Arne Næss und andere Spuren

 

Man könnte die Menschen als ‚Tatsachen voller Widersprüche‘ bezeichnen. Es ist nicht meine Aufgabe,
solche Tatsachen zu beschreiben. Tatsächlich gebe es viel über Charaktere zu sagen,
die zu stramm integriert sind. Bei denen kein Platz ist für Ungereimtheiten, Spontanität, Spiel..[1]

 

Tirich Mir

Arne Næss wurde 1912 in Slemdal bei Oslo geboren und verstarb 2009. Bekannt wurde er durch Arbeiten zu Logik, Methodologie und Sprachphilosophie, im Besonderen aber durch die Begründung der Tiefenökologie. Außerdem war er leidenschaftlicher Bergsteiger, eine seiner Veröffentlichungen lautet „Lifestyle: Thinking like a mountain. Seine Ideen und Intentionen vorzustellen ist mein Anliegen, ansatzweise und dazu einige Parallelen anzuführen, die sich auf dem Weg durch sein Denken gefunden haben. So geht es heute von Norwegen über Frankreich, mit einem Abstecher nach Wien, weiter bis nach Indien und Japan, sozusagen.

If you leave out the nonprecise things, you are lost in accuracy[2]

 

Er war einige Zeit in Wien und Mitglied des Wiener Kreises, konnte jedoch deren Bezug zur Grammatik, den Glauben an eine logische Struktur derselben, nicht teilen. Deutlich wird dies u.a. an der Kritik einiger Vertreter des Wiener Kreises an Heidegger, „they pointed out grammatical impossibilities – as if that had much weight in philosophy!“[3] Seine Philosophie zeugt jedoch durchaus von dieser Zeit, unterrichtete er ja auch lange Zeit u.a. Semantik. Außerdem begab er sich in Psychoanalyse bei Hitschmann, vierzehn Monate lang, sechs mal pro Woche. Warum er eine Kur vollzog und was er unter Psychoanalyse verstand, erläutert er folgendermaßen:“ I wanted to deepen my own intuitions, my own inclinations and attitudes—to find them out, to criticize some of them. One reason I went into psychoanalysis was to see how my work in philosophy could be improved through more self-knowledge. So I went to an analyst […] Well, I thought psychoanalysis would be an indispensable auxiliary discipline to philosophy, just like symbolic logic. You can use symbolic logic and you can use psychoanalysis in order to see that very often you may jump to certain conclusions that are in harmony with unconscious conceptions you might have, for example, from infancy. So I took it pragmatically, as a tool, and I also found Socrates‘ „Know thyself“ to be an imperative to self-analysis. And psychoanalysis teaches you to look in a most brutal way at your emotions and values, with bitter clarity—not brutality, but ferocious honesty“[4].

 

Ein Wald bildet ein Ökosystem
Eine Flechte bildet ein Ökosystem
Ein Ufer…
Eine Rinde…
Ein Berg…
Ein Felsen…

Eine Wolke…[5]

Zunehmende ökologische Katastrophen veranlassten ihn, sich dem, was er Tiefenökologie nennen wird, zuzuwenden. Er bot mit dem Buch Die Zukunft in unseren Händen eine neue Ontologie, „die davon ausgeht, dass die Menschheit von der Natur nicht zu trennen ist“[6]. Insofern geht eine umfassende Kritik unserer Zivilisation mit einher, „indem man Auffassungen von Wirklichkeit aufdeckt, die bereits im Kern falsch sind“[7]. Der Begriff der Tiefe bezieht sich darauf, „wie weit der Blick bei der Suche nach Wurzeln des Problems reicht, und auf die Weigerung, verstörende Sachverhalte, die das ungeahnte Ausmaß der Gefahr offenbaren könnten, zu missachten. Man sollte ein Problem um einer leichteren Lösung willen niemals kleinreden“[8].

Sein Zugang ist ein unmittelbarer, er beruht in erster Linie auf Anschauung, „Anschauungen eines langen in der Natur verbrachten Lebens“[9]. Begriffe wie Diversität, Symbiose, Komplexität spielen eine große Rolle in den Analysen der Probleme unserer Zeit, also in diesem Sinne unser Platz in der Natur, unser Umgang mit dieser und die damit einhergehenden Konsequenzen. Die Ökophilosophie führt in zwei Richtungen, so Rothenberg: Die Entwicklung einer tiefenökologischen Philosophie, in der es darum geht, die Grundbegriffe und deren Verknüpfungen weiterzuentwickeln und andererseits geht es darum, die wachsende internationale (tiefen)ökologische Bewegung zu unterstützen, alle, die sich „aktiv für einen Wandel in den antiökologischen Strukturen von Politik und Gesellschaft einsetzen“[10].

