Saxum

„Die Steine haben kein Lexikon.
Doch das ist, meiner Meinung nach, nur ein unbedeutender Unterschied oder,
wie sich einst ein andrer Grieche ausdrückte, nur ein Flimmern an der Oberfläche“ (Caillois, S. 107)

In einem Vortrag, lautend Über das Symbol und seine religiöse Funktion (1954) erzählt Lacan von vielem und vor allem von Sprache. Beginnend damit, dem Symbol den Wert einer Relation zuzusprechen und das führt ihn zur Frage nach der Funktion dieser Relation. Sich beziehend auf einen vorgehenden Vortrag kommt noch hinzu, dass ein Symbol universell sei, „das es überall wiederzufinden ist (Lacan S.46). Vielmehr, er fügt hinzu, so sei es universalisierend (abgesehen von seiner Zeitlichkeit, könnte man sagen, so veränderten sich verschiedenste Symbole in verschiedenen Gemeinschaften, es ist inklusive seiner jew. Relationen de facto nichts, was zu jeder Zeit überall erkannt, anerkannt werden kann, sondern immer kontextabhängig; – außer: als solches). Ebenso setzt Lacan Sprache mit ihrer Funktion als etwas in der zwischenmenschlichen Relation, wobei ‚der menschliche Diskurs‘ etwas sei, der unter dem quasi Kollektiven dahinwabert, wie eine „Münze mit verwischtem Bild, die man sich von Hand zu Hand weiterreicht“, sagt er, Mallarmé zitierend. Es diene dazu, das man sich nicht die Kehle durchschneide (S.48). Wobei das natürlich häufig passiert, manchmal reicht es nur, das man sich über Kant unterhält, und plötzlich erschießt der eine den anderen. Also so weit her mit dem Diskurs, der das Zwischenmenschliche stabilisiere ist es dann doch nicht, wiederum reicht es manchmal schon, dass man den Eindruck habe, „als verstehe man sich“ (ebda). Worauf Lacan hinaus will, ist das, was die Sprache in ihrer symbolischen Funktion in die Welt einführt. Er meint, vor dem Sprechen hätten wir überhaupt nichts, „ist das Nichts, das Chaos“ und dann, „Am Anfang war das Wort“, nein, „Am Anfang war die Tat“, denn Sprechen, dass ist eine menschliche Tat (S.48f). Es stellt sich die Frage, ob nicht vielmehr das Sprechen das Chaos in die Welt, unter die Menschen brachte. Man meinte, Benennung der Dinge ermöglicht ihr Wiedererkennen, ihr Verhandeln darüber, und somit ihr Wiederholen, man muss nicht laufend von Neuem erforschen, was dieser oder jene Term bezeichnet, sicherlich richtig. Und dennoch hadern die meisten so oder anders, mit dem, was Sprache mit sich bringt, mit den Bedeutungen, beginnend mit Mimiken, Haltungen, auch die werden und wurden vermeintlich ‚entziffert‘. Vielmehr noch, kommt mit der Selbstgewissheit, die sich schlussendlich irgendwie im Begriff Ich kristallisiert, erst recht das Chaos. Ordnung, das schimmert nur, an der Oberfläche. Es braucht ein gewisse Form der Heuchelei, das in der Sprache sein, ohne das diese zwangsläufig ‚böse Absichten‘ meine. Es wimmelt von Sinn, hier und da, dieser Sinn, jener, Bedeutungen. Angesichts des großen Apparats Psychoanalyse merkt man, dass genau das ein fundamentales Problem darstellt, unter anderem – sie demonstriert es. Andererseits: Man behauptet Unordnung, um überhaupt von Ordnung sprechen zu können. Aber im Grunde sagt Lacan etwas später ähnliches:“Als solche führt die menschliche Funktion in die Welt eine große grundlegende Verstörung ein, die ein neues Register, eine neue Ordnung ist, die Ordnung des Wortes (parole) und der Wahrheit […]“ (S.52). Aber eben: Das Reale, auf das hier verwiesen wird und das Symbolische, das ist nicht dasselbe; der Mensch, steht in der Mitte (ebda). Das tut er, weil er spricht. Ich glaube, man könnte viel zu viel Zeit damit verbringen, herauszuarbeiten, was genau die drei Register in sich vereinen, meinen könnten, je nach Kontext kann das sicherlich verschiedene Nuancen annehmen. Aussagen wie, das Reale ist das Unbewusste, oder einfach das Register des Nicht-Sagbaren, das Symbolische der Ort der Sprache, des Austausches mit anderen, und das Imaginäre, das ist das Register der Ähnlichkeiten im Sinne des Bildes (image),.. irgendwie zu glatt. So als könne man den Vorgang der Erfahrung, oder genauer, des Erkennens aufteilen in das Gedächtnis, die Phantasie, den Verstand. Das sagt nichts, es dient nur dem Subjekt der Aussage, zu sagen. Sprechen tun wir übrigens nicht nur mit dem Mundapparat, wir tun es, auch wenn wir nichts davon wissen, mit unserer Haut, mit unserem Fleisch, wie wir uns im Leben verhalten (S.59). Diese Behauptung kann deshalb formuliert werden, weil alles -für uns- doch irgendwie immer in Sprache übertragbar, übersetzbar ist?

