Viele Geschichten

Entweder-Oder, Weder-Noch und Sowohl-als-Auch sind verkürzt formuliert die Perspektiven, wenn es um Sexualität, Gender, Identität geht. Die “Fabrikation” von Geschlecht, wie es Laqueur nennt, oder doch der “gewachsene Fels” (der Geschlechterdifferenz), wie es bei Freud bezeichnet wurde und somit im Unbewussten verortet ist?

Psychoanalytische Theorien können gut ohne rigide Muster des Entweder-Oder im Namen der vermeintlich einen Differenz auskommen. Subjektwerdung und Geschlecht, Ödipuskomplex und derlei müssen keineswegs im Raster männlich oder weiblich gedacht werden. Dafür müssen diese Konzepte nicht verzerrt oder verneint werden. Könnte man vielmehr davon ausgehen, die Theorien auf ihr Wesentliches zu bringen?

Rigide Muster, da sei an Deleuze und Guattari gedacht: Sie kritisierten gerade den rigiden Gebrauch der Synthesen des Unbewussten. Ihre Kritik schließt an der Kritik Kants am transzendentalen Paralogismus an, weshalb sie auch vom Paralogismus der Psychoanalyse schreiben. Synthesen des Unbewussten deshalb, da es bei Freud, Lacan und Co heißt, das Unbewusste kenne sozusagen die Geschlechterdifferenz, es habe binär-strukturierende Funktion. Laplanche würde vielleicht einwenden, dass die Differenzierung des Geschlechts (eher) im Vorbewussten stattfindet. Deleuze und Guattari unterscheiden in Hinblick auf den Gebrauch, den man vom Unbewussten macht. Vielleicht könnte man sagen, dass man über das Unbewusste selbst nichts wissen kann, aber darüber, wie Menschen, wie Diskurse, Theorien von diesem Begriff Gebrauch machen. Die drei Synthesen im “rigiden Gebrauch”:

  1. Konnektive Synthese: eine Serie von Ketten, oder wie eine unendliche Kette (undundund, Verbindung/Gegenwart). Metonymie. Hier kann es sein, dass bereits ein Maßstab als solche installiert wird/sich etabliert (transzendentales Objekt? Metapher?). Bei Kant war dies der Moment der Apprehension. Kontraktionen in Differenz und Wiederholung.
  2. Disjunktive Synthese: “das oder das”; zwei Botschaften, die gleichermaßen vermittelt werden (“double bind”) – in dem Sinne, dass etwas vermittelt wird, wobei aber das Verdrängte mitschwingt. Gewohnheit und Erinnerung. Diese Synthese wirkt exkludierend und restriktiv. Das “despotische Unbewusste”. Es ist die Ebene/der Moment des Aufzeichnens im Sinne einer Verkehrung, die Wirkung/Funktion der 1. Synthese wird verschleiert. Bei Kant war dies “Reproduktion”, in Differenz und Wiederholung ist es hier die reine Vergangenheit.
  3. Konjuntive Synthese: “das also”, das (Wieder)Erkennen (Niederschlag von Gewohnheiten), Intelligibillität, also auch falsche Identifizierungen (“limited and fixed”), biunivokale Identifizierungen (Fabrikation: Mama/Papa und entsprechende Orientierungen); außerdem Ebene der Konsumtion: Der Neurotiker könne nur konsumieren, da seine Aufzeichnungen exklusiver Natur sind. Bereich des Lesbar seins/als Geschlecht erkennbar seins (Butler), Ebene auch des Decodierens (vorbewusste Ebene)? Bei Kant die Rekognition, wir kommen auf Begriffe und Gegenständlichkeit, also Identität (Kategorien/Verstand), es handelt sich um eine empirische und transzendentale Ebene; Akte der Repräsentation/Identifikation, “das Neue hat hier keinen Platz”. In Differenz und Wiederholung ist es hier die leere Zeit; die Konfrontation mit dem Künftigen, also dem Unbekannten.