Dieses Grundprogramm soll vor allem und zuallererst der Verständigung untereinander dienen. Die Ebene T0 formuliert Grundsätze, die nicht in Stein gemeißelt sind und von denen aus es verschiedene weiterführende Wege geben kann. Verschiedene Gruppen, denen der Wunsch nach Veränderung gemeinsam ist, bilden also eine Einheit, in der unterschiedliche Sichtweisen und Methoden keinesfalls verloren gehen[11]. Findet dieser Prozess zu einer philosophischen Sprache, also den Prozess des durchaus logischen Denkens, spricht Næss von Ökosophie [für Deleuze und vor allem Guattari wurde dieser Begriff sehr wichtig]. Die Bezeichnung T, wie schon angeführt, verweist auf weitere Optionen, A, C, F…, den jeder für sich selbst entwickeln könnte, es gehe also nicht darum, Næss´ Argumentationsketten und Schlussfolgerungen eins zu eins zu übernehmen, sondern „dass wir seine Schlussfolgerungen durch uns vertrautes Fühlen und Denken nachvollziehen“[12]. Das hängt auch mit seinem Verständnis von Kommunikation zusammen, unserer gemeinsamen Sprache, denn jeder interpretiere Gesagtes mit einem eigenen Vorverständnis. Dieser Raum bleibt erhalten und wird vielmehr eingefordert, außerdem bildet dies auch den Ausgangspunkt dafür, das Næss vage Begriffe zulässt, zum Beispiel die T0 Ebene, sowie parallele Deutungen und Präzisierungen auf höheren Ebenen[13]. Als Beispiel nennt er u.a. einen Ausruf Pascals: „So sprang Pascal einmal aus dem Schlaf auf und schrie Feuer! Dann Gott! Dann Gott Abrahams und Isaaks .. wobei er mit jeden Ausruf spezifischer wurde. Aber präziser?
Zunächst haben wir an der Inspiration teil. Allerdings erweist sich Pascal als schlechtes Beispiel, weil er sich in einer Spezialisierung verfängt und sich vom Feuer zu einem ganz spezifischen Gottesbegriff bewegt, der alle anderen ausschließt“[14]

 

Selbst und Selbstverwirklichung sind zentrale Begriffe, die jedoch keinesfalls auf ein begrenztes Ego verweisen, sondern sich um ein weitest aufgeschlossenes Selbst bemühen, oder vielmehr, wir sollten uns um ein solches bemühen, ein großes S, welches zwar von Einzelnen ausgehe, sich aber ausdehnt, bis es alle(s) umfasst. Es sei eine aktive Befindlichkeit, kein Ort, den man erreichen könne. „Keiner gelangt jemals zur SELBSTverwirklichung [selv-realisering], da eine vollständige SELBSTverwirklichung die Verwirklichung aller zur Voraussetzung hätte. So wie in bestimmten buddhistischen Traditionen kein Mensch jemals ins Nirwana eingeht, da der Rest der Welt dorthin mitgeschleppt werden müsste. Das Ganze ist nur ein Vorgang, eine Art, sein Leben zu leben“[15]. Der Begriff der Gestalt [durchaus in Bezug zur Gestalpsychologie Wolfgang Köhlers oder der topologischen Psychologie Kurt Lewins] ist ebenfalls zentral, Gestaltbeziehungen, das Vermögen, die bedeutungsvollen Beziehungen der Dinge untereinander zu erkennen; dies begleite den Prozess der Erfahrung, sich mit ihnen eins zu fühlen; eine Anekdote verdeutlicht dies wieder: Næss anlässlich einer Skifahrt bei -20° unter einem Himmel kristallklarer Dunkelheit und einem riesigen Mond: „Die extreme Kälte ist so sehr ein Teil der Gestalt, dass wir uns, wäre es auch nur ein bisschen wärmer, unwohl fühlen würden“ – Die Gestalt-Bildung überschreitet die Grenze, die üblicherweise zwischen Denken und Fühlen gezogen wird[16].

