Cixous&Lyotard [Geschlecht und Ordnung]

Der Titel hätte auch Geschlecht und Repräsentation lauten können.
Es reden mal andere, zwei andere, die Texte geschrieben haben, als hätten sie via á vis gesessen, oder auch schräg gegenüber, oder nebeneinander. Beide bringen so einiges auf ihre Weisen auf den Punkt. Ihre Punkte, durchaus streitbar, aber unabweisbar.
Hélène Cixous: Geschlecht oder Kopf &
Jean François Lyotard: Ein Einsatz in den Kämpfen der Frauen

Beide Texte umspannen sehr persönliche Rahmen und reichen weiter bis hin in eine fundamentale Kritik dessen, was man Kultur nennt, sowie Operatoren der Metaphysik und somit der Philosophie. Nun ein paar Auszüge dieser beider sehr pointierten Texte.

…“man muss die Kultur beim Wort nehmen“

Beginnend mit Gedanken zur Mythologie, zu Teiresias, der, der von beiden Seiten sehen kann und bezüglich der Zänkereien zwischen Hera und Zeus, merkt Cixous an, dass das Altertum mit den Möglichkeiten der Identifikation bescheidener umgegangen sei als unsere Zeit führt uns Cixous in eine Geschichte aus dem alten China. Diese Geschichte aus dem Handbuch für Kriegskunst stammend, erzählt von Sun Tze, der die Frauen des Königs (an die hundertachtzig) zu Soldaten machen soll. Warum der König diesen Wunsch hatte, sei das einzige in der Geschichte, das man nicht weiß. Manche kennen wohl diese Geschichte: In zwei Gruppen geteilt, beginnen die Frauen zu lachen, als Sun Tze die ersten Übungen absolvieren will – Trommelschläge, die Schrittfolgen anzeigen, nach rechts, links, Kehrtwendung, usw. Die Frauen lachen umso mehr, beginnen zu schwatzen, desto mehr Sun Tze auf die Wiederholung dieser Schrittfolgen insistiert. Dies wird in Rahmen der Kriegskunst als Meuterei interpretiert, dies hat zur Folge, entsprechend der Vorschriften, dass die Befehlshaberinnen der zwei Gruppen getötet werden. Enthauptet. Nun folgen und lernen die Frauen, drehen sich nach rechts, links, schweigend.

Auch Lyotard beginnt mit dieser Geschichte, zuvor merkt er an, sich bewusst zu sein, dass seine „Ausflucht und seine listige Vorsicht“ wahrscheinlich männlich bleiben würde. Bezugnehmend auf Sun Tze meint er, dass Kennzeichen der Männlichkeit der Anspruch sei, Ordnung herrschen zu lassen. Zwei, pardon, jedoch im anderen Sinne, eine Art Spiegel vorhaltend, signifikante Begriffe: Anspruch und Ordnung. Lyotard sagt schon mehr als genug. Die Frauen werden zivilisiert, also vermännlicht, indem zwei der lachenden Frauen getötet werden. „Wirklich zivilisierte Frauen sind Tote oder Männer“. Hier aber, können sie heimlich weiterlachen – Innerhalb einer männlichen Ordnung, einer Gemeinschaft freier Männer, die hellenistisch sprechen, Waffen tragen und sich demselben selbst errichteten Gesetz unterworfen betrachten  – „das Wort, das in dieser Mitte ausgesprochen wird, erweist sich als konstituierend für die Gesellschaft“

Zurück zu Cixous: „Man kann sich keine perfektere Repräsentation jener gewissen Beziehungen zwischen zwei Ökonomien vorstellen: einer männlichen und einer weiblichen Ökonomie, wobei die männliche organisiert wird in einer Ordnung, die sich selbst verbucht … Eine Ordnung die sich durch Einschärfung, durch Erziehung errichtet […] Wenn der Mann funktioniert durch die Kastrationsdrohung, wenn die Männlichkeit in der Kultur als etwas von der Kastration Bedrohtes vorkommt, dann kann man sagen, daß der Schlag … der Widerhall dieser Kastrationsdrohung bei der Frau seinen Aufschub erfährt als Enthauptung, als Hinrichtung der Frau, als Verlust des Kopfes“. [Und eine Frau in einer Burqa, Niqab, etc. sind hier nun kein Paradebeispiele, glaube ich. Christina v. Braun meinte einmal, die unsrige, genuin christlich (dogmatisch) geprägte Kultur sei eine der Enthüllung, eine der des Blicks, während hingegen jüdische und muslimische Kulturen eher solche des Verbergens seien. Gewissermaßen ist diese Diskussion also zu breit für hier. Aber ein sehr guter Artikel, weitsichtig, aus dem Jahr 2010 von Andrea Wald gibt es auszugsweise hier].

