„Flaming Creatures“

Ich hörte und sah einen Vortrag der Kuratorin Angela Stief zu „Leigh Bowery und andere Flaming Creatures“, also Menschen, die nicht aus, sondern mit sich etwas machen. Im Grunde machen sie dann auch etwas aus sich, manche würden aber sagen: das ist doch pärwärs. Das perverse Phantasma unterläuft das Neurotische, hebelt es an seinen Angelpunkten..einfach aus. Schlussendlich schleppen und schieben alle irgendwie ihr Phantasma mit sich herum, und es wiegt viel schwerer, als das Geschlecht, und hat schlussendlich wahrscheinlich nur noch sehr wenig damit zu tun, da man im Bereich von Phantasmen irgendwann in Gegenden kommt, wo so etwas wie Geschlecht im Sinne der Moral, des Sexes, der Norm schlicht nicht mehr das bedeutet, was man glaubt zu wissen.

Lucian Freud - Leigh Bowery

Lucian Freud – Leigh Bowery

Angesichts ‚bunter Menschen‘ dauert es meist nicht lange, bis es zu Kommentaren kommt, wie folgt: Sie erkennen die Differenz nicht an, wollen männlich und weiblich sein, wollen alles sein (Omnipotenz); sie erkennen ihren Körper nicht an, wie er gegeben ist. Heute ging es einfach um solche, die sich nicht ihr Leben lang als eindeutig männlich oder weiblich geben, sondern diese Imagines überspitzen, transformieren, durcheinander bringen. Sie erkennen ihre „Kastration“ nicht an, heißt es oft, da sie die Geschlechterdifferenz übertreten und auch gar die zu Objekten, wenn sie einen Hut aufsetzen, der den Kopf zur Vase macht. Beispielsweise. Es fragt sich, ob Herr Bowery tatsächlich eine Vase sein wollte, nur weil er ein entsprechendes Kostüm designte (was er nicht tat, die Vase ist nur eine Metapher gewesen, hoffe ich). Hier liegt die Krux: Die einen unterstellen ein „Sein-Wollen“ während die anderen vielleicht erkannt haben, dass Sein nur ein Begriff ist.

In den Kommentaren heute und auch sonst tönt oftmals ein Echo kirchlicher Moral durch, für die Geschlecht und Körper etwas war oder ist, das geordnet werden musste, kontrollierbar sein sollte, Ordnung der Lust, wie der Titel eines Buches es nennt, Domestizierung. Abgesehen aber von Moralvorstellungen, ob nun althergebracht oder nicht, wird hier deutlich, dass dem Mann oder Frau – Sein ein ontologischer Status verliehen wird. Vielleicht kann man sagen, Imaginäres und Symbolisches fallen zusammen, werden verklebt, da Vorstellungen von etwas und deren Zuweisungen der Bedeutungen mit dem, was man Sein nennt, zusammenfällt, „sei so wie du bist“. Im Symbolischen gibt es kein Sein, Aussagen, wie die obigen füllen es aber damit auf und überschreiten mit ihrer Forderung die Kluft zwischen Sprache und Sein, so scheint es vielmehr, sie schreiben Bedeutungen ein – „bodys that matter“. Interessanterweise zeigte der Vortrag heute eigentlich keine Menschen, die ‚tatsächlich‘ die Grenze(n) von Frau und Mann überschritten hätten, bpsweise Bowery war im Grunde immer ‚er‘, dennoch verlief die sehr kurze Diskussion lediglich auf dieser Ebene.

Die Aussage, jene Menschen würden die Differenz nicht anerkennen, steht wiederum sich selbst entgegen, da in der Aussage schon das Andere, das von sich selbst Indifferente nicht als solches anerkannt wird; einfach daher, da in der Aussage selbst bereits Totalität liegt, anstelle von quasi eigentlicher Differenz. Alle sollen Männer oder Frauen sein, Ende Gelände. Eine Forderung, die ihre Realisierung beispielsweise im Umgang mit Intersexuellen allzu häufig fand und findet, bei der eine geschlechtliche Uneindeutigkeit von Neugeborenen oft auch auf Anraten des ärztlichen Personals ‚korrigiert‘ wurde und wird, geschlechtliche Eindeutigkeit wurde und wird hergestellt. Inzwischen hat sich die gesetzliche Lage geändert, die Angabe des Geschlechts kann in diesen Fällen einfach freigelassen werden, so fällt der Zwang zu Operationen an Neugeborenen oder Kindern weg. Aber in unserer Gesellschaft ohne Geschlecht leben, wenn auch nur auf dem Papier – oder vielleicht gerade vor allem auf dem Papier, das scheint auch nicht so einfach zu sein. Woher rührt eigentlich diese doch sehr offenkundige Fixierung auf ‚das‘ Geschlecht?

