Psychiatrie/Reform und anderes

Theorien

Wahnsinn oder Verrücktheit, ganz lapidar definiert, bezeichnen Verhaltens- oder Denkmuster, die nicht einer jeweiligen sozialen Norm entsprechen und „keine andere Krankheitsgruppe [die der Schizophrenien] hat in der Menschheitsgeschichte so viele Erklärungsversuche, Missverständnisse und Fehleinschätzungen hervorgebracht“ (Bischkopf et al 2017: 89). Andersherum betrachtet, ließe sich sagen, dass die Idee einer sozialen Norm, die einer ‚normalen‘ Ordnung in sich selbst eine Grenze zum Wahn aufbaue, den sie aber gerade dadurch als solchen überhaupt bestimme „und zwar gemäß einer binären Logik, die Krankheit und Gesundheit voneinander trennen“ (Kupke 2012: 108). Begriffe wie normal, oder normale Wahrnehmung führen unweigerlich zu einem problematischen Menschenbild, oder zu Ontologisierungen inklusive ideellem Maßstab. Eine ‚normale‘ Wahrnehmung, ein ‚normal‘ arbeitender Verstand, so sagt man, synthetisiert und reduziert sämtliches Erleben und bildet Erfahrungen, formt sie z.B. zu Gegenständen, die voneinander geschieden sind, entlang von Kategorien, die dazu führen, dass wir Dinge im Raum und in Räumen wahrnehmen können (und zwar so, dass sie den Kategorien entsprechen und: Raum an sich konstituiert sich, fallweise und verschiedenartig), ein Ich konstituieren, ein (‚bürgerliches‘) Zeitgefühl entwickeln und all das stimmt den Wahrnehmungen anderer mehr oder weniger überein (nicht, weil ‚die Welt‘ so ist, sondern weil viele ähnlich ticken/sozialisiert werden, etc.). Kurz: eine konstante Welt. Wir verlieren uns nicht in einer Art Erlebnisstrom, in dem ich ‚mich‘ verliere, der mich überflutet. Insofern spreche man auch von einer Dünnhäutigkeit – mit dem Risiko der Überflutung durch Wahrnehmungen von außen und Impulsen von innen, daher die Flucht in eine andere Realität, das verweist vielleicht weniger auf ein individuelles Problem, sondern eine problematische, diesseitige Realität (vgl. Bischkopf et al 2017: 91, siehe auch Navratil 1978: 13). Das Andere, das Fremde situiert sich in dem Bereich, in dem ‚diese Welt‘ keine Koordinaten der Gewohnheiten stiftet, sozusagen. Psychotische Menschen, die Wahnvorstellungen bilden, ‚tun‘ das vielleicht, um eben nicht wahnsinnig zu werden. Sie bilden etwas, das für sie wiederum Ordnung schafft, eine zwar wahnhafte Ordnung, aber eine, in der sie (vorrübergehend) ihren Platz haben und ihre Welt bedeutsam (konstant) erscheinen lässt. Während Bedeutungen unter ‚den Normalen‘ ihren mehr oder weniger fixen Platz haben (fixe Idee? Wackelt dieser Platz, kommt es zu seltsamen Diskussionen, die oftmals mit Identität zu tun haben), flottieren sie bei ‚den Anderen‘. Der Nachrichtensprecher liest nicht einfach die Nachrichten vor, er spricht zu mir, Mitbewohner wollen nicht einfach wissen, was ich koche, sie wollen mich vergiften, Lampen sind nicht nur einfach Lichtquellen, sondern repräsentieren eine Königin, die mich beobachtet.

An artist's depiction of Earth's magnetism in action (NASA)

Nun sind obige Überlegungen schön und gut, sicherlich berechtigt und richtig, jedoch richten sie sich vor allem an ‚die Normalen‘, oder auch an entsprechende Professionen. Für einen Psychotiker, der beispielsweise massiv unter imperativen, bedrohlichen Stimmen leidet, bringen diese Ausführungen allein herzlich wenig. Vielmehr sollen sie zu einem anderen Umgang führen, zu mehr Anerkennung der Problemlagen, die meist durch verschiedene Faktoren bedingt sind. Sie sollen einer Haltung vorbeugen, die den anderen als nur krank (Stichwort compliance) abstempelt und lediglich symptomorientiert (oder einseitig biologisch,- oder psychisch orientiert) arbeitet und vielmehr den Blick für deren Form von Realität öffnen.