Der Obsidian ist schwarz, durchsichtig und matt. Man macht Spiegel aus ihm. Sie geben eher den Schatten der Wesen und Dinge wider als ihr Bild“ (Caillois, S.16)

Ein symbolischer Gebrauch vollzieht sich nach Lacan entlang von Gegensätzen, Tag und Nacht, für Lacan spielen Dämmerungen keine Rolle, es sei der (binäre) Gegensatz, der den symbolischen Wert der Sprache ausmacht. Einwenden ließe sich, das neben schwarz und weiss ebenso grau in einem gegensätzlichen Verhältnis steht, ebenso die Morgendämmerung der Abenddämmerung entgegengesetzt ist, ebenso dem Tag, der Nacht, der Mitternacht, quasi ad infinitum. Es gibt keinen Grund, nur bis zwei zu zählen. Worauf ich aber hinauswill, ist diese Stelle „Wenn Monsieur Fénelon explizit über Gott spricht, ist in Wirklichkeit das Ich der andere Pol, die andere Schale der Waage“ (S. 65). Völlig unabhängig nun von diesem Text ein Gedankengang mit dem Paradigma der Entgegensätzlichkeit im Hintergrund; ist ein Ich das Entgegengesetzte eines Gegenübers? Ja, das wäre ein anderer, aber, da menschlich, nicht entgegengesetzt wie Tag und Nacht? Der Gegensatz zu Ich und einem Wort wie Gott, das ist eine volle Entgegensetzung im symbolischen Sinne. Nun, da es unter uns sogenannten ‚Modernen‘ diese Entgegensetzung, oder die Möglichkeit dazu, nicht mehr gibt in dem Sinne, wie es sie gab, fragt sich, was das bedeuten kann. Im Sinne, wie es sie gab, damit meine ich, dass der Begriff Gott eine Kluft einführte, im symbolischen Sinne, diese fehlt nun (als eigener Diskurs, sozusagen). Ist es nun eine Leerstelle? Das nur kurz angerissen, ohne auf die verschiedenen Diskurse abendländischer Metaphysik und religiös-philosophischer Überlegungen einzugehen, und noch weniger auf Überlegungen zu Macht, Klerus, Souveränität. Nur die Überlegung, Leben mit Gott, Leben ohne Gott, nur dieser Begriff in seiner Funktion, ohne Gebote, etc. . Wobei, eine Behauptung könnte lauten, dass der ‚Tod‘ Gottes bereits mit den Debatten um die Trinität einhergeht, als es sich um die oikonomia Gottes drehte, vielleicht begann sich hier die Funktion bereits ‚aufzulösen‘. 

