Soziale Arbeit: Theorien und Triangulierung

Ein riesen Feld, auf den ersten Blick, Soziale Arbeit – auch als Handlungswissenschaft. Bio-psycho-soziales Modell als Leitfaden, neomarxistische Perspektive, oder prozessual-systemisch, oder problematisch: funktionale Orientierung, dann ist die Rede von holistischen oder atomistischen Paradigmen, die Theorien sozialer Arbeit beeinflussen (manchmal, ohne das dies reflektiert würde) und dann streut sich das Feld auch noch in klinische und sozialraum-orientierte Arbeit. Einiges an Theorien, Methoden und Konzepten, Perspektiven und bestenfalls wendet man verschiedene, vielleicht auch sich widersprechende an. Das wäre das mixed methods-Prinzip und dies sei eher für die theoretische Arbeit relevant. Also wenn die Erfahrungen der Praxis Sozialer Arbeit reflektiert werden – denn verschiedene Konzepte und Theorien geben einem schlicht verschiedene Blickwinkel auf einen Fall, oder ein Phänomen. Man nennt dies auch triangulierendes Verfahren und dieser Begriff zeigt schon, warum es sinnvoll ist. Ein Paradebeispiel für das Anwenden verschiedenster Methoden (im Bereich qualitativer und quantitativer Forschung und somit verschiedenste Perspektiven in der Erhebung und Interpretation der Ergebnisse) scheint nach wie vor die Untersuchung „Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit“ zu sein. Das triangulierende Verfahren führt dazu, sich nicht auf einen Blickwinkel zu versteifen, sondern eher als beforschendes Medium zu fungieren, sich also vielmehr auch auf anderes beziehen zu können, statt nur einseitiger, also phallischer Orientiert- und Bezogenheit (eine Fanfare auf Wortspielereien und deren tieferen Sinn).

Soziale Arbeit versteht sich als Handlungswissenschaft und von Haus aus als trans- und interdisziplinäres Feld (Staub-Bernasconi). Im Gegensatz zu Psychologie und anderen, die lieber ‚bei ihren Leisten bleiben‘ und deren Theorien einen Abwärts- oder Aufwärtsreduktionsimus aufweisen (an anderer Stelle dazu mehr), sticht die so oft übersehene und scheinbar unterschätzte Soziale Arbeit (als Handlungswissenschaft) heraus aus diesem Paradigmendschungel. Eben diese zeichnet sich in ihrem potentiellen Denken dadurch aus, sämtliche Ebenen menschlichen Lebens zu durchziehen. Sie bezieht viele Perspektiven aus sogenannten Bezugswissenschaften, Politikwissenschaften, Soziologie, Ökonomie, Ökologie, Stadtplanung (urbaner – ländlicher Raum), Psychoanalyse (Begriff der Übertragung, und vor allem der der auch hier als schädlich betrachtenden Gegenübertragung), Psychologie, etc. . Sicherlich oder vielleicht gibt es streitbare Punkte in der Weise der Interpretationen der Inhalte der diversen Bezugswissenschaften, aber momentan einfach mal nur die Praxis der Theorienbildung Sozialer Arbeit im weisten Sinne, die sich durchaus durch Diversität auszeichnet.  

Was die Scheuklappen (z.B. normatives Denken) betrifft, genau da knackt es dann auch schon, vielleicht. Helmut Pauls im Sinne (klinischer) Sozialer Arbeit spricht beispielsweise von Passung. Man muss das allerdings nicht eindimensional verstehen. Es kann auch von einer Passung des Umfelds einer Adressatin die Rede sein, vermute ich, interpretiere es einfach so [vgl. Pauls 2013, S. 19]. Also nicht eine Passung ausgehend von einem Adressaten, als das sich jener eingliedern müsse, das Soziale Arbeit darin besteht, jenen wieder einzugliedern und dann war´s das. Eine Passung kann sich ebenso auf ein Umfeld beziehen. Staub-Bernasconi würde sich vehement gegen eine solche Praxis wehren, die sich lediglich als inklusionsfördernd/exklusionsvermeidend versteht (die Fragen, in was und zu welchen Bedingungen inkludiert würde und aus welchen Gründen exkludiert wurde, ginge verloren). Dies würde einem schlicht funktionalistischen Ansatz entsprechen und im weiteren Sinne einem holistischen Paradigma entsprechen, in dem Individuen nur anhand ihrer Pflichten gegenüber dem ’sozialen Ganzen‘ betrachtet würden, verkürzt formuliert. Vielmehr würde so vor allem „dem Aufbau und Erhalt einer symbolischen wie strukturellen Machtordnung“ gedient werden. Es geht hier um Bedeutungssysteme, deren verschiedene Ebenen Gegenstand Sozialer Praxis sind. Wenn ich z.B. einen Fall nach Kriterien des Mangels behandele, Mangel im Sinne eines Mangels an wirtschaftlichen Gütern, also genauer eines Versagens in der Arbeits-, Produktion-, Konsum- , Verbraucher-, und/oder Investitionsrolle, dann befinde ich mich auf Seiten affirmativ-konservativen Variante funktionsbezogener Theoriebildung. Ebenso wenn ich Fälle als Versagen gegenüber der Anforderungen moralischer Ordnungen werten würde [St.B., 122]. Gesellschaft wird hier als ein Gebilde verstanden, für jenes Armut kein Problem darstellt [St.B. bezieht sich auf Theorietraditionen, von z.B. Baecker, 1984, Hillebrand 1999 oder auch Klumker 1918]. Fürsorge werde zwar nicht als mindere politische Maßnahme betrachtet, jedoch ist ihre Aufgabe vor allem jene, ihre Schützlinge „volkswirtschaftlich nutzbar“ zu machen und die theoretische Orientierung habe sich an die Ökonomie zu halten. So kam es dann (Klumker) zur Definition Sozialer Arbeit: sie sei Erziehung, sie ist „Verwertung Unwirtschaftlicher“. Ja, lange her, könnte man sagen, wären da nicht all die Seminare, Workshops und sonst was zum Thema Selbst-Optimierung, Coaching und Co. Foucaults Begriff der Biopolitik leuchtet auf; die damit verbundenen Disziplinierungsmaßnahmen von damals sind heute die der Selbstdisziplinierung. 