Was das Verständnis, also die Definitionen der Psychosen angeht, hat sich einiges verändert. Vor etwa hundert Jahren, wobei fallweise auch noch heute im Rahmen psychoanalytischer und ähnlicher Theorien, war die Rede von einer „primäre Störung der libidinösen Beziehung zur Realität“, wobei die Symptome, also Wahnvorstellungen Restaurationsversuche darstellten (Freud), die Realität also verworfen würde, während sie anders beim Neurotiker, verleugnet werde (vgl. Pontalis, Laplanche 1973: 416). Paradigmatisch hierfür sind Begriffe, wie der des Kastrationskomplexes (welcher manches Mal geradezu auf inflationäre und dogmatische Weise verwendet wird) und natürlich die Idee einer äußeren objektiven Realität (die, wie gesagt, von allen irgendwie ver..modifiziert wird). Ohne nun diese Theorien weiter zu vertiefen, sei nur angemerkt, dass sie inzwischen oftmals in Frage gestellt wurden, kritisiert und weiterentwickelt. Andererseits waren dies zumindest die ersten Schritte, weg von einer rein organischen Perspektive.

Ähnliche Beschreibungen (die leicht dazu neigen, Urteile zu sein) verweisen auf z.B. die Verwerfung des Namen-des-Vaters im Falle einer Psychose, wie es von Lacan formuliert wurde. Wiederum stellt der NdV ein neurotisches Symptom dar und es wird deutlich, dass man hier lediglich sagt: jemand ist psychotisch, weil jener nicht neurotisch ist und es wird deutlich, dass eine Tendenz besteht, etwas zu beschreiben, bei dem ‚das Normale‘ (im Sinne des Neurotischen) als Maßstab gesetzt wird und das Andere lediglich davon abgeleitet wird. Oder auch: Fink schreibt, dass das Zuhören meist auf uns selbst konzentriert bleibe, da es um Identifikation gehe und der Andere als solcher so zurückgewiesen würde (vgl. Fink 2013: 15ff). Etwas weitergedacht: Wenn ich nun als Neurotiker (was forschende Analytiker nicht ausschließt) andere Formen beobachte und zu deuten, zu erklären versuche und mit Begriffen operiere wie Kastrationskomplex (der vielleicht wie der NdV lediglich eine Sache der Neurotiker ist), dann bleibe ich bei mir. Ich leite das andere, das mir Fremde ab, ohne es als solches zu belassen. Bette ich es ein, weise ich es zurück. Ist der ÖK lediglich die Genealogie der Neurose und wenn ja, aus welchem Grund bildet jener die Schablone für andere Phänomene? (ÖK, Schicksal der gesamten Menschheit – Ist diese Idee nicht eher Ausdruck omnipotenter Phantasmen? Wo doch der Analytiker gerade nicht das Subjekt sein solle, das weiß, das sich einbildet, zu wissen – in der Praxis. Warum aber dann in der Theorie?).

Was in der Beobachtung psychotischer und anderer Phänomene wohl fehlte, waren vielleicht quasi neutrale (sogen. triangulative) Methoden oder so, die nicht mit bereits in jener Theorie etablierten Begrifflichkeiten operieren und somit stillschweigend jede Menge Voraussetzungen mit sich bringen. Kurz: obgleich interessante Spuren vorhanden sind, wir wissen wohl eigentlich nichts, oder zumindest sehr wenig.

Als weitere Ursache wird häufig und in verschiedenen Disziplinen immer noch die „überbehütende Mutter“ angegeben. Meiner Erfahrung nach liegt das in maximal zwei von zehn Fällen vor, häufiger scheint eine (auf welche Weise auch immer) dominante Vaterfigur problematisch zu sein und es wird deutlich, dass wir es bei den Versuchen der Ursachenfindung und Theorienbildung oft mit einem (gesellschaftlichen) strukturellen Problem zu tun haben. Es handelt sich bei diversen Theorien wohl manchmal auch um sogenannte „funktionale Abwärts-Theorien“, bei denen ein „gut kaschiertes Dominanzverhältnis“ gegeben ist (vgl. Staub-Bernasconi 2007: 127).

