Body Mirror – Delightful Tableaux

Bellmer: Spiel der Puppe

Bellmer: Spiel der Puppe

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miroir? Entfremdung. Abweichung. Abweichungen, in Summe ein System von Möglichkeiten. Jedes Mal, aufs Neue. „Es scheint, daß de Sade in dieser optisch-anatomischen Theorie des Imaginären das Wesen des Phantasmas aufdeckt, das in der Tat nur die Artikulation, die Urform der Abweichung ist“ [Tort, 110] Und er arbeitet damit, er zeigt, verzerrt und klar. Im Grunde. Man ließt vielleicht nur das was die Zeilen schreiben und nicht was sie sagen können.

Bellmer: Exzentrizität

Bellmer: Exzentrizität

Körper, wundervolle Körper, mit Haut überzogen, Umriss, Medium, Nahtstellen, einen Körper bewegen und tragen, Bewegungen wie Musik, Haltung und diese bewegen, scheinbar straff, doch so weich, scheinbar kühl, so brodelnd, Linien, Gleichgewicht. Angriffe auf ein inneres Gleichgewicht, Zentrum und Peripherie, der Schwerpunkt hier oder da. Das scheinbare Gegenstück (zum obigen Bild) zeigt sich so, dass der Körper in Mitten des Ringsystems hängt [vgl. Bellmer, 29f]. Gegensätze. Möglichkeiten.

Zurück vor den Spiegel und die Einbildungskraft. Ein Zerrspiegel, weil er von „Anbeginn an deformiert war durch das erste Bild, das er reflektieren musste“ [Tort, lehnend an den Text ‚Justine‘, 109]. Und noch weiter, unser Organ, Organ der Sinne, in dem sich Objekte fangen und verändern, jeweils jeweilig, und in dem sich auf Grund des ersten Anblicks dieser Objekte Gedanken bilde(r)n [vgl. Tort, scheinbar immer noch an ‚Justine‘ anlehnend, 109]. Aber,…wir sind halt so, wozu das, wir können nur…, weil doch jenseits des Signifkantennetzes, jenseits des Sehfeldes in Wirklichkeit überhaupt nichts bleibt [vgl. Copjec, 48]? Vielleicht gerade deshalb! De Sade. Nur Pervers? Ein Irrer? Oder Konsequent, ehrlich, sehend ohne zu schauen? Wie ließt man seine Texte. Bleibt man auf der Ebene dessen, was man sieht und liest? Oder geht man weiter, durch? Wo liegt Philosophie begraben, wo Parodie, Provokation, Theater, es bleibt den Lesenden (und ihrer Einbildungskraft) überlassen, „Wenn wir nicht alles gesagt, alles analysiert hätten, wie hätten wir deiner Ansicht nach erraten könne, was dir frommt? Es liegt also an dir, zu nehmen und das übrige zu lassen; ein anderer wird es ebenso machen, und allmählich wird alles seinen Platz finden“ [Tort zitiert de Sade (120 Tage I, 113), 117f].

Das ins Unendliche auffächern des Bildes, das Bild zu vielen werden lassen, Körper ins Unendliche verteilt, vielleicht ist das Lust – keine Fokussierung, Teile, ins Unendliche vervielfacht. Fächer der Subjekte. Madame de Saint-Ange:“By reflecting the positions in a thousand different images, the mirror infinitely multiply the same delights in the eyes of the people enjoyning them on this ottoman. That way, no part of either body can be concealed: everything must be exposed“ (de Sade, Boudoir, 17). Ui ui, Pfui pfui.

Scham und Schuld

Ja, dazu könnte man… dazu kann man..Fragen stellen. Nackte Schuld. Bloße Haut. Wo beginnt Schuldigkeit. Warum schämt sich jemand. Da gibt´s wohl Gründe, da kann man sich ruhig schämen. Es gibt wohl Gründe, da schämt man sich, warum eigentlich. Scham gegenüber was? Wenn etwas nicht passt, ins tableaux, worin wir sind, was wir sehen, die Norm? Da lief mir jetzt das über den Weg:““Whereas before, the common idea was that masturbation caused insanity, now it was increasingly repeated that masturbation was the effect of insanity (and a symptom of degeneration)“ (Bonomi, 565). Aha. Paradigmenwechsel. Nett. Ja, Masturbation ist auf Dauer langweilig, dachten sich vielleicht einige Herren. Und riefen zum Diktat: Der vaginale Orgasmus muss her. Nicht das ich diesen irgendeiner irgendwie absprechen will. Aber zu den Paradigmen: Der Knabe so, das Mädchen so. Weil. Und deshalb, eigentlich und bestenfalls: So. Fortpflanzung. Wir, Karnickel. Was hat Lust mit Fortpflanzung zu tun? Lust, fächert sich auf, kennt keine Focussierung, ist mehr als ein Paradigma.

„Beschränkt, weil alles, was man von ihr sagen kann, ist begrenzt, sie beengt. Im kleinsten Raum engster Sicht sucht man rechnend und klügelnd die Stelle ihres Herzens, ermißt man den Glauben an die Kindheit“ [Bellmer, Spiele der Puppe I]

Ja, das Diktat, Frau muss, so und so, weil und bla. Reagieren und funktionieren. Männer übrigens so. Sagte er, sagten die. Was ist das denn. Fetischisierung von Körpern? Was spricht denn da? Phantasmen? Rein da? Das Phantasma wird zur Regel, zur Theorie, eine scheinbare Normalität unterstreichend. Im Grunde ist das…pervers?

„Mit vollen Wangen naschhaft gekostet, duftende innere Blumenhaut. Rosa Mund, natürlich noch rosa am Giebel des ganzen schwarzen Waldes“ [Bellmer, Spiele der Puppe IV]

oooh pfui!

Das Auge, mit der Vorstellung des Geschlechts belastet. Sagt Bellmer, ich will nichts sehen, ich will nicht mehr sehen. Ein Schock, Schuldgefühl. Mit der Hand sehen können, das Geschlecht, die Geschlecht-Achsel. Erregungsherd [vgl. Bellmer, aus dem Kontext gerissen, 78]. Verschiebung. Fächer. Das, was sich nicht focussieren lässt, nicht begrenzen lässt, zum Diktat. Erinnerungsbilder – Wahrnehmungsbilder, Frühes und Spätes. Abweichung, Gleichgewicht.

„Die Schundschriftsteller, Zauberer und Zuckerbäcker hatten das Geheimnisvolle und das schöne Süßliche, das Unsinn hieß und Freude bedeutete. Sie verscheuchten jedes Mißvergnügen, das sich in meinen Erlebnissen gewöhnlich mit nützlichem Zweck verband, und zeigten der Neugier, die abseitigeren Wege“ [Bellmer, 9]

Jean Arp, Growth, 1938

Jean Arp, Growth, 1938

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Quellen:
Hans Bellmer: Die Puppe, Ullstein KunstBuch, Frankfurt a.M., Berlin, Wien, 1983
Carlo Bonomi: The relevance of castration and circumcision to the origins of psychoanalysis, in: Int J Psychoanalysis, 2009
Joan Copjec: Ließ mein Begehren, Kirchheim Verlag, München, 2004
Marquis de Sade: Philosophy in the Boudoir, penguin books, 2006
Michael Tort: Der Sade-Effekt, in: Das Denken des Marquis de Sade, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1988. Titel der Französischen Originalausgabe: La pensée de Sade, Zeitschrift Tel Quel, Paris, 1967

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