„Das Sprechen ist die Anerkennungsfunktion, und innerhalb dieser Funktion wird es tätig, um zu kategorisieren, zu polarisieren, zu ordnen. Es zieht Erkenntnisfunktion auf sich, die von einer anderen Art sind, die aber bis in ihren Grund durch seine Anerkennungsfunktion durchdrungen sind. Das Sprechen ordnet sich in die Dimension der Wahrheit ein, insofern Wahrheit etwas anderes ist als die Wirklichkeit. Das Sprechen führt eine differente Dimension in die Wirklichkeit ein, nämlich die Wahrheit“ (S.51). Wahrheit ist nichts Verifizierbares, daher bringt die Sprache eine Form von Chaos in die Welt. Wobei dies nicht für alle gelten muss. Daran, ein Sprech-Wesen zu sein, kommt niemand vorbei; aber, kann es Menschen geben, die in der Sprache, sozusagen, wohnen, aber keine Sprech-Wesen sind?  „Die Mehrzahl der Leute spricht nicht, sie wiederholt, das ist ganz und gar nicht dasselbe“, und das tun diese Leute, wenn sie vergessen haben, Träger des Wortes (parole) zu sein (S.57). Ganz salopp: Tragen ist nicht Sein (Schlag auf den Tisch?).

„Nun genügt es, daß ich meine Aufmerksamkeit erlahmen lasse, daß ich entspanne, was sich in mir spannte, damit die Klänge, die bis dahin im Sinn untergingen, mir deutlich, je einzeln, in ihrer Materialität in Erscheinung treten. Ich brauche dafür nichts dazuzutun; es reicht, daß ich etwas wegfallen lasse. In dem Maße, in dem ich mich gehen lasse, werden sich die aufeinanderfolgenden Klänge mehr und mehr individualisieren: Wie die Sätze sich in Wörter zerlegen, so werden sich die Wörter in Silben skandieren, die ich je eine nach der anderen wahrnähme […]
Je mehr Teile man in einem unteilbaren Ganzen symbolisch wahrnimmt, um so mehr steigt notwendig auch die Zahl der Bezüge dieser Teile untereinander,
da dieselbe Ungeteiltheit des realen Ganzen weiterhin über der wachsen Vielheit symbolischer Elemente schwebt, die die Zerstreuung der Aufmerksamkeit jenes zerlegt hat“ [Bergson, S.240]

 

Wenn Menschen über Körper nachdenken, denken sie oft nicht an ihr Fleisch, ihr Skelett, usw, und all das, was darin permanent passiert. Körper, bereits ein Begriff rationalen Kalküls? Man kann Körper vermessen, positionieren, aufteilen, definieren, etc.. Manche versuchen sich mit einem Leib zu behelfen. Was denkt eigentlich; das Gehirn, ein Stück Körper? Beflügelt sich, beseelt sich und ein Körper ist schon mehr als ein solcher, nur weil man es sich so denkt. Ein Stück Himmel, dass aussieht wie ein Stück Knochen. Knochen wachsen, oder nicht. Sie sind im Innern wie Waben und verändern sich laufend je nach Druck und Bewegung. Aber langsam. Das menschliche Denken ist für langsam nicht geeignet. Oder vielmehr die menschliche Wahrnehmung. So kommt es schnell zur Identität, der eigenen, der Dinge. Ein Stück wie Granit, Universalien – diese Begriffe sind inmitten der Sprache, gedacht als ein lebendiges Gewebe, eine Art Verhärtung. Manchmal, wenn wir sprechen, spucken wir Steine aus. Sie bröckeln so vor sich hin und liegen herum, bis sie jemand nimmt, und woanders hinlegt. „Im Prytaneum zu Kyzikos wurde der flüchtige Stein aufbewahrt, der den Argonauten als Anker gedient hatte. Er entwich so oft, daß er verbleit werden musste“ (Caillois, S.15 )

Dendriten

Sprechende Steine, versteinerte Sprache

Ist es Simulation, wie Caillois schreibt, oder einfach eine Form von (oder ist dies schon) Leben, welches in Dendriten vor sich geht? „Doch ihre Büschel, ihr Gezweig erblühen so wunderbar, daß sich der Uneingeweihte mit Sicherheit darüber täuscht“ (Lacan, S.30).  Unsere Wahrnehmung und unsere Art im Umgang mit manchen Dingen erscheint manchmal geradezu rüpelhaft. Dabei geben unsere Nervenbahnen oder Adern kein anderes Bild ab. Aber: Mensch will nicht Organismus sein. Caillois wendet sich meist Dingen zu, die uns umgeben, hier zum Beispiel Mineralien. Beginnend mit Mythen über diese, ihre Bedeutungen im Altertum, über deren Morphologie hin zur Idee der Unsterblichkeit und das immer, als versuche er sie „von innen heraus zu begreifen“ [E.M. Cioran].