Heute bieten sich Krankheitsbezeichnungen an, die z.B. auch Schnittmengen zu anderen Krankheitskategorien beachten (vgl. Bischkopf et al 2017: 89). Der Begriff der Psychose alleine sei manchmal ungenau, da jener „alle ‚Störungen‘ umschreibt, die mit psychotischen Symptomen […] einhergehen, das kann aber z.B. auch bei Demenzen, Abhängigkeitserkrankungen, hohem Fieber und neurologischen Störungen der Fall sein“ (ebda.). Wie schon gesagt, im Grunde wissen wir relativ wenig, vor allem was die Ursachen betrifft, ob man nun von Bewältigungsversuchen früher Erfahrungen und Krisen ausgeht, oder von einer Störung im Neurotransmitterhaushalt: „eine einfach Ursache-Wirkungs-Beziehung ist bislang nicht erwiesen“, weshalb man von einer multifaktoriellen Ätiologie sprechen kann (ebd. 93 und vgl. Stitz 2011: 93). Anzumerken ist noch, dass einige dazu tendieren, auf den Begriff der Schizophrenien zu verzichten, da dieser von Bleuler geprägte Begriff als diskriminierend und unpassend empfunden werde (vgl. Bischkopf et al 2017: 89). Hierzu meint Navratil, dass die Sprache der Psychiatrie eine kakophemische Tendenz habe: „Glimpfworte neigen dazu, zu Schimpfworten abzusinken“, was er aber durchaus auf Einstellungen in der Mehrheitsbevölkerung zurückführt (Narvatil 1978: 11).

Anti/Psychiatrie und Reform

Die Psychiatriereform sollte u.a. auch hier ansetzen, denn die Ausgliederung von Langzeitpatienten in kleinere (gemeindenahe) Einrichtungen sollte wohl auch der Stigmatisierung entgegenwirken und es ist fraglich, inwieweit das erreicht werden konnte. Weitere zentrale Aspekte der Psychiatrie Reform, die bearbeitet werden sollten sind u.a. der Vorrang des medizinischen Krankheitsmodells, oder auch die ärztliche Dominanz im Sinne paternalistisch-kontrollierender Umgangsweisen (vgl. Bischkopf et al 2017: 31). Vor allem antipsychiatrische Bewegungen versuchten sich in ambulanten sozialen Settings, jedoch kamen einige Aspekte der Antipsychiatrie in die Kritik, da sie als „zu ideologisch ausgerichtet“ eingestuft wurden (vgl. ebd.: 32). Um kurz auf den Vorrang des medizinischen Krankheitsmodells einzugehen, sei angemerkt, dass sich die Psychiatrieforschung in den USA seit der Entwicklung von DSM III (wieder) stark am ‚biologisch-neurologischen Krankheitsmodell‘ orientiert. Es herrscht ein durchaus mechanistisches Paradigma vor, denn man vertrete die Auffassung, „dass es sich bei psychischem Leiden um Krankheiten des Gehirns handelt“(Stichworte zb Serotonin und Dopamin) also Dysfunktionen der Hirnschaltkreise (Michels 2017: 42). Die Überzeugung, zugrundeliegende „biologische Mechanismen“ (Marker) auffinden zu können bleibt bis heute leer, da sich bis dato keine finden ließen, „die zur Differenzialdiagnostik einsetzbar wären“ (ebd.: 45). Es zeigt aber, wie dominant die Interessen der Forschenden sind, Hand in Hand mit VertreterInnen der Pharmafirmen und wie wenig demgegenüber die Wirklichkeit, die Lebenswelt, die Interessen, oder Bedürfnisse derer, um die es geht.

Interessanterweise scheint man in Norwegen einen völlig anderen Weg einzuschlagen, denn es scheint Pilotprojekte in Sachen medikamentfritt behandlingstilbud (medikamentenfreie Behandlung) zu geben, eine Initiative des Gesundheitsministeriums[1] und man darf gespannt sein, wie es sich entwickelt. Im Zuge der Psychiatriereform und der Sozialpsychiatrie entstand in den 1970gern auch das Konzept Soteria (Luc Ciompi), zu dessen Kernelementen „Begleitung der Betroffenen in Form des aktiven Dabeiseins in einer angenehmen und reizarmen Umgebung, zurückhaltender Umgang mit Psychopharmaka und ein milieutherapeutischer Ansatz“ gehört und es gab Versuche, diese Kernideen im stationären Krankenhaussetting umzusetzen (vgl. ebd.: 94), was in u.a. Berlin, München, oder Bern gelungen ist[2]. Trotz dem Anschein einer wieder zunehmenden neurologisch-biologischen Orientierung scheint es ausreichend andere Möglichkeiten zu geben, um einem einseitigen Paradigma vorzubeugen, da sich Trialog und Soteria bereits bewährt haben.