Diese Perpektive, also jene Klumkers nennt Staub Bernasconi auch Abwärtsreduktion, d.h., eine beobachtende Instanz, die nach Verhaltensabweichungen frage und dissoziales Verhalten feststelle, rücke lediglich einen kleinen Ausschnitt des Individuums in den diagnostischen Mittelpunkt, nämlich das Produkt von (unerfüllten) Bedürfnissen, beeinträchtigten Lernprozessen, Ohnmachtserfahrungen und Enttäuschungen und dies aber „ohne die Notwendigkeit, die gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen selber in Frage zu stellen“ [St.B., S., 123].

shadow of Saturn on the rings (NASA/JPL-Caltech/Space Science Institute, for further information, click on image)

shadow of Saturn on the rings and moon Mimas (NASA/JPL-Caltech/Space Science Institute)

Alice Salomon (1872 – 1948) brachte das Tema der Diagnostik aufs tableau. Mary Richmond (1861 – 1928) prägte die Denkfigur der Person-In-Environment. Ilse Arlt (1876 – 1960) war eine der Bedürfnis-Theoretikerinnen der ersten Stunde, oder Jane Adams ist zu nennen (1860 – 1935), Mitbegründerin des Hull House und laut Staub-Bernasconi die erste Systemtheoretikerin Sozialer Arbeit. Heutzutage ist Staub-Bernasconi bekannt für die Einführung des „professionellen Triplemandat“, nebst „beruflichem Doppelmandat“, Helmut Pauls ist bekannt für Stärkung oder gar Etablierung der klinischen Sozialen Arbeit. Diese Vertiefung Sozialer Arbeit ergab sich u.a. aus dem Dilemma, dass bei komplexen Fällen Psychotherapeuten oftmals sagen, sie können mit dem Fall x nicht arbeiten und vice versa ein Sozialarbeiter sagt, er kann mit dem Fall x nicht arbeiten, jener bräuchte zunächst eine therapeutische Intervention, aber der Therapeut eben meint, er könne so nicht, .. . So kommt es, das Pauls im Grunde einen Aspekt der Sozialen Arbeit klar formuliert: Soziale Arbeit ist immer auch therapeutische Arbeit, Soziale Arbeit ist immer auch durch ein „(sozial-)therapeutisches Verständnis fundiert“ (H.Pauls, 2013:19). Spricht man mit Sozialarbeitern, erfährt man von den Problemen (heutzutage sagt man lieber „Herausforderungen“), die sich manchmal in multiprofessionellen Teams ergeben: Da ist ein Sozialarbeiter und ein Therapeut (nebst anderen, Arbeitsmarktservice-Beratern, oder Jugendamt, etc.) und von Seiten det Therapeutin zeigt sich eine abschätzige Haltung. Sie meinen manchmal, in Sachen Therapie eine Deutungshoheit inne zu haben – nebst Realitätsferne. Beispielsweise ist es jenen manchmal unverständlich, warum überhaupt jemand keine Sozialversicherung mehr beziehen könnte. Sie meinen dann beispielsweise, diverse Aufgaben ‚delegieren‘ zu können. „Der hat keine Arbeit, sorgen Sie (Sozialarbeiter) mal dafür, das er wieder eine findet“, „sie ist nicht sozialversichert, machen Sie das mal“.
Für Staub-Bernasconi liegt das am unhinterfragten Paradigma der Anschauungen der (individualistischen) Psychotherapie/Psychologie: es wird nur das Individuum in seinem Sein und Sagen betrachtet  – nebst normativer Überzeugungen; gesellschaftliche, staatliche, etc. Machtstrukturen, die jenes durchkreuzen (Stichwort: Ausstattung), bleiben oft unterbelichtet.

Ein riesen Themenbereich, der sich (mir) eröffnet. Zum Thema Sozialer Diagnostik gäbe es einiges zu sagen (Peter Pantuček-Eisenbacher entwarf den IC (-2), der im Gegensatz zum ICD (-10) aufgrund seiner Struktur nicht stigmatisierend wirke), vieles gäbe es ebenso zur Geschichte Sozialer Arbeit anzumerken, undundund. Anschließend nun noch ein paar Eindrücke, also Auszüge aus einem Text zum Thema Armut:

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Silvia Staub Bernasconi, 2007: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft, UTB Verlag

Helmut Pauls, 2013: Klinische Sozialarbeit, Belitz Verlag

Christoph Butterwegge, 2010: Ein kaum lösbares Dilemma für die Soziale Arbeit – Armut ist zwar ein Skandal, aber funktional, in: Soziale Arbeit 10/11.2010

vgl. zu IC bspweise Peter Buttner, 2013: Diagnose und Kritik in: Psychosoziale Diagnostik, Hg: Silke Gahleitner, Gernot Hahn, Rolf Glemser, Psychiatrie Verlag

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