Die Leute sind unwillig darüber, dass ich ein ganzes Buch über ‚nirgendwo definierte oder erklärte‘ Erkenntnisse verfasst habe.
In unserer Kultur ist dieser vermeintliche Mangel schwer zu ertragen. ..
Aber eine Aussage wie „Alles im Leben ist im Grunde genommen eins“ muss man unvoreingenommen mit seinen Sinnen erfasse,
bevor man fragt „Was bedeutet das?“ Ein höheres Maß an Präzision hat nicht unbedingt ein höheres Maß an Inspiration zur Folge[17]

 

Zentral also ist das „Denken in Zusammenhängen – nichts existiert für sich allein“, das gilt auch für Ideen, die, wenn ich sie in die Welt entlasse, von anderen aufgenommen werden und transformiert werden können, „ein Wort wird nur durch seine Bedeutungen und durch beziehungsreiche Interpretation lebendig. Das ist Praxis gewordene ökosophische Ontologie“. Ebenso gilt es für einzelne Personen, Gattungen oder Umweltprobleme. Ähnliches formulierte auch Bergson, den Næss gelesen hatte, wenn er schreibt, das wir die Dinge dort wahrnehmen, wo sie sind, im Sinne des Phänomens der Verschränktheit, könnte man sagen. Dieses Phänomen ist bereits vor geraumer Zeit bewiesen worden und man denke auch an das sogenannte Zwei-Spalt-Experiment.

Diese Erkenntnisse verweisen uns zurück auf unsere gewohnte Sicht auf Wirklichkeit, die sich als durchaus verzerrend oder gar verfälschend erweisen kann. Bergson erklärt dies mit der Verstandestätigkeit, die sozusagen nicht anders kann, betont allerdings die Möglichkeit, von einem rein auf Nutzen und Interesse basierenden Wahrnehmen, das jeweils auf eine Handlung abzielt, abzusehen, oder dieses in gewisse Schranken zu verweisen (vgl. Die Schöpferische Evolution, 2013: zB S. 175ff, und Kap. III, sowie Materie & Gedächtnis, 2015: zB S. 30f, 37f, 76f, ..). Weitere Spuren finden sich bei  Izutsu, wenn er von einem Oberflächenbewusstsein schreibt, dass die Wirklichkeit in Subjekt und Objekt teilt, starr fixierte Grenzen festlegt und die Wirklichkeit zum Stillstand bringt. Vor allem der trügerische Einfluss der Sprache sei hier einer der Gründe, der Mechanismus der eidetischen Artikulation von Wirklichkeit, wobei damit in erster Linie die semantisch-kognitive Funktion der Sprache gemeint ist (langue im Sinne Saussures)[18].

Im Grunde ist eine Kritik an der Form menschlicher Kulturen (westlicher, industrieller) implizit. Die Ideologie, Dinge nach Verfügbarkeit und Marktwert zu bemessen, die Idee des Fortschritts durch Wachstum, des Konsum-Materialismus und des hohen Energieverbrauchs. Næss schreibt von einer denaturierten Lebensweise, die uns die Wirtschaft abverlange[19]. Interessant in dem Kontext nun ist auch die Darstellung von Shino, Kenji, wenn er schreibt, dass sich der Mensch der Umwelt nicht anpasst, sondern seine Umwelt umbildet und er gebe nicht auf, immer größeren Nutzen und mehr Behaglichkeit einzufordern. Aber die so gekennzeichnete Kultur, d.h. der Idealtypus der Kultur im engsten Sinne, sei nur auf dem Boden des bedürftigen und den Nutzen verfolgenden Lebens […] möglich und unterhaltbar. „So wird zum Beispiel bei Aristoteles die Tätigkeit der Theoria durch Sklavenarbeit ermöglicht, die dem Haushalt des freien Bürgers dienlich ist“[20]. Weiters schreibt er, dass z.B. der städtische Wohnraum den Menschen zwar von seiner Eingebundenheit in die Natur ‚befreit‘, aber zugleich deren Zerstörung fördere und schlussendlich plädiert er für eine Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation, die ich als überaus treffend empfinde. Er führt als Begründung eine phänomenologische Basis an, „den Umstand nämlich, dass Kultur und Zivilisation jeweils in einem nach Stil und Ethos her ganz unterschiedlichen Leben […] verwurzelt sind […] Die Kultur ist autark in ihrer Tätigkeit für den Selbstzweck und die Zivilisation unersättlich in ihrer Tätigkeit für das Mittel; die Kultur vollendet die Natur, die Zivilisation zerstört sie“[21].

community

 

