sexuierung & trans*

Trans, da handelt es sich um einen sehr abstrakten Term. Was bezeichnet man damit? In einer Ankündigung einer Fortbildung (seitens einer psychologischen Vereinigung) zum Thema Trans*, da war zu lesen, dass es sich dabei um eine “massive psychische Störung” handele. Im neuen ICF ist das schon nicht mehr der Fall. Ein Phänomen also, wie so viele, die lediglich in Rahmen von diversen Deutungsmustern und Deutungshoheiten gerahmt, betrachtet, definiert werden (können)? Schade nur, dass es einige gibt, die vergessen (wollen), dass sich ihre Vorstellungen über ein Phänomen in keinem Vakuum entwickeln, sondern im Rahmen der Theorien, die sie präferieren, die sie gewohnt sind und das vermischt mit latenten Wertvorstellungen und Ängsten, Widerständen. Andere bewahren eine gewisse Offenheit im Bewusstsein, dass es sich nur um Theorien
handelt, die durch jeweilige Paradigmen ihre Richtung erhalten.

Was wäre wenn das Phänomen trans* ein hysterisches ist? Oder, sehr beliebt: ein psychotisches? Oder, noch sehr innovativ: ein neurotisches?!
Der paradigmatische Rahmen, innerhalb dessen es ein psychotisches sein soll, ist in der Psychoanalyse (verkürzt) jener:

  • Die Überschreitung der Geschlechterdichtomie, im Sinne der Nicht-Anerkennung des ‘eigenen’ Geschlechts. Welches in diesem Sinne aber naturalisiert wird.

  • Wird sie (die Dichotomie) nicht naturalisiert und man geht davon aus, es handele sich dabei um etwas Sprachliches, Strukturelles, wird sie aber tendenziell ontologisiert. Das deshalb, weil eine Existenzbehauptung damit einhergeht. Kant würde vielleicht vom “dogmatischen Gebrauch der Vernunft” sprechen, da zwischen Erscheinung und Ding nicht unterschieden wird. Lacan bezieht sich ja (oder vielmehr nutzt es Copjec) auf Kants Formulierung der Antinomien (Widersprüche, die nicht aufgelöst werden können, vielmehr nebeneinander bestehen können). Jedoch wird, so meine Idee, “ein letztlich bloß logischen Prinzip der Synthese von Erscheinungen” in eine Existenzbehauptung verwandelt.

  • Das sexuelle Sein bekommt bei Lacan anhand des Schemas der Sexuierung das vermeintliche Fundament. ‘Mars’ und ‘Venus’ werden zu männlich/maskulin und weiblich/feminin sexuiert.
  • Das Genießen (jouissance) spielt hier eine zentrale Rolle: Je nach der “Seite” (männlich, weiblich strukturiert/sexuiert), auf der man ‘sich einschreibe’, ist es “phallisch” oder das “andere Genießen”. Letzteres sei nicht in das Unbewusste eingeschrieben, der Phallus als barre wäre quasi unwirksam, nicht installiert, oder whatever. Mit solchen Leuten kann man auch keine Analyse machen, weil man aufgrund der Nicht-Eingeschriebenheit kaum/garnicht mit deren Unbewussten arbeiten könne. C. Soler und G. Morel interpretieren das Schema
  • auf diese Weise, so Fink. “Man muss Lacans Berücksichtigung männlicher und weiblicher Struktur in Übereinstimmung mit der Vorstellung, dass es in unserem Diskurs über Sexualität zwei sehr verschiedene Genießen gibt, nicht gutheißen” (Fink 2016: 251).

Was nun die Tendenz betrifft, den in Theorien formulierten Niederschlag von Ideen zu ontologisieren und demnach ‘eine Theorie für alles’ zu bilden, lässt sich fragen, warum. Warum man dieses Bedürfnis, diesen Anspruch, dieses Begehren überhaupt haben kann. Fink schreibt vom “Phantasma des Einen”, dass Lacan bestrebt war, dieses in Seminar XX “zu entlarven”, gleichermaßen fragt er aber in Bezug auf Lacans Vorstellung vom Genießen, ob er nicht all seine eigenen Fantasien in diese Theoretisierungen eingebracht habe. Dies gilt nicht nur für Lacan. “Die Theorie des Einen hat immer noch einen erheblichen Einfluss auf viele von uns” (ebda.) Vielleicht passt das ganz gut hier her: Es ist die Vernunft, welche nach Einheit strebt, zu immer höheren Allgemeinheit. Sie, so Kant, fasse dabei einen ideellen Endpunkt, “einen focus imaginarius ins Auge” (Förster 2018:50, KdV A644). Bei Kant waren jene focus imaginarii noch Begriffe wie Welt, Seele und Gott. Der Verstand arbeitet außerhalb seiner Grenzen (bleibt aber seinen Mechanismen verhaftet), die Vernunft ist quasi die ‘treibende Kraft’ dahinter. Eine anschließende Idee/Kritik bezüglich der Ontologisierung von männlich/weiblich wäre, dass die subjektiven Bedingungen des Denkens mit einer Erkenntnis des Objekts verwechselt werden (vgl. ebda.).

Es gibt aber auch andere Ideen, diverse nicht “cis”- und heterosexuelle Phänomene zu beschreiben, einzuordnen. Patricia Gherovici beispielsweise, etc. Sehr wichtig. Jedoch bleiben einige oft Lacans Diskurs, den Begriffen und ihrer Richtung verhaftet. Andererseits, nimmt man das Sinthome als etwas, das alle betrifft (“wir sind alle gender“, Butler) in ihrem Umgang mit Geschlechtlichkeit (ich glaube, so könnte man verkürzt Gherovicis These umschreiben), dann macht es Sinn. Auch der neurotische Umgang ist damit gemeint, der vermeintlich klare Fall von Identität, der nur daher so klar erscheint, weil er gestützt und reproduziert wird, common thing, die Mechanismen von Verdrängung und Widerstand. Wird das Nachdenken über ..die Anderen.. nicht eher abgelenkt durch etwaige Spektakularisierungen (im Sinne von etwas zum “anderen machen”, “othering”)? War die Ausgangsfrage nicht immer die nach dem Warum und Wie zur Heterosexualität (und vielleicht damit verbunden die Idee einer vermeintlich “normalen” Identität als “cis”?)

Fink, Bruce (2016): Lacan buchstäblich. Die Écrits entziffern, Wien: Turia + Kant Verlag

Förster, Eckhart (2018): 25 Jahre Philosophie, 3. verb. Aufl., Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann Verlag

Trans* als neurotisches Phänomen/Sinthome, ansatzweise: Sheila L. Cavanagh (2016) Transsexuality as Sinthome: Bracha L. Ettinger and the Other (Feminine) Sexual Difference, Studies in Gender and Sexuality


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