Eine elementare Frage der Geschichte, der Kultur stellt Cixous. ZB. die einfache Frage: „Wo ist sie denn, gibt es sie denn?“. Die Frage nach dem Ort. Man könne sich sicher sein, der Platz der Frau, der ist im Bett [oder Dingen, die dies kompensieren. Nicht jeder Mann, männlich sexuierte Mensch penetriert nur im Bett. Das Bett ist wohl auch eine Metapher. „Ihre Reise geht von Bett zu Bett, indem sie nur träumen kann“]. „Sie liegt und sie schläft: sie ist gestreckt“. Von Traum zu Traum, immer an zweiter Stelle und dann kommt das Rotkäppchen. Eine kleine Klitoris sei dies und dieses Rotkäppchen, es mache einen Seitensprung, es suche Vergnügen in seinem pflichtbewussten Tagesablauf. Rotkäppchens Mutter schickt es vom einen Haus ins andere, von der einen Mutter zur anderen, auf dem kürzesten Weg.

Das Bett, Sex. Lyotard beschreibt sehr treffend, das selbst eine „heutige Erotik“, vermeintlich emanzipiert, eine Homologisierung meint, die von einem absoluten Wert beherrscht wird: der permanenten sexuellen und affektiven Verfügbarkeit“, das Gesetz der Austauschbarkeit unter dem einen Wert. Das „Imperium des Signifikanten“.

Und da aber, der Umweg, das, „was eine Frau niemals tun darf, ihren einen eigenen Wald durchqueren“. Sie erlaubt sich etwas, wofür sie teuer bezahlen muss. Der böse Wolf, das theoretische Über-Ich, jedoch gleichermaßen, obgleich psychoanalytischer Terminologie, die Infragestellung deren Praxis, denn sie erforscht ihren Wald „ohne die Erlaubnis des Analytikers“. So sehe man sie „gestreckt zwischen zwei Häusern, zwischen zwei Betten, immer gefangen in ihrer Kette von Metaphern, wie sie die Kultur [und deren Phantasmen] organisieren, immer Mond für die männliche Sonne“

Cixous überfliegt die klassischen Oppositionen, duale Ordnungen, die automatisch auch klein/groß, überlegen/unterlegen meinen, produzieren. Sämtliche Symbolische Systeme – also alles was sich organisiere, alles was uns verhaftet sei, ist organisiert in hierarchisierenden Ordnungen –„die zurückgehen auf die Opposition Mann/Frau […]“. Unabdingbar lesenswert hier ist Stuart Halls „Das Spektakel des ‚Anderen‘“.

Das Paar als Ort, als Kriegsschauplatz in der Kultur

In dieser Ordnung, da gibt es Paare, das Paar, Mann und Frau, was hält es am Funktionieren, man möge hier beginnen, wenn man Kultur dekonstruieren wolle. (Nicht nur aber auch, metaphorisch gedacht – ) Phallozentrische Sexualität, der Mittelpunkt der meisten Paare, die welcher eindimensionalen Ordnung unterliegt? Was wäre „eine völlig andersartige Paarbeziehung, was wäre eine Liebe, die nicht einfach eine Hülle wäre, nicht einfach eine Verschleierung des Kriegs?“

Man muss die Kultur beim Wort nehmen, eine politische Reflexion kann nicht ohne eine Reflexion der Sprache stattfinden. „Von Anfang an wird man in eine Sprache hineingeboren und die Sprache spricht (zu) uns, die[se] Sprache diktiert uns ihr Gesetz, das ein Gesetz des Todes ist: sie diktiert uns ihr Familienmodell, sie diktiert uns ihr Ehemodell, und sobald man dabei ist, einen Satz zu produzieren, wenn man das Sein zuläßt, wenn man Ontologie zuläßt, nun, dann ist man gleich geschnappt von einem Typus des männlichen Wunschs, der den philosophischen Diskurs antreibt […] sobald man eine Frage stellt, sobald man eine Antwort verlangt, nun, dann ist man bereits im männlichen Verhör gefangen […]

Was ist das? Wo ist das? Das ist eine Wirkung des vom Bedeuten-Sollen […] von der prädikativen Distribution, die immer gleichzeitig die Bildung von Sinn verlangt, und während sich der Sinn konstituiert, geschieht dies nur in einer Bewegung, wo der eine Teil des Begriffpaars, wo der eine zugunsten des anderen zerstört wird“.