Die tiefenökologische Perspektive

Beispiele

Ein Sturm hinterlässt einen Windbruch von Bäumen auf einem beliebten Wanderweg. Eine antropozentrische Lösung wäre, alle umgefallenen Bäume zu beseitigen, damit der Wald ‚sauberer‘ und ‚ordentlicher‘ aussieht. Eine tiefergreifende Lösung: Man räumt nur weg, was nötig ist, um den Weg selbst wieder begehbar zu machen, in dem Wissen, dass die Entfernung zu vieler Bäume die Habitate anderer Spezies, die Nutznießer des Windbruchs waren, gefährden könnte

Aurlandsdalen gehört zu den schönsten Flusstälern, die vom Hochplateau der Hardangervidda zum Sogneford in Westnorwegen führen. Die Wasserscheide wurde als Teil eines größeren Projekts für die Wasserkraft erschlossen, aber die meisten Arbeiten wurden unterirdisch durchgeführt und durch das Tal sind auch keine Leitungen verlegt worden. So erscheint die Schlucht nach wie vor ziemlich unberührt. Den einen genügt das, aber diejenigen, die sich an die brausenden Wasserfälle früherer Tage erinnern, an die Gestalt des Tales, sind irritiert. Die einstige Wassermenge ist heute nur noch ein Rinnsal, ein Schatten seiner früheren Kraft. Die Würde des Wasserfalls ist verletzt[22] (tiefenökologisches Denken bei der praktischen Planung von Bodennutzungsstrategien findet sich zB in den Arbeiten von Malin Falkenmark, 1976).

Die Sicht der UN-Welternährungsorganisation FAO auf Wälder wird seit langem von einem fundamentalen Fehler getrübt: Sie definiert Wälder schlicht als Baumbedeckung. Regenwälder werden abgeholzt und durch Kautschukplantagen ersetzt, gemäßigte und subtropische Wälder mit hoher Artenvielfalt werden gefällt, um den Weg für sterile Kiefern- oder Eukalyptusplantagen frei zu machen – nach der Definition der FAO gilt das nicht als Waldverlust ( deforestation). Wenn Grasland zerstört oder das Land von Kleinbauern geraubt und umgepflügt wird, um industrielle Baummonokulturen anzupflanzen, nennt die FAO das Aufforstung (afforestation). Die Weigerung der FAO zu akzeptieren, dass Wälder durch ihre biologische, soziale, kulturelle und spirituelle Vielfalt definiert werden, fördert daher die Ausdehnung von großangelegten Baumplantagen zum Nachteil örtlicher Gemeinschaften, echter Wälder und anderer Ökosysteme. Selbst Plantagen gentechnisch veränderter Eukalypten werden fälschlicherweise „Wälder“ genannt.

 

Anhand der Beispiele wird deutlich, dass die (zivilisierten) Menschen ihre Werte und Konstruktionen von Welt (Vorstellung von Ordnung, das gute Leben,..) einerseits völlig verändern müssten und einen, oder auch mehrere Schritte ‚zurück’gehen müssen, um all den anderen Platz zu machen. Unter anderem betont Næss die Dringlichkeit einer Stabilisierung und einen allmählichen Rückgang unserer Bevölkerung. Damit einhergehend sei ebenso die Erhaltung und Vergrößerung naturnaher Gebiete und Naturreservate von Relevanz, denn Diversität ist ein fundamentaler Wert; seit Beginn der Industrialisierung sind mehr Lebensformen von der Erde verschwunden als in jeder anderen Periode der Erdgeschichte zuvor[23].

Es gäbe noch einiges zu Erläutern und es ist sehr sehr Schade, dass dieser Denker in der Philosophie scheinbar keinen Platz findet. Im Gegensatz zu vielen anderen, ist bei Næss der Mensch, das Subjekt der Theorie, kein idealisiertes und quasi isoliertes, sondern dessen Wirken in Ökosystemen ist zentral. Das Handeln ist  unabdingbarer Bestandteil seiner Theorie: Man denke beispielsweise an Leute, die „den Kapitalismus“ kritisieren, diese Kritik muss aber auch in eine Veränderung des Konsumverhaltens münden, in irgendeiner Weise, sonst bleibt diese Kritik nur „flach“, bloßes Gerede. So ist nicht nur der Wunsch nach Veränderung Ausgangspunkt, sondern auch der Wunsch, etwas zu tun. Theorie und Verhalten, hiermit einhergehend die eigene Wahrnehmung gegenüber der Mitwelt, beeinflussen sich nachhaltig, wobei jede_r dies nach eigenem Ermessen, Möglichkeiten und Gefühl tun kann.