Möglichkeiten

Wie schon angedeutet, zeigt sich oft eine gewisse Hilf- oder Ratlosigkeit, was die Behandlung angeht (wobei diese Hilflosigkeit oft maskiert wird). Medikamente alleine heilen nicht, sondern unterdrücken ‚bestenfalls‘ die Symptomatik. Erzählungen einer Bekannten folgend, scheint ihr Psychiater auf ihre Klagen bezüglich der (oft echt massiven) Nebenwirkungen lediglich zu sagen, sie solle ihr Medikamente nehmen, durchaus in harschem Ton. Keine Spur von Aufklärung in Sachen Medikation, keine Spur von Mitspracherecht. Fallweise wird sie nun also auf Wunsch zu Terminen begleitet. [was die Nebenwirkungen angeht, sind auch sog. Spätdyskinesien zu beachten, die leider all zu gern von Psychiatern etc. in Kauf genommen werden und aber in real live Verzweiflung und (weitere) Depressionen verursachen können].

Eine begleitende Therapie kommt häufig nicht in Frage oder gestaltet sich schwierig, da bei psychotischen Menschen (oder auch bei jenen des Spektrums der ‚Persönlichkeitsstörungen‘) die Verdrängung* eine enorm wesentliche Rolle spielt und das Sprechen über diverse massive Erfahrungen wiederum psychotische Episoden triggern kann. Begleitende Therapien, insofern sie auf Augenhöhe stattfinden und durch Geduld charakterisierbar sind, stellen wohl im Sinne einer multimodalen Behandlung dennoch einen wichtigen oder wünschenswerten Bestandteil dar. Wobei, … vielleicht auch nicht. Die Psychoeduktion (PE), die meist oder bestenfalls ‚trialogisch‘ stattfindet, stellt für jene eine andere, gute Möglichkeit dar, selbst einen Umgang, ein Arrangement mit psychotischen (od anderen) Episoden zu finden, manchmal sogar einen Weg ‚hinaus‘. Jedoch scheint die pharmazeutische Behandlung an erster Stelle und es ergibt sich für manche die Wahl zwischen Pest und Cholera. Als (klinischer) Sozialarbeiter lerne ich vor allem: Interventionen, Soziotherapie, Diagnostik (die bei ‚uns‘ als Prozess verstanden wird und völlig andere Werkzeuge anbietet), Gesprächsführung etc., motivieren, motivieren, motivieren (was für diverse Handlungsfelder sicherlich adäquat ist. Die meisten Inhalte sind super interessant, immer kritisch beleuchtet, niemals mit dem Stempel der Allgemeingültigkeit, also keine Dogmen.  Die Arbeit lässt sich u.a. so definieren: „Klinische SozialarbeiterInnen sind ExpertenInnen für soziale und psychosoziale Beratung, Behandlung und Intervention“ und schlussendlich „Für eine gelingende Behandlung ist es wichtig, dass neben der somatischen, psychischen auch die soziale Komponente in das Heilungsgeschehen einbezogen wird“ (Stitz 2011: 82f). Ja eh. Aber, in dem Bereich, in dem ich inzwischen arbeite, da darf es einfach auch so sein, dass man nicht ‚gesund werden muss‘ und es gibt ‚keinen Druck, zur Normalität überzugehen‘. Die Theorien der Sozialen Arbeit betreffend, ist es vor allem Staub-Bernasconi, für die die Menschenrechtskonvention (wohl auch UN-Behindertenrechtskonvention) eine von diversen Möglichkeiten der Orientierung in der Praxis darstellt und dadurch hebt sie vor allem den politischen Charakter der Sozialen Arbeit hervor. Insofern könnte es Aufgabe der Sozialen Arbeit sein, „privatisierte Nöte in öffentliche Debatten umzuwandeln“ (Staub-Bernasconi 2007: 310) und vor allem möglichst „unabhängig vom gerade herrschenden Zeitgeist, vom Druck des Trägers, wie der Adressat(inn)en“ zu arbeiten unter Berufung auf eine ethische Basis – ohne allzu idealistisch zu werden (ebd.: 200f).