Inwieweit stützen psychoanalytische Theorien überhaupt eine rigide Matrix und entsprechende Regulierung der Geschlechter? Abgesehen davon, dass sie aus einem etwaigen Milieu resultieren, keine Frage, sie entstanden schließlich nicht in einem Vakuum. Einerseits sind es Behauptungen der Universalität und Allgemeingültigkeit genannter Grundkonzepte, wie das Unbewusste und der Ödipuskomplex. Daran anknüpfend die erwachsene Heterosexualität als Höhepunkt der Reifung. Zwar ließe sich einwenden, dass sich hier eine gewisse Öffnung vollzogen habe und z.B. Homosexualität keine Regression oder Fixierung mehr darstelle. Die Ansicht „Heterosexualität als Norm“ werde heute von Psychoanalytiker_innen „im Bemühen um ein politically correct nur noch leise geäußert“ (Heenen-Wolf, 2018), sie bleibe aber weiterhin äußerst wirkungsvoll. Der Grund für die Resistenz und Widerstandskraft psychoanalytischer Theorien gegenüber Veränderung und theoretischem Fortschritt liegt für Heenen-Wolf in den Institutionen selbst begründet: sie seien nicht nur Vereinigungen und Ausbildungsstätten, „vielmehr konstituieren sie auch Übertragungsfamilien, die unweigerlich die Regression ihrer Ausbildungsteilnehmer und Mitglieder fördern“ (ebd). Außerdem stellen die Fallvignetten und Fallbeobachtungen ein Problem dar, also die Schlussfolgerungen, die häufig aus Fallgeschichten resultieren: Konzepte der narrativen Identität, situiertes Wissen und somit die Berücksichtigung des Forschenden innerhalb des Prozesses wären zu Zeiten Freuds unbekannt gewesen, sie stellten keine wissenschaftlichen Paradigmen dar. Psychoanalytiker_innen übersehen fallweise ihr eigenes Verwickelt- oder Verstricktsein, ihren eigenen phantasmatischen Anteil und wie er sich im theoretischen Tun übersetzt; sie kommen also nicht auf die Idee, ihre z.B. theoretischen Arbeiten durchaus auch als Ausdruck ihrer Symptomatik zu betrachten. Sie fragen nicht nach der Art und Weise des Gebrauchs, den sie von Theorien machen.

Aber es ist ein gravierender Unterschied, ob sich eine Konstruktion als Konstruktion zu erkennen gibt und offen hält für mögliche andere Interpretationen und Wahrnehmungen, die nicht in das vorgegebene Schema passen, oder ob die – sogenannte – Empirie von vornherein nur dem einzigen Zweck dient, eine Konstruktion zu bestätigen, die sich als solche nicht zu erkennen gibt und sich damit der Kritik stellt, sondern sich im Gegenteil erfolgreich gegen alle theoretischen Einwände immunisiert, indem sie als letztes Bollwerk ihres Dogmatismus auf das Geheimnis der »psychoanalytischen Erfahrung« verweist (Hanna Gekle, 1996)


Die Synthesen, wie sie durch den Ödipuskomplex zum Tragen kommen, müssen also keineswegs binär strukturiert gedacht werden und in einer Entweder-Oder Logik münden. Dieses Konzept kann also dazu dienen, sämtliche Möglichkeiten (Identifizierungen und Orientierungen) innerhalb familialer Konstellationen interpretierbar zu machen. Wohlgemerkt interpretierbar, es handelt sich um nichts anderes als Interpretationen. „Wenn das Konzept vom Ödipuskomplex alle sexuellen Identifizierungen und Orientierungen abdeckt, dann er hat er keine differentielle Wertigkeit mehr“ (ebd). Eine legitime Folgerung, die die etablierte Entweder-Oder Logik aushebelt und dafür aber den Weg frei macht, Möglichkeiten zu denken. Auch kann eine Abkehr quasi-solipsistischer Denkmuster stattfinden, wenn man bei der psychosexuellen Entwicklung weniger davon ausgehe, dass Kinder als sexuelle Wesen mit einer bestimmten Triebausstattung geboren würden (und die Antwort liegt schon da, bevor überhaupt gefragt wurde), sondern vielmehr auch der (vor allem unbewussten) Sexualität, den (wiederum gewordenen) Phantasmen der Bezugspersonen ihre tragende Rolle zukommen lasse. Unbewusstes Geschehen und das Eingebettetsein in normative Muster könnten so miteinander gedacht werden. Es geht um die von Laplanche als rätselhafte Botschaften bezeichneten Übertragungen zwischen Bezugspersonen und Kind(ern), die von letzteren zunächst nicht/kaum übersetzt, also verortet werden können, vor allem nicht als etwas anderes (man möchte den Kindern sagen: Nimm es nicht persönlich). Plakatives Beispiel: Kind empfindet Lust an etwas, Bezugsperson schimpft, schimpft und verneint also das Erleben des Gegenüber, des Kindes. Etwas wird vielleicht sogar verboten. Voraussetzung: Bezugspersonen, die eine unerfüllte Sexualität leben werden sich vielleicht auf bewusster Ebene damit abfinden oder durch eine rigide Moralauffassung ihren Frust vielleicht sogar als Gewinn interpretieren. In ihrem Tun und Sagen findet sich jedoch fallweise die eigentliche Lust selbst, das Verdrängte wird sozusagen auch kommuniziert/übertragen und kann (wie die Botschaft selbst?) kaum übersetzt werden. In der Not greift man zu gewohnten Deutungsmustern. Oder verdrängt. Die widersprüchliche Botschaft, die in sich – auf verschiedenen Ebenen – widersprüchlich ist. Widersprüchlichkeit ergibt sich natürlich auch im Sinne einer übercodierten Geschlechterdifferenz (Entweder-Oder). Widersprüchlich im (frühen) Erleben, da etwas als eindeutig dargestellt ist/wird, dessen verdrängte Seite aber auch übertragen wird. In der Not greift man zu gewohnten Mustern, oder verdrängt. Oder man kann Widersprüche als Nebeneinander annehmen/hinnehmen.


