Graph und Projektion

Man kennt sie, all die ‚Zeichnungen‘ von Lacan. Sie sollen etwas darstellen. Was stellen sie dar, was ist das überhaupt? Vielleicht sind sie weniger „Schrift“*, vielmehr sind sie Projektionen, im Sinne von Land und Landkarte. Also vielmehr im mathematischen Sinne, ist jede Projektion auch immer eine Verkürzung, eine Reduktion, eine Verzerrung, sogar. Im Grunde einfach nur ein Abbild, dessen eigentliche Kurven und Vertiefungen zugunsten von Linien und Punkten verschwunden sind. Genau das sind vielleicht Lacans sogenannte Matheme und Graphen. Es sind Abbildungen, im mathematischen Sinne, und hierbei ist die Basis immer fraglich, immer -eigentlich- unklar. Es gibt eigentlich – hier nun – kein Objekt. Sobald es das gibt, auf Seiten der Analytiker, haben wir ein Problem, genau dann, wenn das Abbild nicht mehr Abbild ist, sondern Objekt wird. In dem Moment beginnt man vielleicht, zu vernähen.
Es gibt keinen Ausgangspunkt. Eine Basis verstanden als Perspektive jener Person, die analysiert, wäre durchaus problematisch, kann man hier (leider) von einer Deutungshoheit sprechen, ein Machtgefälle tut sich auf. Abbildungen schweben, bleiben an ihren Rändern vor allem unklar und auch immer in ihren Kreuzungen kontrastreich; blöd, wenn jemand denkt (im Sinne des sogenannten ‚gewöhnlichen Denkens des gesunden Menschenverstands‘, ein riesen Problem).

Jene, die erzählen und sprechen, bilden ab und jene die hören, sehen oder fühlen tun das auch. Im quasi-mathematischen Sinne treffen sich diese angesprochenen Personen im Moment der „Abbildung“. Ein Abstraktum, das für jeden etwas anderes bedeuten wird, etwas anderes an Empfindungen auslösen wird und so eine jeweilige Gestalt annehmen wird. Eine Abbildung kann entstehen im Zwischenmenschlichen durch vielleicht in einem Begriff**, oder in einer Tonlage, usw., oder in einem Schweigen (das von beiden Seiten kommen kann), dort, wo sie sich treffen, kreuzen undoder streifen. Beide Positionen sind immer nur Bewegungen, immer könn(t)en Veränderungen stattfinden. Denn, Abbildungen führen ja jeweils zurück und vor allem anderswo hin (wenn man nicht zu z.B. Identifizierungen neigt), es sind Referenzmomente, ohne je gültig oder klar zu sein. Eine Gegenübertragung ist immer ein Akt, in dem sich meine Überzeugungen über das Gehörte, Gesehene, etc. lagern, ich dieses, oder andere Phänomene, nur in Referenz meiner Überzeugungen wahrnehmen kann.

Ein Abbild ist ebenso wie ein Bild etwas Symbolisches. Eigentlich. Ein Spiegelbild, auch genau das des kleinen Kindes, das davor steht und fragt „bin das ich“, ist symbolisch – insofern es nur ein Bild ist. Es verschiebt sich ins imaginäre Register nur dann, wenn die anteilige Bezugsperson dieses Bild zum „ich“ macht und sagt „ja, das bist du“, anstatt zu sagen „nein, das ist nur ein Bild“. Ein Bild, das zwar wiederspiegelt – aber doch nur eine Momentaufnahme, und das auch nur zweidimensional.

aus Seminar XXIII

*Schrift vielleicht durchaus doch in dem Sinne, dass sich für Lacan etwas schrieb, etwas schreiben konnte. Aufgrund seiner Betonung mathematischer Überlungen aber abstrahieren sich diese Schreibereien jedoch von seinem Schreiben, oder anders: Sein Unbewusstes schrieb sich nicht, da war nichts mehr, was sich schreiben oder sagen wollte, sondern nur mehr ein ‚gleichschwebendes‘ Linien projizieren, ohne Inhalte. Oder aber, angesichts der drei Register, die keine Fluchtlinien, Netze, Verzweigungen bilden wollen, war da vielleicht doch etwas, was sich schreiben wollte, aber keine Worte fand und sich deshalb wiederholte (ist die Entwicklung der Linien und Knoten überhaupt wiederholen?).

**schwierig, oder vielleicht überhaupt nicht, denkt man an Nietzsche, der darlegte, dass wir nur in Metaphern sprechen und somit Bedeutung immer substituiert ist und/oder immer verschoben. Man treffe immer nur das Daneben und das ungefähr. Ist sie substituiert muss man suchen und graben, ist sie verschoben muss man suchen und spielen. Sie, die Bedeutung, die es nicht gibt. Insofern ist die Projektion (im mathematischen Sinne) vielleicht eine gute Idee. Es gibt hier wohl Regeln und somit quasi fixierte Bedeutungsmomente. Die betreffen aber lediglich die Weise, wie etwas projiziert wird. Man nehme nur die äußersten Zutaten, man schraffiert nur mehr. Ich denke weniger an die Optik, oder sonstige bereits etablierte Referenzpunkte, sondern eher an das abstrakte ‚Bild‘, das lediglich Strukturmomente aufnimmt und wiederum verzerrt wiedergibt und die Verzerrung aber immer Teil der Sache bleibt. Hierbei spielen Inhalte keine Rolle, sondern nur Orte. Vielleicht ist das auch nur ein leidiger Versuch, eine Art ingenieur-haftes Denken anzuwenden, oder einen vermeintlichen Strukturalismus, oder einfach das Denken Bergsons einzuführen. In einer Analyse dürfen keine Fragen nach Inhalten eine Rolle spielen, also im Sinne davon, dass ein Ort mit einer Idee gefüllt würde und dann drehe es sich darum, lediglich die Verortung im Netz ist relevant und der Ort bleibt leer, da ich als Analytiker keine Ahnung davon habe, wie sich diese Orte der (für die) Analysand_Innen anfühlen, ich kann nur ahnen, wo sie sein könnten, wie sie mit anderen verbunden sein könnten usw. und mir ein „Abbild“ davon machen. Also anders formuliert: Ein Analysierender kann nie den Ort es Wissens, des Wissenden besetzen, ausfüllen, vielleicht nicht mal tangieren.

 

 

Ich lerne durch meine Analysandinnen und Analysanden, sie lehren mich was Psychoanalyse ist“ (Lacan 1976). Freud war derselben Meinung. Beide werden verehrt und ihre Phrasen wiederholt und wiederholt, auf das man hier schon an eine gewisse Symptomatik denken könnte. Man lernt nicht an einer Universität, was Psychoanalyse ist. Es gibt keinen Grund, dafür zu ‚kämpfen‘. Warum kämpft niemand für eine Ausbildung an Fachhochschulen (die Nähe zur jeweiligen Praxis an diesen Schulen spricht für sich)? Oder: Warum kämpft scheinbar niemand für die Ausbildung, wie sie ist – an ‚kleinen‘ Instituten?

Tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.