Mit der Zeit entspannte ich mich geradezu im Laufe des anfänglichen Praktikums und der darauffolgenden Anstellung und hielt und halte mein vermeintliches Wissen in Sachen „Heilung“ oder „Veränderung“ mehr und mehr zurück. Vielleicht ließe sich das so argumentieren, dass ich dadurch einem Machtgefälle vorbeuge, in dem ich dem Recht auf Selbstbestimmung Vorschub leiste und mein Wissen (Wissen bildet vielleicht auch lediglich Überzeugungen), von dem ich lediglich glaube, dass es helfen könnte im Hintergrund belasse und es höchstens dann und wann als Angebot, als Idee in dem Raum werfe. Kurz gesagt: Ein Gefühl dafür bekommen, was meine (fluiden) Überzeugungen sind und wo anderes anfängt. In den Raum Geworfenes arbeitet manchmal und nimmt meist Formen an, mit denen man eh nicht gerechnet hätte, insofern man überhaupt rechnet.

Manche gehen davon aus, das ‚die Kranken‘ solche Entscheidungen nicht treffen können (aufgrund der Krankheit), aber widerspricht das nicht dem Recht auf Selbstbestimmung (quasi gültiges Recht, für manche ein letzter Ausweg, Einspruch einlegen zu ‚dürfen‘, da Österreich bspweise ein Fakultativprotokoll unterzeichnet hat)? Recht auf Selbstbestimmung bedeutet für ‚uns normale‘ Menschen, den ‚Trieb zur Optimierung‘, zu motivieren, das Richtige (im Grunde vlt. nur das Konforme, wenn auch gut gewollt) hinten anzustellen. Manchmal gibt es einfach keine ‚Heilung‘ (manchmal wünschenswert, wenn man sieht, wie sich jemand im Lauf der Zeit zerstört ( blöder Begriff, der auf der Idee oder dem Wunsch der Unversehrtheit aufbaut,..aber gut).  Aber – jemand kann trotzdem ein humanes (…blöder Begriff, aber gut) Leben außerhalb von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen etc. führen. Einfach, in dem dieser Mensch mit all den Eigenheiten so leben kann – was manchmal diverse schlimme Geschichten mit sich bringt, wenn jener Elternperson ist von…. und deren Kindheit entsprechend gestaltet war oder Gewalt im Spiel ist, oder im Wohnverbund schlägt die Krise des einen Wellen und nimmt andere mit… Was bei einem Betreuungsschlüssel von 13 zu 2 schwierig wird. Wie und warum auch immer, ist das nach einem gewissen Maß von Zeit und Beziehungsarbeit – manchmal – kein Problem mehr, wenn eben zb Gewaltausbrüche (endlich) als Schutz, als Ausdruck innerer Not verstanden werden und keinen zusätzlichen Druck erfahren, dann findet man einen Weg. Für jene, die aufgrund ihrer ‚Erkrankung‘ das Leben ihrer Kinder schwer gemacht haben, ja da geht es manchmal einfach darum, das unter Trümmern verborgene Schuldgefühl auch an der Hand zu nehmen. Diese Kinder, die manchmal schon Erwachsene sind, die muss man manchmal auch an der Hand nehmen. Ohne dass das unbedingt zu großen Versöhnungen führt.

Außerdem leben bei uns und sicherlich auch anderswo einige Leute, die im Lauf von gut zwanzig Jahren einige Therapien, Analysen und sonstige Angebote durchlaufen haben und hierin keinen Sinn mehr sehen oder schon zu sehr ‚Experten ihrer selbst‘  geworden sind, obgleich sie an ihrem Inneren vorbei arbeiten (leider manchmal Bestandteil oder Resultat von Therapien oder Analysen. Sie sprechen nicht mehr, sie äußern hauptsächlich Fachbegriffe um ihr Befinden zu beschreiben).