Überaus wichtig sind Fragen nach den Grenzen: Wie lange sind Eingriffe in den Körper, am Körper legitim? Und was legitimiert sie?
Haare färben. Tätowierungen. Body Building. Zahnprothesen. Es läuft immer ab auf der Ebene des Sichtbaren. Oder ganz andere Ecke: Körperliche Beeinträchtigungen: Man wird blind oder kommt blind auf die Welt, manche haben die Möglichkeit, dies operativ zu ändern und wenn sie es tun, erkennen sie ihren Körper nicht…. man kennt den Rest der Geschichte und es würde natürlich heißen, dass das ja was gaaanz anderes sei. Beim Geschlecht, nein, was liegt das pickt. Ge-schlecht, in solchen Debatten erhält es den bereits genannten ontologischen Status, der nicht in Frage gestellt werden darf. Meine Kritiken hier sind denen an anderer Stelle ähnlich.

„So schief wie ich bin, ich bleib wie ich bin. Ich seh meinen Körper als Kunst“ (BayBJane in „One Zero One„)

BayB.Jane http://www.baybjane.com/

BayB.Jane http://www.baybjane.com

Was könnte sich in Aussagen, jemand erkenne seinen Körper nicht als gegebenen an, erkenne sein Geschlecht nicht als solches an, zeigen? Vielleicht sind das Aussagen, die Irritationen glätten; eigene, vielleicht mühsam aufgebaute Vorstellungen und damit einhergehende Identifizierungen von Männlich- und Weiblichkeit wollen nicht erschüttert und in Frage gestellt werden. Heute hatte ich den Eindruck, dass die gezeigten Bilder durchaus zu Irritation geführt haben. Die ad hoc Reaktion darauf ist wohl das Urteil, es scheint zu beruhigen.

Was wäre, wenn die binäre Geschlechterordnung ein Ende fände, auf diese Frage erhält man meist keine vernünftige Antwort, manchmal ist die Rede vom Aussterben der Menschheit, wenn es „keine Männer und Frauen mehr gibt“. Eine absurde Angst; vor allem impliziert der Gedanke, die Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr für primär-relevant zu erachten, in keinster Weise, dass es nun keine (sich fortpflanzenden) Männer und Frauen mehr gäbe. Das Subjekt der Aussage, vielleicht ist es gerade dasjenige, das eine quasi Kastration durch diese Frage, diesen Gedanken erfährt? Das Argument der Natürlichkeit kommt ebenfalls oft; dann würde ich sagen, brauchen wir erst recht Platz für mehr als zwei Geschlechter oder müssen die Thematik fallen lassen, da sogen. Intersexuelle natürlicherweise uneindeutig zur Welt kommen.

Im Ankündigungstext der Veranstaltung (die ich nur teilweise besuchen konnte, daher ist mein Eindruck nur ein Ausschnitt) steht folgendes: „Welche Perspektiven ermöglichen es uns, die gängigen anthropozentrischen Spiegelspiele zu verlassen?„, die Frage wurde scheinbar heute vergessen; all jene (in dem Fall Künstler_Innen), die anthropozentrische Zirkel in ihrem Schaffen versuchen zu durchbrechen, wurde unterstellt, sie würden ihre Kastration nicht anerkennen .. (als wäre Kastration ein universelles Phänomen, das für alle entlang derselben Achse verlaufen solle). Jene, die fordern, andere sollten ihre Körper anerkennen „wie sie sind“, sollten zunächst andere anerkennen, wie sie sind, vielmehr noch: anerkennen, das sie nicht wissen können, warum jemand was auch immer (mit sich) tut. Es sind Spielereien, Inszenierungen, individuelle Lösungen, Prozesse und ist es nicht vielmehr eine Form von Omnipotenz, wenn Leute meinen, jene vielschichtigen Phänomene ‚auf einen Blick‘ beurteilen zu können?

 

 Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

 Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

 Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

Genesis Breyer P-Orridge und Lady Jaye Breyer P-Orridge, 2003, aus „Breaking Sex“

 

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