Wälder

Nach Die Intelligenz der Pflanzen laß ich nun Das geheime Leben der Bäume. Es ist ein wenig weniger ‚anspruchsvoll‘ geschrieben wie ersteres, aber dafür umso begeisterter. Man ist oft an Gilles Clèments Manifest der dritten Landschaft erinnert und wird sich bewusst, dass die Wälder, in denen man so spazieren geht, eigentlich keine natürlichen Wälder, im reinen Sinne sind. Dennoch bekommt man ein Gefühl für das Gefühlsleben der Bäume, für die vielen Zusammenhänge in der Gemeinschaft Wald.

Mit einem treffenden Vergleich beginnt Wohlleben das Buch, denn er schreibt vom Beginn seiner Laufbahn als Förster als einer Zeit, in der er vom geheimen Leben der Bäume ungefähr so viel wusste, wie ein Metzger von den Gefühle der Tiere. In der Forstwirtschaft interessiere ein Wald lediglich hinsichtlich der optimalen Betriebsführung, „für den Försteralltag reicht dies auch, und allmählich verbiegt sich dabei der Blick“ und so wurde auch seine Wahrnehmung auf den Focus des Vermarktungswerts eingeengt. Interessant hier, die Verbindung zwischen dem, was man lernt, die Gewohnheiten, die man annimmt und der Wahrnehmung, die sich entsprechend jener verändert. Bergson würde hier sagen, das wir lediglich das wahrnehmen, was für uns jeweils von Nutzen, von Interesse ist, alles andere gerät einfach nicht in unseren Blick.

Zwiesel Baum

Wohlleben lernte also, nicht mehr nur auf die Stämme und deren Qualität zu achten, sondern vielmehr auf bizarre Wurzeln, besondere Wuchsformen oder zarte Moospolster auf der Rinde und just in dieser Zeit entdeckte er „unzählige Wunder“, die er sich kaum erklären konnte, die teilweise beantwortet werden konnten, da die Uni Aachen in eben dieser Zeit mit Forschungsarbeiten in seinem Revier begonnen hatte. „Das Leben als Förster wurde wieder spannend, jeder Tag im Wald zu einer Entdeckungsreise. Das erforderte bei der Waldbewirtschaftung ungewohnte Rücksichtnahmen. Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Großmaschinen zwischen ihnen herumwüten“.

 

„Unseren Kulturpflanzen ist die Fähigkeit, sich ober- oder unterirdisch mitzuteilen, durch Züchtung größtenteils abhanden gekommen.
Sie sind quasi taub und stumm und werden dadurch zu einer leichten Beute für Insekten.
Das ist einer der Gründe, warum die moderne Landwirtschaft so viele Spritzmittel einsetzt.
Vielleicht können sich Züchter künftig ein wenig von den Wäldern abschauen und wieder mehr Wildheit und damit Geschwätzigkeit in Getreide und Kartoffeln einkreuzen“

Zurück zu der Schicht, die uns alle umgibt, vom Baum, über eine Blume, ein Käfer, ein Wal und uns. Die Rinde erfüllt im Grunde dieselbe Funktion wie eine Haut. Ohne Rinde würde ein Baum austrocknen, Pilze hätten freien Zugang. So wie wir täglich Hautschuppen verlieren, tut das ein Baum ebenfalls. Die Borke ist die äußerste Schicht der Rinde, die schon abgestorben ist und sie ist ein gutes Erkennungsmerkmal, um Baumarten zu unterscheiden. Zumindest bei älteren Exemplaren. Die Ausprägung der Risse, im Sinne von Falten, ist ausschlaggebend, denn bei einem jungen Baum ist die Borke „glatt wie ein Babypopo“. Von unten beginnend, werden allmählich die Falten sichtbar, Buchen und Weißtannen bleiben sehr lang glatt. Da sich in den Falten die Feuchtigkeit nach Regen gut hält, werden dieselben meist von Moos besiedelt und unter anderem daran ließe sich beispielsweise das Alter von Buchenwäldern ablesen. Anzumerken hier ist, dass auch Bäume einer Art unterschiedlich schnell altern. Gewöhnlich findet man zB Buchen ab einem Alter von 150 Jahren mit rauer Borke überzogen. Ein alter Baum ist im übrigen wesentlich produktiver als ein junger, „möchten wir Wälder als Mittel zum Kampf gegen den Klimawandel nutzen, dann müssen wir sie alt werden lassen“.