Was will sie? Freud tut mit seiner Frage nur so als ob [man denke an die Ordnung des als-ob-nicht]: sie ist eine rhetorische Frage, „was will die Frau, heißt sie als Antwort nehmen […] Ein Mann, der eigentlich nicht mit einer Antwort rechnet, da die Antwort heißt: Sie will nichts“ oder anders: Ohne mich, was könnte da sie schon wollen?“

Das Unbewusste ist immer Kulturell

Sie ist ausgeschlossen aus dem Symbolischen, eingeschlossen nur unter repräsentationslogischen Bedingungen. Lacan meinte, sie habe über ihr Genießen nichts zu sagen, sie „vermag“ nicht. Ausgeschlossen aus dem Ort der Sprache, der im Sinne dieser Sprache, Gesetz ist, keine andere zulässt, weil ihr der Bezug zum Phallus fehlt. „Weil sie keinen Gewinn aus dem zieht, was die Männlichkeit organisiert, nämlich die Kastrationsdrohung“. Die Konsequenzen sind weitreichend, der Köper ist sexualisiert, „er erkennt sich nicht als weiblich oder männlich, bevor er nicht die Kastrationsdrohung durchgemacht hat“. Eine Ordnung, die hierdurch gestiftet wird, eine des Besitzes, anstatt der Verwaltung, eine des Blicks, eine, die mit Notwendigkeit argumentiert und gerade dadurch ihre Unzulänglichkeit zeigt.

Ebenso Lyotard: Wenn Freud frage, was denn die Frau wolle, dann gebe er als Mann zu verstehen, daß sie passiv ist, nichts will. „Wenn er sagt, dass die Libido immer männlicher Natur ist – darin einer Meinung mit jenem Besucher pornographischer Filme, der auf die Frage, warum sich Frauen solche Darstellungen nicht interessieren, antwortete: Die Frauen? Schon mal Frauen gesehen, die sich für Sex interessieren? Frauen haben kein Geschlecht“ [Sexualität als relativ eindimensional verstanden]. Dito Lacan, anstelle der Libido tauche hier das Signifikante auf, der Signifkant, „der Phallus als apriorische Bedingung jeglicher symbolischer Funktion“ – die Drohung der Kastration. Männliche Kultur, Sexualität, Kriegskunst.

„Der nomos versucht den Überschuß zu begrenzen, indem er ihn nach Vorschriften und semantischen Inhalten artikuliert. Die zweite Spannung hingegen fällt mit der pistis zusammen, und ist darauf gerichtet, den Überschuß jenseits jeder bestimmten Bedeutung offen zu halten“ (Agamben, Die Zeit die bleibt, S. 150)

Eine Ordnung des Blicks, denn man „hält ihr Bilder vor, die nicht an ihr haften und sie bemüht sich diesen Bildern zu gleichen“. Eine Ordnung des Besitzes und somit der Investition, „nehmt Don Juan und ihr habt die ganze männliche Ökonomie, die sich organisiert ausgehend von „der Frau gerade soviel geben, um sie für die Dauer des Beischlafs zu beleben“. Das Bett, der Beischlaf, wie gesagt, auch einfach als eine Metapher. Gerade so viel, so viel, dass man weiß, denn Nichtwissen ist etwas Bedrohliches, daher ist die Antwort schon in der Frage. Gleichzeitig ist es aber „auch (und das ist nämlich die Kastrationsdrohung) das, was den Wunsch nach Wissen wieder aufrüstet“.

Der Widerstand, gegenüber dem männlichen Begehren, eine Hysterie, man müsste es sich als solches vorstellen, es zulassen – die Frau als Abwesende, aufhören, das zu unterstützen was Cixous das Reich des Eigenen nennt, eine heterosoziale Ordnung, in der der Mann regiert. Das Nahe ist der Nächste, „das reich des Eigenen, die Kultur, funktioniert durch Aneignung, die sich artikuliert und handelt durch die klassische Furcht des Mannes, sich enteignet zu sehen […]“. –Wenn ein Mann ausgibt, dann unter der Bedingung, daß es wieder reinkommt.

Was ist zu tun? Eine Umarbeitung des Bezugs zur Metasprache. Eine wilde Sprache, durch das Seltsame. Keine Fragen, die ihre Antworten mit sich führen, „wo komme ich her“, sich nicht stützen auf das Sagen-Wollen, sondern ein Niveau des Fühlen-Wollens.

Lyotard schreibt von einer Guerrila-Sprache, die unterwandert, von diversen Verschiebungen, die Hoffnung geben, dass das Imperium des Signifikanten sich auflöse, sich männliche Körper auflösen und ein anderer sexueller Raum, eine andere Topologie der erotischen Verkettungen zu Tage trete. „Auch der Körper des ‚Weibs‘ würde sich in ein Puzzle von Potentialitäten auflösen […] Die Unterschiede durchqueren, die ‚eigenen Körper‘ auffächern, statt einen starren Gegensatz zwischen männlich und weiblich zu errichten“ .. denn dann ereigne sich das, was man gemeinhin Liebe nennt.

 

 

 

 

Lyotard 2

 

Aus: Aisthesis – Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Hg: Karl H. Barck, Heide Paris, Stefan Richter, Peter Gente, Reclam Leibzig, 1990

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