 

 

 

 

 

Eine weitere Spur tut sich auf, schaut man nach Indien, oder zumindest in den Kommentar der Sūtren des Patañjali: Dort werden unter anderem die vrttis beschrieben, die leidvoll oder leidlos sein können: „Jeder seelisch-geistige Vorgang oder das Auftauchen jeder Welle in dem stillen Wasser des Bewußtseins ist eine vrtti. Vrtti ist der in Tätigkeit befindliche Geist, die Quelle aller Erfahrung und Erkenntnis“[24]. Durchzogen sind jene allerdings von zB Gewohnheiten, die den Geist blind machen, ihn trüben und so werden sie vom Werkzeug der Erfahrung zu leidvollen Symptomen, könnte man vielleicht sagen.
Symptome wie folgende: „Alle Lehren, alle Ideale, alle Theorien, alle Formen von Ideologien, alle Begriffe, Überzeugungen und Meinungen, alle Ansichten und Vorurteile – all diese sind vrttis, die, obwohl sie substanzlos sind, einen ungeheuren Einfluß auf das menschliche Denken ausüben. Wie wir gleich sehen werden, müssen alle diese vrttis bis auf die Wurzel ausgerottet werden, damit der Mensch fähig wird, die Wahrheit oder Wirklichkeit von irgend etwas zu sehen“[25]. Ideologie wird gerne etwas abgeflacht gedacht, dabei ist vielleicht jede Lehre einfach nur Teil einer Ideologie, zum Beispiel ist auch die Arbeitswelt und ihre Struktur überaus ideologisch. Die Idee, ein Mensch brauche Arbeit, um zufrieden sein können, bis hin zu der Idee, ein Mensch müsse eine Familie gründen, um Teil der Gesellschaft, um glücklich zu sein. Gewohnheiten von Gestern werden quasi zu den Normen von heute, schrieb -glaube ich- Desikachar. Wir vergessen die Zusammenhänge, die Geschichte(n) unserer Realitäten im Glauben, sie wären natürlich, notwendig, normal.

Man denke hier wieder an Kenji oder Izutsu und deren Begriff des Oberflächenbewusstseins. Oder an Bruce Fink: in den Grundlagen psychoanalytischer Technik schreibt er vom Zuhören. Wir führen meist Gehörtes (auch Gelesenes usw) auf unsere Überzeugungen zurück, sehen sie meist in diesem Licht. Das geht von einem Phantasma bis hin zu Überzeugungen und das bildet wohl ein Netz. In Bezug auf die psychoanalytische Praxis bedeutet diese Haltung allerdings, dass eine Analyse im Imaginären verbleibt. Wenn ich Gehörtes der Analysanden einbette in das, wovon ich überzeugt bin. Überzeugungen meinen durchaus auch die Theorie, von der ein Analytiker jeweils überzeugt ist.

Somit werden Etiketten zu ‚objektiven Wahrheiten‘, anhand derer wir wahrnehmen, das ist der Punkt, der die vrttis leidvoll mache. Wir nehmen nicht zunächst  zB Menschen wahr, Lebewesen, sondern Ausländer, Inländer, Fremdes, Eigenes, Nützliches, Männer, Frauen, oder Nutztier und Haustier, Unkraut, etc. – unsere gesamte Realität ist ausgestattet mit Etiketten – umgekehrt werden wir jeweils so wahrgenommen. „Etiketten als Zeichen, um Gepäckstücke wiederzuerkennen, haben eine bestimmte Nützlichkeit.
Aber wenn Menschen durch die Etiketten wiedererkannt werden, die man ihnen gegeben hat, so hat diese vrtti verheerende Folgen für das Überleben der Menschen auf diesem Planeten […] Darüber hinaus beschränkt sich ihr Ansatz in der Betrachtung der objektiven Welt auf die Beziehung zwischen Objekten in einer fragmentarischen Weise, weil dieser Ansatz die grundlegende Tatsache eines ökologischen Gleichgewichts im Kosmos vernachlässigt. Dies hat schon zu katastrophalen Folgen geführt […] Und schließlich wird deutlich, daß die vermittelnde Funktion dieser vrtti für eine intelligente und harmonische Beziehung zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Natur sich als verheerend für das Überleben des Menschen auf diesem Planeten erwiesen hat“[27].

