wollüstige Knoten

Da sitzt man in diesem Raum, und fragt sich warum eigentlich nicht. Ja, warum eigentlich nicht. Irgendwas. So einfach. Die Heizung läuft und das Fenster ist offen. Es ist momentan halt so.

Theorie. Die beansprucht, Universalität. Irgendwo ist da wohl etwas, etwas zu Grunde liegendes. Von Fall zu Fall vielleicht wiederum nur. Aber eventuell doch etwas, etwas Essentielles. So etwas wie wer bist du. Mehr nicht. Drum herum, nur blabla. Blabla, darin baden viele. Zappeln herum in ihrem Bad, weil sie wissens´. Wissen es, sie müssen es ja wissen, weil sie eh schon so lang… und sie wissen, weil sie wissens´halt. Die Antworten, die es nicht gibt, im Hinterkopf mit sich herumtragen und daran festhalten. Subsubjekt.

“…wenn sie zu einer Praxis führt, zu einer Ethik, zu einer Institution […] welche eine Weitergabe ihrer Wahrheit garantiert. Und dann handelt es sich nicht mehr bloß darum, zu erkennen, zu zeigen, zu erklären, sondern darum, dabeizubleiben. Und zu reproduzieren” [Turnheim zitiert Derrida in: Wurzel und Krypte, 139]

Ja, das wieder sagen, das nochmal sagen. Ich weiß und es ist so, weil. Etwas gelesen und gelernt haben und (s)ein Ich dabei vergessen, es nur einbetten, überstülpen lassen, festkrallen. Nochmal, weil man weiß es. Und so ist es. Allgemeingültigkeit für Alle! Nein, eh nich für alle. Eben nur für die, weil die sind so und deshalb sind die so. Und wo bleibt dieses Ich dass da herum-sagt? Dieses Herumgezappel, wie kleine Kinder. Es fφllt leicht zu zappeln. Es passt sich so leicht ein. “It´s because what you´re doing is so simple” [de Sade, Boudoir: Madame de Saint-Ange,  46].

Scheidewⱷge? “Gehen wir von Buchstäblichkeit dessen aus, was ein Analysant uns, oft in überraschender Weise, zu Gehör bringt, oder zwängen wir das, was uns gesagt wird, in Zwangskorsette vorgefertigter Theorien, .. “(Mayer zum Wischen, 2012)

Fφsthalten? Lⱷslassen.

Theorien. Muss es ja geben! Woran sonst festhalten?! Theorien weniger ernst nehmen. Fallen lassen, stolpernd, immer wieder aufstehen. Das nehmen. Weniger festhalten, statt Antworten erhalten wollend, aber in eine Leere hineinlabernd, Antworten, die man eigentlich selbst schon postuliert, zappelnd, gerichtet an den Anderen, “der Blick des Anderen ist „nicht klar, […] er ist verhangen und sich selbst zugewandt“ (Copjec 2004:48). Davor fürchten, daher Wissen. Wissen, sich er-halten. Loslassen, der Ausfall eines Objekts, das fehlende Instrument bezeichnet als -φ, um dann doch wieder daran sich zu halten, vermeintliches, er-starrtes? So tun als ob, nicht fragen, sondern wissen und wissen macht uns sein (vgl. Lacan 2010:63f/406f)? Selbst-sich-fragen, selbst ich mich.

Ja, also wissen, sein. Sprechen, eher reden. Drehen um. System. Da sein, im System, das kreist um uns. Bürokratie. Kein sein, nur so tun als ob. Der König ist tod, es lebe die Bürokratie. Wo bleibt das Tier? Ich bewege mich, also bin ich. Bewegen, Körper und Geist bewegen sich gemeinsam. […] Es ist Gelassenheit. Wo ist der König. Braucht man einen König. Ja, jeder für sich auf seine Weise und auf Ihre Weise. Viele Königlichkeiten.

