das real Psychische

“Das Verdrängte ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland, so wie die Realität – gestatten Sie den ungewohnten Ausdruck – äußeres Ausland ist” Freud, 21. Vorlesung

 

Ein weiteres Zitat bezieht sich auf auf die Traumdeutung. „Das Unbewusste ist das eigentlich real Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig  wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane“. So weit so gut und so weit so einige indifferente Auffassungen.
Denn: über die Phänomene, wie sie uns die Sinnesorgane liefern, wissen wir wenig. Nichts. Es ist der Verstand, der psychische Apparat selbst, der Reduktionen der Erlebenswelt produziert und uns Ausschnitte liefert. Freud geht davon aus, das man Wahrnehmung klar scheiden könnte in Bewusstsein = Denken, Unbewusstsein = Rest (nicht-Denken, nicht-vernünftig). Interessant an der Stelle ist folgende Versuchsanordnung: Time Slices: What Is the Duration of a Percept? Eine Versuchsanordnung, zwar im Modus Subjekt-Objekt-Gegenstand, die aber andeutet, dass wir Wahrgenommenes immer in eine gewisse Form bringen, die mit der Wirklichkeit nicht mehr allzu viel zu tun hat: „For this reason, the brain functions such that we consciously perceive only the  most plausible solution, and not a confusing manifold of possibilities that occur during unconscious processing. Theun conscious feature integration period is the period of sense-making“. Sense und confusing, was auch immer das sein sollte, als ob man es als objektive Begriffe fassen könnte. Wir neigen tendenziell dazu, zu identifizieren und die Ergebnisse dessen bilden die Sphäre des „Sinns“. Im Grunde sehr wenig, klitzekleine Ausschnitte, auf denen wir aber gerne ruhen. Mann, Frau, Ausländer, Demokrat, Sozialist, Patriotin, Schwarzer, Chinesin, Objekt, Subjekt, Anwältin, Arzt, etc. – es gibt durchaus verschiedene Ebenen die jew. unterschiedliche Hierarchien bilden (Klasse, Geschlecht,….), aber immer läuft es auf Fixierungen hinaus. Es spielt darauf an, was Izutu Bewusstsein-von nennt und das ist nur eine Krücke, und das weiß es, dieses Bewusstsein-von, deshalb wird es so schnell wütend, empört, bildet Ressentiments aus.

Freud 1900, S. 617f

Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg e.V.

Worauf diese Erläuterung anspielt ist u.a die Blick-Position des Subjekts, die eine ist, die glaubt, von einem bestimmten Punkt aus, schauen zu können. Einerseits berührt das den theoretischen Bereich der Psychoanalyse, andererseits den der Erkenntnistheorie und die des Subjekt sein selbst, die Ebene dessen, das sein Subjekt-sein nicht aufgeben will. Wobei es oft der Fall ist, dass diese Position im erkenntnistheoretischen Bereich doch eher relativ betrachtet wird. Als Ergebnis jener Leute, die schauen -> Schauen impliziert, ein Forschungsdesign konstruiert zu haben, eine Fragestellung, Messdimensionen festgelegt zu haben, etc. – und die berühren insofern niemals „Wirklichkeit“, sondern geben nur mögliche Aussagen über einen Ausschnitt, der bestenfalls aussagekräftig und/oder repräsentativ ist, aber nicht mehr. Also die Frage danach, Wirklichkeit itself zu berühren, stellt sich gar nicht im Sinne guter „wissenschaftlicher Praxis“. Dieses itself, das es nicht gibt, dieses aber benennen zu wollen verweist auf Angst, den die taucht immer dann auf, wenn etwas verdeckt wird. Wenn das, was das Westlich-Zivilisierte gerne als Leere bezeichnen, benannt werden will. Wenn das, was Lacan Jouissance nennt, einen Begriff finden will und in diesem dann verharrt. Allein schon der Begriff und die Idee der Zeit ist symptomatisch.

Nun, wir Menschen nehmen Wirklichkeit wahr, folgt man Kant, entlang unserer Sinnesorgane, die uns einen dauernden Haufen an Eindrücken liefern, der aber, wiederum für uns träge Wesen, schlicht too much ist und insofern verstandesgemäß in Kategorien, Systeme, oder um zentrale Figuren herum geordnet wird. Der Ruf nach Ordnung ist ja heutzutage besonders laut. Daraus folgt meist sowas wie ein Wahlerfolg von Trump, Zulauf zu Gruppen wie der der AfD, den Identitären, und Co. Die sichern nämlich unsere Grenzen, unsere „kulturelle Identität“. Ja, davon war die Rede auch schon vor etwa 60-80 Jahren +, nur damals war es der „gesunde Völkskörper“ der geschützt werden muss und heute ist es „unsere kulturelle Identität“. Dabei bin ich mir sowas von sicher, das ich nicht dieselben Werte mit jenen teile, und dennoch in einen Topf geschmissen werde. Werte, auch so ein Begriff, pardon, einer der populistischen „Kackscheiße“. Unhinterfragte und stumpfsinnige Äußerungen, die glauben, das Grenzen so etwas wie eine (natürliche) homogene Gruppe repräsentieren könnten. In Folge ist dann die Rede von Integration, die meist mehr Assimilation meint, da ‚wir das Fremde‘ nur dann annehmen können, wenn es sein Fremdsein abgelegt hat. Was für ein latenter Sadismus ist Alltag und Konvention geworden? Freiheit, eine der demokratischen Bla Bla´s. Heißt Frei-Sein nicht vor allem auch, frei sein von Vorurteilen und Konventionen?!