Die Sprache der Bäume ist ähnlich wie der der anderen Pflanzen, oft sind es Duftstoffe. Wobei auch wir Menschen über Duftstoffe kommunizieren, wir sagen gerne „unbewusst“, denn diese Form der Kommunikation ist.. verdrängt? Die Duftstoffe jedenfalls, die Pflanzen und hier nun, Bäume verteilen, sind definitiv auf jeweilige Zwecke zugeschnittene, sei es, um Fressfeinde einer Plage anzulocken, sei es, um Insekten am eigenen Körper abzuwehren, etc. . Jedoch wird hier eine Art von Geschmacksinn deutlich, denn Bäume erkennen am Speichel von Insekten, um welche Art es sich handelt und können entsprechend reagieren. Wir Menschen neigen nun gerne dazu, zu sagen, dass dies mechanisch ablaufende Prozesse seien. Aber: bei uns laufen dieselben Prozesse ab, nur das wir darüber nachdenken und dies mehr oder weniger verzerrt artikulieren. So könnte man sagen: Wir sind ebenfalls Wesen, die durch rein mechanische Prozesse charakterisierbar sind oder: das etwas als rein mechanisch benannt wird, heißt noch lange nicht, dass da nicht mehr oder einfach auch etwas anderes dahintersteckt. ‚Glaube nicht alles, was zu denkst‘. Das zB die Idee der Kausalität eine Glaubensüberzeugung ist, hat Hume längst und hinreichend gezeigt. Also ist die Annahme ‚Insekt auf Baum = A -> daher B‘ als mechanisch ablaufende Reaktion zweifelhaft.

community

Nun ist es so, das Bäume vor allem eines sind: Langsam. Die Verbreitung über Duftstoffe dauert und ist begrenzt. Daher wird nicht nur die Luft als Transportmittel für Nachrichten verwendet, sondern ebenfalls das Wurzelwerk, das alle Exemplare vernetzt und vor allem wetterunabhängig ist. Diese Nachrichten werden nicht nur chemisch, wie zB über Düfte, verbreitet, sondern auch elektrisch, „mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Sekunde“, wie es auch bei Quallen oder Würmern der Fall ist.

Ein wichtiger Faktor in der Kommunikation der Bäume sind Pilze („wood-wide-web“), denn in jedem Wald gibt es „Eigenbrötler, die mit den Kollegen wenig zu tun haben wollen“. Die Wurzeln der Pilze sind nebst der Bäume zwischengeschaltet und fungieren als ein Netz, ein riesiges (zB hat sich hier Bergson geirrt, als er davon ausging, Pilze seien ein ‚Unfal‘ der Natur). Ein Teelöffel Walderde enthält mehrere Kilometer der sogenannten Hyphen, ein einzelner Pilz kann sich über mehrere etliche Quadratkilometer ausbreiten – im Laufe von Jahrhunderten (und daher soll man beim Pilzesammeln dieselben nicht ausreisen, sondern schneiden). Über das, was alles ausgetauscht wird, wissen wir wenig. Nun würde der Mensch, selbstgefälligerweise, sagen,“die reagieren nur auf Signale, das ist keine Kommunikation“, ganz vergessend, das mensch meistens auch einfach reagiert und wir uns auf die Möglichkeit, dass ein Zeichen Bedeutungsvielheit in sich bergen kann, viel zu viel einbilden, was hat es uns denn tatsächlich ‚gebracht‘, es ist nur eine Form, neben anderen (eine Aktualisierung, könnte man wohl sagen)? Jedes Lebewesen verfolgt und verinnerlicht gewisse Prozedere, um am Leben zu bleiben. Mit Bergson, wahrscheinlich, gesprochen, bedeutet jede Art und ihre Weisen einfach eine Aktualisierung der Natur, auch wir, auch unser Denkvermögen ist ein mehr oder weniger gelungener Moment von Entwicklung.