In den letzten Jahren hat sich der psychoanalytische Diskurs durchaus verändert/entspannt: Die Narrationen seien variabler geworden, der Ödipuskomplex als eine kulturelle, universelle und dominante Meta-Erzählung ordne laut Laplanche das unbewusste und vorbewusste Fantasieleben nur vorrübergehend, somit können „auch andere Erzählungen strukturierende Funktion haben“(ebd). Das Denken ohne Maßstab, eine damit einhergehende hohe Ambiguitätstoleranz wäre eine Öffnung hin zu „einer ganzen Bandbreite potenzieller späterer Identifizierungen und Orientierungen […] zum Beispiel: Identifizierung mit dem eigenen anatomischen Geschlecht – oder eben nicht (ganz), heterosexuelle Orientierung – oder eben nicht (ganz)“ (ebd). Eine Theorie der Polymorphie von Identifizierungen und Orientierungen die aus den vorbewussten Übersetzungstätigkeiten im familialen Kontext entstehen kann davor schützen, diese Operationen „in den Rang eines großen, universellen Bedeutungsgebers […] von Anwesenheit/Abwesenheit zu heben“ (und folgend zu Subjekten, die sich als wissende Subjekte imaginieren?) denn: „Warum sollte es nicht eine genuine Symbolisierung geben, die flexibler, vielfältiger und ambivalenter ist?” (ebd). Vielfältigere familiale Konstellationen ‚heutzutage‘, die vielgestaltigen Narrationen würden z.B. weniger Druck zur Verdrängung der ursprünglichen Bisexualität erzeugen, was zu sozusagen geschmeidigeren Formen von Identitäten führen kann.



Susann Heenen-Wolf (2018): Gegen die Normativität in der Psychoanalyse, Gießen: Psychosozial Verlag (zum Weiterlesen Literaturnachweise aus diesem Buch: Jean Laplanche (1987) Neue Grundlagen für die Psychoanalyse. Die Urverführung, Gießen: Psychosozial Verlag, Ebd (1998): Die Psychoanalyse als Anti-Hermeneutik, Ebd (2004): Die rätselhaften Botschaften des Anderen und ihre Konsequenzen für den Begriff des Unbewussten im Rahmen der Allgemeinen Verführungstheorie
Ebd (2006): Sexual. La sexualité élargie au sens freudien, …)

Deleuze Gilles, Guattari Félix (1977): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag

Joan Broadhurst (1992): Deleuze and the Transcendental Unconscious, pli – Warwick Journal of Philosphy 

Die Begriffe eingangs: Entweder-Oder, Weder-Noch und Sowohl-als-Auch finden sich so bei Fink, der die Strukturen des Psychotischen/Neurotischen/Perversen entlang entsprechender Logiken zu denken versucht. Bruce Fink (2013): Grundlagen psychoanalytischer Technik. Eine lacanianische Annäherung für klinische Berufe, Wien: Turia + Kant Verlag

Hanna Gekle (1996): Tod im Spiegel. Zu Lacans Theorie des Imaginären, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag

Das Beitragsbild wurde in der Galerie Gugging aufgenommen

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