Einige haben rund um die 70ger Jahre ihre Erfahrungen in Psychiatrien gemacht und es ist nicht untertrieben zu sagen, dass dies traumatisierende Erfahrungen waren. Insofern sind auch Vorschläge, die Psychiatrie in Krisenfällen aufzusuchen ein sensibles Thema. Andererseits bieten die Psychiatrien heute auch für manche KlientInnen eine Art Sicherheit, da sie selbst entscheiden zu können, sie aufzusuchen. Auch ein Anliegen der PE: Ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann eine z.B. psychotische Episode beginnt und entsprechende Maßnahmen selbst zu setzen (sei es das Suchen von Gesprächen, die Erhöhung eines Medikaments, eine psychiatrische Ambulanz oder ähnliches aufzusuchen, etc.), unterscheiden zu können, was eher einem sogenannten Wahn entspricht und was weniger, oder auch eine Distanz zu etwaigen Stimmen zu entwickeln. Ebenso ist es wichtig, eigene Grenzen zu entwickeln, also ein Gespür für die eigene Belastbarkeit zu finden.

Eine sagt oft, sie hätte so gerne einen kleinen Freundeskreis außerhalb von ihrer Einrichtung, aber alle Freundschaften sind im Laufe der Jahre aufgrund von psychotischen und depressiven Phasen im Sand verlaufen. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass die meisten dieser Leute schon lange selbst ihre Strategien entwickelt haben, durchs Leben zu gehen und dass es manchmal vielmehr ihre Angehörigen sind, vor allem das Umfeld im weitesten Sinne ist (also Menschen der Gesellschaft), eine Begleitung im Kontakt mit ‚den anderen‘ benötigt.

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Polished Polychrome Jasper from Madagascar

 

[1] Whitaker Robert (2017) im Online-Magazin Mad in America, https://www.madinamerica.com/2017/03/the-door-to-a-revolution-in-psychiatry-cracks-open/

[2] Siehe http://www.soteria-netzwerk.de/Einrichtungen.htm

*in der PSA sagt man, Psychotiker verdrängen nicht, sie haben „kein Unbewusstes“. Eine sehr einseitige Aussage, die vielleicht völlig an der Wirklichkeit vieler vorbeigeht.

Harm Reduction Guide  http://willhall.net/comingoffmeds/

Bischkopf Jaennette, Deimel Daniel, Walther Christoph, Zimmermann Ralf-Bruno (2017): Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Lehrbuch. Köln: Psychiatrie Verlag

Laplanche Jean, Pontalis Jean-Bertrand (1973): Das Vokabular der Psychoanalyse. Zweiter Band. Frankfurt a.M.:Suhrkamp Verlag

Navratil Leo (1978): Gespräche mit Schizophrenen. München: DTV

Staub-Bernasconi Silvia (2007): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Bern, Stuttgart, Wien: UTB, Haupt Verlag

Stitz Anika (2011): Schizophrene Psychose. Behandlungsmöglichkeiten und Rolle der Sozialen Arbeit. Coburg: ZKS Verlag

Michels Hans-Peter (2017): Die Suche nach Biomarkern zur Diagnostik psychischer Störungen. Vom Diagnostischen und Statistischen Manual (DSM) zu den Research Domain Criteria (RDoC) in: Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 49 Jg. (1), Tübingen: dgvt Verlag, S. 35-48

Fink Bruce (2013): Grundlagen der psychoanalytischen Technik. Wien: Turia+Kant Verlag

 Trialog „Trialog“ steht für die Begegnung von drei Gruppen von Menschen, die mit psychischen Problemen und mit der Psychiatrie zu tun haben: Betroffene, Angehörige und professionelle HelferInnen, wobei diese Begegnung unter speziellen Bedingungen stattfindet: außerhalb der Familie, außerhalb der psychiatrischen Institution, außerhalb der therapeutischen Situation“
http://www.schizophrenie.or.at/selbsthilfe/trialog/trialog-97.html
http://www.trialog-psychoseseminar.de/de/21/Trialogprojekte.html

im weitesten Sinne

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (Schizophrenie): http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-009.html 

Rahmenbestimmungen der Behindertenrechtskonvention: https://www.behindertenrechtskonvention.info/rahmenbestimmungen-fuer-die-herstellung-der-chancengleichheit-fuer-behinderte-menschen-3127/

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