 „Die eine [Lebensform] betreibt Fotosynthese, das andere frisst Lebewesen.
Große Unterschiede gibt es letztendlich nur noch in der Zeitspanne,
in der Informationen verarbeitet und in Handlungen umgesetzt werden.
Doch sind langsame Wesen automatisch minderwertiger als schnelle?“

Die Gespräche im Wald verlaufen nicht unbedingt geräuschlos, Monica Gagliano hörte mit KollegInnen diverser Universitäten den Boden ab und da das im Labor stattfand und Bäume hier schlecht Platz finden, fanden sich in diesem Boden Getreidesämlinge. Leises Knacken war hörbar und unbeteiligte Keimlinge reagierten und orientierten ihre Wurzelspitzen in diese Richtung -Informationsaustausch über Schallwellen bei Pflanzen und das erinnert wiederum an Die Intelligenz der Pflanzen, wo es hieß „das Erdreich, in dem die Pflanzen leben, müssen wir uns als eine Diskothek vorstellen, die niemals schließt“.

Bäume helfen einander, anstatt dem Motto „der Stärkere überlebt“, über diesen Schluss würden Bäume „nur den Kopf beziehungsweise die Krone schütteln“, denn ihr Wohl hängt von der Gemeinschaft ab (wobei solche Situationen nicht ausgeschlossen seien). Eine Studentin fand im Forst [ungestörter Buchenwald] des Autors heraus, dass sich die Bäume in Sachen Fotosynthese synchronisieren und zwar derartig, „das alle die gleiche Leistung erbringen“. Das allerdings, obwohl die Buchen unterschiedliche Standorte haben, steinig, locker, hoher Wasserspeicher, wenig desselben, nährstoffreich- oder karg; kurz: die Bedingungen können innerhalb weniger Meter stark voneinander abweichen. Ein Wald funktioniert wie ein gutes Sozialsystem, „wer viel hat, gibt ab [über die Wurzeln], wer ein armer Schlucker ist, bekommt Hilfeleistungen“ und das, um zu verhindern, dass jemand zu tief abstürzt.

Eine auf den ersten Blick widersprüchliche Aktion wäre hier die Lichtdrosselung von Mutterbäumen gegenüber ihres Nachwuchses, welches ein Mittel der Erziehung darstelle. Nur etwa drei Prozent des Sonnenlichts kommen durch das Dach der erwachsenen Bäume durch und diese Beschränkung dient dem Wachstum des Nachwuchses. Denn ein langsames Jugendwachstum ist Voraussetzung für ein hohes Alter und hohes Alter meint bei Bäumen in etwa 200 Jahre plus. Die lediglich drei Prozent Licht gleichen Mutterbäume aus, in dem sie über die Wurzeln Kontakt aufnehmen, um Zucker und andere Nährstoffe abzugeben, die Jungbäume werden sozusagen „gestillt“. Sind die seitlichen Äste eines Jungbaumes (einer Weißtanne oder einer Buche bspweise) länger, als der Hauptstamm, befindet sich der Nachwuchs noch im Wartemodus, in der „Stillzeit“. Meist beginnt der Nachwuchs dann in die Höhe zu schießen, wenn den Mutterbaum das Zeitliche segnet, er morsch wird. Zerbricht dieser und schlägt auf dem Boden auf, erwische es meist auch ein paar Sämlinge, jedoch sind in einem gesunden Wald genug vorhanden, als das nun einige wachsen können und hier gilt nun doch das Motto, wer schnell ist, bekommt mehr Licht, die anderen bleiben im Dämmerlicht und werden mit der Zeit absterben und zu Humus. Aber auch hier zeigt sich Lebendigkeit. So kommt es oft vor, dass ein Baumstumpf weiterhin durch das Wurzelnetz versorgt wird und manchmal treibt ein neuer Stamm aus diesem Stumpf. Vor Jahrhunderten wurden Laubbäume von Köhlern abgeholzt und aus den Stümpfen trieben neue Stämme, „die die Grundlage für viele der heutigen Laubwälder bilden“. In der schwedischen Provinz  Dalarna wurden sehr alte Fichten untersucht. Eine der ältesten hatte ein flaches Gebüsch gebildet, „das wie ein Teppich ein einzelnes Stämmchen umrahmte“. All dies zusammen gehörte zu einem Baum, zu dessen Wurzel und dies wurde untersucht. Das Ergebnis zeigte ein Alter der Fichte von etwa 9550 Jahren. Bis dato ging man davon aus, dass Nadelbäume nur etwa 500 Jahre alt werden könnten und man dachte auch, dass Fichten erst vor 2000 Jahren in Schweden angekommen seien.