Zurück zu dem schwierigen Aspekt der Wahrnehmung und dem Denken. Ein Zitat könnte Licht in diese Sache bringen. Diese beiden Dinge, Wahrnehmung und Denken, resultieren aus einer wahrscheinlich groben Fehl-Prämisse, die Körper und Geist trennt. Das Zitat bezieht sich eher auf die verstandesgemäße Trennung von dem „Einen und dem Vielen“. Früher und auch heute noch (latent) ist es üblich, das Viele auf das Eine zu reduzieren, oder es auf es zu beziehen (Gott, Signifikant, Natur, Welt, Kosmos, selbst das Geschlecht, die Kultur hat Facetten ‚des Einen‘, ..) und dabei aber…vergisst man etwas.
„In either case, manusually takes notice of the images in the mirror, and the mirror itself remains unnoticed“. Das Geschehen des Unbewussten, auf obiges Zitat gedacht, bleibt verkannt. Man vergisst auch, das es nur ein Bild ist. Es bleibt auch vielmehr nun auch das verkannt, wofür es kaum einen tauglichen Begriff gibt. The mirror itself, den gibt es nicht, nicht in unserer Sprache, die trotz Verschiebungen von Bedeutungen (was sie durchaus auszeichnet), durch Trägheit charakterisierbar ist. Wir kleben nicht nur an Begriffen, wir kleben an dem Sprachlichen überhaupt. Das berührt das Thema der Denotation. Die Poesie wäre ein Beispiel, vielmehr das Gedicht, dafür, wo Sprache den Bereich der Denotation verlässt und trotzdem bedeutsam bleibt. Es betrifft unseren Gebrauch der Sprache.

Was wir denken, sollten wir nicht immer glauben. Das wäre ein Fazit, das man ziehen kann, sobald man sich durch fern-ost-asiatische Metaphysik, oder auch die des frühen Islam gewälzt hat. Die Sprache verändert sich und auch die Idee der Erkenntnis, des Wissens, des Verstehens. Wir sollten mit zwei Augen sehen, anstatt zu glauben, die zwei Augen würden eine Gewissheit bilden. Schon wieder so ein Problem. Das der Sprache. In der frühen islamischen Metaphysik gibt es die Metapher des man of two eyes“: Mit einem Auge die Einheit, also absolute Realität sehend und mit dem anderen die Mannigfaltigkeit, also die Phänomene dieser absoluten Realität. Die Absolute Realität verschwimmt allerdings, verliert an Relevanz aufgrund des anderen Auges, und die Einheit verliert an Relevanz aufgrund des anderen Auges. Es kommt auf ein ausgewogenes Verhältnis an. Ich kann von Gott reden, aber damit den völlig Anderen meinen (Lévinas) und somit das eine Auge der Einheit ‚blenden‘. bevor es auf die Idee kommt, Absolutes zu formulieren. 

Unsere ganze Geschichte der Metaphysik, also der vermeintlich-der des Denkens, macht es uns unmöglich, Phänomene, wie die der Demenz zu denken. Wir verdrängen und glauben zu verhindern zu müssen, nur. Jenseits ‚der Vernunft‘, das gefällt uns nicht. Vielleicht ein Grund, weshalb einige Konzepte der Verhaltenstherapie gefeiert werden. Weil, da funktionieren wir ja zumindest kurzfristig wieder. Das Thema selbst, das unserer Zivilisation und ihrer Dogmen (Vernunft, Rationalität, Bürokratie, Effizienz und Bürokratie) berühren wir ebenso wenig wie das Fremde. Wir Assimilieren, ganz unsere Geschichte vergessend (erster und inzw. zweiter und dritter Kolonialismus), unser Unvermögen vergessend. Wirklichkeit nehmen wir nur in der Form, in der sie praktisch ist. Jetzt. Was uns jetzt Profit oder Befriedigung verschafft. Und das Andere, das muss auch so sein, wie wir denken. Die armen Frauen im nahen Osten, die müssen wir emanzipieren, weil früher, da brachten wir allen den richtigen Glauben und heute, bringen wir allen die richtige Politik. Aber Wirklichkeit, die nehmen wir nicht wahr. Nur in ihrer reduzierten Form, die wiederum für uns praktisch ist, für uns Kleingeister. Wenn wir glauben, etwas zu wissen, folgen wir der Idee des „unification of the knower and the known“ (ittihâd al-´alim wa-al-ma´lûm) und das ist schlecht. Das ist  A gleich A. Aber A kann auch B sein, oder D, H, P,… . Verstandesgemäße Wahrnehmung grenzt aus. Sie entspricht der Entweder-Oder Logik, anstatt einer der des Sowohl-als-Auch.  All das, sind ‚unbewusste‘ Mechanismen und insofern braucht eine ‚Revolution des Herzens‘, wie es Kant formulierte, gewissermaßen in einem anderen Kontext, oder auch nicht. 

 

vgl:
Jacques Lacan, 2010: Die Angst – Seminarbuch X, S. 24, 58f, 63

Izutsu, Toshihiku, 1971: Concept and Reality of Existence, S. 1-25 (der sich auf u.a. Ḥaydar Amulī und Ṣadr ad-Dīn Muḥammad Shīrāzī bezieht)

Herzog MH, Kammer T, Scharnowski F (2016): Time Slices: What Is the Duration of a Percept? http://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.1002433 

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