Die Praxis und Philosophie des Yoga kann hier nun nicht mehr erläutert werden, es ist aber ebenso wie die Tiefenökologie eine Philosophie und Praxis, also Denken und Handeln – in eins fallend, könnte man sagen. Ein ruhiges Denken, das mit dem Leib beginnt, „Die Atmung ist die Intelligenz des Leibes“, wie Desikachar schrieb. Überaus interessante und inspirierende Sache, die wieder zum Anfang führt, in dem Næss sein Verständnis der Psychoanalyse und dem Begriff der Tiefe erläutert. Das zur Ruhe kommen im Yoga dient auch dem sich Vertiefen, auch in Unangenehmes, Leid-erzeugendes, um an dessen Wurzel zu gelangen. Man kennt das, in einer ’signifikanten‘ Situation taucht Abwehr auf, Panik, oder so etwas. Kaum merklich taucht das Bewusstsein in dieses Gefühl ein, oder würde das tun, katapultiert sich aber hinaus, zu schnell, als dann noch einmal die Spur in die Tiefe zu finden wäre. Eben weil das Denken (das vielleicht oft zu eng gefasst wird) in einer bestimmten Bewegung ist und sich sofort dem zuwendet, was -auf den ersten Blick- schützt, oder einfach ablenkt, vermeintlich nützlich ist. Unglaublich schnell bauen sich Konstruktionen auf, die über den Riss getürmt werden. Für Neurotiker ist das sozusagen völlig normal, sie bewegen sich kollektiv in diesen Konstruktionen. Für andere ist es immer wieder eine Arbeit von Neuem. Aber das ist eine etwas zu sehr verallgemeinernde Aussage.

Man sieht, nicht nur Naess fand sich aufgerüttelt, war nicht einverstanden mit dem Umgang, dem Bild von Wirklichkeit, welches eine Zivilisation zeichnet. Kritisiert wurde die Tiefenökologie hier und da als „technologie-feindlich“, jedoch ist dies nicht der Fall, vielmehr steht die Forderung nach sogen. sanften Technologien im Raum. Tiefenökologie ist auch nichts utopisches, da bewusst ist, dass für vielerlei Probleme zunächst Zwischenschritte nötig sind und man nicht durch ein Hau-Ruck-Verfahren die Gesellschaft verändern kann.
Spannend, einer der Ausnahme-Denker unserer Zeit, der sich mit eben dieser hautnah befasst hatte, für den Engagement, Fühlen und Denken nicht voneinander zu trennen waren. Von den Wurzeln der Wahrnehmung hinauf auf den Tirich Mir, den er als erster erklomm.

 

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[1] David Rothenberg, 1993: Is it painful to think? Conversations with Arne Naess, S. 34

[2] Ebd., S. 29

[3]Ebd, S. 26

[4] Ebd., S. 30f

[5] Gilles Clèment, 2007: Manifest der Dritten Landschaft, Merve Verlag

[6] Arne Naess, 2013: Die Zukunft in unseren Händen, eine tiefenökologische Philosophie, S. 14 (Einleitung von David Rothenberg)

[7] Ebd., S. 17

[8] Ebd., S. 31

[9] Ebd., S. 15

[10] Ebd., S. 17

[11] Vgl. ebd., S. 18

[12] Ebd., S. 19

[13] Ebd., S. 20

[14] Ebda

[15] Ebd., S. 26

[16] Ebd., S. 22, 110

[17] Eb., S. 25

[18] Vgl. Izutsu, Toshihiku, 1984: Die Entdinglichung und Wiederverdinglichung der „Dinge“ im Zen-Buddhismus in: Japanische Beiträge zur Phänomenologie

[19] Arne Naess, 2013: Die Zukunft in unseren Händen, eine tiefenökologische Philosophie, S. 49, S. 58

[20] Kenji, Shino, 2011: Aufnahme und Antwort – Phänomenologie in Japan I, S. 42f

[21] Ebd., S. 43

[22] Vgl. Arne Naess, 2013, S. 32

[23] Vgl. ebd., S. 58f

[24] Die Wurzeln des ‪Yoga; Die Yoga-Sūtren des Patañjali mit einem Kommentar von P.Y. Deshpande. Mit einer neuen Übertragung der Sūtren aus dem Sanskrit herausgegeben von Bettina Bäumer, 1976, S. 30ff

[25] ebda

[26] ebda

[27] ebda

[28] Clèment, 2007: Manifest der Dritten Landschaft, Le Tiers-Paysage 

Architecture japonaise, japanische Schiebetüren bilden einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen, heben diese Unterscheidung gewissermaßen auf

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