Jene die „dem Leben oder Verderben enthoben sind“ (S. 31), sie belehren den Geist, „daß es weit umfassendere Gesetzmäßigkeiten gibt, die gleichzeitig das Unbelebte, wie das Belebte regieren“ (ebda). Die Sprache, symptomatisch? Benennung bedeutet Inbesitznahme, ein Effekt, der mit Sprache einherzugehen scheint, wissen und besitzen, unter verschiedenen menschlichen Diskursen lässt sich einer beobachten, der seine Übersetzungspraktiken allem und allen aufzuzwingen scheint. Und dennoch: Besitzt man nichts. Es gibt häufig die Idee, den Drang nach einer Idee, einer Theorie, die alles erklären kann; als könne man auf einen Blick alles sehen, im weitesten Sinne. Caillois schreibt von der Natur, wie sie schließlich auch uns hervorgebracht hat, nach so vielen tastenden Versuchen und es wäre vergeblich, wenn wir glaubten, wir könnten von ihr abweichen; die Überlegungen unseres Geistes sind weiter nichts „als die letzten, stets kurzsichtigen Scheinfüße, die von einer riesenhaften, unersättlichen und zahllos wimmelnden Amöbe ersonnen wurden“ (S.107).

Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache; dieser Satz auf den Menschen angewandt besagt: Das sprachliche Wesen des Menschen ist seine Sprache.
Das heißt: Der Mensch teilt sein eignes geistiges Wesen in seiner Sprache mit. Die Sprache des Menschen spricht aber in Worten.
Der Mensch teilt also sein eignes geistiges Wesen (sofern es mitteilbar ist) mit, indem er alle anderen Dinge benennt.
Kennen wir aber noch andere Sprachen, welche die Dinge benennen? Man wende nicht ein, wir kennten keine Sprache außer der des Menschen, das ist unwahr.

Nur keine benennende Sprache kennen wir außer der menschlichen;
mit einer Identifizierung von benennender Sprache mit Sprache überhaupt beraubt sich die Sprachtheorie der tiefsten Einsichten (Walter Benjamin. GW II, S. 143)

Etwas später, nach Lacans Vortrag, der es wohl nie sonderlich auf ein Verstehen-Können angelegt hatte, gibt es noch eine Diskussion, voller Missverstehen. Ein Diskutant, Mircea Eliade, kommt mit dem Beispiel eines ionischen Volkes, das eine sehr symbolträchtige Sprache habe, sie hätten ein Symbol einer Spirale hätten, welches das Werden ausdrücke, sie wiederum aber das Vokabular dafür nicht hätten, aber sehr wohl das Verständnis davon… und diese Diskussion scheint ewig zu gehen, Lacan redet sehr viel, dabei  reiche es zu sagen, dass das egal ist, ob Spirale, Wort, Tätowierung, Hose, Pickel, Maske, etc.? Außerdem bettet M. Eliade, wie so viele andere Ethnologen und Ethnographen vor ihm, lediglich etwas in sein Gedankengut ein, ohne eine Lücke zu lassen, die Platz ließe, für nichts oder andere Begriffe und Gedanken. Und selbst wenn dieses ionische Volk einen Begriff für Werden hätte, was würde das sagen? Nichts anderes, als wenn der Ethnograph von der Spirale nun dasselbe denkt.

Jacques Lacan, 2008: Über das Symbol und seine religiöse Funktion in: Der individuelle Mythos des Neurotikers, Turia+Kant
Roger Caillois, 1983 [1967]: Steine, Carl Hanser Verlag
Henri Bergson, 2013 [1907]: Schöpferische Evolution, Meiner Verlag

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