Kehrseiten und deren Fragen I

 

Die Perversion ist das Negativ der Neurose. Oder ist die Neurose das Negativ der Perversion? Kommt es auf dasselbe heraus? Ist die Perversion die Kehrseite der Neurose, oder die Neurose die Kehrseite der Perversion? Die Neurotiker verdrängen, die Perversen führen das Verdrängte vor Augen? Rührt daher vielleicht die Faszination vieler Analytiker für die Perversion? Heißt das, Analytiker sind durchaus und oftmals neurotisch? Sie können es nicht lassen, an das zu fassen…….  Was bedeuten die Begriffe pervers und neurotisch in gesellschaftlicher Perspektive? Macht es überhaupt Sinn, solche Verallgemeinerungen anzustellen? Spukt hier das Psychotische auch herum? Ist man, man – das Neurotische – schwerstens fasziniert und beschäftigt zugleich damit, mit all den Dingen, die sonst verdrängt seien, sie zu bearbeiten – im Sinne davon, sie einzumauern in gewisse Erklärungsmuster, welche einer Verdrängung gleichkommen?

Thomas Gatzmeier, 1994: Dichtes Gewirr

Das Psychotische, einer Anmerkung würdig: Die These, dass eine Überbehütung, oder anders formuliert, eine ’spezielle Mutter-Kind-Beziehung‘ ursächlich für eine psychotische Entwicklung sei, ist sehr präsent, immer noch. In der Psychoanalyse, in der Forensik, etc. . Jedoch, was meine Erfahrung zeigt und was einige mir bekannten Fallbeispiele zeigen, handelt es sich (grob geschätzt) in lediglich ein oder zwei von zehn Fällen um eine ’spezielle Mutter-Kind-Beziehung‘. Vielmehr trifft man auf Biographien, die dominante Väter mit sich bringen, hinter denen die mütterliche Bezugsperson im Grunde völlig verschwindet. Oder, noch häufiger, trifft man auf massive Vernachlässigung und/oder massive Gewalterfahrungen, kurz: völlig zerrüttete Strukturen. Das sind Momente, in denen man irgendwann das Gefühl bekommt: Die herkömmlichen (psychoanalytischen) Theorien haben wenig oder gar nichts mit der Realität der Betroffenen zu tun. Ist das ein strukturelles Problem? Ein strukturelles Problem insofern, dass Väter in der Ätiologie nicht in dieser Weise aufscheinen? Und auch insofern, dass psychoanalytische Theorie nun doch etwas (klein)bürgerliches ist, ödipal struktuiert (unter dem ‚durchlaufenen‘ Ödipuskomplex verstehe ich die Genealogie der Neurose) ?

War Joyce wirklich psychotisch? Den einen Roman, den er schrieb (neben einigen völlig ’normalen‘ Kurzgeschichten), entsprach der nicht nur einer gewissen Technik? Was sagt es, dass er selbst, nach Veröffentlichung des Finnegans Wake scheinbar überaus interessiert daran war, was andere dazu sagen werden (diese Information habe ich aus der kommentierten Reclam-Ausgabe)? Würde ein Psychotiker einen anderen so etwas fragen? Ich denke hier an Fink, der meinte, dass ein Psychotiker eigentlich nicht dazu tendieren würden, einen anderen, zB einen Analytiker zu fragen, ob er normal sei, er fragt es sich selbst. Deshalb ist er nicht neurotisch.

Ein Zitat: »Sie wissen vielleicht, dass der Transsexualismus genau aus dem sehr energischen Begehren besteht, mit allen Mitteln zum anderen Geschlecht überzuwechseln, und sei es, wenn man auf der männlichen Seite ist, dass man sich operieren lässt.« Dabei wird »dem psychotischen Aspekt dieser Fälle ganz aus dem Wege« gegangen, der in der Verwerfung des Namens-des-Vaters, zum Ausdruck kommt. (vgl. Jacques Lacan – Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Seminar XVIII, 2. Sitzung).
Das Argument, das hier vorgebracht wird, fußt auf dem Moment des Namen-des-Vaters (NdV). Dieser sei verworfen. Der NdV ist ein neurotisches Symptom. Dementsprechend sagt obiges Zitat nichts anderes als: Sie sind psychotisch, weil Sie nicht neurotisch sind. Das ist, mE, ein riesen Problem. Auf ähnliche Formulierungen trifft man häufig. Immer sagen sie lediglich: Sie sind pervers, oder psychotisch – weil sie nicht neurotisch sind. (Abgesehen von der bereits neurotischen Implikation des oben genannten „Geschlechtswechsels“, der wiederum der neurotischen Logik des Entweder-Oder entspricht. Sind nun Trans*Leute vielleicht doch neurotisch, weil sie diese Phantasmen aufführen, auf Umwegen, auf der gesellschaftlichen Bühne?) Ist, kurz und gut, der psychoanalytischen Theorie eine neurotische Tendenz zuzuschreiben? Einfach daher, da diese Struktur scheinbar als Maßstab gilt? Es ist absurd, etwas zu vergleichen und dabei die eine Seite des Vergleiches als Maßstab zu nehmen.

work in progress, jetzt heißt es, diese und jene Texte durchzuforsten.
Es ergeben sich vielleicht weitere Fragen: Ist die Sprache, völlig salopp postuliert, eine Kleidung oder eine Begrenzung der Wahrnehmung, oder beides? Wie stark ist überhaupt die Differenz zwischen Bild und Wort? Und ist die Differenz zwischen Mann und Frau vielleicht nur eine, die eigentliche Differenzen überlagert („verkleidet“) und somit keine mehr ist, sondern vielmehr ein träges Machwerk des (neurotischen)Verstandes?

 

 

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