Struktur, so tun als ob es Regelmäßigkeiten gibt. structura = ordentliche Zusammenfügung, mmmmhh, fein. Mojito, das ist fein, oder wenn man Pasta mit Broccoli, Knoblauch und Sardinen macht. Aber da ist dann ja niemand mehr der einem sagt, was fein ist. Das ist Geschmack-sache. Im Film A Última vez que vi Macau ist auch niemand. Nur Eindrücke, keine Personen, keine Bilder von Personen, nur deren Eindrücke, Spuren.

Eindrücke statt Erkenntnis

„Sie [Erkenntnis/Anerkennung unserer eigenen Gestalt] setzt, dass diese Erkenntnis in sich selbst begrenzt ist, denn sie lässt etwas von dieser ursprünglichen Besetzung unserem Sein entgehen, das durch die Tatsache gegeben ist, als Körper zu existieren. Ist das nicht eine nicht nur vernünftige, sondern auch nachvollziehbare Antwort, wenn behauptet wird, dass eben dieser Rest, dieser nicht verbildlichte Rückstand über irgendeinen Umweg, den wir bezeichnen können, sich auf dem für den Mangel vorgesehenen Platz manifestieren wird, und das auf eine Weise, die, eben weil sie nicht spiegelbildlich ist, infolgedessen unerkennbar | irrepérable wird? Der Ausfall gewisser Merkmale (repères) ist schließlich eine Dimension der Angst“ (Lacan 2010:83).

Da werden wir, scheinbar notwendigerweise halten wir uns an Scheinbares und machen daraus Wissen, Sein. Notwendigerweise? Beobachten wir das und machen daraus Allgemeingültiges? Solange Rahmenbedingungen vermeintlich ge-geben sind, etabliert es sich in ihnen. Heute (nein, eigentlich immer schon), verschieben sich Rahmen. Verändern sich. Es kommt, es wird die Möglichkeit zu sein, werden aber noch immer benannt, betitelt, krampfhaft habhaft gemacht. Das braucht es aber nicht. Wichtig wird anderes. Ohne starren Rahmen. Wie sind wir dann. Wäre es wie es scheint? Sehen ohne zu schauen.

„Versöhnung findet sich mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder“
[Heraklit, ‘der Dunkle’ 520 v. Chr. um 460 v. Chr.,..also so circa..]

Streit, Sehen, Sichtbar, Unsichtbar, Halten, Loslassen, Ineinanderfügen.
Im Schauen resultieren Theorien, die manchmal aber so lieb sind, das man heulen könnte, wenn man um ihrer erfährt, so wie das Firmament, der Himmel ist, weil es ‘fest’ (firme) das obere Wasser trägt (Thierry v Chartres, ca. 1085 – ca. 1155). Ja, so war das damals. Damals wars auch so, das man ältere Mitmenschen auf der Straße grüßt, gefälligst. Irgendwann wird man selbst von wildfremden Kindern gegrüßt.

Wo bleibt man, wenn man lässt, ausfällt, man bleibt. Man bleibt eh. Die Angst, unbegründet aber grundlegend? Notwendigerweise. Kann man durchgehen, fallen, festhalten immer wieder, kleine Plateaus, aber weiterfallen, nicht bleiben sondern weiter, bewegen. Weniger Ich, mehr  mich?

Hieronymus Bosch - Ausschnitt aus Garten der Lüste

M. Turnheim: Wurzel und Krypte (Lacan, Derrida und die Klinik) in: Nach Derrida, Dekonstruktion in zeitgenössischen Diskursen, Hrsg: P.Zeilinger, D. Portune, Turia + Kant, 2006
Copjec, Joan: Lies mein Begehren, Lacan gegen die Historisten, Kircheim Verlag 2004
Marquis de Sade: Philosophy in the Boudoir, übersetzt von Joachim Neugroschel, Penguin Books, 2006
Lacan, Jacques: Das Seminar, Buch X, Die Angst, Verlag Turia + Kant Wien, 2010
Mayer zum Wischen, in Y, Revue für Psychoanalyse, Schrift und Psychoanalyse Band I, Parodos Verlag, 2012

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