich)

die meisten Seminare von Lacan (auch die ’späten‘) sind in englischer Übersetzung auf lacanireland zu finden

Michael Meyer zum Wischen: Nathalie St/G-R-Anger und das unheimliche Haus der Frauen in: Y – Revue für Psychoanalyse, 2/2012

Sehr lesenswert: Antonello Sciacchitano, 2004: Das Unendliche und das Subjekt. Warum man etwas von Mathematik verstehen sollte, wenn man über Psychoanalyse spricht. Riss-Verlag, Zürich und dankenswerter Weise hier.

Jean Laplanche: Von der Übertragung und ihrer Provokation durch den Analytiker in: Die unvollendete kopernikanische Revolution in der Psychoanalyse, Fischer Taschenbuchverlag, 1996

Eins der Zitate stammt aus André Gides Roman „Die enge Pforte“, der, was das Phänomen der Übertragung betrifft, und auch so, sehr lesenswert ist

Fink entschied in seinem Buch in Bezug auf die gendersensible Schreibweise, auf ungeraden Seiten die Analytikerin immer weiblich zu schreiben, den Analysanden männlich und auf geraden Seiten andersherum. So ist es ähnlich hier – Absatzweise, wobei nicht gänzlich. Aber ehrlich: es ist ja auch egal.

 

 

Tagged , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.