Ein weiteres Vorurteil ist die Idee, das Holz in der Verbrennung klimaneutral sei. Es sei egal, ob ein Baum nach Absterben die Menge an CO2 wieder freigibt (die er gespeichert hatte), in dem Bakterien und Pilze in der Verdauung dies ausatmen oder ob es durch industrielle Öfen geschieht. Aber so einfach sei das nicht. Ein Wald ist ein riesen Co2 Staubsauger, denn selbst nach natürlichem Absterben verbleibt ein Großteil des CO2 im Ökosystem, denn der zerbröselte Stamm wird durch verschiedene Arten in immer kleinere Stückchen geraspelt und gefressen und dabei langsam in den Boden eingearbeitet. Der Regen schwemmt etwaige Reste ein. CO2 findet hier seine letzte Ruhe in Form von Humus, nicht in Form von Gas. Es reichert sich im Erdreich wiederum an und könnte irgendwann wieder Braun- oder Steinkohle bilden. Heutzutage kommt es durch die Bewirtschaftung der Wälder nicht mehr dazu, denn zuviel Holzeinschlag führt zu zuviel Sonneneinstrahlung, die die am Boden lebenden Arten bevorteilige und jene verzehren die letzten Humusvorräte, auch in tieferen Schichten. In Form von Gas geben diese Arten das Co2 wiederum direkt in die Atmospäre ab. „Für jeden Scheit, den Sie im heimischen Ofen verbrennen, wird draußen aus den Waldböden noch einmal die gleiche Masse an CO2 freigesetzt. Der Kohlenstoffspeicher unter den Bäumen wird in unseren Breitengraden also schon im Enstehen geleert“.

Noch ein paar kurz angerissene, interessante Sachen:

Land liegt höher als die Meere, Wasser fließt durch die Schwerkraft zum tiefsten Punkt, wie kommt es also, auch im Landinneren zu Grundwasser? Wolken regnen sich ab und reichen meist nicht bis in weit im landesinneren liegende Gegenden. Wälder fungieren als Wasserleitungen, denn „ob im Regenwald oder der sibirischen Taiga, stets waren es Bäume, die die lebensnotwendige Feuchtigkeit ins Landesinnere weiterreichten“. Die fatalen Folgen der Abholzung zeigen sich bereits im Amazonasgebiet, das mehr und mehr austrocknet.

Eine hohe Vielfalt bedeutet ein stabiles Ökosystem. „Je mehr Spezies unterwegs sind, desto weniger kann sich eine einzelne auf Kosten der anderen ausbreiten“.

Katsuhiko Matsunga, ein Meereschemiker, entdeckte, dass aus dem herabgefallenen Laub Säuren über Bäche und Flüsse ins Meer gespült werden und dort regen sie das Wachstum von Plankton an. Wie es Bergson schon andeutete und es zB. Arne Næss  ausformulierte, alles ist irgendwie miteinander verbunden.

Was die Fortpflanzung angeht, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die im Buch erläutert werden. Auf meiner Terrasse hat sich ein kleiner Flieder beispielsweise über die sogenannte Absenkung vermehrt. Einen Ast senkte diese Pflanze ab – in eine daneben stehende Schale mit Kakteen – und wuchs hier hinein. Nach etwas Zeit trennte sich der Ast vom Trieb und ein weiterer Flieder entsteht.

 

 

 Luang Namtha (ຫລວງນໍ້າທາ), Laos (ປະເທດລາວ) [Bildquelle: Basil & Tracy]

Zwieselwuchs, U förmig; Luang Namtha (ຫລວງນໍ້າທາ), Laos (ປະເທດລາວ) [Bildquelle: Basil & Tracy]

 Schlussendlich: Wälder sind nicht hauptsächlich Holzfabriken und Rohstofflager, sondern vor allem komplexe Lebensräume für bestenfalls tausende von Arten.

Peter Wohlleben, 2015, Das Geheime Leben der Bäume, Ludwigs Verlag, München

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